Invocavit / 1. Sonntag der Passionszeit (22. Februar 2015)

Autor/in: Pfarrer Albrecht Nuding, Schönaich [Albrecht.Nuding@elkw.de]

Matthäus 4, 1 -11

Liebe Gemeinde,
aus dem heutigen Predigttext greife ich einen einzelnen Vers heraus, dem ich in meiner Predigt nachspüren werde.
Es ist die Antwort, die Jesus dem Versucher gibt, der ihn dazu bewegen will, aus Steinen Brot zu machen, um so seine Vollmacht als Gottes Sohn zu offenbaren:
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jedem Wort, das aus dem Munde Gottes geht“ (Mt 4,4; vgl. Dtn 8,3).
Wovon lebt der Mensch, liebe Gemeinde? Auf diese Grundfrage menschlicher Existenz gab es und gibt es in der Geistesgeschichte des Abendlandes bis heute zwei immer wieder variierte Antworten, die einander grundsätzlich gegenüberstehen.

MaterialimusDie eine Antwort lautet: Der Mensch geht nach dem Brot oder wie Bert Brecht das formuliert hat: "Zuerst kommt das Fressen und dann die Moral." In philosophischen Begriffen ausgedrückt, heißt das: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Die materiellen Grundlagen oder oft auch das Fehlen materieller Sicherheiten entscheiden darüber, welche Lebenshaltung ich einnehme. Diese Antwort, auf die Frage: „Wovon leben wir?“ geben die Materialisten: Leute, wie Aristoteles, Karl Marx aber auch die Theoretiker des Kapitalismus vertreten diese Ansicht, dass die wirtschaftlichen, die materiellen Verhältnisse bestimmen, wie ein Mensch lebt, was er für richtig hält und was er glaubt.

IdealismusWovon lebt der Mensch? Die andere in der Geistesgeschichte immer wieder gegebene Antwort, liebe Gemeinde, lautet: Der Mensch lebt von seinen Idealen. Die Religionen, die menschheitsumspannenden Ideen und Vorstellungen, sie bestimmen, wie ein Mensch lebt und was er glaubt. Man kann arm sein und Hunger haben und sich dennoch höchst moralisch verhalten. In der Philosophie wird diese Position der Idealisten auf den Punkt gebracht mit dem Satz: Das Bewusstsein bestimmt das Sein. Plato, Immanuel Kant, Hegel aber auch die Esoteriker durch die Jahrhunderte und nicht zuletzt viele religiösen Menschen neigen dieser Auffassung zu.

Wovon lebt der Mensch?Und wer hat Recht? Die Materialisten oder die Idealisten?
Was hat in Ihrem Leben Vorrang: das Sein oder das Bewusstsein? Wovon leben Sie – nüchtern betrachtet? Vom Geld oder von ihren Ideal? Was gibt in ihrem Leben im Zweifelsfall den Ausschlag: das tägliche Brot oder Gottes Wort? Es gibt Situationen im Berufsleben, aber auch beim Geldanlagegespräch auf der Bank oder beim Abgeben der Steuererklärung, da kann sich diese Alternative stellen.
Und deshalb kennen Sie vermutlich solche Situationen, in denen sie das Gefühl haben: Jetzt muss ich mich entscheiden, ob mir z.B. meine beruflichen Vorteile oder meine persönlichen Prinzipien wichtiger sind.
Politische Verführer aller Zeiten wussten immer, wie sie die Menschen von allzu prinzipiellen Überlegungen abhalten können. "Brot und Spiele" lautete die Zauberformel, mit der die römischen Kaiser ihr Volk bei Laune zu halten suchten. Ist das heute anders? Gute Ernährung und Unterhaltung, Arbeiten und Fernsehgucken – was will man mehr vom Leben? Nun viele Menschen stellen sich unter einem erfüllten, sinnvollen Leben mehr vor als nur unterhalten und abgelenkt zu werden.
Und die Bibel, was antwortet sie uns auf die Frage: Wovon lebt der Mensch? Was bestimmt die menschliche Existenz: das Sein oder das Bewusstsein? Lebt der Mensch vom Brot oder von Gottes Wort?
Nun: Jesus lässt sich diese philosophische und wohl auch ideologische Alternative nicht aufzwängen. Er sagt: Erst beides zusammen macht unser Leben aus: das Brot und das Wort Gottes. Keines kann ohne das andere sein.
Jesus antwortet nach dem Zeugnis des Matthäusevangeliums dem Versucher mit einem Bibelwort aus 5.Mose 8,3: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jedem Wort, das aus dem Munde Gottes geht.“


