Pfingstmontag (09. Juni 2014)

Autorin / Autor: Pfarrerin Ursula Pelkner, Göppingen [Ursula.Pelkner@elkw.de]

Apostelgeschichte 2, 22-39

Kennst du
den Zauber
dieser offenen Zeit
Wer hungert
der wird
glaub es mir
gesättigt werden
Rose Ausländer (1901-1988)

Liebe Gemeinde,
Pfingsten ist „offene Zeit“.
Mit dem Heiligen Geist kommt Bewegung ins Spiel. Er bläst den Staub, der sich auf den Zuständen abgelagert hat, fort und schafft Raum für Veränderung, für Erneuerung. „Offene Zeit“ – das meint Zeit, die noch nicht geplant und festgelegt ist, Zeit, in der ich mich für Neues öffne. Pfingsten ist „offene Zeit“. Hören wir, wie es damals war, vor zweitausend Jahren in Jerusalem. Ich lese Auszüge aus der Pfingstpredigt des Petrus:

„Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst – diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und umgebracht. ... Diesen Jesus hat Gott auferweckt; dessen sind wir alle Zeugen. Da er nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr hier seht und hört. ... So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat. Als sie aber das hörten, ging‘s ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den anderen Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun? Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des heiligen Geistes. Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung, und allen, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, herzurufen wird.“

Liebe Gemeinde,
Ein katholischer Priester erzählte mir von seinem Versuch, die Pfingstgeschichte seinen Schüler/innen der 6. Klasse nahe zu bringen. Er erzählt vom Heiligen Geist, vom Brausen, den Feuerflammen, den Stimmen und Sprachen. Als er eine Woche später die Geschichte wiederholen lässt, meldet sich eine 12-jährige Schülerin: Also, das war so: Der Jesus war ja nun weg, und die Jünger hatten sich eingeschlossen und hatten Angst ganz viel und dann saßen sie so da tagelang. Aber plötzlich ist dem Petrus der Kragen geplatzt, er hat mit der Faust auf den Tisch gehauen und gebrüllt: Um Gottes willen, so kann das doch nicht mehr weitergehen! Und dann wurden sie mit einem Mal ganz mutig und gingen auf die Straße und erzählten allen Leuten von Jesus.

... da ging es ihnen durchs Herz

Sie merken, die 12-jährige Schülerin hat den Wortlaut der Bibel zwar nicht ganz, dafür aber den Nagel voll auf den Kopf getroffen. „Da muss doch etwas geschehen. So kann das doch um Gottes willen nicht mehr weitergehen!“ Genauso geht es den Jerusalemern, die stehen bleiben, zuhören und sich von den Worten des Petrus ansprechen lassen: „Als sie aber das hörten, ging es ihnen durchs Herz, und sie sprachen: Was sollen wir tun?“ Es ging ihnen durchs Herz. Damit, liebe Gemeinde, ist nun nicht nur gemeint, dass sie emotional berührt waren, so wie wir vielleicht von einem Lied sagen würden: „Das geht mir ans Herz.“ – Eine ganz und gar emotionale Reaktion. Das Herz ist für die Menschen der biblischen Zeit nicht nur der Ort der Gefühle, sondern vor allem. Sitz der Vernunft und der Entscheidungen. Natürlich, das wissen wir alle, für eine tragfähige Entscheidung muss beides zusammenkommen: Verstand und Gefühl. Zum Beispiel, wenn es um eine neue Arbeitsstelle geht: Da macht man sich vielleicht eine vernünftige Liste und hakt ab: Arbeitszeit, Bezahlung, Entfernung von Zuhause, erforderliche Qualifikationen. Wenn alles stimmt, spräche ja eigentlich nichts gegen eine Bewerbung. Wenn mein Gefühl mir aber sagt: Dort möchte ich nicht arbeiten, dann wäre es mit Sicherheit die falsche Entscheidung, die Stelle anzutreten. Oder wenn andersherum alle Vernunftgründe dagegen sprechen, dann wird die reine Gefühlsentscheidung vermutlich auf Dauer auch nicht tragfähig sein. Verstand und Gefühl – beides muss zusammenkommen und beides kommt zusammen, wenn der Heilige Geist durchs Herz geht und man bereit ist für eine Veränderung. Was sollen wir tun? Was soll ich tun? Wohin soll ich gehen? Offene Zeit. Das ist etwas Besonderes, ein Heiliger Moment, nicht alltäglich, aber möglich.
Ein Polizist, der im Bereich Jugendkriminalität tätig ist, erzählte von seinen Erfahrungen mit den Jugendlichen. Über Jahre hinweg begegnet er immer wieder den gleichen Kandidaten. Immer wieder kleinere Straftaten, später auch schwerwiegendere, auch die Strafen steigen an. Schiefe Bahn, kriminelle Karriere – unaufhaltsam? Nein, meinte der Polizist. Manche und gar nicht so wenige hören irgendwann auf, sie schaffen doch noch ihren Schulabschluss, fangen ein neues, ein geregeltes und legales Leben an. Wie ist das gelungen? Man muss den richtigen Schalter drücken, sagte der Polizist, eine schöne Formulierung, finde ich. Den richtigen Schalter drücken – irgendetwas passiert, oft ist es die Freundin, die einen positiven Einfluss nimmt, oder andere Menschen, die sich kümmern. Aber da muss auch noch etwas dazukommen, vom dem Menschen selbst ausgehen. Er selbst muss sich auch öffnen, bereit sein für eine Veränderung. Ich glaube, dass in solchen Momenten der Heilige Geist am Werk ist. Davon spricht jedenfalls die Bibel immer wieder. Viele Geschichten erzählen von Menschen, die sich verändern ließen, die einen Neubeginn in ihrem Leben gemacht haben, weil da jemand – die Stimme Gottes oder Jesus – den richtigen Schalter gedrückt hat.

