Septuagesimae (16. Februar 2014)

Autorin / Autor: Prälat i.R. Hans-Dieter Wille, Tübingen [Hd.wille@gmx.de]

Römer 9, 14-24

Liebe Gemeinde!
Der Predigttext, der für diesen Sonntag vorgeschlagen ist, klingt beim ersten Hören wie eine ungeheure Zumutung. Wie wenn ein göttlicher Despot sprechen würde, dem jeder von uns auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Wir können diese Sätze des Paulus, die er der Gemeinde in Rom schreibt, freilich auch ganz anders hören. Wir können sie als Evangelium, als eine frohe Botschaft hören. Ich lese Römer 9, 14- 24.
Liebe Gemeinde, „was sollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott ungerecht? Das sei ferne.
Denn er spricht zu Mose: ´Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig….`
So erbarmt er sich, wessen er will, und verstockt, wen er will“(9, 14.18).

Das Leben ist nicht gerecht

Es ist für unseren Glauben nicht einfach, liebe Gemeinde, uns auf diese Sätze einzulassen, ohne sie gleich von uns zu weisen.
Es ist gut, wenn wir uns ihnen ehrlich stellen.
Für Paulus war es zeitlebens ein großer Schmerz, dass nur ein ganz kleiner Teil seiner früheren jüdischen Glaubensgenossen mit dem Glauben an Jesus Christus etwas anfangen konnte. Im Gegenteil: Von Anfang an bekämpften sie diesen neuen Glauben. Paulus, als er noch Saulus hieß, war da selbst mit großem Eifer dabei.
Warum können die einen glauben und die anderen können es nicht? Warum habe ich eine mein Leben von Grund auf verändernde Bekehrung erlebt – für die meisten anderen ist sie ausgeblieben? Warum?
Drei Kapitel lang setzt sich Paulus im Römerbrief mit dieser Frage auseinander.
„Ist denn Gott ungerecht?“ So fragen sie ihn, so hat er sich wohl selbst immer wieder gefragt. Und es hat ihm wehgetan, es hat seinem Glauben an Gottes Gerechtigkeit wehgetan, so fragen zu müssen.
Auch für uns, fast 2000 Jahre danach hat dieses Fragen nicht aufgehört. Denn es ist mit eigenen bitteren Erfahrungen verbunden, Erfahrungen, die uns allen vertraut sind. Warum geht es so ungerecht zu in unserer Welt – und in meinem Leben – werden manche hinzufügen. Wo es doch seine Welt ist, Gottes Schöpfung?!
Wir haben schon als Kinder protestiert, wenn der Spielkamerad ein Fahrrad bekam – und wir mussten noch warten. Wenn die Note einer Klassenarbeit bei unserem Nebensitzer viel besser ausfiel als die unsrige– und wir hatten doch viel mehr gelernt als er und hielten uns überhaupt in diesem Fach für gescheiter. Warum der und nicht ich?
Was ist das für ein Gott, der solche ungerechten Zufälle zulässt, ja sie vielleicht sogar veranlasst?! Wo wir doch schon damals, als wir noch klein waren, gesungen haben: „Kennt auch dich und hat dich lieb…“
Was ist das für eine Liebe?
Und noch schwieriger wird es für uns als Erwachsene, die weltweite Ungerechtigkeit einfach hinzunehmen und auszuhalten, eine Ungerechtigkeit, die – selbst wenn sie von uns Menschen gemacht und von uns Menschen auch überwunden werden könnte – doch unter seinem Himmel stattfindet, ein Himmel, der „über allen“, wirklich über allen Menschen „aufgehen“ soll?!
Oder der eine kann seinen Ruhestand „bei guter Gesundheit genießen“, wie wir sagen, während der andere – gleich alt – mit einer unheilbaren Krankheit zu kämpfen hat.
Ist das gerecht, lieber Gott?

Kann ich Gott noch vertrauen?

Diese Frage hat nicht nur einen Paulus, hat nicht nur die Christen in Rom umgetrieben, so haben schon die Psalmbeter Jahrhunderte zuvor gefragt: klagend, anklagend, vor allem angefochten in der Gewissheit ihrer Gottesbeziehung. Verdient ein solcher Gott noch mein Vertrauen? Kann ich überhaupt noch an ihn glauben?
Und die meisten fragen das nicht nur als Zuschauer ihres Lebens und ihrer Welt, sondern in tiefer, persönlicher, existentieller Betroffenheit: „Warum, mein Gott, warum das gerade mir und uns?!“
Christus selbst hat am Kreuz diese Frage geradezu herausgeschrien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!“
Und damit hat er sich zu denen gestellt, die auch von dieser Frage umgetrieben sind, ja an dieser Frage manchmal verzweifeln, die dabei an ihrem Gott und ihrer Welt verzweifeln.

