Pfingstsonntag (08. Juni 2014)

Autorin / Autor: Pfarrer PD Dr. Peter Haigis, Kernen i.R. [Peter.Haigis@elkw.de]

Römer 8, 1 -11

Liebe Gemeinde,

eines der ältesten und hartnäckigsten Vorurteile gegenüber dem Christentum lautet, dass es leibfeindlich sei – missgünstig und ablehnend gegenüber den Freuden der Sinne und des Leibes, negativ eingestellt gegenüber Sexualität und Lust. Man könnte das leicht illustrieren.

Christliche Leibfeindlichkeit – ein Vorurteil

Ich halte es jedoch für ein Vorurteil – gewiss: ein Vorurteil, das aus mancher Erscheinungsform hervorgegangen ist, die das Christentum im Laufe seiner vielfältigen Geschichte angenommen hat; und auch ein Vorurteil, für das sich unschwer Beispiele und Belege finden lassen.
Doch ich persönlich halte diese Beispiele und Belege nicht für stichhaltig und die Erscheinungsformen, auf die sich in diesem Zusammenhang verweisen ließe, halte ich für exotisch, verstiegen und für fehlorientiert. Für mich lässt sich der christliche Glaube ebenso sinnenfreudig, ja lustbetont auslegen, wie man ihn in dessen Gegenteil verkehrt hat.
Diese kleine Vorrede ist wohl nötig, wenn wir uns dem heutigen Predigttext aus dem Römerbrief des Apostels Paulus zuwenden, denn ein Abschnitt wie derjenige aus Römer 8 ist in seiner Wirkungsgeschichte sicher nicht unschuldig am Vorurteil eines leibfeindlichen Christentums. Indessen: Vielleicht beruht diese Sicht der Dinge ja auch auf einem gravierenden Missverständnis.

Ich lese einige Verse aus Römer 8 (V. 1-11).

Manch einer schaltet da vielleicht gleich ab – Fleisch und Geist und Sünde und Tod… Manch eine versteht am Ende vielleicht nur „Bahnhof“ – was will uns Paulus in all dieser geschraubten und verschwurbelten Sprache eigentlich sagen? Und viel wichtiger: Lohnt es sich überhaupt, darüber nachzudenken? Ist das heute noch von Belang für uns?
Ich sage: Ja, es lohnt sich! Allerdings müssten wir dazu Paulus aus seiner Gesprächssituation mit der Gemeinde in Rom herauslösen und in unsere Gegenwart versetzen. Denn vieles, was Paulus mit den „Römern“ verhandelt, ist für uns – auf den ersten Blick – fremd und einfach nur von gestern.

Paulus in der Talk-Show

Ich würde darum Paulus gerne mal auf den heißen Stuhl setzen, damit er sich befragen lässt zu seinen Thesen und mal für uns heute Klartext spricht, was er eigentlich meint. Also stelle ich mir Paulus in einer Talkshow vor. Er sitzt da in einer Runde mit – zum Beispiel – einer Psychologin, einem Trendforscher, einem Internet-Unternehmer und einer Yoga-Lehrerin (die Auswahl spielt für mich jetzt nicht so eine große Rolle) und er debattiert mit ihnen über die Frage, was Menschen glücklich macht.
Hätte Paulus in einem solchen Setting eine Chance, Gehör zu finden? Würde man ihm applaudieren? Sicherlich nur dann, wenn er seine Sprache wandelt und seine denkwürdigen Überlegungen zur Natur oder zum Charakter des Menschen auf zeitgemäße Weise in die Runde einbringt. Ich denke aber, dass in den Überlegungen des Paulus genug Zündstoff für uns heute steckt und dass das kleine Experiment gut tut bei der Übersetzungsarbeit des paulinischen Gedankengangs in unsere Zeit.
Im Kern der Überlegungen unseres Predigttextes steht die Unterscheidung zwischen Fleisch und Geist. Darauf möchte ich mich konzentrieren.
In der von mir vorgestellten Talkshow würde Paulus möglicherweise darauf abheben, dass die entscheidende Frage bei der ganzen Sache doch die ist, was ein Mensch von seinem Leben erwartet. Geht es ihm nur um die materielle Befriedigung seiner Bedürfnisse oder gibt es eine Sensibilität, ja eine Sehnsucht, vom Leben und im Leben noch mehr zu bekommen.
Wohlgemerkt: Wir sprechen hier nicht von elementaren Bedürfnissen, die natürlich fraglos gestillt sein müssen, damit man leben kann – Nahrung, Kleidung, ein Dach über dem Kopf… Es geht um das weitaus schwierigere Problem, zwischen den Extremen des Mangels und des Überflusses ein sinnvolles Maß zu finden bzw. um die Frage, wo der Überfluss mit seiner selbstgenügsamen Ansammlung des Überflüssigen eigentlich beginnt – und damit zugleich um die Frage, wo die Gottesvergessenheit des Menschen anfängt.
Ich denke, Paulus würde sich hier nicht auf eine kleinliche moralische Debatte einlassen; er würde nicht damit beginnen, die kleinen und großen Dinge des Lebens gegeneinander aufzurechnen. Immerhin gibt er sich an anderer Stelle großzügig und sagt: „Es ist alles erlaubt, auch wenn nicht alles gut tut.“

