Sexagesimae (23. Februar 2014)

Autorin / Autor: Kirchenrat Dr. Ernst Michael Dörrfuß, Bad Urach [ErnstMichael.Doerrfuss@pastoralkolleg-wue.de]

Apostelgeschichte 16, 9 -15

Wie geschieht das eigentlich, dass Gottes Wort nicht wieder leer zu ihm zurückkommt, liebe Gemeinde? Wie geht das vor sich, dass Gottes Wort tun wird, was ihm gefällt und diesem Wort gelingt, wozu Gott selbst es sendet (Jes 55,11)?
Noch einmal anders gefragt: Wie kommt das Evangelium zu den Menschen? Wie findet die gute Nachricht von Jesus Christus ihren Weg? Wie kommen Gottes Wort und die Worte von Menschen so zusammen, dass das Wort Gottes Frucht bringt – es dreißig-, sechzig-, ja hundertfach tut (Mk 4,8)?
Mir scheint, dass auch der uns für den heutigen Sonntag gegebene Predigttext diesen Fragen nachspürt – und seine Antwort auf diese Fragen findet.
Aus der Apostelgeschichte des Lukas lese ich im 16. Kapitel die Verse 9 bis 15.

"Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!
Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen. Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Mazedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt.
Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.
Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der HERR das Herz auf, so dass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber mit ihrem Haus getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den HERRN glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns."


… komm herüber!

Mit einem Traumgesicht beginnt der Weg des Evangeliums, der guten Nachricht von Jesus nach Europa. Einen Mann sieht Paulus im Traum. Sein mazedonisches Outfit/Tracht weist die Richtung. Und auf sein Rufen hin ändern Paulus und seine Begleiter ihre ursprünglichen Reisepläne: „Komm herüber und hilf uns!“ – Da bleibt ihnen nichts anderes übrig als aufzubrechen, da hat zweifelndes Zögern ebenso wenig Raum wie prüfendes Abwarten. Die Gefährten sind sich sicher: Ihre Reise von Kleinasien übers Meer nach Mazedonien und Europa verdankt sich nicht irgendeiner Laune. Sie entspricht dem Willen des lebendigen Gottes.
Unverhofft tun sich hier neue Räume auf für die gute Nachricht von der Liebe Gottes zu allen Menschen. Und wenn Paulus und seine Begleiter diese frohe Botschaft in diese neuen Räume tragen – sie in anderen Landschaften und Städten zu Gehör bringen, sie Menschen sagen, die bisher draußen vor geblieben waren – dann tun sie das im Vertrauen auf die Zusage, die Gott dem Propheten in den Mund gelegt hat: Gottes Wort, es wird nicht wieder leer zu ihm zurückkommen. Es wird tun, was Gott gefällt. Ihm wird gelingen, wozu Gott es sendet. Es wird Frucht bringen (Jes 55,10-11).

… wir setzten uns und redeten

Ein paar Tage sind vergangen seit der Ankunft in Philippi. Sabbat ist’s, so erfahren wir – der jüdische Ruhetag, Unterbrechung des Alltags, ein Tag des Aufatmens in der Gegenwart Gottes, ein Tag der Ruhe, des Nachdenkens und Hörens, des Betens und Miteinander-Redens.
Allerdings: Nur eine kleine Minderheit der Einwohner Philippis versteht diesen siebten Tag der Woche so. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung geht auch an diesem Tag ihren Alltagsgeschäften nach. Auf dem Marktplatz wird Handel getrieben, im Schatten der Arkaden werden Geschäfte getätigt. In den Handwerkervierteln hört man’s hämmern und klopfen, drehen sich die Töpferscheiben. Auf den Straßen und in den Gassen herrscht Gedränge, werden die Statuen verschiedener römischer oder griechischer Götter bestaunt und verehrt. In der Ringerschule trainieren die Sportler.
Draußen, vor den Mauern der Stadt, sind die zusammengekommen, die sich unterbrechen lassen an diesem siebten Tag der Woche. – Frauen haben sich an der jüdischen Gebetsstätte am Flussufer versammelt. Es wird kein Haus gewesen sein, sondern ein schattiger Platz im Freien, der einlädt, sich Zeit zu nehmen und Ruhe zu finden zum Hören auf die Worte der Heiligen Schrift, zum Gespräch mit Gott und dem Gespräch untereinander.
Mit diesen Frauen unterhalten sich Paulus und seine Begleiter.
Eine von diesen Frauen heißt Lydia.

