Heiligabend/Christvesper (24. Dezember 2014)

Autorin / Autor: Pfarrerin Christiane Wille, Esslingen [christiane.wille@elkw.de]

Lukas 2, 1-20

Liebe Gemeinde,
„Es begab sich aber zu der Zeit…“ Die Weihnachtsgeschichte erzählt, wie es dazu kam, dass Jesus, der Sohn Gottes, in Bethlehem in einem Stall zur Welt kam. Wie die Engel es den Hirten erzählen. Wie die Hirten kommen, um das neugeborene Kind zu sehen. Wie sie das, was sie gesehen haben, weiter sagen. Über all das werden nicht viele Worte gemacht. Knapp und klar ist die Geschichte erzählt. Eines dieser Worte in der Weihnachtsgeschichte möchte ich heute herausgreifen, um mit Ihnen darüber nachzudenken.
Dieses Wort kommt in der Weihnachtsgeschichte mehrmals vor. Genau genommen vier Mal. Genauso oft wie die Engel und die Hirten. Maria, das Kind und die Krippe kommen übrigens jeweils nur drei Mal vor. Das als kleiner Hinweis vorweg für die Statistiker.
„Es begab sich aber zur der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde…“ „Geschätzt“ – das ist das Wort, um das es heute gehen soll.

Am Anfang der Weihnachtsgeschichte steht also die Bürokratie, die Steuerbehörde, die verlangt, dass „alle Welt“ seine Besitzverhältnisse offen legt. Auch zu Beginn der Weihnachtsgeschichte geht es also um Geld. Geld für die repräsentativen Immobilien des Kaisers. Geld für das Militär, um die Truppen aufzustocken. Um die Grenzen des großen römischen Reiches gegen Volksaufstände zu sichern und den Warenaustausch zu gewährleisten. Geld für die Infrastruktur, für Straßen und Schiffsverkehr, um die Mobilität im Reich zu verbessern.
Solche Zwecke klingen für meine Ohren heute nicht ungewöhnlich.
Das kaiserliche Gebot zur Steuerschätzung wurde im ganzen römischen Reich bekannt gemacht. Das war damals schwieriger als heute mit unseren digitalen Medien. Ich stelle mir vor: Unzählige Schreiber kopieren in mühsamer Handarbeit Plakate, damit sie dann überall im römischen Reich aufgehängt werden können. Weil nur wenige lesen und schreiben können, werden diese Plakate vorgelesen.
Und die Menschen gehorchen dem Gebot. „Jedermann“ geht in seine Heimatstadt, in der er und seine Familie gemeldet sind. Und dort gibt er dann ordentlich oder vielleicht auch nicht so ordentlich seine Steuererklärung ab. „Da machte sich auch auf Josef, aus Galiläa,… auf dass er sich schätzen ließe.“

Die Weihnachtsgeschichte beginnt also mit einer Schätzung. Und vielleicht ist das kein Zufall. Schätzen, sich gegenseitig einschätzen und bewerten, das gehört auch 2000 Jahren nach der kaiserlichen Anordnung zu meinem Alltag.
Ich erlebe solche Einschätzungen in meinem Beruf, wenn meine Arbeit evaluiert wird. Ich erlebe sie an der Schule, wenn meinen Kindern rückgemeldet wird, ob sie im Unterricht gut mit kommen. Ich erlebe sie auch in meiner Freizeit, in der Kirchengemeinde, wo das Engagement Einzelner hoch geschätzt wird. Wo es aber durchaus auffällt, wenn mein Engagement mal nachlässt. Egal wo, ich komme nicht darum herum, dass ich solchen Einschätzungsmaßnahmen unterzogen werde. „Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe...“
„Wertschätzung“ ist ein Begriff, der in unserer Gesellschaft Hochkonjunktur hat: „Sage mir, wie du von deinen Kollegen, von deinen Vorgesetzten, von einer Gruppe, von einer Öffentlichkeit wertgeschätzt wirst – und ich sage dir, wer du bist. Ich sage dir, wie viel du dann in meinen Augen wert bist…“
Das Wort „Wert“ kommt aus der Ökonomie. Geldscheine werden auf- und abgewertet. Eine Ware gewinnt oder verliert an Wert.
Die Wertschätzung der anderen kann mir gut tun. Dass jemand mir sagt: Das hast du gut gemacht.
Aber was sagt das eigentlich über mich, dass ich ständig auf solche Wertschätzung warte? Und was passiert, wenn die Wertschätzung ausbleibt? Wenn ich nicht mehr gut ankomme. Was bin ich dann noch. Was ist dann mein „Wert“?
Schätzen, abschätzen, wertschätzen. Das erfordert einen sachlichen, einen kühlen Blick. Wertschätzung kennt kein Erbarmen.

