Palmarum / Palmsonntag (13. April 2014)

Autorin / Autor: Pfarrer i.R. Günter Teichgraeber, Heidenheim [g.teichgraeber@web.de]

Hebräer 12, 1-3

Liebe Gemeinde,

Was haben wir gerade gesungen? „Vom Vater so geschlagen?“
Ist das etwa Liebe, die Schläge austeilt? Zu der Zeit, als dieses Passionslied entstand, hat kaum jemand daran gezweifelt. „Wen der Herr liebhat, den züchtigt er, und er schlägt jeden Sohn, den er annimmt“ (Hebräer 12,6; Sprüche 3,12). So heißt es im Buch der Sprüche, und im Neuen Testament wird das selbstverständlich zitiert, in einem Brief, in dem das Wort lieben, lieb haben sonst nur sehr selten vorkommt. Es ist der so genannte Hebräerbrief, im Kapitel 12, und der Anfang dieses Kapitels ist uns heute am Palmsonntag für die Predigt gegeben (Lesen des Predigttextes Hebräer 12, 1-3).
Eine Wolke von Zeugen um uns herum, ein seltsames Bild. Beim Bergsteigen, beim Fliegen würde es uns vor allem unsicher machen, in eine Wolke einzutauchen.
Einer der Zeugen des Glaubens ist der unbekannte Verfasser des Hebräerbriefes selbst. Einer, der beim Lieben an Prügelstrafe denkt. Ein etwas nebelhafter Zeuge…?? Zur Erinnerung: Seit dem Jahr 2000 haben Kinder sogar laut Bürgerlichem Gesetzbuch ein ausdrückliches „Recht auf gewaltfreie Erziehung“.

Manchmal möchten wir die Wolke der christlichen Glaubenszeugen wegschieben. „Du großer Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen.“ Das ist 17. Jahrhundert, eine Zeit der Prügelpädagogik. Hat die Liebe Jesu zu den Kindern dagegen so wenig ausgerichtet? Muss sie gegen die Schlagstöcke nicht gewinnen, wie die Sonne gewinnt gegen eine Wolkenwand droben im Berg?

Die Wolke der Zeugen und die Wolke aus der Verklärungsgeschichte

Dann fällt uns ein, dass auf der anderen Seite die Wolke in der Bibel immer wieder einmal ein Zeichen ist von der Gegenwart Gottes, der sich verhüllt! Der sich verhüllen muss, um uns zu schonen. Die Geschichte vom Berg, die wir vorhin gelesen haben, ist ein Beispiel. Den Jüngern erscheinen neben Jesus, von der Wolke überschattet, zwei wichtige Gestalten, zwei Zeugen aus der Bibel, Mose und Elia.
Der eine hat mit Gottes Hilfe seine Angst vor dem ägyptischen Pharao überwunden. Mose steht für den Anfang der Geschichte des Volkes, das mit ihm aus dem Land der Sklavenhalter aufgebrochen ist.
Der andere trat auf, als die Götter der benachbarten Völker das Vertrauen auf Gottes Führung beinahe ausgelöscht hatten. Elia, er überwindet die Angst vor den Götzen. An einem der vergangenen Sonntage wurden wir erinnert daran, wie Elia am Ende seiner Kraft war und durch den Boten Gottes gestärkt wurde (1.Könige 19,1ff an Sonntag Okuli, 3. der Passionszeit, VI).
Mose und Elia stehen für Anfangen und Vollenden in der Geschichte Gottes mit seinem Volk, für das Überwinden von Menschenfurcht und von Götzenangst. Von dem einen wird die Geburt erzählt, sein Grab ist unbekannt. Von dem anderen wird eine Totenerweckung erzählt (1. Könige 17,17ff) und am Ende seine Entrückung in den Himmel (2.Könige 2).
Jesus ist auf dem Berg im Gespräch mit beiden. In ihm kommt beides zusammen, Anfangen und Vollenden. Der Zeuge des Hebräerbriefs nennt ihn den „Anfänger und Vollender des Glaubens.“ Schwer zu verstehen, wenn wir uns nicht wenigstens diese beiden Gesprächspartner Jesu in der Wolke der Zeugen zeigen lassen, Mose und Elia.
Durch die Wolke der Zeugen hindurch lässt der Evangelist Markus uns die Stimme Gottes hören: Das ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören. Hören sollt ihr ihn gerade in dem, wovon eben zuvor die Rede war: Jesus, - der Menschensohn muss leiden und sterben. In der Hoffnung auf neues, verwandeltes Leben (Markus 8,31). Mit der Furcht vor dem Tod kann er beides überwinden, die Menschenfurcht und die Götzenangst, und aus seinem Ende wächst ein wunderbarer Anfang.

