Exaudi (17. Mai 2015)

Autorin / Autor: Pfarrer Jochen Schlenker, Stuttgart [jochen.schlenker@elk-wue.de]

Johannes 15, 26 -27 ; 16, 1-4

Aus der Zeit gefallenFrau Weber läutet zum vierten Mal an der Haustür ihres Nachbarn, Herrn Mittel. Nichts tut sich. Die Rollläden sind heruntergelassen - und das kurz vor Mittag. Ist Herr Mittel verreist - ohne ihr etwas zu sagen? Liegt er vielleicht bewusstlos im Haus? Panik steigt in Frau Weber hoch. "Vielleicht hat er sich auch etwas angetan?" denkt Frau Weber. Der Tod seiner Frau vor zwei Monaten hat ihn völlig aus der Bahn geworfen. Frau Weber zittert.

Da öffnet sich die Haustüre. Herr Mittel öffnet sie einen Spaltbreit, und Frau Weber läuft auf ihn zu. Herr Mittel ist noch im Pyjama, die Haare sind verstrubbelt. Frau Weber bemerkt, dass der Pyjama viele Flecken hat. Auch die kleinen Durchblicke in den Hausflur zeigen Unordnung im einst so penibel sauberen Haus der Mittels. Herr Mittel sieht wohl das Entsetzen in Frau Webers Gesicht. "Ach, Frau Weber! Seit meine Frau nicht mehr da ist, bin ich völlig aus der Zeit gefallen. Ich bekomme nichts mehr auf die Reihe. Mir entgleitet der Boden unter den Füßen."

Der Bruch der ZeitSchicksalsschläge brechen in ein Leben. Der sichere Boden unter den Füßen, den ein Mensch alltäglich betritt und der hält und trägt, wird brüchig und unsicher. Ein vom Schicksal Gebeutelter schwankt und fällt, ins Bodenlose, aus der Zeit des gleichförmigen Alltags heraus, allein, verlassen, haltlos, orientierungslos.

Es kommt die Zeit!Für die Jüngerinnen und Jünger Jesu Christi ist mit der Himmelfahrt die Zeit mit dem Auferstandenen, die leibhafte Erfahrung seines Lebens aus dem Tod, zu Ende. Jesus lässt sie allein zurück.
Auf diese Verlassenheit hat Jesus seine Jüngerinnen und Jünger vorbereitet. Im Johannesevangelium ist eine Abschiedsrede Jesu an seine Jünger und Jüngerinnen überliefert, die er vor seinem Leiden und Sterben hält. Der Predigttext für den heutigen Sonntag ist Teil dieser Abschiedsrede, Verse aus dem 15. und 16. Kapitel des Johannesevangeliums:

Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir. Und auch ihr seid meine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen (Joh 15,26.27).
Das habe ich zu euch geredet, damit ihr nicht abfallt.
Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit. Und das werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen.
Aber dies habe ich zu euch geredet, damit, wenn ihre Stunde kommen wird, ihr daran denkt, dass ich's euch gesagt habe. Zu Anfang aber habe ich es euch nicht gesagt, denn ich war bei euch (Joh 16,1-4).
Ins Bodenlose könnten die Jünger und Jüngerinnen ohne Jesus fallen, abfallen von den Sicherheiten und Gewissheiten des Vertrauens auf Jesu Verkündigung. Ins Bodenlose - und das nicht nur, weil sie aus der Zeit des gleichförmigen Alltags herausfallen, allein, verlassen, haltlos, orientierungslos sind, sondern weil sie aus ihrer religiösen Heimat, aus der Synagoge, vertrieben werden und mit dem Tode bedroht werden.

Ins Bodenlose könnten sie in dieser Zwischenzeit fallen, in der Jesus sie alleingelassen hat, und in der Pfingsten, das Kommen des Heiligen Geistes, des Trösters, noch aussteht. Die Wiederkunft Christi ist in dieser Zwischenzeit weit weg, am Ende der Zeiten. Die Jünger und Jüngerinnen fühlen sich vielleicht auch aus der Zeit gefallen, in einem leeren Zwischenraum, auf losem Boden. Die alte Sicherheit, die Glaubensgewissheit, ist verloren. Große Bedrohungen zeichnen sich ab.

Im Niemandsland der Vertreibung und des VölkermordsSo ins Bodenlose, so aus der Zeit fallen wir, wenn Schicksalsschläge unser Leben treffen - der Verlust eines Menschen, der Arbeit, der Gesundheit, der Heimat. In diesen Monaten muss ich dabei an die Christen und Christinnen im Nordirak denken, die vom sogenannten 'Islamischen Staat' vertrieben und getötet werden. Wir alle haben diese Bilder vor Augen aus dem Niemandsland der Flucht und Vertreibung und Ermordung in der Wüste. Bodenlos sind das Leid, das Entsetzen und der Schmerz.

Verbundenheit durch den GeistIn der Abschiedsrede an seine Jünger und Jüngerinnen mutet es Jesus ihnen zu, der Zeit, der Zukunft ins Auge zu blicken. Jesus sagt, was kommen wird, damit die Jünger daran denken, wenn die Stunde kommt. Er wagt einen Blick in die Bodenlosigkeit der kommenden Zwischenzeit. „Es kommt aber die Zeit!“

Und wie können sie Halt finden, um nicht ins Bodenlose, aus der Zeit zu fallen? Jesus sagt: „Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir.“
Ist das nicht ein schwacher Trost? Jesus vertröstet nicht auf eine rosige Zukunft. Er blickt realistisch, erschreckend realistisch, auf die Zeit, die kommt. Da wird nicht der Himmel auf Erden anbrechen. Ganz im Gegenteil. Jesus wird im Himmel und nicht bei den Jüngern und Jüngerinnen auf Erden sein. Die Ewigkeit Gottes wird der Zeit der Jünger und Jüngerinnen unendlich fern rücken. Sie werden aus der Synagoge hinausgestoßen. Ihnen droht die Ermordung.
Und: Den Geist Gottes wird er senden. Es ist ein Geist der Treue, des Beistands, das meinen die Worte „Tröster“ und „Wahrheit“, ein Geist, der die Verbindung aufrechterhält.

