1. Sonntag nach Epiphanias (11. Januar 2015)

Autorin / Autor: Pfarrerin Elisabeth Küfeldt, Ansbach [kuefeldt@web.de]

Matthäus 3, 13-17

Liebe Gemeinde,
von irdischer Dramaturgie hält Gott offenbar nichts.
Schon die Weihnachtsgeschichte, so wie sie in der Bibel erzählt wird, gibt wenig her: Die künftige Gottesmutter, die beim Anblick des Engels fast zu Tode erschrickt, ist ein Kleinstadt-Mädel aus Nazareth, der Ziehvater für den angekündigten Messias wird ein verschwitzter Handwerker mit schwieligen Händen. Na toll. Der Engels-Chor, das einzig Glamouröse am Heiligen Abend, verschönt nicht etwa die Kern-Szene, die Geburt des Gottessohnes, sondern verirrt sich auf die Schafweiden. Was zur Folge hat, dass das magere Publikum aus einer Handvoll ungebildeter Hirten besteht. Die einflussreiche High-Society erfährt (viel später!) über Dritte, Ausländer auch noch, dass eine spezielle Sternkonstellation darauf hindeutet, dass ein künftiger König geboren worden sein soll – da kommt in Jerusalem keiner vom Sofa hoch.
Aus der Geschichte würden heutige Werbestrategen was ganz anderes machen! Man muss sich nur anschauen, wie das jeweils neueste I-Phone präsentiert wird: die Erwartungen werden aufgeheizt, bis alle Welt nach genau diesem Teil lechzt – und wie es dann der sehnsüchtigen Menschheit vorgestellt, – nein: dargeboten wird: das schindet schon richtig Eindruck! Wobei, zugegeben, dieser Effekt auf Dauer nicht mithalten kann mit unserer 2000 Jahre alten Weihnachtsgeschichte…
Von irdischer Dramaturgie hält Gott nichts, auch nicht, als es dann um den Start Jesu ins öffentliche Wirken geht. Wir lesen davon im heutigen Predigtabschnitt Matthäus 3, die Verse 13 folgende:
„Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?
Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er's geschehen.
Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Von irdischer Dramaturgie hält Gott nichts?Wenn Sie jetzt meinen: Da ist doch immerhin von einem sich öffnenden Himmel und einer Taube und göttlicher Stimme die Rede, das ist doch höchst dramatisch – Achtung! Matthäus betont ausdrücklich: Da öffnete ihm, Jesus, sich der Himmel und er sah den Geist herabkommen, und die Stimme aus dem Himmel hört möglicherweise nur er, jedenfalls bleibt sie ohne jede Resonanz beim Volk.
Ganz offensichtlich findet hier nicht die öffentliche Präsentation des kommenden Welterlösers statt.
Johannes hatte ja vorgearbeitet: Ich bin nicht der Messias!, hatte er den Vielen gepredigt, der kommt nach mir. Der wird so viel bedeutungsvoller sein, dass ich ihm kaum die Pantoffeln bringen kann. Gegen dessen Feuer- und Geisttaufe ist meine Taufe reines Wasserplantschen. Ich bin nur das Vorprogramm.
Logisch wäre also gewesen: Johannes sieht Jesus, er als Prophet erkennt den Messias, auf den er noch glühender wartet als die Menschenmassen um ihn herum. Und er ergreift die Gelegenheit beim Schopf und hält seine letzte, flammende Predigt: Leute, Gott sei’s getrommelt und gepfiffen, das ist er!! Der Messias ist da! Und dann klopft Jesus ihm auf die Schulter und sagt „Danke, Johannes, von hier ab übernehme ich.“ Wenn sich dann der Himmel öffnet und die Menschenmenge kriegt bestätigt „Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ – das wäre ein klassischer Amtsantritt mit allen Ehren.

Die Taufe Jesus – erst mal eine Sache zwischen Vater, Sohn und Heiligem GeistSo läuft die Sache aber nicht, Sie haben’s gehört. Jesus verwehrt Johannes die Verehrung und steigt in das Wasser, wie Hunderte und vielleicht Tausende an dieser Stelle vor ihm; und nach ihm geht der Strom der Büßer weiter, die ihre Sünden bekennen vor Johannes und sie abgewaschen kriegen im Jordan. Nur für Jesus wird dieser Moment besonders: Für einen kurzen Augenblick, wie eine Stärkung für das, was auf Jesus zukommen wird, kommen Vater, Sohn und Heiliger Geist nochmal zusammen. Und Gott, der Vater, kommentiert gewissermaßen das, was sein Sohn mit dieser Taufe getan hat: das Tor, das seit dem Sündenfall geschlossen ist zwischen Gottes Welt und dieser sündigen Erde wird geöffnet und voller Freude bestätigt er: Jawohl, das ist mein Sohn, mein geliebter Sohn!
Wenn Gott sich so freut, dann lohnt es sich, nochmal genau hinzuschauen auf diese drei kleinen Verse. Was geht denn da vor sich?