Beides tut Not: Brot und das Wort GottesVon daher lässt sich sagen. Einerseits sind alle Menschen auf ihr tägliches Brot zum Leben angewiesen. Eine finanzielle Grundsicherung der Existenz ist eine Grundbedingung für ein menschliches Leben in Würde. Jesus selbst hat so gerne gegessen und getrunken und Feste gefeiert, dass seine Gegner ihn einen Fresser und Weinsäufer nannten. Jesus leugnete nicht, dass wir Menschen unser materielles Auskommen brauchen, obwohl er über das Schätze sammeln und über die Reichen doch sehr harte Worte sagen konnte. Er selbst hat uns ja die Bitte um das tägliche Brot gelehrt. Deshalb ist für die Bibel auch die Gerechtigkeit zwischen den Menschen so wichtig. Wir brauchen Gerechtigkeit, weil alle Menschen ihr tägliches Brot brauchen und haben.
Wir Menschen leben vom Brot und deshalb sind wir alle – Jesus eingeschlossen – mehr oder weniger, ob wir es wollen oder nicht: Materialisten.
Und doch leben wir andererseits von sehr viel mehr als nur von unserem täglich reichlich gedeckten Tisch und dem in Euro messbaren Besitz. Nicht nur das Sein – auch das Bewusstsein bestimmt unser Leben und macht unsere Würde aus. Wenn wir nur im Materiellen gefangen bleiben und allein in der Diskussion um Gerechtigkeit, dann fehlen uns wichtige Dimensionen, die wir genauso zum Leben brauchen wie das Brot.
Ein paar solcher Dimensionen unseres Bewusstseins möchte ich ansprechen – Dimensionen, die weit über das Materielle hinausgehen:

Immaterielle Bedürfnisse des MenschenZunächst: Menschen können notfalls Hunger aushalten und sich mit sehr wenig zufrieden geben, aber wir können als Menschen auf die Dauer nicht ohne die freundliche Begegnung mit anderen Menschen existieren. Wir leben von der Freundlichkeit anderer Menschen, die uns willkommen heißen, wenn wir irgendwo neu hinkommen. Wir leben von der Herzlichkeit einer Nachbarin oder eines Kollegen, die uns signalisieren: Du bist mir wichtig. Und wir leben von der Liebe, die wir so nötig zum Leben brauchen wie das tägliche Brot. Wir sehnen uns nach Nähe und mehr noch nach jemand, der uns durch Worte und durch sein Verhalten zeigt: Ich nehme dich an, wie du bist. Ich stehe bedingungslos zu dir und will mit dir leben. Wo wir Freundlichkeit oder Herzlichkeit oder Liebe vermissen, fühlen wir uns sehr unwohl. Es bleibt uns dann fast die Luft weg zum Atmen. Und das, was für die zwischenmenschliche Begegnung gilt, das gilt auch für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft überhaupt. Unserer Gesellschaft droht dort die Luft auszugehen, wo Unverbindlichkeit und Kälte und Anonymität zwischen den Menschen dazu führen, dass Menschen vereinsamen.
Es darf nicht sein, dass Menschen im öffentlichen Bereich überfallen oder belästigt werden und alle Passanten nur wegsehen, oder dass gedankenlose, angst- und hasserfüllte Parolen wachsenden Zu-lauf finden gerade unter jungen Menschen. Als Gegenbewegung lässt sich in unseren Tagen in unserem Land fast überall eine große Woge bürgerschaftlichen Engagements für Flüchtlinge beobachten. Da wird Freundlichkeit und Herzlichkeit über den privaten Rahmen hinaus unter die Menschen getragen. In den Arbeitskreisen für Flüchtlinge sind landesweit viele Christinnen und Christen zu finden. Gottes Wort bewegt sie zum Handeln. Wir Menschen leben miteinander und davon, dass wir füreinander eintreten. So entsteht der Frieden, den wir zum Zusammenleben so nötig brauchen.
Ein weiterer Punkt: Wir leben vom Dank: von dem Dank, der uns entgegengebracht wird, mit dem vielleicht eine Leistung von uns anerkannt wird, aber auch von dem Dank, den wir anderen Menschen und Gott gegenüber aussprechen. Wenn wir danken geben wir zu: Ich kann aus meiner kleinen Kraft heraus nicht leben. Ich bin auf meine Mitmenschen und auf Gott angewiesen.
Und noch ein Weiteres: Wir leben von der Freude, von der Freude an der Schöpfung, von der Freude an dem Ertrag des Gartens, aber auch von der Freude an dem überwältigenden Blick, den man am Ortseingang von der Pfefferburg auf die Weite des Schönbuchs bis hin zum Albtrauf hat. Und wir leben davon, dass wir immer wieder, manchmal sogar wenn es uns schlecht geht, herzhaft lachen können. Das Lachen nimmt unseren Sorgen und Nöten ihren Absolutheitsanspruch.
Und nicht zuletzt lebe ich auch davon, hinterfragt zu werden. Nicht nur Lob und Bestätigung geben mir die Chancen, mich weiterzuentwickeln, sondern gerade auch Anfragen an mich und mein Tun. Sicher: Wer fragt, schafft zunächst Unruhe und Unruhe ruft immer auch Angst hervor. Aber wir brauchen gerade auch als Christen die Unruhe, um nicht zu bequem, zu selbst verliebt und darüber blind zu werden für neue Entwicklungen oder alte Fehler. Wir leben von Fragen, die an uns gerichtet werden: "Wo ist dein Bruder Abel?", "Wohin willst du gehen?", "Was trägst du dazu bei, dass es irgendwo auf der Welt ein bisschen besser wird?"
Und als Letztes nenne ich die Hoffnung. Wenn es uns schlecht geht, leben wir von der Hoffnung, dass es wieder besser wird. Wir leben von der Hoffnung, Trost zu finden in großer Trauer. Und wir leben von der Hoffnung auf eine Zukunft, in der wir alles Materielle und Vergängliche hinter uns lassen können.

