7. Sonntag nach Trinitatis (03. August 2014)

Autorin / Autor: Pfarrer Dr. Wolfgang Schöllkopf, Ulm [Wolfgang.Schoellkopf@elkw.de]

2. Mose 16, 2 -18

Liebe Gemeinde!

Woran denken Sie, wenn Sie Brot essen, kaufen, backen, teilen? An den besonderen Geschmack? An Zeiten, als es wenig Brot gab? An die, die kein Brot haben? An Gott?
Brot-Geschichten sind Lebensgeschichten von Gott und seinen Menschen.
Auf eine solche Ur-Geschichte vom Manna-Brot in der Wüste für das Volk Israel hören wir:

„Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste.
Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde am Hunger sterben lasst.
Und der HERR sprach zu Mose:
Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich der HERR, euer Gott bin.
Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager.
Und als der Tau weg war, siehe, da lag’s in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde.
Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat.
Das ist’s aber, was der HERR geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte.
Und die Israeliten taten’s und sammelten, einer viel, der andere wenig.
Aber als man’s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.“

Brot-Geschichten der Bibel sind Ur-Geschichten des Vertrauens in den Gott, der für die Seinen sorgt, auch in der Wüste.


Der Weg in die Freiheit führt durch die Wüste!

Der Aufbruch aus der Knechtschaft in Ägypten ist auch verbunden mit einem Brot: dem eilig ausgebackenen Passa-Brot, ohne Zeit dafür, den Teig gehen zu lassen: Brot für die Flucht, Brot auf den Weg. Denn: Ausgerechnet der Weg in die Freiheit führt durch die Wüste. In der Wüste herrscht Durst und Hunger. Da kommt heraus, was uns eigentlich nährt und hält. Wüste macht wesentlich.

In der Wüste kommt heraus, wer wir sind

Das Volk Israel verhält sich wie Menschen in den Wüsten des Lebens zu allen Zeiten:
Man hu? Was ist und was soll das?

• „Als wir bei den Fleischtöpfen saßen und Brot die Fülle hatten“.
Die Vergangenheit wird vergoldet: früher war alles besser.
Ging es uns besser, als es uns schlechter ging?

• „Wir werden alle Hungers sterben.“
Die Zukunft wird schwarz gemalt, das gegenwärtige Leben dadurch gelähmt.

• „Ihr habt uns herausgeführt!“
Schuldige müssen her!
Diese Wüstenerfahrung hat nichts mit mir zu tun, daran sind andere schuld!

So kommt in der Wüste heraus, wer wir wirklich sind.

In der Wüste kommt heraus, wer Gott für uns ist

„Ich habe das Murren meines Volkes gehört.“
Es ist Gott selbst, der die Seinen in die Freiheit, durch die Wüste führt. Gott sei Dank kommt in der Wüste nicht nur heraus, wer wir wirklich sind, sondern auch, wer Gott für uns ist. Er gibt das Brot des Lebens für alle, sogar in der Wüste.

Wir aber vergolden die Vergangenheit, malen die Zukunft schwarz und verlieren so die Geistesgegenwart, das Heute:

Unser tägliches Brot gib uns heute! Hinter dieser Brot-Bitte des Vaterunsers (Mt. 6, 11) steht das Ur-Vertrauen und die Ur-Erfahrung: Gott gibt den Seinen das Lebensnotwendige. Er ist der Geber aller guten Gaben, dem wir dafür danken. Das Tischgebet ist dafür ein angemessener Ausdruck. Wie steht es damit bei uns? Ist es verschwunden, zur leeren Hülse verkommen oder hat es noch seinen Platz? Ein schwäbischer Sternekoch sagte in einem Interview, dass er zwar seiner Kirche kritisch gegenüberstehe, aber das Tischgebet noch immer schätze, weil es die Wertschätzung gegenüber den Lebensmitteln als Gaben zum Ausdruck bringe.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der preußische Hofprediger in Berlin kritisch gefragt, warum es nichts zum Essen gebe, wo man doch so fest auf Gott vertraut habe. Er antwortete: „Früher sagte man vor dem Essen: ‚Gott segne diese Mahlzeit.‘ Dann fiel Gott weg, und man sagte noch: ‚Gesegnete Mahlzeit‘. Dann fiel auch der Segen weg, und man sagte nur noch: ‚Mahlzeit‘. Und jetzt ist auch die Mahlzeit weggefallen!“

Unsere Manna-Geschichte und die Brot-Bitte des Vaterunsers betonen besonders das Heute:
„Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht.“ „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Es ist genug für alle da, wenn jeder nur nimmt, was er braucht und nicht hortet. Gehortet aber wird im privaten genau so wie im Weltmaßstab, zwischen Menschen, Ländern, Erdteilen, zwischen Reich und Arm. Das Manna aber, das gehortet wird, verdirbt und mit ihm das menschliche Miteinander.

Karl Barth vergleicht das mit der Erfahrung des Glaubens: „nur zum Gebrauch gegeben, nicht zu inventarisieren, nicht auf Eis zu legen und nicht ins Museum zu stellen“ (KD 1, 1, S. 250).

Auf das Heute kommt es an. Eigenartig doppelt betont das die Brot-Bitte im Vaterunser, wo doch jedes Wort gewogen wird, wie Brot und keines zuviel ist: täglich – heute. Wie wenn wir diese Betonung doppelt nötig hätten. Brot für heute, für morgen wird Gott sorgen, sorgt ihr füreinander heute, denn für heute ist genug für alle da, an Honigtau in der Wüste, an Brot, an Lebensmitteln, an Vertrauen in das Leben.

Da, wo der eine ganz viel, viel zu viel, und der andere wenig, viel zu wenig hat, da ist schon wieder Wüste! Beim Himmelbrot ist kein Raffen möglich und auch nicht nötig, denn Gott selbst gibt uns unser täglich Brot, genug für alle.

Christus selbst bezeichnet sich als das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist, wie das Manna (Johannes 6, 30-35). An seinen Tisch sind wir geladen mit unserer Sehnsucht nach Freiheit, mit unseren Wüstenwegen und Brotsorgen, mit unserem Vertrauen in den Geber aller guten Gaben:

Er ist das Brot, er ist der Wein, steht auf und esst, der Weg ist weit.
Es schütze euch der Herr, er wird von Angst befrei’n.

Er ist das Brot, er ist der Wein, steht auf und geht, die Hoffnung wächst.
Es segne euch der Herr, er lässt euch nicht allein. (EG 22, 1 + 3)


AMEN



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