Karfreitag (18. April 2014)

Autor/in: Pfarrer i.R. Günter Knoll, Herrenberg [pfarrer-knoll@t-online.de ]

Jesaja 52, 13 -15 ; 53, 1-12

Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder!
„Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen.“ Sollten Sie Schwierigkeiten haben mit dem Karfreitag, mit all dem Schweren und Schwierigen, das damit verbunden ist – ich nenne nur drei Stichworte: Sühnopfer, Stellvertretendes Leiden, Tod Gottes. Sollten sie also Schwierigkeiten haben mit dem Karfreitag, dann möchte ich Sie bitten, diese eine Botschaft aus dem heutigen Gottesdienst zum Karfreitag mitzunehmen: „Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen.“ Es ist nicht irgendeine Botschaft, sondern die frohe Botschaft schlechthin, also das Evangelium, das aus diesem Satz spricht: „Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen.“
Der das spricht, ausspricht als Verheißung über seinem Gesalbten, das ist Gott selber. So wahr ich Gott bin, so wahr ich der bin, der Himmel und Erde geschaffen hat, und so wahr ich die ganze Welt in meinen Händen habe, so wahr wird es meinem Knecht gelingen. Alles, was diesem meinem Knecht widerfahren wird – und es ist ihm Schreckliches widerfahren – es wird ihm gelingen, „er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein.“

Er war der Allerverachtetste und Unwerteste …

Lasst euch nicht täuschen, versteht es nicht falsch, seht es vielmehr auf dem richtigen Hintergrund und in der richtigen Perspektive. Der Gesalbte, der Knecht Gottes, der von Gott Geliebte, der Sohn, der Erwählte und Getaufte, dem ich meinen Geist gegeben habe, dem wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein.
Was ist ihm denn widerfahren? Wie war er? Was waren seine Kennzeichen?
Er war – und ist (!) – das Gegenteil eines Strahlemannes. In gar keiner Hinsicht hatte er ein erstrebenswertes Schicksal; bewundert wurde er nicht, reich war er schon gleich gar nicht; äußeres Glück war ihm nicht beschieden, nicht einmal Wohlstand in einem bürgerlichen Leben.
Vielmehr wurde er verachtet, verfolgt, schließlich verraten, gequält, musste leiden, Schmerzen ertragen, Folter, schändliche Hinrichtung. Sie haben ihn aus ihrer Gemeinschaft ausgestoßen, auch und gerade aus der Gemeinschaft der Glaubenden, haben ihn zum Gotteslästerer, ja zum Gottlosen gestempelt und ihn bis zum Äußersten entblößt. „Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg.“ Nicht einmal ansehen wollten sie ihn am Ende, es war für sie nicht zum Aushalten, so wie man wegschaut, wenn man auf der Straße einer Elendsgestalt begegnet, die einen dann auch noch anbettelt.

… und der eine Gerechte an unserer Stelle

Und jetzt – was war mit ihm? Warum? Warum ist es ihm so ergangen? Warum ist er diesen Weg und eben keinen anderen gegangen? War es eine Strafe Gottes? Hat er leiden müssen, weil er ein schlechter Mensch war? Nein, das sei ferne!
Im Gegenteil, er hat leiden müssen, weil er so gut war. Ja, das war sozusagen das Geheimnis seines Lebens, der innerste Kern seines Daseins: Er war der Gerechte - und der Gerechte muss viel leiden. Gerecht war er – vor Gott. Er war ganz so, wie Gott ihn haben wollte. Er war gehorsam – der Apostel Paulus wird es einmal so ausdrücken: „Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“ Ja, der Gottesknecht, der Geliebte Gottes, der Sohn war gehorsam und zwar so, dass den anderen das Hören und Sehen vergangen ist. Sie haben sich die Ohren verstopft vor dem, was er zu sagen hatte, und sie haben weggeschaut, um nicht sehen zu müssen, was sie an ihm hätten erkennen können. Was hatte er ihnen denn zu sagen? Und was hätten sie an ihm erkennen können? „Tut Buße“ hatte er ihnen zu sagen, und „schaut auf mich, dann werdet ihr erkennen, wie es um euch steht.“
Ihr seid getrennt von Gott, ihr, nicht ich. Euch führt die Sünde ins Verderben, nicht mich. Was ich trage, mein Schicksal, mein Leiden ist die Folge eurer Sünde. Ich, der Knecht Gottes, der geliebte Sohn, trage nicht, was ich, sondern was ihr verdient habt, nämlich Gottes Zorn. Aber ich trage es willentlich. Ich trage es, weil Gott nicht euer Verderben, sondern eure Rettung will. Ich nehme auf mich, was ihr verdient habt, damit ihr glauben könnt und Hoffnung habt und gerecht seid – vor Gott.

