Jubilate (11. Mai 2014)

Autorin / Autor: Kirchenrat Georg Eberhardt, Stuttgartoff

Apostelgeschichte 17, 22-28

Liebe Gemeinde!

Wer Eulen nach Athen trägt, wie es das Sprichwort sagt, macht sich lächerlich. Dieses Symbol der Weisheit ist in Athen daheim. Ausgerechnet dorthin geht Paulus, um diesen klugen und gebildeten Menschen etwas Neues von Gott und der Welt zu sagen. Ziemlich mutig, fast über-mutig von diesem jüdischen Gelehrten. Er hatte in Jesus von Nazareth den von Gott versprochenen Erlöser erkannt. Seitdem er an ihn glaubt, hört er nicht auf, das weiter zusagen.

Es ist die Ur-Sache von Christen: sagen, was wir von Jesus wissen und glauben

Es ist unsere Sache als Christen, unsere Ur-Sache, dass wir von Jesus sagen, was wir von ihm wissen und glauben. Aller Welt soll das bekannt werden, wie es am Ende des Matthäusevangeliums heißt (Mt 28,16-20). In „keinem anderen Namen ist Heil“, schreibt Lukas am Anfang der Apostelgeschichte (Apg 4,12). Seine Gnade soll ausgerichtet werden an „alles Volk“, wie es in der 6. These der Barmer Erklärung heißt. Sie ist 1934 entstanden als ein Zeichen der Ermutigung in dunkler Zeit.
Es geht darum, dass wir zu den Leuten gehen und nicht hinter dem Berg halten mit dem, was uns antreibt. „Jeder hat etwas, das ihn antreibt“, heißt es in einem bekannten Werbespruch. Und da haben wir etwas Eigenes beizutragen! Von Jesus selber können wird das lernen: „Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird ins Ohr, das predigt von den Dächern“ (Mt 27,10).
Es ist ganz einfach, liebe Gemeinde: Wir haben eine Mission. Wir haben etwas, das uns antreibt, was uns wichtig ist. Nichts anderes ist es, eine Mission zu haben: weitersagen, was uns wichtig ist.
Was wollen Sie Ihren Kindern oder Enkeln oder den Menschen weitergeben, die Ihnen am Herzen liegen? Paulus hält es für ganz wichtig, dass wir anderen Jesus Christus vor die Augen malen (Gal 3,1). Es gelte, ihn zu verkündigen in unterschiedlichsten Zusammenhängen und an Orten, an denen es nicht erwartet wird: „Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise“. So Paulus am Anfang des Briefes an die Gemeinde in Philippi (Phil 1,18).

Wie ist das mit dieser Mission heute?

Im kommenden Jahr wird das 200-jährige Jubiläum der Basler Mission begangen. Wer ihre Geschichte anschaut, ist zunächst überwältigt vom Mut der Menschen, die damals aufgebrochen sind aus dem Vertrauten. Es sieht aus dem Abstand ganz ähnlich aus wie bei den Jüngern Jesu. Sie haben ihr bisheriges Leben vollständig verändert. So auch der Apostel Paulus: Gefährlichste Wege haben diese Missionare und später ihre Familien auf sich genommen um der Menschen willen, die Jesus noch nicht kannten.
Sie haben dort, wo sie hingekommen sind, Menschen verändert, ihren Glauben und ihr Denken. Ihr alltägliches Leben.
Im Rückblick sehen wir als Nachgeborene vieles kritisch, was unsere Vorfahren gemacht haben. Missionsgeschichte wird fast nur noch als Schuldgeschichte verstanden. Ja, es ist wahr: Oft genug kamen nach den Missionaren die Eroberer und dann die Händler. Da gibt es viel, worum wir Europäer um Verzeihung bitten müssen. Es hat Zeiten gegeben, da wurde deshalb das Wort Mission auch von vielen Menschen in der Kirche nicht mehr gebraucht oder das Thema nur mit spitzem Finger angefasst. Aber das ist keine Lösung.

Diese ganze Geschichte ändert nichts an unserem Auftrag und unserer Mission.
Und lassen wir uns nicht täuschen: Mission verändert Menschen und ihre Kultur. Mission liegt die Einsicht zugrunde, dass nicht alles gleich ist, gleichermaßen wahr, wichtig und wertvoll. Sie unterscheidet die Geister und weckt deshalb auch Widerspruch. Schwätzer wurde Paulus genannt. Am Ende gossen einige der Zuhörer ihren Spott über ihn aus. Wer eine Mission hat, muss das in Kauf nehmen und darf Auseinandersetzungen nicht scheuen. Seit einigen Jahren ist Mission wieder Thema der Kirche, Gott sei Dank. Aber der Boden ist unsicher.
Ein Beispiel: Im Beitrag einer Missionsgesellschaft heißt es, Glaube und Religion seien positive Ressourcen, die einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten. Glaube und Religion nur Mittel zu einem höheren Zweck? Nein. Paulus ist nicht deshalb nach Athen gekommen, sondern wegen Christus als Weg, als Wahrheit und als Leben.
Wenige Generationen nach der Predigt von Paulus in Athen hatte sich die religiöse, politische und die Alltagswelt der Menschen grundlegend verändert; es war zu Ende mit den vielen Göttern und ihren Altären in Athen und anderswo. Es war eher grundstürzend, was Paulus machte, denn nachhaltig.