… der tat der Herr das Herz auf

Eine Reingeschmeckte ist sie – sie stammt aus Thyatira in Kleinasien. Purpurhändlerin ist Lydia, sie verkauft kostbare, mit dem Rot der Purpurschnecke gefärbte Stoffe. Eine Kauffrau ist Lydia, die das Leben kennt und sich auskennt in der Welt, der großen Welt des Purpurhandels und der kleinen Welt der römischen Provinzstadt Philippi.
Gottesfürchtig nennt unser Text die Lydia. Auch wenn sie nicht zur jüdischen Gemeinde gehört, fühlt sie sich angesprochen vom Gott der Bibel, fühlt sie sich angesprochen von der Idee, dass Menschen ihr Leben an seinem guten Willen ausrichten; es am Festtag tun und in ihrem Alltag.
Eine, die sich an den Gott der Bibel halten will, eine die das Leben kennt, eine, die sich auskennt in der Welt ist Lydia. – Und: Lydia ist eine, die in der Lage ist, Dinge zu prüfen – und Gutes zu behalten.
Genau hört Lydia dem zu, was Paulus zu sagen weiß. Sie hört genau hin mit ihren Ohren, lässt ihren wachen Verstand nicht außen vor – und öffnet ihr Herz; lässt es sich öffnen.
Gott selbst öffnet Lydias Herz, so erzählt es Lukas.
Gott selbst öffnet Lydias Herz, so dass die frohe Botschaft von Jesus Raum finden kann, Wohnung nimmt in dieser Frau, sie füllt und erfüllt – Wurzeln schlägt und Frucht trägt, weit über diesen Sabbatnachmittag hinaus.
Was Lydia hört an jenem Nachmittag am Fluss vor den Mauern Philippis, das lässt sie nicht mehr los.
Was sie dort erfährt von der Liebe Gottes, die in Jesus Mensch geworden ist, die allen Menschen zugut Leid auf sich genommen hat und den Tod, das verändert ihren Blick. Was sie in Erfahrung bringt vom am Ostermorgen wahr gewordenen Sieg des Lebens über den Tod, was in ihr Herz dringt von Gottes Gnade, die genügt, von seiner Kraft, die in den Schwachen mächtig ist (2. Kor 12,9) – das alles bewegt sie.
Es bewegt Lydia so, dass sie sich taufen lässt. Zusammen mit ihrem ganzen Haushalt, mit ihren Angestellten und ihrer Familie lässt Lydia sich taufen. Sie und alle, die unter ihrem Dach wohnen, werden gemeinsam Glieder am Leib Christi.

… so kommt in mein Haus und bleibt da

Sichtbar werden soll, dass Lydia sich mit Paulus und seinen Begleitern verbunden weiß. Und so lädt sie ihre Gesprächspartner von jenem Samstagnachmittag dort am Fluss ein. Sie bietet ihre Gastfreundschaft an, gibt so ihrer Liebe zu Gott und zu den Menschen Ausdruck.
Eine Herberge bietet Lydia, Raum zur Begegnung, zum Gebet und Gespräch, Raum den Alltag außen vor zu lassen; später Zuflucht für die aus dem Gefängnis Freigekommenen. Ein Dach über dem Kopf bietet Lydia, Schutz vor den heißen Strahlen der Sonne, vor nächtlicher Kälte und vor Regen. Essen und Trinken bietet Lydia ihren Gästen an – auf dass sie zusammen mit allen Hausbewohnern schmecken und sehen können, wie freundlich der lebendige Gott ist – dass er „gut“ ist zu seiner Schöpfung und seinen Geschöpfen, denen er nahe ist, nahe kommt; deren Herz er auftut.

So also kann es geschehen, dass Gottes Wort nicht wieder leer zu ihm zurückkommt, liebe Gemeinde. So kann es zugehen, wenn Gottes Wort tut, was ihm, Gott selbst gefällt - und seinem Wort gelingt, wozu er selbst es sendet (Jes 55,11)?
Ganz unspektakulär kommt das Evangelium zu den Menschen, weil Menschen miteinander ins Gespräch kommen und aufeinander hören.
In Kleinasien nimmt die uns von Lukas erzählte Begebenheit ihren Anfang. Von Philippi aus wird die gute Nachricht von Jesus ihren weiteren Weg durch Europa finden – über Athen und Rom ist sie irgendwann auch an unseren Ort gekommen. Weil Gott Menschenherzen geöffnet hat, weil Gott auch heute Menschenherzen öffnet, weil Menschen auch heute das Evangelium einander weitersagen und miteinander auf Gottes Wort hören; auf dass die frohe Botschaft Frucht bringt – dreißig-, sechzig-, hundertfach (Mk 4,8).
Amen.

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