Gegen den Materialismus unserer Zeit

Viel eher würde Paulus also wohl die Grundsatzfrage stellen, welche Glücksbefriedigungskraft wir materiellen Dingen eigentlich zutrauen. Wie viel Zufriedenheit schafft uns das, was die Industrie an Produkten auf den Markt wirft? Welche Überzeugungskraft geht für uns – für einen jeden von uns – von den werbewirksamen Versprechen dieser Branche aus? Wie viel Sinnstiftung erleben wir beim Bummel durch Shopping Malls oder bei der Schnäppchenjagd in den Einkaufszentren? Und wie lebensorientierend wirkt auf uns die „Geiz-ist-geil“-Strategie?
Das habe doch nun nichts mit dem zu tun, was Paulus unter „Fleisch“ versteht, höre ich als Einwand. Wirklich nicht? Zugegeben: Es ist ein Beispiel und es mag noch andere geben. Doch die Lebenseinstellung des Materialismus halte ich in der Tat für das, was Paulus mit der „fleischlichen Gesinnung“ meint. Egal, ob es der Materialismus des Konsums ist oder der Materialismus einer gnadenlosen Ökonomie, die Arbeit nicht mehr angemessen honoriert, sondern Menschen als Arbeitskräfte ausbeutet. Egal, ob es der Materialismus einer Medizin ist, die den Menschen nur noch als biologischen Organismus versteht, oder eines Gesundheitswesens, das den Menschen nur noch als Kostenfaktor kennt. Noch andere Beispiele ließen sich anführen – und sie zielten immer wieder auf dasselbe ab: ein reduziertes, ein verkümmertes und einseitiges Menschenbild.
In der Argumentation des Paulus prallen zwei Extreme aufeinander: Fleisch und Geist; ein auf seine Triebstruktur, seine Arbeitskraft, seine Berechenbarkeit und Steuerbarkeit reduziertes Menschenbild und ein Verständnis vom Menschen, das ihn in seiner Ganzheitlichkeit wahrnimmt – in Sehnsucht und Schmerz, in seiner Gebrochenheit von Schuld und Versagen, in seinem Wunsch danach, angenommen und geliebt zu sein, in seiner Angst vor dem Sterben und in seiner Suche nach etwas, das dem Leben Halt und Richtung gibt.

Ganz anders könnte man leben

Na gut, sagen meine Talkshowteilnehmer in der Runde mit Paulus, aber was will er diesem „Materialismus“, dieser „fleischlichen“ Gesinnung entgegensetzen? Und nun wird es eben religiös, und – bitte schön – entweder ist man bereit, sich auf diese Argumentationsebene einzulassen, oder man steigt hier einfach aus.
Paulus ist da kompromisslos. Für ihn gehört zum Menschsein die Frage nach Gott selbstverständlich hinzu. Paulus geht einfach davon aus, dass sich menschliches Leben in umfassendem Sinn erst erschließt, wenn wir den Blick auf Gott mit hinzunehmen. Dazu muss man seiner Meinung nach weder einen Gottesbeweis führen noch muss man die Menschen als unverzichtbar religiös hinstellen. Es genügt einfach festzustellen, dass es Religion, Glaube, Christus gibt. Punkt. Davon geht ein Anspruch auf das menschliche Leben aus, der in dem schlichten Satz formuliert werden kann: „Man kann auch ganz anders leben.“
Paulus plädiert an dieser Stelle für eine Art Mentalitätswandel. Er will die Augen dafür öffnen, das Leben als Gabe Gottes anzusehen. Er richtet den Blick auf das, was wir Menschen empfangen haben und wovon wir leben, Tag für Tag. „Was hast du, das du nicht empfangen hast?“, sagt er an anderer Stelle. Wir haben uns nicht selbst zur Welt gebracht; wir finden uns in ihr vor. Und wir haben uns nicht selbst für das Leben in ihr ausgestattet, sondern sind – so oder so – hierfür ausgestattet worden. Erst jenseits von diesen Voraussetzungen beginnt unser Teil, unsere Arbeit am Dasein, unsere Tätigkeit – und damit liegt über jedem Tun und über jeder Entscheidung die Frage: Was fange ich mit meinem Leben, mit dieser Gabe, an? Was fange ich mit mir, mit meiner Welt an?

Eine neue Mentalität

Paulus ist allerdings der Auffassung, dass für diese Fragen auch gleich Antworten bereit liegen, Antworten, die uns im Leben und in unserer Lebensführung orientieren.
Die neue und andere Mentalität, für die Paulus plädiert, lässt sich mit dem Begriff „Geist Christi“ umschreiben. Wir verstehen vielleicht nur intuitiv, was damit gemeint sein könnte – aber das genügt vollkommen. Wir verstehen es, die Frage zu stellen, wes Geistes Kind jemand ist. Wir verstehen es, von einer Geisteshaltung zu sprechen. Wir verstehen die Rede davon, dass man für bestimmte Dinge im Leben inspiriert ist oder inspiriert sein muss. Von welcher Inspiration also leben wir? Wovon lassen wir uns leiten?
Eine Inspirationsquelle fürs Leben könnte der Geist Christi sein. Es ist der Geist eines Menschen, der nicht auf seinen eigenen Vorteil bedacht war, sondern danach fragte, was anderen dient. Es ist der Geist eines Menschen, der der Vergebung und Versöhnung mehr Friedenskraft zugetraut hat als dem Faustrecht und der Gewalt. Es ist der Geist eines Menschen, der keine Diskriminierungen gelten ließ. Es ist der Geist eines Menschen, der Freude hatte an den kleinen Dingen des Lebens und für den der Genuss nicht erst ab einem bestimmten Kostenaufwand begann. Von diesem Geist sich inspirieren zu lassen – das wäre eine Möglichkeit, ganz anders zu leben, als es das Diktat des Materialismus oder des „Fleisches“ vorgibt.
Mit Lebensfeindlichkeit hat das nichts zu tun, ganz im Gegenteil. Auch nichts mit Genuss- oder Leibfeindlichkeit und nichts mit Spaß- und Spielverderberei. Es ist lediglich eine andere Art zu leben – und zwar eine, von der Paulus überzeugt ist, dass sie sich zu leben lohnt. Amen.

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