Das Vertrauen des Gottesknechts in Gottes Verheißung: „…ihm wird’s gelingen“

„Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen.“ Versteht es nicht falsch, was ihr da zu sehen bekommt in seinem schrecklichen Schicksal. Sein Leiden, sein Tod, seine Erniedrigung, seine Verachtung, seine „Höllenfahrt“, sie bringen nicht zum Ausdruck, was er verdient hat, sie bringen vielmehr zum Ausdruck, was die verdient haben, die Gott den Rücken kehren und nicht nach ihm fragen.
„Gott nahe zu sein ist mein Glück“ lautet die diesjährige Jahreslosung. Es ist ein Psalmwort, das Martin Luther in seiner Bibelübersetzung einst so formuliert hat: „Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte.“ Der Gottesknecht lebt dieses Glück und diese Freude, und er lebt sie mit allen Konsequenzen. „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“ Auf nichts anderes, auf keinen anderen verlässt sich der Gottesknecht als auf den einen, dem er sich verdankt, mit dem er im Bunde steht und dessen Mission er ausführt.

Was macht ihn seiner Sendung gewiss? Allein das Verheißungswort Gottes: „Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen.“ Wie heißt es am Ende unseres Predigttextes? „Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben.“ Und noch mehr: „Und durch seine Erkenntnis – gemeint ist seine Gottesliebe – wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden“ – er trägt sie weg, er hebt sie auf, er vergibt sie und schafft so Versöhnung.

Wer ist dieser Gottesknecht?

Eine letzte Frage zum Abschluss: Wer ist denn nun der Gottesknecht? Ist es der Prophet selber, Deuterojesaja, der dieses Gottesknechtslied einst geschrieben hat im Erleben und Verstehenwollen seines eigenen Schicksals? Ja, er ist es, für mich besteht da kein Zweifel. Ist es Jesus von Nazareth, in dem sich alles bündelt, was je von einem Knecht Gottes, einem Gerechten gesagt werden kann? Hat er sich nicht im ganzen Vertrauen auf den Vater ganz und gar hingegeben zu einer Erlösung für viele? Ja, er ist es, für mich besteht da kein Zweifel.

Ist es der Nachfolger Jesu, die Nachfolgerin Jesu, die diesen Weg in die Tiefe auch geht, ganz wie der Meister, ganz wie das Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, in ganzem Gottvertrauen und in ganzer Gottesliebe? Ja, er ist es, sie ist es, der Nachfolger, die Nachfolgerin Jesu, für mich besteht da kein Zweifel. „Ihr wird es gelingen, ihm wird es gelingen“, nicht aus eigener Kraft – dem Gottesknecht gelingt gar nichts aus eigener Kraft – aber durch den Geist Gottes, durch Gottes Kraft wird es gelingen. „Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen.“ Und weil es dem Gottesknecht Deuterojesaja gelungen ist, und weil es dem Gottesknecht Jesus von Nazareth gelungen ist, und weil es all denen gelungen ist, die in seiner Nachfolge stehen, darum wird es auch mir gelingen: „Ich hang und bleib auch hangen an Christus als ein Glied; wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit. Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not, er reißet durch die Höll, ich bin stets sein Gesell“ (EG Nr. 112, 6).
Amen.


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