Der Zeuge des Hebräerbriefs führt uns auf seine Weise den Berg hinauf, und die Wolke der Zeugen begleitet unseren Aufstieg.
Alpine Kletterer können es auch spannend finden, in eine Wolke hineinzusteigen. Wenn sie vorüberzieht, wenn es nur keine Gewitterwolke ist oder eine, die einem auf Dauer jede Sicht nimmt!
Der Bergführer, der sich im Hebräerbrief versteckt, möchte, dass wir gleichsam in die „Wolke der Zeugen“ hineinhorchen, uns von ihr Geschichten erzählen lassen: Viele andere haben es auch schon vor euch geschafft! Er mahnt uns, unseren Mut zusammen zu nehmen. „Lasst uns aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens…“ Nach oben schauen, dorthin, wo auf dem Gipfel des Berges ein Kreuz aufgestellt ist! Habt Geduld, wenn es gilt, mit den Schwierigkeiten des Anstiegs zu kämpfen. Werft Ballast ab. Habt Geduld dort, wo ihr im Kleinen eintretet für Gerechtigkeit und Frieden. Lasst den Mut nicht sinken!

Mag die Wolke der Zeugen auch verwirren, Jesus nimmt unser Dunkel auf sich und weist den Weg zum Licht

Aber noch einmal: Hindert sie uns nicht, die Wolke der Zeugen, verwirrt sie uns nicht, so vielfältig und veränderlich wie sie ist? Die einen sagen: rechts hinauf geht es weiter, die anderen: nein, links. Die einen: es kommt auf die Treue zur Überlieferung an, an der man uns in der Welt erkennt. Die anderen: Wir müssen uns liebevoller auf die Menschen einlassen, so wie sie heute sind… Da singen die einen unbedenklich und andächtig die altüberlieferten Lieder aus dem Evangelischen Gesangbuch.
„Du großer Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen …“

Die anderen denken: "völlig veraltet", und möchten bei manchen Textstellen des Gesangbuchs am liebsten den Mund zumachen. Kopfschüttelnd schlagen sie ihre Bibel zu, in der so altmodische, allgemein gehaltene Mahnungen stehen wie: „Lasst uns die Sünde ablegen, die uns ständig umstrickt.“
Sie schlagen dafür die Tageszeitung auf, darin werden allerdings lang und breit die Sünden unserer Zeit beschrieben:
Von Terror und Krieg, von Blutvergießen in Syrien, von den Finanzmärkten, auf denen die Gewinne privat eingesteckt, die Verluste auf die Gemeinschaft umgelegt werden.
Von den Kindern, die verhungern, die von Anfang an benachteiligt sind oder die missbraucht werden.
Von politischen Skandalen und von den Foltermethoden einer Weltmacht, die christlich sein will.
Ein endloses Register.
Wir legen die Zeitung wieder ab, allerdings haben wir nicht das Gefühl, die Sünde damit ablegen zu können.

Und dazu gehört bedrückender Weise auch noch der Streit zwischen den Religionen und ihren Vertretern. Statt ein Zeichen von Gottes Gegenwart zu sein, verstellt oftmals die Wolke der Zeugen Gottes das Licht und die Sicht. Wäre es nicht zu wünschen, dass Gott selber immer wieder einmal den Wolkenvorhang beiseite schiebt? Käme dann nicht die Sonne zum Vorschein? Christus allein?
Aber gerade Christus nimmt das Dunkel auf sich, wie die Sonne im Untergehen, und erduldet die Lieblosigkeit, die Zerrissenheit, sogar unter denen, die sich auf Gott berufen, sogar in seiner Kirche. Er nimmt sogar die Schande auf sich, die wir ihm machen.
„Obwohl er hätte Freude haben können“, sagt der Zeuge des Hebräerbriefs, erduldete er das Kreuz. Er achtete die Schande gering, wie ein aufrührerischer Sklave von den römischen Heiden gefoltert und ans Kreuz gehängt zu werden. Gerade hier ist die Wolke der Zeugen nicht wegzudenken. In der Nacht des Leidens wird sie gleichsam zur Feuersäule, die den Wandernden ihren Weg weist, wie einst in der Wüste (2.Mose 13,21).