Der Heilige Geist und die Kraft der Worte

Auch Petrus drückt den richtigen Schalter – durch die Kraft seiner Worte bewegt er seine Zuhörer. Und das ist für mich ein weiterer wichtiger Punkt an unserem Predigttext: die Kraft der Worte.
Erinnern wir uns: Es ist nicht das Pfingstwunder an sich, das die Menschen bewegt.
Die Feuerflammen und das Brausen und die begeisterten Jünger, die auf einmal in vielerlei ausländischen Sprachen reden können, das alles, so besonders und auffällig es sein mag, so ist es doch missverständlich, „Sie sind voll süßen Weines“ mutmaßen denn auch einige der Umstehenden. Erst die Worte des Petrus, die erklären und aufklären, die von Jesus dem Christus reden, nüchtern und unmissverständlich, erst diese Worte bewegen die Herzen der Menschen. Wenn wir also nach dem Geist suchen, diesem windigen Gesellen, der so schwer zu fassen und zu begreifen ist, dann finden wir ihn in der Predigt des Petrus. Mit seinen Worten drückt Petrus den Schalter bei seinen Zuhörern.
Und dabei sind wir manchmal so misstrauisch gegenüber Worten. Die Taten sind doch das Entscheidende, höre ich immer wieder. Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert. – Sicher, das Misstrauen ist oft berechtigt. Wir reagieren zu recht empfindlich auf leere Worte, die nicht von entsprechenden Taten gedeckt sind.
Auf der anderen Seite kenne wir sie doch alle, die Kraft der Worte, im positiven wie im negativen Sinn. Wir alle haben es doch schon erlebt, wie uns eine kleine Bemerkung, vielleicht unachtsam dahin gesagt, aus der Bahn werfen kann. Jede und jeder von uns hat da wohl seine und ihre ganz besonders empfindlichen Stellen. „Ihr Sohn ist ja ein ganz raffinierter Bursche.“ Dieser vielleicht sogar anerkennend gemeinte Satz lässt in mir alle Alarmglocken schrillen. Ich vermute sofort schlechtes Benehmen, faule Ausreden, fehlende Hausaufgaben oder noch Schlimmeres. Andersherum kann mich ein Wort der Anerkennung oder ein ehrliches Kompliment aber auch aufrichten und mir den Tag retten. Und in schwierigen Situationen kann es viel mehr Kraft kosten, etwas zu sagen als etwas zu tun.
Worte können viel bewirken. Wie sehr wünschte man sich in diesen Tagen, dass jemand die rechten Worte finden möge, um der Ukraine-Krise eine friedliche Wendung zu geben. Worte können eine Menschenmenge oder ein einzelne Menschenseele zur Umkehr bewegen. Aber man muss das Herz der Menschen treffen, den Schalter finden. Und das, so lernen wir aus der Pfingstgeschichte, kann nur der Heilige Geist bewirken.

Pfingsten ist offene Zeit: Der Geist Gottes macht Menschen offen für einen Neubeginn

Pfingsten ist offene Zeit. Der Geist Gottes macht einen Menschen offen für Veränderung und Neubeginn. „Was sollen wir tun?“ fragen sie den Petrus. Und nun wollen wir natürlich auch noch die Antwort hören:

„Petrus sprach zu ihnen: ,Tut Buße und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr empfangen den heiligen Geist.‘“

Liebe Gemeinde, ich habe beim Einkaufen eine Verkäuferin gefragt, an was sie denkt, wenn sie das Wort „Buße“ hört. Sie sagte: „Ganz spontan denke ich da: Was habe ich angestellt?“ Buße wird in unseren Sprachgebrauch eigentlich nur mit Strafe für Vergehen in Verbindung gebracht. Wir bezahlen Bußgelder für falsches Parken. „Das sollst du mir büßen!“ – so wird im Film Rache angekündigt. Wir müssen büßen, wenn wir über die Festtage zu gut gegessen haben oder an einem netten Abend mal wieder bei den Letzten waren.
Wir assoziieren mit dem Begriff Buße also düstere Gefühle, der Blick richtet sich auf die Fehler der Vergangenheit und auf die Strafe, die nun dafür zu folgen hat.
Dabei ist, wenn in der Bibel von Buße die Rede ist, der Blick nach vorne gerichtet. Es geht um ein Umdenken und Umschwenken. Petrus ruft dazu auf, im Glauben und damit auch im Leben eine neue Richtung einzuschlagen. Er richtet durch seine Worte den Blick auf Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. In ihm sollt ihr Gott erkennen, in dem, der vom Himmel kommt und doch ganz auf der Erde ist. In dem, der unser Bruder und Freund ist, der unsere Sorgen und Nöte und sogar unseren Tod teilt, ist Gott präsent. Diesem Gott sollen wir unser Leben anvertrauen, von diesem Gott uns leiten und beschenken lassen: mit seinem Geist und seiner Vergebung.

Pfingsten ist offene Zeit, so habe ich ganz am Anfang gesagt, liebe Gemeinde. Wo der Heilige Geist gegenwärtig ist, da wird Gottes Gegenwart spürbar. Und wenn das geschieht, dann sind auch wir ganz gegenwärtig, ganz im Hier und Jetzt, nicht schon beim Nächsten, aber auch nicht mehr beim Vergangenen. Sondern ganz da, ganz offen für das, was jetzt gerade geschieht. Offen, mich im Innersten bewegen zu lassen und dann auch bereit, etwas zu tun. Nicht oft geschieht das, die offenen Momente sind die Ausnahmen in unserem Lebenslauf. Aber ich wünsche Ihnen und mir, dass wir sie erleben, nicht nur an Pfingsten.
Amen.

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