Reformationsfest (02. November 2014)

Autorin / Autor: Pfarrerin und Kirchenrätin Dr. Evelina Volkmann, Stuttgart [Evelina.Volkmann@elk-wue.de ]

Philipper 2, 12-13

Erinnerung an 1517

Liebe Gemeinde,
Wittenberg – Oktober 1517: Professor Martin Luther tritt an die Tür der Schlosskirche. Er ruft seine Kollegen zu einem akademischen Streitgespräch auf. Der Mensch wird frei allein durch Gottes Gnade! Diesen Gedanken entfaltet er in 95 Thesen. Luther sagt provokativ: Der Mensch kann sich nicht durch Geld freikaufen. Er braucht das auch gar nicht. Denn Gott kommt ihm entgegen. Gott hat uns Menschen schon längst befreit. Wer Gott begegnen will, kann einfach so zu ihm kommen.
Akademische Lehrer veröffentlichen auf diese Weise ihre Gedanken. Selten aber findet eine solche Veröffentlichung ein derart gewaltiges Echo wie bei Luther. Er trifft mit seinen Gedanken den Nerv der Zeit: Heil gegen Geld verkaufen – das geht nicht! Die Angst der Leute ausnutzen, aus ihr gar Geld machen – das verbietet sich! Den Glaubenden vermeintlich fromme Taten abverlangen für das Seelenheil – das gibt es nicht! Das alles geht gar nicht. Luther appelliert an seine Kollegen und an den Papst: Hört auf mit dieser Gotteslästerung!
Wir wissen, wie es weiterging: Verurteilung, Gegenverurteilung … Am Ende stehen zwei christliche Kirchen da: unsere evangelische neben der römisch-katholischen Kirche.

Was bedeutet Evangelischsein?
Wir sind evangelisch. Evangelisch – das heißt: Frei sein im Glauben. Evangelisch sein heißt, sicher zu wissen: Ich bekomme meine Freiheit von Gott geschenkt. Ich kann und brauche sie mir wirklich durch gar nichts zu verdienen.
Evangelisch heißt aber noch mehr: Frauen stehen im Verkündigungsdienst. Pfarrerinnen und Pfarrer dürfen heiraten und Familien haben. Geschiedene feiern selbstverständlich das Abendmahl mit.
Evangelisch heißt auch: Alle Getauften sind selber Priester. Sie brauchen keinen Mittler, um mit Gott zu reden. Denn wie hat Luther treffend gesagt? Jeder, der aus der Taufe gekrochen ist, ist Priester, Bischof, Papst. Wir nennen das heute das „Priestertum aller Gläubigen“. Damit gestalten wir Gemeinde. Evangelische Wahrheiten werden gemeinsam im Gespräch gefunden. Es gibt kein oberstes Lehramt. Die Schrift und unser Bekenntnis sind unsere Orientierungshilfen.

