Estomihi (15. Februar 2015)

Autorin / Autor: Dekan Volker Teich, Schorndorf [Volker.Teich@elkw.de]

Markus 8, 31 -38

Liebe Gemeinde,
„Jesus, wer bist du wirklich? So fragen Menschen zu allen Zeiten. Jesus als vorbildlicher Mensch, als einer der großen Religionsgründer, das ist akzeptiert. Aber ist er mehr? Und wenn er mehr ist, stört dies nicht?
„Jesus, du bist der Christus, du bist der Messias“, so hatte Petrus gesprochen. Dieses Bekenntnis war begeisternd ausgesprochen. Schließlich hatte er erlebt, wie Blinde sehend wurden, Lahme gehen konnten und Aussätzige rein wurden. Das waren die Zeichen für die messianische Zeit. So war es doch in den Schriften des Alten Testaments verheißen. Für Petrus schwang die ganze Hoffnung mit, dass jetzt die Heilszeit für Israel anbrechen würde, dass jetzt Gottes Reich in Israel anbrechen würde. Und er, Petrus, ist mit dabei!
„My Jesus, my savior, Lord there is non like you“, so heißt es in unseren Anbetungsliedern, die junge Menschen so gerne singen. Ja, Jesus, du bist der Größte! Voll Begeisterung, voll Hoffnung werden diese Lieder gesungen. Ihm, Jesus, gebührt alle Ehre.

Jesus der ganz andere MenschensohnDa passt es gar nicht, was Jesus sagt. Petrus bezeichnet ihn mit dem Titel Messias, Christus, und er, Jesus, antwortet mit einem anderen Titel aus dem Alten Testament, dem Titel: Menschensohn. Doch er will nicht der strahlende Menschensohn sein, der am Ende der Tage kommen wird als letzter Herr und Richter der Weltgeschichte, wie es der Prophet Daniel
(Daniel 2) vorhersagte. Nein, Jesus spricht vom leidenden Menschensohn.
Biblisch gesehen verbindet er zwei Traditionen miteinander oder modern fototechnisch ausgesprochen, überblendet er zwei Bilder. Da ist der Menschensohn aus dem Propheten Daniel. Jesus übernimmt diesen Titel. Er füllt aber diesen Titel mit dem leidenden Gottesknecht aus dem Propheten Jesaja: „Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden.“ Wir hören die Worte aus Jesaja 53: „Fürwahr er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.“
Verstehen wir hier Jesus wirklich? Petrus wollte und konnte ihn nicht verstehen. Das kann es doch nicht sein! Er stritt mit Jesus, er wehrte ihm. Gott ist doch stark. Gott ist doch stärker als wir! Und Gott soll leiden? Ist das nicht zum Irre werden? Zum Irre werden an Gott? Johannes der Täufer ließ Jesus aus dem Gefängnis fragen: „Bist du es wirklich, der da kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?“
Verstehen wir Jesus wirklich? Weihnachten ist schön. Die Botschaft kommt an: Gott liebt uns. Kommt zur Krippe! Die Heilungsgeschichten sind schön: So stark ist Gott. Er wehrt der Krankheit. Die Gleichnisse Jesu sind einleuchtend, vor allem das Gleichnis vom verlorenen Sohn: So ist Gott! Wie der Vater kommt er uns entgegen und vergibt uns. Doch die Botschaft vom gekreuzigten Gott ist schwer. Jesus am Kreuz! Ist dies nicht die Botschaft des Scheiterns? Ist dies nicht das Eingeständnis der Ohnmacht? Ist dies nicht die Kapitulation vor aller Macht?
Ich wünsche uns, dass wir uns in dieser Passionszeit der Härte und Zumutung dieser Botschaft aussetzen. Ist der Weg in das Leid, der Weg in den Tod wirklich der Weg Gottes? Jesus sagt: Der Menschensohn muss leiden. Dieses „Muss“ ist ein göttliches Muss. Hinter diesem Weg steht Gott selbst. Und Petrus? Er denkt nur menschlich. Er will den schönen Weg, den Weg ohne die Passion. Doch Gottes Weg ist anders, ist unbequem. Nur der Satan bot in der Versuchungsgeschichte Jesus alle Herrlichkeit, alles Heil an der Passion vorbei an, wenn Jesus ihn anbeten würde. Deshalb sagt Jesus dieses harte Wort zu Petrus: Geh weg von mir Satan! Du meinst nicht, was göttlich ist.