Warum sind wir verschont geblieben?

Doch auch wir könnten im Blick darauf, dass wir selber verschont geblieben sind, fragen: Warum? Warum saßen wir nicht in dem Flugzeug, das abgestürzt ist? Nicht in dem Auto, das auf glatter Fahrbahn gegen einen Baum fuhr? Nicht in dem Schiff, das unterging?
Warum leben wir in Ehen, Familien und Freundschaften, wo wir Respekt, Zuneigung und Liebe erfahren, wo wir Zuhause sind und uns ohne dieses Zuhause unser Leben gar nicht vorstellen könnten? Dabei denke ich an die Begabungen, die mir geschenkt wurden, mir und anderen zur Freude; daran, dass es Menschen gibt, denen ich vertraue, auf die ich mich verlassen kann, mit denen ich gut zusammenarbeite.


Unverfügbar - unverdient

Auch da könnte ich fragen und tue es ja bisweilen: Womit habe gerade ich das verdient? Welche Vorzüge kann ich geltend machen, dass es mir nicht so geht wie Millionen von Menschen, über deren schlimme Erfahrungen die Nachrichten jeden Tag berichten? Die Antwort des Paulus ist eindeutig:
„So liegt es nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.“
Wir sind es gewohnt, unser Wollen und die Abläufe der Tage, die Wochen und Monate eines Jahres genau zu planen.
Und doch wissen wir oder müssen hin und wieder darauf gestoßen werden: Unser Leben läuft nicht nach Plan. An den Ereignissen und dem, was unser Leben entscheidend geprägt und ihm eine bestimmte Richtung gegeben hat, haben wir es erfahren und erfahren es immer wieder aufs Neue: Leben ist bei allem notwendigen Planen, bei aller selbstverständlichen Vorsorge letztlich unverfügbar. Wir haben unser Leben nicht in der Hand.
Dass ich existiere und lebe, erwache und schlafe und wieder einen neuen Tag beginne, dass es das überhaupt gibt: mein Leben, dass da Brot ist und mehr als Brot, meine Begabung, meine berufliche Erfahrung, die sich anderen mitteilt und ihnen hilft – und dass vor allem Menschen da sind, die mich wahrnehmen und mich mögen – wer kann mit Ernst behaupten und sagen: „Das ist mein Verdienst. Das habe ich mir zuzuschreiben?“ Offenbar ist das so, auch wenn wir’s oft nicht wahrhaben wollen: Das Entscheidende für mein Leben wird von mir nicht hergestellt. Es ist mir im wahrsten Sinn zugewachsen. Ich kann eigentlich nichts dafür.

Nicht Schicksal, sondern „Gottes Erbarmen“

Die einen nennen das „Glück gehabt“ oder – mit einem Achselzucken: „Schicksal!“
„Und im Zweifelsfall bist du selbst dran schuld, dass es so gekommen ist. Dann bist du dir halt selber zum Schicksal geworden. Dein Pech!“ Auch so kann man reden, um die schmerzende Frage nach der Ungerechtigkeit des Lebens für sich zu beantworten. Es ist eine „Antwort“, die im Grunde keine ist.
Bei Paulus heißt die Antwort statt „Schicksal“: „Gottes Erbarmen“.
„Gottes Erbarmen“ – das ist nicht nur eine fromme Redewendung, sondern eine unser Innerstes berührende Erfahrung. Gottes Erbarmen – das zeigt sich in einem Wort, in einem Blick, in einer Haltung. „Und als er ihn sah, erbarmte er sich seiner.“ So steht es im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 33).
Das Gleiche wird vom Vater des „Verlorenen Sohnes“ erzählt: „Und da er ihn von weitem sah, hatte er Erbarmen mit ihm, lief ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn“(Lk 15, 20). „Heute will ich in deinem Hause einkehren“ (Lk 19, 5). Das sagt Jesus zum Zöllner und Betrüger Zachäus, der aus guten Gründen von allen gemieden wird. Oder das Wort Jesu zu den Männern, die die Ehebrecherin zu Tode steinigen wollen: „Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie“ (Joh 8, 7).
In diesen und anderen Geschichten des Neuen und auch des Alten Testaments wird es anschaulich, was Paulus mit „Gottes Erbarmen“ meint. Es ist Gottes Liebe, deren Ankunft auf dieser Welt und in meinem Leben wir an Weihnachten gefeiert haben, eine Liebe, die wir freilich nicht einklagen können wie eine Dienstleistung, für die wir bezahlt haben.