Von Gottes Wort leben wirDiese und noch viele andere Dimensionen des Lebens wie Vergebung oder Vertrauen sind lebensnotwendig wie das tägliche Brot. Und alle zusammen sind sie Früchte unseres Glaubens. Sie sind Früchte des Glaubens, den Gottes Wort in uns weckt. Je mehr wir die Sorge um unser Sein loslassen können, je weniger wir uns nur selbst behaupten müssen und je mehr wir uns selbst auch in Frage stellen können, umso mehr werden wir von Gott mit diesen Gaben beschenkt. Wir Menschen empfangen, was Gottes Wort in uns bewirkt, wenn wir auf Gottes Sohn schauen und auf sein Wort hören. Denn: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jedem Wort, das aus dem Munde Gottes geht.“ Amen.


Bemerkung zu dieser PredigtAls Gemeindepfarrer predige ich regelmäßig und meine Gemeinde ist es gewohnt, dass ich den Text als Ganzen in der Predigt auslege.
Meine Predigt für Invokavit ist ausnahmsweise einmal keine Textpredigt sondern eine Themenpredigt zu der Frage „Wovon lebt der Mensch?“. Dazu greife ich aus dem Predigttext den Vers 4 heraus und konzentriere mich in meiner Predigt ganz auf diesen Vers. Den Predigttext lasse ich als Schriftlesung vor dem Lied vor der Predigt lesen.
An Invokavit wird in Schönaich wie in vielen Gemeinden Abendmahl gefeiert. Dadurch dauert der Gottesdienst länger. Deshalb widerstehe ich der Versuchung, im zweiten Teil der Predigt den Vers 4 durch Ausführungen über „Brot und Rosen“ zu veranschaulichen und zu vertiefen. Die Predigt würde zu lang. Es böte sich aber vom Inhalt her an, die bekannte Geschichte von Josef Bill über Rainer Maria Rilke und die Bettlerin in Paris zu erzählen oder auf das Misereor Hungertuch „Brot und Rosen“ einzugehen oder das Leben Elisabeths von Thüringen mit dem Rosenwunder einfließen zu lassen. Wo dies finanziell und organisatorisch möglich ist, könnte bei diesem Predigtabschluss am Ende des Gottesdienstes jede Besucherin und jeder Besucher eine Rose (Bitte nur fair gehandelte Rosen!) erhalten.
Als Überleitung zum Abendmahl lasse ich aber doch aus dem blauen Ergänzungsheft „Wo wir dich loben“ das Lied Nr. 86 „Wenn das Brot, das wir teilen als Rosen blüht“ singen.

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