Die Zumutung der NachfolgeJesus hat ein weiteres hartes Wort an uns: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Jesus schmeichelt sich nicht ein. Jesus biedert sich nicht an. Er nennt, was Nachfolge kostet. Jesus nachfolgen heißt, an seinem Leiden teilhaben.
Wie haben wir im gut situierten Europa, in unserer reichen Kirche diese Botschaft nötig! Geht es bei uns nicht viel ums Ansehen und Angesehen werden? Leben wir nicht stark von Anerkennung und Lob? Und nun redet Jesus vom Kreuz tragen. Er meint hier in erster Linie nicht das Lebensschicksal, die Krankheiten, die Widrigkeiten, die das Leben so mit sich bringt. Nein, er spricht vom Kreuz der Nachfolge und meint, das Zu-Jesus-Stehen, das Einsam-Sein, das Mit-ihm-Leiden.
Vor einigen Wochen begegnete ich drei Christen aus dem Norden Nigerias. Sie erzählten mir, was sie gerade erleben. Der Sohn des Einen wurde ermordet. Mädchen werden von Islamisten entführt. Ihr Schicksal ist fürchterlich. Diese Christen fühlen sich von ihrer eigenen Regierung im Stich gelassen, einsam, ohnmächtig. Schrecklich, was diese Christen gerade erleben müssen! Und doch war im Gespräch mit ihnen eine tiefe Liebe auch zu den Muslimen, die sie verfolgen, zu spüren. Kein Hass, keine Rache, nur Liebe! Und so setzen sie sich dafür ein, Wege der Versöhnung und des Friedens zu finden. Sie versuchen, ihr vom Terror gezeichnetes Land wieder aufzubauen. „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Diese Worte Jesu fielen mir beim Gespräch mit diesen Christen ein.
Wir in Deutschland leben in einer toleranten Gesellschaft. Christsein ist akzeptiert. Nachfolge Jesu ist selten mit Nachteilen verbunden. Als Kirche sind wir angesehen und als gesellschaftliche Größe anerkannt. Dafür sollten wir dankbar sein. Wir sollten aber die vielen Christen, die um ihres Glaubens willen leiden, nicht vergessen. Wir sollten für sie beten. Und wenn sie als Flüchtlinge in unser Land kommen, sollten wir sie aufnehmen, auch wenn sie ganz anders sind als wir. Wir können viel von ihnen lernen, was Nachfolge heißt: in den Spuren Jesu zu gehen. Nicht so sehr fragen, was andere, oder „man“ über uns denkt, sondern fragen, was der Weg Jesu in unserem Alltag ist. Dietrich Bonhoeffer sagte einmal, dass Christsein „Beten und Tun des Gerechten“ ist.

Jesus redet vom Kommen des MenschensohnesWas für ein spannendes Kapitel haben wir heute als Predigttext. Was für einen Bogen zeigt uns Jesus, wenn es um seine Person geht. Am Anfang steht der Menschensohn, der leiden muss, der in die Hände der Menschen gegeben wird und sterben muss. Am Ende steht der Menschensohn vor uns, der in der Herrlichkeit des letzten Herrn und Richters in diese Welt kommen wird. Ja, Jesus ist beides.
In der Passionszeit denken wir daran, dass er für uns in diese Welt gekommen ist, für uns gelitten hat und gestorben ist. Doch er ist auch der kommende Herr, der einmal die Geschichte dieser Welt vollenden wird und alles an ein Ziel bringen wird. Dann steht er „in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen heiligen Engeln“ vor uns. Was für ein Bild! Was für eine Zusage! Das ist die Hoffnung, die wir als Christen haben. Nicht das Chaos, nicht der Tod oder die große Katastrophe stehen am Ende dieser Welt und unseres Lebens. Nein, am Ende steht Jesus als der Menschensohn vor uns. Wie wird es dann sein? Wird er sich dann über uns schämen müssen, weil wir ihn verleugnet haben?
O, ja, ich bin mir sicher, dass mein Reden und Handeln oft eine Schande ist und war. Ich bin mir sicher, dass wir an den Maßstäben Gottes meist scheitern. Aber ich bin mir auch sicher, dass dieser letzte große Menschensohn die Nägelmale des Gekreuzigten an seinen Händen trägt. Die Wunden an seinen Händen und Füßen zeichnen ihn aus! Der kommende Jesus Christus ist der, der unsere Schuld, unser Versagen und unser Scheitern getragen und ertragen hat und für uns gestorben ist. Er will unser Herr sein, der einmal zu uns sagen will: Komm her, auch für dich ist alles bereit. Amen.

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