Wir sind alle um Antwort gefragt, was wir glauben

In unserem Land leben viele Menschen, die unseren Glauben nicht teilen. Wir können das achselzuckend hinnehmen. Oder sagen: Wir haben kein Recht, auf andere Menschen einzuwirken. Es schadet dem gedeihlichen Zusammenleben mit den Angehörigen anderer Religionen.
Vor kurzem hat der englische Premierminister David Cameron Aufsehen erregt. In einem Zeitungsbeitrag über die Bedeutung des Christentums in seinem Land schrieb er: „Manche Menschen finden, dass wir in diesem zunehmend säkularen Zeitalter nicht über diese Dinge sprechen sollten…“ Und weiter: „Wir sollten … mit einem Glauben umgehen, der uns selbst dazu verpflichtet, hinauszugehen und das Leben der Menschen zu verändern“ (SZ Nr. 93, S. 11 vom 23.4.2014).
Er hat harsche Antworten erhalten, unter anderem den Vorwurf, er befördere die Entfremdung und Spaltung.
Ziehen wir seine politischen Absichten ab, dann bleibt dennoch genug übrig, was uns als Christen fragt, wie wir das halten. Paulus hat sich nicht auf das Entdecken einer gemeinsamen Idee vom guten Leben in einer Gesellschaft beschränkt. Er hat durchaus ein interreligiöses Gespräch geführt, aber mit einer Botschaft. Diesen Mut zum Bekenntnis brauchen wir. Schön, wenn das prominente Leute tun.
Aber wir alle sind um Antwort gefragt, die wir getauft und konfirmiert sind.

Paulus als Missionar: auf dem Weg zu den anderen – mit einer Botschaft

Wie das geht? Bei Paulus können wir dabei viel lernen. Er hat sich zuerst einmal in der Stadt umgesehen und die Lebenswelt der Menschen wahrgenommen. Dabei entdeckte er unzählige Tempel und Altäre. Jeder ist einer eigenen Gottheit gewidmet, die für eine bestimmte Lebenslage gebraucht wird: sie helfen bei besonderen Krankheiten oder in Lebenskrisen. Sie werden von Handwerkern in Anspruch genommen, damit das Werkstück gelingt und dienen dem Unfallschutz.
Die griechischen Götter waren eine Art Versicherung. Die regelmäßigen Opfer waren wie Beitragszahlungen, die Schutz vor dem Unglück oder im Unglück bieten sollten. Die Priester wurden dafür bezahlt wie Versicherungsagenten.
Sogar an den Gott hatte man gedacht, den man nicht kannte. Aber auch dieser sollte bedient werden, damit auf keinen Fall etwas versäumt wird: so sieht ein „Rundum-sorglos-Paket“ jener Tage aus. Ähnlich wie bei uns heute: Versicherungen für alles und dazu noch eine Haftpflicht für das, woran man nicht im Einzelnen gedacht hat.
Paulus sieht hin und würdigt das, was er sieht: „Ihr nehmt es ernst mit Eurem Glauben.“ Dann nützt er die Chance, die ihm der Altar für den unbekannten, namenlosen Gott bietet: „Von dem kann ich etwas sagen, was ihr nicht wisst. Er ist der Schöpfer der ganzen Welt. Er hat die Menschen auf ihn hin geschaffen. Selber unsichtbar, braucht er keine Opfer und keine Bilder.“
Es ist bemerkenswert, wie er an der städtischen Lebenswelt seiner Gesprächspartner anknüpft. Jesus hat ja seine Gleichnisse aus der bäuerlichen und handwerklichen Erfahrung seiner Hörer aufgenommen. Paulus wird den Städtern hier ein Städter, den Akademikern ein Akademiker. Die griechischen Dichter und Philosophen kennt und zitiert er.
Auffallend auch: Er verkündigt hier nicht, wie er es sonst tut, den gekreuzigten Gott, sondern den Schöpfergott. Nicht die Torheit vom Kreuz, sondern die Vernunft der Schöpfung. Paulus hat den Mut zur Lücke. Auch das darf sein.

Für uns heute ist das ein kräftiger Impuls, uns im Alltag auf den Weg zu den anderen Menschen zu machen: sagen, was über unseren Glauben zu sagen ist. Die Anleitung, wie wir es machen können, hat Paulus gleich beigefügt.
Und was würde Jesus sagen? „Gehe hin und tue desgleichen.“
Amen.

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