Reminiscere / 2. Sonntag der Passionszeit (16. März 2014)

Autorin / Autor: Hochschulpfarrerin Christina Jeremias-Hofius, Tübingen [christina.jeremias-hofius@elkw.de]

Hebräer 11, 8-10

Glaube – ein leicht zu verlierendes Gut …

So langsam, liebe Gemeinde, neigt sich wieder ein Jahr Konfirmandenunterricht dem Ende entgegen. In absehbarer Zeit werden die jungen Menschen, die in den vergangenen Monaten ganz selbstverständlich Teil unserer Gottesdienstgemeinde geworden sind, öffentlich, vor anderen, ihren – und unseren - Glauben bekennen, werden bestätigen, dass sie ab jetzt ihren christlichen Glauben selbst verantworten wollen.
Und ich sehe mir „meine“ Konfis an und frage mich, welche Bedeutung ihr Glaube für sie haben wird. Wie sie ihn leben und gestalten werden. Ob er ihr Leben prägt? Oder werden sie ihren Glauben eher wie einen Regenschirm für den Notfall mit im Gepäck haben? Was wird er ihnen bringen – sofern er ihnen gegenwärtig genug bleibt, um überhaupt in Gebrauch genommen zu werden? Denn irgendwie verhält es sich mit dem Glauben wie mit einer Fremdsprache - was ich nicht anwende, gerät ganz schnell in Vergessenheit und wird damit im Grunde nutzlos. Wobei diese Gefahr der Glaubensermüdung, des Glaubensvergessens nicht nur am Ende der Konfirmandenzeit besteht, sondern ein Christenmenschenleben lang.
Um diese Gefahr weiß auch der Verfasser des Hebräerbriefs, gegen sie kämpft er an. Fast flehentlich schreibt er seinen Leserinnen und Lesern: Werft euer Gottvertrauen, euren Glauben nicht weg!
Und fast meint man, die müde Gegenfrage mitlesen zu können: Aber was bringt er denn, der Glaube? Was nützt er? Man sieht doch nichts! Es ändert sich doch nichts!

… aber schad‘ wär’s drum!

Der Verfasser des Hebräerbriefs macht sich jetzt mit großer Sorgfalt an die Arbeit, diese implizite Anfrage zu entkräften. Er tut das, indem er Geschichten anreißt. Geschichten des Volkes Israel, also der Vorgeschichte Jesu, also unserer Vorgeschichte. Geschichten, in denen Menschen Gott glaubten, vertrauten und dadurch zu ganz Verschiedenem in der Lage waren. Zu Formen der Lebensgestaltung fähig wurden, die übrigens auch für uns moderne Menschen durchaus ihren Reiz und Nutzen haben.
Zwei dieser Geschichten, die der Verfasser anreißt, stellen heute den Predigttext dar. Es sind zwei Geschichten von Abraham. Die erste Geschichte wird nur mit einem Satz erinnert:

„Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme“ (11, 8).

Wozu der Glaube den Abraham zum Ersten befähigt…

Wir haben diese Geschichte vorhin ausführlicher in der Schriftlesung gehört. Gott ruft Abraham und teilt diesem mit, er solle weggehen. Und Abraham geht weg. Ohne äußere Not. Er ist kein Wirtschaftsflüchtling – und mit seinen 75 Jahren auch sicher nicht auf der Suche nach neuen Herausforderungen.
Und er geht, ohne einen blassen Schimmer zu haben, wohin ihn Gott führen wird. Er kommt dann im Land Kanaan an – aber einen Zielpunkt hat er dort nicht; weiterhin zieht er im Land umher.
Und wie schafft er das? Durch den Glauben!
Aufbrechen ohne klares Ziel. Wie sehr uns das zuwider läuft! Arbeiten mit Zielen, heißt heutzutage die Devise. Ziele erarbeiten, Maßnahmen ergreifen und Parameter benennen, anhand derer evaluiert werden kann. Und hier: Aufbrechen ohne klares Ziel. Ob wir die Abrahamsgeschichte wohl auch als Gottes zarten Hinweis verstehen dürfen: Menschlich gesetzte Ziele werden überbewertet?
Abraham jedenfalls hat und braucht kein Ziel. Er hat einen Auftrag. Von Gott. Dem er vertraut. Und darum geht er los, hinein ins Offene, in eine offene Zukunft.

… und uns auch?

Ja, Abraham. Der ist ja berufen. Aber wir? Wir doch auch, oder? Wenn bei der Taufe gesagt wird: „So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen – gerufen! – du bist mein!“, dann steht das doch fest: Du, Sie und ich – auch wir Getauften sind von Gott gerufen. Dazu gerufen, unser Leben als Gottes Kinder zu gestalten. In aller Offenheit, in eine offene Zukunft hinein. Und diese Gestaltung kann gegebenenfalls auch für uns ein Weggehen beinhalten: ein Weggehen von alten, liebgewordenen Meinungen und Formen. Ein Sich-Lossagen vom Diktat der Meinung der Vielen. Eine Entscheidung gegen etwas. Ein Aufbruch – wohin auch immer – manchmal gewiss auch in dem Wissen „Neues ist angesagt!“
Und wie schafft man das – diese Offenheit und Unklarheit auszuhalten? Wie Abraham: durch den Glauben. Der dann inhaltlich gefüllt sein kann im Sinne von Psalm 121, dass man vorausschauend darauf vertraut, dass Gott einem helfen und Ausgang wie Eingang segnen wird. Oder auch erinnernd im Sinne des Psalmverses, der diesem Sonntag seinen Namen gegeben hat: Reminiscere – Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind. Da war was – von Ewigkeit her sogar – und das wird wieder sein. Weil der treue Gott sich erinnern lässt. Also: Let’s go. Fürchte dich nicht.
Durch den Glauben lässt es sich gut – besser – am besten aufbrechen. Auch ohne vorhersehen zu können, was kommt. Gottes Hilfe wird schon sichtbar werden. Das zählt. Getragen, nicht getrieben aufbrechen.