Gehorsam gehört auch zur evangelischen Identität
Bald schon ein halbes Jahrtausend sind wir auf diesem reformatorischen Weg unterwegs. So gehen wir forschen Schrittes auf das 500jährige Reformationsjubiläum in drei Jahren zu. Wir jubeln, wir sind stolz, wir planen Veranstaltungen zum Jubiläum. Wir übertreffen uns mit Ideen. Doch dann das. Dann diese Worte. Ganz leise mischen sich diese Worte aus dem Philipperbrief in unsere überschwängliche Erinnerung an die Reformation. Paulus sagt: Evangelisch sein heißt gehorsam sein. Evangelisch sein heißt: „Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.“ Ja, auch das gehört zu uns als Evangelische.
Paulus lobt ausdrücklich den Gehorsam der Gemeinde in Philippi. Vermutlich mögen viele dieses Wort „Gehorsam“ nicht besonders. Es klingt nach „gehorchen“, nach strengen und vielleicht willkürlichen Regeln. Nach Regeln, die untertänig befolgt werden müssen. Doch lassen Sie uns das Wort „Gehorsam“ auch einmal anders verstehen. In ihm steckt das Wort „gehorchen“. Gehorchen, horchen, das hat mit „hören“ zu tun: Wer „ge-horsam“ ist, hört auf den anderen. Wer gehorcht, horcht darauf, was dem anderen gut tun könnte. Das ist Gehorsam. Es ist zumindest ein Gehorsam, wie Christus ihn vorgelebt hat. Wir haben heute den Philipperhymnus miteinander gebetet: „Christus erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“ Unser Predigttext setzt die Worte des Hymnus unmittelbar fort. Paulus lobt, dass die Gemeinde in diesem Sinne gehorsam ist, dass sie – ich sage es einmal mit meinen Worten – wie Christus dem anderen zuhört. Wie Christus hört sie auf den anderen. Dabei bewertet sie den Standpunkt des anderen auf gleicher Ebene wie den eigenen. Paulus findet es gut, dass Gemeindeglieder sich zurücknehmen können. Er lobt die Gemeinde. Die Gemeindeglieder sind nicht überheblich. Sie überlegen, was dem andern dient. Das Eigene ist nicht das Wichtigste. Wichtig ist, was sie gemeinsam weiter bringt in all ihrer Unterschiedlichkeit. Das ist seine Botschaft für die Gemeinde in Philippi. Das ist die Botschaft des Apostels Paulus für die evangelische Kirche, die auf fast 500 Jahre Reformation zurückblickt.

Gehorsam als Hören auf den anderen
Leben wir heute in unserer evangelischen Kirche diesen Gehorsam? Ich frage: Hört unsere evangelische Kirche wie Christus dem anderen zu? Hört sie auf den anderen? Schafft sie es, den eigenen Standpunkt nicht höher zu bewerten? Es ist spannend, die Geschichte der evangelischen Kirche einmal unter diesem Gesichtspunkt anzusehen:
So hieß es einst: „Fronleichnam hängen wir die Wäsche raus!“ Früher, ja da hängten evangelische Hausfrauen zu Fronleichnam draußen die Wäsche auf. Im Gegenzug verteilten katholische Bauern an Karfreitag Gülle auf dem Feld. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren katholisch geprägte Gegenden durch evangelische Flüchtlinge durchmischt worden. In evangelische Gebiete kamen katholische Flüchtlinge. Anfangs gab es viele Vorurteile. Evangelische sollen besser bei evangelischen Ladenbesitzern als bei katholischen einkaufen, hieß es – und umgekehrt. Katholische junge Mädchen sollten nur ja keinen evangelischen Jungen mit nach Hause bringen oder gar heiraten. Evangelisch, das hieß: Wir grenzen uns ab von der katholischen Kirche. Wie schön, dass wir am heutigen Reformationstag dagegen sagen können: Evangelisch heißt, wir schätzen uns gegenseitig als Evangelische und Katholiken. Wir arbeiten ökumenisch zusammen. Wir engagieren uns gemeinsam für Bedürftige. Wir sind zwei Kirchen auf Augenhöhe und wir achten den anderen.
Das gilt aber auch, wenn wir auf unsere Begegnung mit Judentum und Islam sehen: Im Jahr 2012 konnten wir miterleben, wie in Deutschland die religiöse Beschneidung von Knaben verunglimpft wurde. Die jüdische und die muslimische Glaubensgemeinschaft hatten es schwer. Es hieß, die Beschneidung sei ein Eingriff an wehrlosen Lebewesen. Das Recht des Kindes auf einen unversehrten Körper sei höher zu bewerten. In einem offenen Brief der Orthodoxen Rabbinerkonferenz in Deutschland heißt es dazu an alle, die solche Positionen vertreten: „Jüdische und muslimische Kinder haben das Recht, in einer offenen und pluralistischen Gesellschaft aufzuwachsen, einer Gesellschaft, die Identität nicht kriminalisiert, sondern sie als gleichberechtigt und gleichwertig anerkennt.“ Da ist Begegnung erwünscht, die den anderen freundlich anders sein lässt. Evangelischsein heißt daran: Wir achten den anderen, auch wenn er anders glaubt als wir. Wir akzeptieren und respektieren, dass die Beschneidung eines der wichtigsten Kennzeichen anderer Religionen ist. Wir missachten den anderen nicht. Wir treten ins Gespräch und lernen mit ihm und von ihm.
In multireligiös geprägten Gegenden kann Evangelischsein beispielsweise auch heißen: Wir feiern unser evangelisches Gemeindefest ohne Schweinefleisch.
Evangelisch kann auch heißen: „Die Töchter meiner Nachbarin gehen in den evangelischen Kindergarten.“ So sagt es die junge Gülcan Özdemir aus Geislingen/Steige auf die Frage: „Was ist typisch evangelisch?“
Als Evangelische den anderen achten. Menschen achten, die anders glauben als wir und dennoch selber bewusst evangelisch sein – manchmal gelingt das! Manchmal fiel es schwer und fällt es schwer. Es ist noch nicht selbstverständlich.