Nur die nicht einklagbare Liebe kommt von Herzen

Keine Liebe ist einklagbar, auch wenn wir uns das manchmal sehr wünschten. Das anzuerkennen, ist manchmal nicht leicht. „Was haben wir nicht alles für dich getan“, sagen die Eltern zu ihren erwachsenen Kindern. „Da hätten wir doch etwas mehr Liebe verdient.“
Doch was für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen gilt, gilt auch für unsere Beziehung zu unserem Gott. Zum Wesen der Liebe, auch der göttlichen Liebe gehört ihre Freiheit. Nur wo die Liebe frei ist, wo wir nicht lieben müssen, ist unsere Liebe echt und kommt von Herzen.
Auf eine berechnete, mit irgendwelchen Vorleistungen eingeforderte und eingeklagte Liebe können wir, liebe Gemeinde, im Grunde verzichten.
Lieben und geliebt werden ist kein Tauschhandel, nach dem Motto: „Gib mir was, dann kriegst du was.“ Denn in der Konsequenz hieße das: Wenn ich diese Vorleistungen nicht mehr erbringe, wenn ich also meinem Gegenüber etwas schulde, ja wenn ich an ihm oder ihr schuldig werde, dann würde ja eine solche, auf dieser kalkulierten Gerechtigkeit beruhenden Liebe mit einem Schlag aufhören – und ich dürfte mich dann auch nicht wundern, wenn das so wäre.
Auch mein Glaube müsste in der ständigen Angst leben, Gottes Liebe zu verlieren oder sie mir immer erneut verdienen zu müssen. „Aber Furcht ist nicht in der Liebe“, heißt es im 1. Johannesbrief, “sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus“ (1. Joh 4, 17.18).
Auch Gottes Liebe, Gottes barmherzige Gerechtigkeit wurde und wird oft so verstanden. Als ob wir sie uns verdienen müssten.

In Gottes Namen mit seinem Leben nicht hadern müssen

Wenn ich das glauben kann, dass Gott die Liebe ist – und nicht anderes sonst und daneben, ein liebloses Ungeheuer etwa – dann gilt das auch dann, wenn ich diese seine schöpferische Liebe in dieser Welt und in meinem Leben nicht gleich auf den ersten und auch nicht auf den zweiten Blick erkenne, wenn ich allen Grund habe, mit meinem Leben zu hadern.
„Warum hast du mich so gemacht? Warum muss ich so sein, wie ich bin? Zu mir selber und zu den Anderen?“ Wir kennen das, diese Unzufriedenheit mit uns selbst. Aber nun will unser Text – und das ist sein Evangelium – den Blick wegrücken, von dem, was uns an unserem Gott und an uns selbst manchmal verzweifeln lassen könnte, weg von den „Gefäßen des Zorns“ (9, 22), wo wir – von unserem Gewissen gequält – nicht selten gnadenlos über uns selbst zu Gericht sitzen, hin zu den „Gefäßen der Barmherzigkeit“; hin zu den Erfahrungen unseres Glaubens also, wo wir allen Grund haben, dankbar zu sein, dankbar trotz allem, was uns an Schwierigem oder Schlimmen zugemutet wird und über das wir nicht gleich hinwegkommen.
Dankbar – diese Erfahrung habe ich immer wieder gemacht – das sind erstaunlicherweise nicht nur die Menschen, die anscheinend immer nur Glück gehabt haben in ihrem Leben. Wer dankbar sein kann, der muss nicht den Schmerz, die große Enttäuschung, die vergeblichen Mühen einfach ausklammern. Zum Wesen der Dankbarkeit gehört es, dass ich auch das Belastende meines Lebens, das noch nicht Aufgearbeitete und Verarbeitete, die nicht geheilten Wunden als zu meinem Leben dazugehörig ansehen kann.
Als wär´s ein Stück von mir.

Der Grund der Dankbarkeit: Gottes Ja zu meinem Leben

Auch wenn wir manchmal regelrecht aus unserer Haut fahren und nicht unbedingt immer nur wir selber sein möchten – es gilt das uneingeschränkte Ja des Schöpfers zu seinem Geschöpf, auch in den Anfechtungserfahrungen unseres Lebens. Das mir und nur mir von Gott zugemutete und nicht austauschbare Leben ist und bleibt sein „Gefäß“, das „Gefäß seiner Barmherzigkeit“, in das er viel hineingelegt hat und das von dem Empfangenen viel weitergeben kann. Auch dann, wenn meine Lebensmöglichkeiten eingeschränkt sind.
Es ist Kraft seines Erbarmens, dass ich diese eigentlich einander widersprechenden Erfahrungen meines Lebens – in Gottes Namen – beieinander halten und aushalten kann: Erfolg und Niederlage, Gesundheit und Krankheit, Glück und Unglück. Denn sein Erbarmen ist jene Kraft, von der wir glauben, dass sie auch „in den Schwachen mächtig“ ist. Amen.

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