Jesus sucht die Nähe der SünderDas Erste: Jesus kommt aus Galiläa zur Taufe an den Jordan. Das ist bemerkenswert, denn ansonsten heißt es: Die Leute aus Jerusalem und den Ländern am Jordan kamen zu Johannes, wohl in hellen Scharen, aber immerhin aus der Umgebung. Jesus allein macht eine Reise von gut 100 Kilometern, aus dem fernen Galiläa an den Unterlauf des Jordan. Zu seinem ersten öffentlichen Auftritt zieht es ihn – wohin? Zu einer Menge von Menschen, denen sehr klar bewusst ist, dass sie nicht in Ordnung sind. Denen das Gewissen schwer ist. Denen riesengroß vor Augen steht, was sie alles von Gott trennt. Und die deshalb zur Taufe drängen. Nicht als religiöse Dekoration für ein Familienfest (oh, wie ist unsere Taufe oft verkommen!), sondern aus der Not heraus: Ich möchte doch zu dem heiligen Gott Israels gehören und es ist so Vieles zwischen mir und ihm. Johannes gibt noch Pfeffer dazu für die Selbstsicheren und Frommen und deckt in scharfen Tönen die Schuld aller Menschen auf.
Und dahin zieht es Jesus. Das ist seine Art von Amtsantritt, eine Regierungserklärung sozusagen: Denen will ich nahe sein, die will ich trösten, die über sich erschrecken, die mit leeren Händen vor ihrem Gott stehen. Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken, so wird er später sagen. Mit seiner ersten Reise schon sagt er den Menschen aller Zeiten und damit auch uns „Auch müsst ihr nicht erschrecken vor eurer Sündenschuld. Nein, Jesus will sie decken mit seiner Lieb und Huld“ (EG 11,8).

Jesus „holt sich den Tod“ im JordanwasserUnd dann? Dann steigt er in das Wasser des Jordan hinein.
Vor etlichen Jahren war ich am Jordan an dieser Stelle, wo vermutlich Johannes gepredigt und getauft hat. Es war gruslig! Durch die intensive Nutzung des Jordanwassers in der Landwirtschaft kommt nicht mehr viel Wasser im Unterlauf an – und das war zum Steinerweichen dreckig. Trotzdem gab es Leute, die es sich nicht nehmen ließen, an genau dieser Stelle im Jordan zu baden, weil es eben die Taufstelle Jesu ist. Ich hab unwillkürlich gedacht „Da holt man sich doch den Tod! Die kommen sicherlich dreckiger raus, als sie reingingen.“
Mir ist das zum Bild geworden für das, was mit Jesus bei seiner Taufe geschehen ist: Zeichenhaft ist er in das Wasser gestiegen, in dem Hunderte vor ihm und nach ihm ihre Sünden haben abwaschen lassen. Und er, der völlig rein war, ohne Sünde und Schmutz, der hat sich tatsächlich den Tod geholt in der Sünde der Menschen! Schon hier, als Regierungserklärung, macht Jesus den „fröhlichen Wechsel“ deutlich: Du bekommst meine Reinheit, Du darfst deine Sünde loswerden, und ich nehme Deine Schuld auf mich.

Gottes Gerechtigkeit wird erfüllt: von Jesus, für uns MenschenUnd noch ein Letztes: Jesus sagt zu Johannes, als der lieber von Jesus getauft werden möchte als umgekehrt „Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ Wenn Jesus von Gerechtigkeit spricht, meint er damit nicht unsere Gerechtigkeit, mit der wir dafür sorgen, dass kein Kind bei den Weihnachtsgeschenken benachteiligt wird. Gerechtigkeit geht weit darüber hinaus und meint: gemeinschaftsfähig sein. Unter Menschen und mit Gott. Da gehört sicherlich eine zählende, mathematische Gerechtigkeit dazu, aber noch viel mehr: Es gehört Liebe dazu und Barmherzigkeit und Demut und Sich-selber-zurücknehmen-Können und Weisheit und Geduld und all die anderen Dinge, die wir immer nur ansatzweise und höchst unvollkommen haben. Was uns dann eben immer wieder voneinander und, ganz massiv, von Gott trennt. Jesus sagt: „Alle Gerechtigkeit wird erfüllt, zeichenhaft jetzt und hier, mit diesem Austausch: Meine Gerechtigkeit wird eure Gerechtigkeit, in dem ich in diese Sündenbrühe hineinsteige und mir euren Tod hole; das ist eure Chance, die einzige tatsächlich, jemals volle Gerechtigkeit zu haben.“
Gott hat keinen Sinn für irdische Dramaturgie, so habe ich angefangen. Ja, in unserem Bibelabschnitt wird nicht der Welterlöser präsentiert und inszeniert – Gott sei Dank ist das nicht Gottes Ziel, Aufsehen und Marktanteile zu erringen. Sondern Jesus gibt uns in kürzester Form sein Evangelium: dass er uns Sündern nahe sein will, dass er unsere Schuld auf sich nimmt und uns dafür seine Gerechtigkeit und Reinheit gibt. Gott sei Lob und Dank dafür.
Amen.

Predigt zum Herunterladen: Download starten (PDF-Format)