Gründonnerstag (17. April 2014)

Autorin / Autor: Pfarrerin Kathrin Nothacker, Wien [Kathrin.Nothacker@elkw.de]

Hebräer 2, 10 -18

Liebe Gemeinde,
mit diesen Worten aus dem Hebräerbrief wird uns einiges zugemutet. Es sind alte, schwer verständliche Worte, und vom Abendmahl, das ja den Gründonnerstagsgottesdienst so entscheidend prägt, ist keine Rede.
Wenn man die Worte lange genug meditiert, dann merkt man, dass sie nichts anderes wollen, als das Wesen und den Weg des Sohnes Gottes zu beschreiben. Komprimiert und sehr verdichtet bringen sie zum Ausdruck, warum Gott seinen Sohn in die Welt schickt, warum er sich den Menschen gleich gemacht hat und zum Bruder geworden ist, warum er ins Leiden und in den Tod gegangen ist. Und – warum das für uns, uns zugute geschehen ist.
Gehen wir an einzelnen Stichworten entlang:

„Durch Leiden vollendet“

Ein Leitwort des Abschnitts ist das „Leiden“. Es heißt: „...dass er den, der viele Söhne zur Herrlichkeit geführt hat, den Anfänger ihres Heils, durch Leiden vollendete.“ Und: „Denn worin er selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden.“

Mir steht ein Bild vor Augen, das erst vor kurzem in den großen Tageszeitungen veröffentlicht wurde. Es zeigt eine große Menschenmenge in einem völlig zerstörten und wohl abgeschnittenen Stadtviertel in Damaskus, die auf eine Notversorgung durch die Vereinten Nationen wartet. Es sind verhärmte und abgemagerte Gesichter mit leerem Blick, Menschen, die sich vor einer apokalyptischen Kulisse von zerstörten und zerschossenen Hochhäusern drängen und um ein wenig Nahrung, um ein wenig Wasser bitten. Es ist keine Hoffnung mehr in den Gesichtern der Menschen, sondern nur noch Angst und Verzweiflung.
„Ein biblischer Anblick von Leid“ – so titelt die Tageszeitung. Warum biblisch? Vielleicht weil in unserer schon sehr säkular gewordenen Welt noch eine Ahnung davon ist, was die Bibel beschreibt an menschlichen Schicksalen, an Leid, an Gewalt, an Not und Tod. Vielleicht auch, weil in den leeren Blicken der geschundenen Menschen im syrischen Bürgerkrieg etwas aufscheint vom Leiden Christi, von dem Mann, den man ans Kreuz genagelt hat, nachdem er aufs Schlimmste gefoltert und verhöhnt wurde.

Im Bericht von der Einsetzung des Heiligen Abendmahls heißt es: „Der Herr Jesus in der Nacht, da er verraten ward...“. In diesem ersten Satz steckt schon alles drin, was er durchleiden musste – und was Menschen nach ihm durchleiden: Verrat, Gefängnis, Folter, Gewalt, Not und Tod. Unser Herr ist den Menschen in Syrien, die wir schon fast vergessen haben und von denen fast nicht mehr berichtet wird, nahe. Ganz nahe. Ja, er ist einer von ihnen.

„...und die erlöste, die durch Furcht vor dem Tod im ganzen Leben Knechte sein mussten“

Noch im Nachdenken über das unvorstellbare Elend, das Menschen in Syrien erleiden und im Nachdenken über die Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit, mit der sie konfrontiert sind, scheint ein weiteres Wort im Abschnitt des Hebräerbriefes auf. Das Wort von der Erlösung. „... damit er durch seinen Tod die Macht nähme dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel, und die erlöste, die durch Furcht vor dem Tod im ganzen Leben Knechte sein mussten.“

Wie sehr sehnen wir uns und sehnen sich Menschen überhaupt danach, dass der Tod keine Gewalt mehr über das Leben von Menschen hat. Wie sehr sehnen wir uns danach, dass es nicht mehr Krankheiten und Unfälle gibt, die geliebte Menschen zur Unzeit uns von der Seite reißen. Wie sehr sehnen sich die Menschen in Syrien, in der Ukraine danach, dass die Gewalt aufhören möge und die Menschen nicht mehr teuflischen Machenschaften von radikalen Kriegern oder egoistischen Staatsinteressen buchstäblich ans Messer geliefert werden. Wie sehr sehnen wir uns danach, dass der Tod uns nicht mehr knechten möge!