Das Grab als TrostHerr Mittel rückt die Blumen in der Vase auf dem Grab seiner Frau zurecht, richtet sich mit Mühe auf, verharrt ein paar Momente stehend am Grab seiner Frau. Dann dreht sich Herr Mittel um und blinzelt lächelnd in die Sonne. Da entdeckt er Frau Weber. Er winkt ihr zu und läuft ihr den Friedhofsweg entgegen. Sie begrüßen sich. "Es hat von der Ferne so ausgesehen, als hätten Sie am Grab Ihrer Frau gelächelt", sagt Frau Weber vorsichtig. "Zum Lachen ist es mir überhaupt nicht!", erwidert Herr Mittel mit harschem Ton. "Auch wenn alle Leute meinen nach einem Jahr müsste alles wieder bestens in Ordnung sein!" "Entschuldigen Sie bitte!", beeilt Frau Weber sich zu sagen. Eine peinliche Pause entsteht. "Vielleicht haben Sie richtig gesehen", sagt Herr Mittel zögerlich. "Hier am Grab bin ich meiner Frau immer ganz nahe. Hier spüre ich irgendwie, dass sie geborgen ist, an einem sicheren Ort. Ich spüre unsere Liebe wie zu Lebzeiten!" Herr Mittel bekommt wässerige Augen. "Und jetzt denken Sie: Der Herr Mittel ist übergeschnappt." "Nein“, sagt Frau Weber zögerlich. "Das kenne ich: diese Verbindung, die von den Toten ausgeht und die einen gewiss sein lässt! Diesen Trost..."

Der sichere Ort in der Trauer„Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir“, sagt Jesus beim Abschied zu seinen Jüngerinnen und Jüngern.
In der Trauer suchen viele Menschen einen Ort auf, an dem sie sich ihrem Verstorbenen nahe fühlen, wo sie diesen geborgen und gehalten, sicher spüren, wo sie mit ihm in Verbindung bleiben können. Solch sichere Orte können das Grab oder die Unglücksstelle, ein Erinnerungsgegenstand an den Verstorbenen oder ein Ort in der Natur sein. An diesem Ort bleiben Hinterbliebene mit dem Verstorbenen in Verbindung. Irgendwann, vielleicht nach Jahren, wird dieser sichere Ort unwichtiger und die Beziehung zum Verstorbenen ist so sicher und geborgen, dass der Verstorbene in der Beziehung weiterlebt - so Roland Kachler in einem neuen Ansatz der Trauerarbeit.


Der Tröster als sicherer OrtDer Heilige Geist ist diese Beziehung der hinterbliebenen Jünger und Jüngerinnen zum gekreuzigten, auferstandenen und aufgefahrenen Jesus Christus. Diese Beziehung müssen die Jünger sich nicht erarbeiten. Sie wird von Jesus gesandt im Geist der Treue und des Trostes. Sie ist ein sicherer und geborgener Ort, ein Halt, in aller Bodenlosigkeit der Zwischenzeit.
Da bricht nicht der sichere Himmel auf Erden aus. Da bricht sich nicht die Ewigkeit Gottes Bahn. Da bleiben die Jünger und Jüngerinnen von Gott getrennt wie der Himmel von der Erde. Da sind sie gefangen in der Zwischenzeit. Und doch ist da diese Beziehung im Geist der Treue und des Trostes, die Zeugnis gibt von Jesus Christus, die die Beziehung, die ihn in der Beziehung lebendig sein lässt.

Ich kann heute nicht die Trennung von Gott zu uns Menschen schönreden. Die Zeit mit dem menschgewordenen Gott, dem Auferstandenen ist zu Ende. Vorbei ist die leibhafte Erfahrung Gottes und des Lebens aus dem Tod auf Erden. Christus lässt uns allein zurück. Und doch, wir haben einen sicheren und geborgenen Ort, eine sichere Beziehung, den Geist des Treue und des Trosts.

Die Jüngerinnen und Jünger haben aus diesem Geist die Kraft geschöpft, allen Bodenlosigkeiten standzuhalten, die Zwischenzeit zu überstehen. Trotz aller Verfolgung und aller Todesdrohung hielt der Geist des Trostes und Treue, diese Kraft des Glaubens, die Beziehung zu Gott über Jahrtausende lebendig. In unzähligen Menschen blieb durch den Geist des Trostes und der Treue Jesus Christus lebendig, sicher und geborgen - durch die Zeiten, durch die Jahrtausende, bis zu uns. Wenn ich mich in die Folge dieser Menschen der Jahrtausende vor uns stelle, an die Gedenkorte der christlichen und kirchlichen Tradition, spüre ich diese Kraft - in den Bibeltexten, in den Liedern, in den Biographien, in den Kirchenbauten. Ich spüre den Geist Gottes. Ich spüre den sicheren und geborgenen Ort. Auch ich falle nicht aus der Beziehung zu Gott durch seinen Geist der Treue und des Trostes. Zu keiner Zeit falle ich aus der Zeit ins Bodenlose - bis ich Gott schaue von Angesicht zu Angesicht. Es kommt die Zeit! „Der Geist, der Tröster, wird Zeugnis von mir geben“, hat Jesus geredet, damit wir nicht abfallen.
AMEN

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