Gut vom anderen denken
Vielleicht fragen sich jetzt einige: Was ist das eigentlich für ein Bild vom Christsein? Sollen wir uns wirklich so stark zurückhalten? Paulus schreibt an Christinnen und Christen, die sich sicher sind in dem, was sie glauben. Die aber gleichzeitig anderen gegenüber nicht überheblich werden.
Zu solch einer Haltung zu kommen, ist oft ein langer Weg. Dahinter steckt Arbeit, bisweilen sogar harte Arbeit. Zugespitzt könnte man es mit Paulus „Arbeit am eigenen Heil“ nennen. Paulus spricht wortwörtlich von „Schaffen“. Ich gebe das lieber mit „Arbeiten“ wieder. „Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern“ – so nennt Paulus diese Arbeit am Heil. Entwickelt euch in eurem Glauben weiter! Ihr seid doch veränderbar! Ihr seid doch entwicklungsfähig! Paulus ermutigt uns: Bleibt dran am Glauben! Ja, Gott selber bewirkt in uns, dass wir an unserem Heil arbeiten. Gott selber steht hinter uns, wenn wir auf das Rechthaben verzichten. Gott selber ist der Motor dieser Arbeit am Heil. „Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen.“ Christus hat es uns vorgemacht: Auf den anderen hören, das ist evangelisch. Christus erniedrigte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, wie Paulus sagt. Den anderen respektieren, dem anderen als Knecht gegenüber treten, ihn tolerieren, das ist evangelisch. Gut vom anderen denken, auch wenn er anders ist als ich, solidarisch mit ihm sein, auch über Glaubensgrenzen hinweg, das ist evangelisch.
Und so stelle ich in den Jubel über unser Evangelischsein einen weiteren Satz: Im Gespräch mit anders Glaubenden zeigt sich erst, was evangelisch ist. In diesem Gespräch entdecken wir, was uns verbindet. Wir legen Feindbilder und Vorurteile ab. Gerade am Reformationsfest deuten wir die vorhandenen Unterschiede nicht überheblich.
Hierzu haben mich Worte eines Rabbiners ermutigt. Rabbiner Albert Friedlander stammt aus Berlin. Als Kind floh er aus Nazideutschland und rettete damit sein Leben. Später wirkte er in London, wo er im Jahr 2004 starb. Dieser Rabbiner hat sich eingehend mit Luther beschäftigt. Luthers uneinsichtige Haltung zu den Juden verurteilt er deutlich. Dennoch ist das aus seiner Sicht kein Hindernis dafür, dass Juden und Christen im Gefolge Luthers gut miteinander auskommen:
„Bruder Martin von Eisleben [schreibt der jüdische Friedlander] … Wir sind beide Kinder Abrahams und haben so viele Reichtümer als gemeinsames Erbtum in unser Leben hineingenommen, daß jeder Gedanke und jedes Wort eine Verbindung zwischen uns herstellt. … Und lehre deine Nachkommen, daß es Zeiten gibt, wo die Mitmenschlichkeit die Dogmen besiegen muß. Denn wir sind Menschen und dürfen uns nicht Gottes Strafgericht aneignen. Wir sind Menschen und können einander lieben. Und möge Gott uns schützen und zusammenführen, jetzt und für alle Zeit.“

Wir sind Menschen und können einander lieben – das ist nicht nur jüdisch, das ist auch evangelisch. Und das steht gleichermaßen über unserem Gespräch mit Juden, Katholiken und Muslimen. Ich freue mich auf das Reformationsjubiläum.
Amen.