Wozu der Glaube Abraham zum Zweiten befähigt …

Abraham zieht durch den Glauben los in ein Land, das er erben sollte, das sein Erbteil sein sollte.
Und an dem Gedanken vom Erbteil, knüpft nun die 2. Geschichte an, die angerissen wird, um das Glauben schmackhaft zu machen:

„Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung.
Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“ (11,9-10).

Da kommt Abraham in dem Land an, das seines sein soll, und was tut der gute Mann? Er haut Pflöcke in den Boden, baut seine Zelte auf. Aber er legt keine Fundamente. Er nimmt das Land nicht in Besitz. Er bewohnt es so, als gehörte es einem anderen. Aber es ist doch das Land der Verheißung! Das ihm versprochene Land! Warum verhält er sich nur so? Wie ein Fremdling, ein Zuwanderer, ein Ausländer, der sich kein Land aneignen darf? Wörtlich übersetzt sagt der Verfasser: Abraham wohnt dabei, nämlich bei den Menschen, die das Land schon besiedeln. In Zelten wohnt er; so betont der Verfasser und unterstreicht damit, wie wenig Abraham angekommen ist, wie sehr er noch auf dem Weg ist. Und zugleich benutzt der Verfasser in demselben Satz noch ein anderes Wort für wohnen, ein Wort, das das Mitwohnen, das Sich-Niederlassen und Bleiben meint. Leben in dieser Spannung: Einerseits jederzeit wieder bereit zum Aufbruch, andererseits doch ganz da. Warum verhält Abraham sich so? Warum wird er nicht initiativ? Warum fängt er nicht an zu gestalten, sich als homo faber zu betätigen? Warum baut er nicht, am besten gleich eine Stadt mit Mauern und Grundfesten, die Bestand hat und Sicherheit bietet? In der man miteinander wohnt?
Durch den Glauben. Weil er die Vollendung und Erfüllung der Verheißung Gott überlässt. Gott soll das tun. Ihm einen Grund geben, einen Ort zum Bleiben geben. Gott soll den Ort herstellen, wahr werden lassen. Gott soll sie bauen und er soll die nötigen Voraussetzungen für das Miteinander schaffen. Beides benennt der Verfasser.
Abraham wartet. Und wie hält er das aus? Durch den Glauben.
Abraham kann warten. Er muss kein Macher sein und alles in die eigenen Hände nehmen. Gewissermaßen streckt er Gott seine leeren Hände hin: Mach du. Vollende deine Verheißung. Abraham kann warten. Er hat seinen Platz, seinen Ort noch nicht gefunden. Er lebt mit anderen und bleibt doch einer, der nicht dazugehört. Er lebt vorläufig – und doch ganz präsent. Und offensichtlich findet er das gut und ganz und gar nicht defizitär. Weil er durch den Glauben darauf vertraut: Ich bekomme das Verheißene noch.

… und uns auch?

Seinen Platz noch nicht haben – nicht angekommen zu sein – und das gut finden – welch ein Segen, sein Leben mit all den Unerfülltheiten so leben zu können. Denn wie viele Menschen leiden darunter, wenn sie das Gefühl haben, nicht wirklich und ganz dazuzugehören? Sich als „Reingeschmeckte“ zu fühlen? Wie viele Menschen sehnen sich danach, endlich ihren Platz zu finden? Wie viele Menschen empfinden ihr Leben deswegen als unbefriedigend, eben defizitär?
Durch den Glauben werden wir befähigt, die noch ausstehenden Erfüllungen auszuhalten und sogar positiv zu sehen und zu bejahen. Weil sie uns daran erinnern: Da kommt noch etwas. Ganz gewiss. Gott hat es versprochen.
Und auch das andere, das Nicht-Gestalten-zu-Müssen, hat ja etwas Heilvolles. Weil es uns erlaubt uns in unserer Begrenztheit und eben nicht All-machbar-keit wahr und ernst zu nehmen und uns nicht zu überfordern. Gott vollendet seine Verheißung, er richtet sein Reich auf. So soll es sein.

Zu glauben – in der Tat ein kostbares Gut

Durch den Glauben lässt es sich also gelassener mit noch Offenem, mit unseren Sehnsüchten und auch mit unseren Grenzen leben. Kann man neugierig auf Gottes Zukunft sein, auf das, was sich hinter dem Horizont zeigen wird. Gelassen in Blick darauf, wohin mich mein Weg noch führt. Präsent und doch bereit zum Weitergehen, wenn es nötig wird. Verbunden, aber nicht verhaftet. Also frei.
Mit Händen, die sich Gott entgegenstrecken: Füll Du mir die Hände. Und: Dein Reich komme.
Entlastet von dem Druck, alles selbst in die Hand nehmen zu müssen.
Durch den Glauben. So gut tut er. Also, liebe Konfis, liebe Christenmenschen, hört die alte und noch immer aktuelle Bitte: Werft euren Glauben nicht weg, sondern wendet ihn an – euch zu Gute und zum Gewinn und Gott, der euch berufen hat, zur Ehre. Amen.



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