Gottes WohlgefallenDieser Form der Wertschätzung setzt die Weihnachtsgeschichte etwas entgegen.
Die Hirten auf dem Feld bei Bethlehem hören eine andere Botschaft. Sie hören die Botschaft der Engel. Diese spricht eine andere Sprache als die der kaiserlichen Steuerbürokratie.
„Ehre sei Gott in der Höhe – und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen…“ (Lukas 2, 14).
„… und den Menschen seines Wohlgefallens“ – müsste man eigentlich übersetzen.
Und damit ist eigentlich alles gesagt. Damit ist eigentlich alles über Weihnachten gesagt.

In den letzten Tagen waren einige Weihnachtskarten in meinem Briefkasten. Auf einer von ihnen ist eine Krippenszene abgebildet. Zu sehen sind Maria und das Kind.
Der Blick der Mutter auf das Kind. Der Blick der Eltern, wenn sie ihr neugeborenes Kind in den Armen halten. Wenn sie es das erste Mal ansehen. Voller Wohlgefallen, verzückt vom Wunder des Lebens.
Marias Blick wird vom Kind erwidert. Die beiden blicken sich aufmerksam an. Vertraut. Geheimnisvoll. Freundlich.
Zum Wohlgefallen, das Gott an uns hat, gehört dieser Blick. Gehört Gottes freundliches Gesicht, das wir in diesem Kind in der Krippe sehen.
Wir alle leben von freundlichen Gesichtern. Ich brauche das freundliche zugewandte Angesicht einer anderen Person. Wie ein elementares Lebensmittel. Ich brauche Zuwendung und Anerkennung. Es tut weh, wenn Blicke bewusst oder auch unbewusst an mir vorbeigehen. Wenn ich nicht mehr gegrüßt werde. Wenn man nicht mehr mit mir spricht.
In den freundlichen Gesichtern der Menschen begegnet mir nicht zuletzt Gottes Gesicht. Begegnet mir Gottes Liebe und Zuwendung.
Das ist die Botschaft des Weihnachtsfestes. Dass Gott die Menschen freundlich ansieht. Dass er Wohlgefallen hat an ihnen, an dir und an mir. Und dass dieses Wohlgefallen Frieden verheißt, wie die Engel es verkündigen.
Gott ist kein abstraktes Prinzip. Gott hat ein Gesicht. Er schaut mich an.
Dieses Gesicht leuchtet in weihnachtlicher Klarheit. Es blendet nicht. Es leuchtet so, dass ich alles in einem neuen Licht sehen kann. Mich selber und die Anderen. In einem anderen Licht als dem kühlen und erbarmungslosen Licht, mit dem wir uns tagaus tagein einschätzend und bewertend „beleuchten“.

Liebe Gemeinde, nicht immer kann ich Gottes freundlichen Blick spüren. Oft fällt es mir schwer an Gottes Wohlgefallen zu glauben, auf seinen Frieden zu hoffen. Aber vielleicht kann ich immer wieder etwas davon ahnen. Vielleicht an einem Abend wie heute.
Vielleicht kann ich für einen Moment auch in die Verse von Paul Gerhardt einstimmen (EG 37,4):
„Ich sehe dich mit Freuden an – und kann mich nicht satt sehen
Und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.
O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer,
Dass ich dich möchte fassen…“

Amen.

Vorschläge zur liturgischen Gestaltung:
Der Predigttext sollte nach Möglichkeit schon als Lesungstext vor der Predigt gelesen werden, evtl. sogar in zwei Abschnitten mit musikalischer Unterbrechung (Lk 2,1-14 und Lk 2,15-20); Lied nach der Predigt: Ich steh an deiner Krippen hier (EG 37,1-4).

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