Der Zeuge des Johannes-Evangeliums zum Beispiel stellt den Schmerzensmann in die Mitte. Vorher drei Szenen, nachher drei Szenen, und mittendrin wie bei einem siebenarmigen Leuchter die Säule, an der Jesus zur Schau gestellt wird, von den Soldaten der Weltmacht entkleidet und ausgepeitscht, der mit Dornen gekrönt und als König der Juden verhöhnt wird (Johannes
19,1-3).
Nicht: Von Juden gekreuzigt.
Schon gar nicht: „Vom Vater so geschlagen!“

Die großen politischen Weltreiche werden in der Bibel mit Raubtieren verglichen (Daniel 7). Ihnen steht hier der wehrlose Einzelne gegenüber, das Folteropfer in den Klauen militärischer Machthaber. Gerade er verkörpert Menschenwürde: „Seht welch ein Mensch!“ Ecce homo!

Jesus wird begleitet vom Lied der Klage, des Vertrauens und des Dankes aus Psalm 22

Dann in seiner letzten Stunde stimmt Jesus den Psalm an, den wir vorhin in einem kleinen Ausschnitt miteinander gelesen haben. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen ….“ Jesus darf sich in diesen Worten aus der Geschichte Israels bergen. Der Zeuge des Markus-Evangeliums lässt den unbekannten, namenlosen Beter dieses Psalms, gleichsam eingehüllt in die Wolke der Zeugen und unsichtbar, neben Jesus am Kreuz treten. „Warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34; Psalm 22,2)
Doch der Zeuge des Lukas-Evangeliums lässt diese Klage weg. Er will, dass Jesus mit Worten des Vertrauens stirbt: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“ So wie im Psalm 22 die Vertrauensstrophe auf die Klagestrophe folgt: „Du aber bist heilig, du thronst über den Lobgesängen Israels. Unsere Väter hofften auf dich…“
Der Zeuge des Hebräerbriefs sieht Jesus bereits am Gipfel angekommen: „Er hat sich gesetzt zur Rechten des Thrones Gottes.“
Wo befindet sich der Thron Gottes? Das hat uns soeben der Psalm verraten: „Du thronst über den Lobgesängen Israels.“ Im Kapitel 2 des Hebräerbriefs wird dieser Lobgesang vom Schluss des Psalms 22 angeführt: „Ich will deinen Namen verkündigen meinen Brüdern – und Schwestern – und mitten in der Gemeinde dir lobsingen“ (Hebräer 2,12; Psalm 22,23).

Das versuchen wir, wie unzulänglich auch immer, in unseren Gottesdiensten. Wir stimmen in ein Lied ein, zum Beispiel jetzt gleich in eines, das 250 Jahre alt ist, nicht in der Sprache und im Denken unserer Zeit verfasst. Doch es ist mitsamt seiner Melodie ein Teil der unabsehbaren Wolke der Zeugen. Wir dürfen offen darüber sprechen, dass uns manches Mal die alten, aber auch neue Texte nicht besonders hilfreich vorkommen, nebelhaft, vielleicht sogar dem Glauben, nach dem wir suchen, hinderlich. Doch sie bereichern uns auch. Über den Abstand der 250 Jahre will ein Christian Fürchtegott Gellert aus Leipzig mit uns auf das Kreuz ausblicken. Er singt von einem „unendlichen Glück“, als wäre er nicht auf Golgatha, sondern auf dem Berg der Verklärung, wo Jesus im Glück ein Gespräch führt mit unzähligen Menschen, Schwestern und Brüdern aus allen Zeiten.
Schaut auch ihr mitten in der Wolke der Zeugen auf das Ziel, wird uns gesagt. Da darf jeder sein Sprüchlein sagen, und es wird Widerspruch geduldet, sogar von den im Hebräerbrief so genannten Sündern. „Darum werdet nicht matt.“
Jedem wird es ganz persönlich gesagt: Der Weg, den du zum Gipfel des Berges findest, muss nicht von vielen anderen schon ausgetreten sein. Der Ausblick, der dir dort auf den Sinn deines Lebens und der Welt versprochen ist, soll dein Ausblick sein, nicht der von anderen. Darum lass den Mut nicht sinken! Amen.

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