Anregungen und Zitate wurden übernommen aus:
Petra Bosse-Huber, „Und Fronleichnam hängen wir die Wäsche raus!“, in: Kirchenamt der EKD (Hg.), Schatten der Reformation. Der lange Weg zur Toleranz (Das Magazin zum Themenjahr 2013 „Reformation und Toleranz“), Frankfurt/Main 2012, 58f.;Albert H. Friedlander, Aus der Sicht eines Juden, in: Hans Jürgen Schultz (Hg.), Luther kontrovers, Stuttgart/Berlin 1983, 252-264, 263f.; Michael Kannenberg, 95 Thesen verändern die Welt. Warum sind wir evangelisch?, in: Evangelische Kirchenbezirkszeitung Geislingen/Steige Nr. 11 – 2008/2009 vom 1. Juli 2008, Evangelisch aus gutem Grund, 16; Gülcan Özdemir, Was ist typisch evangelisch? in: Evangelische Kirchenbezirkszeitung Geislingen/Steige Nr. 11 – 2008/2009 vom 1. Juli 2008, Evangelisch aus gutem Grund, 7.; Johannes Wachowski, Tag der Beschneidung und Namengebung Jesu, in: Studium in Israel (Hg.), Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext. Zur Perikopenreihe V, Wernsbach 2012, 63-68, 63.

Weg zur Predigt
Wer wir als Evangelische sind, ist Thema des Reformationsfestes. Wir erinnern uns an Luthers so genannten Thesenanschlag im Jahr 1517, am 31. Oktober. Ob er wirklich so stattgefunden hat, darüber streiten die Historiker. Den Beginn des Disputationsversuchs auf dieses Datum zu legen und ihn „quasi-historisch“ zu begehen, macht aber durchaus Sinn. Evangelisch – das heißt: Frei sein im Glauben. In diesen Jubel über das wunderbare Evangelischsein sprechen nun mit leiser Stimme zwei Verse aus dem Philipperbrief des Apostels Paulus. Sie gießen heilsames Wasser in den Wein des Triumphes. Es sind Verse, die uns auf unseren Gehorsam ansprechen. Aus dem Kontext von Phil 2 wird deutlich, welche Lebenshaltung Paulus mit Gehorsam verbindet: Christus war gehorsam, indem er sich erniedrigte (Phil 2,8), wie es der Philipperhymnus ausdrückt. Wer an Christus glaubt, zeigt Gehorsam, indem er sich ebenfalls „erniedrigt“, was nach Phil 2,3f bedeutet: sehen, was dem anderen dient und somit den anderen (höher als sich selbst?!) achten. Den Weg hin zu dieser Haltung beschreibt Paulus programmatisch: „Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.“ (Phil 2,12) Wenn ich dies wiederum auf das Reformationsfest beziehe, frage ich: Was hat Evangelischsein mit Gehorsam zu tun? Sind Gehorsam und Freiheit miteinander zu vereinbaren? Wo sind wir gefragt, unseren Eigennutz, unsere eitle Ehre (Phil 2,3) zu verabschieden und den anderen höher zu achten? Man muss nicht lange suchen. Vor kurzem wurde im Rahmen der Reformationsdekade das Jahr „Reformation und Toleranz“ begangen. In diesem Zusammenhang wurde eine offene Aufgabe der reformatorischen Kirchen direkt benannt: Menschen achten, die anders glauben als wir Evangelische. Auf den Kasus Reformationsfest bezogen rege ich an, diese Frage gedanklich auf unser evangelisches Verhalten in der Ökumene sowie im interreligiösen Gespräch zu beziehen.
Um dem engen Zusammenhang von Predigttext und Philipperhymnus gerecht zu werden, schlage ich vor, im Eingangsteil des Gottesdienstes den Philipperhymnus (EG Württ. Nr. 764) zu beten.

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