In seinem letzten Abendmahl hat Jesus diese Sehnsucht aufgenommen und sich mit seinen Jüngern erinnert: dass Gott schon einmal aus der Knechtschaft in die Freiheit geführt hat, dass er die Mächtigen hat im Meer versinken lassen und die Getreuen Gottes unversehrt durchs Meer hindurchgeführt hat. Jesus hat sich am Abend vor seinem Tod mit seinen Jüngern erinnert an Gottes große Tat, als er die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit geführt hat. Und hat in der Erinnerung diese Befreiungsgeschichte zu seiner Geschichte gemacht. Er hat seinem Gott zugetraut, dass er auch ihn hindurchführen, erlösen würde: aus dem Tod ins Leben.
Und wir erinnern uns an Jesus und hoffen und beten und vertrauen Jesus, unserem Herrn, und mit Israel und allen geknechteten und leidenden Menschen: „Dieses Jahr als Sklaven, nächstes Jahr als freie Menschen!“

„... sie Brüder zu nennen“

Es ist das Charakteristikum unseres Glaubens und unserer Religion – und dies verbindet uns mit unseren jüdischen Geschwistern – dass wir Kinder Gottes und Brüder und Schwestern unseres Herrn Jesus Christus genannt werden und es sein dürfen. In den unterschiedlichsten Variationen weist uns der Hebräerbrief immer wieder darauf hin und wird nicht müde, es uns zu predigen.
Er sagt: „Denn weil sie alle von einem kommen, beide, der heiligt und die geheiligt werden, darum schämt er sich auch nicht, sie Brüder zu nennen, und spricht (Psalm 22,23): ‚Ich will deinen Namen verkündigen meinen Brüdern und mitten in der Gemeinde dir lobsingen.‘“ Und weiter schreibt er von Christus: „Weil nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er's gleichermaßen angenommen.“ Und: „Er nimmt sich nicht der Engel an, sondern der Kinder Abrahams nimmt er sich an.“

Dass Gott den Menschen nicht nur nahe sein will, sondern dass er ganz und gar einer von uns wird, ist in der Tat der Dreh- und Angelpunkt unseres Glaubens. Morgen an Karfreitag singen wir in einem unserer Lieder: „O große Not, Gotts Sohn liegt tot.“ Und in einer älteren Fassung, die man vielleicht nicht ertragen oder denken mochte, hieß es: „O große Not, Gott selbst ist tot.“
So nahe ist Gott den Menschen, dass er ihr Leiden leidet, dass er ihren Tod stirbt. Es ist eine nicht zu überbietende Solidarität Gottes mit seinen Menschen.
Ich sehe diesen Gott in den Augen der Menschen, die um Brot und Wasser und vielleicht auch nur um ein wenig Leben bitten – mitten im vom Bürgerkrieg gezeichneten Damaskus. Denken wir an sie, wenn wir Brot und Wein teilen, erinnern wir uns an sie und unseren leidenden und sterbenden Gott und wenden wir uns ihnen und ihrem Schicksal zu, beten für sie und teilen unsere Gaben.

„Ein treuer Hoherpriester vor Gott“

Ein Letztes: Durch den gesamten Hebräerbrief zieht sich der Hoheitstitel „Hoherpriester“ hindurch. Jesus wird immer wieder der „wahre und treue Hohepriester“ genannt. In unserem Predigtwort heißt es: „Daher musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes.“
Ich will die Funktion und die Aufgabe, die Jesus Christus, der Hohepriester Gottes, für uns Menschen hat, mit einer Geschichte aus der jüdischen Tradition, der sich auch die Bezeichnung überhaupt entlehnt, verdeutlichen:
An den Tagen der Reue und der Umkehr zwischen jüdischem Neujahr und Versöhnungstag macht sich Reb Mendel von Przemysl rar. Jeden Morgen geht er fort. Die Gemeinde munkelt: Gen Himmel reist er, ihr zugut. Er sitze an der Seite des Heiligen, gelobt sei sein Name, und diskutiere mit ihm die Tora.
Ein Litwak, ein Skeptiker, glaubt das nicht. Er lacht sie aus, will den Meister entlarven, belauert ihn die Nacht hindurch bis zum frühen Morgen. Da steht der Rabbi auf, zieht sich Bauernkleider an, befestigt eine Axt am Gürtel, und während die Gemeinde betet und ringt, schleicht er sich in den Wald und schlägt ein Bündel Holz. Das schultert er – am Feiertag! -, schleppt sich zurück ins Schtetl, klopft am Haus der ärmsten, kranken Jüdin, wie ein Holzverkäufer. Der Rabbi heizt auch ein und während er die Arbeit tut, stimmt er die Gebete der T’schuwa, der Umkehr zu Gott, an, erst stöhnend, dann fröhlich. Das Feuer prasselt inzwischen im Kamin.
Der Litwak aber, sooft er hörte, der Rabbi von Przemysl würde alljährlich in den zehn Tagen der Ehrfurcht die Erde verlassen und in den Himmel fliegen – lachte nicht mehr, sondern fügte still hinzu: „Ja, er fliegt in den Himmel, wenn nicht noch höher!“

Gott ist uns Menschen nahe, er solidarisiert sich mit uns und ganz besonders mit den Brüdern und Schwestern, die leiden. In Jesus Christus gibt er uns aber auch Anteil, vielleicht besser: einen Vorgeschmack auf die kommende Welt, nach der wir uns sehnen, auf die wir hoffen im Leben und im Sterben.
Und so beten wir: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir. Und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Amen.

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