Letzter Sonntag nach Epiphanias (25. Januar 2015)

Autorin / Autor: Pfarrerin Dorothee Eisrich, Schorndorf [ Pfarramt.Schorndorf.Stadtkirche_West@elkw.de]

Matthäus 8, 5-13

Liebe Gemeinde,
die biblischen Texte muten uns ja immer wieder einiges zu. Da bekommen wir Geschichten erzählt, wie Stürme gestillt und Tote auferweckt werden. Dass es Menschen gibt, die über Wasser laufen können und dass Berge versetzt werden können, wenn man einen Glauben hat, und sei er auch nur so klein wie ein Senfkorn.

Glauben lernenHeute sollen wir mit dieser Geschichte glauben lernen. Das tun wir ja vermutlich gerne, sonst wären wir heute nicht hier. Aber ausgerechnet von einem Hauptmann? Glauben lernen von einem, der weder Christ noch Jude war? Von einem, der mit den römischen Besatzern so eng zusammenarbeitete, dass er mitwirkte an einem Unrechtssystem, unter dessen Schikanen und Entwürdigungen alle litten? Ein Mensch, den man sich am liebsten weit weg wünschte. Einer, der ganz eindeutig in die Schublade „Feind, Fremder, Ungläubiger“ gehörte. Und das auch noch zum Thema Heilung, als ob das so auf Kommando ginge?
Man spürt es der Geschichte ab: Auch Jesus war überrascht. Aber er, der sich ja hartnäckig weigerte, Menschen in Schubladen zu stecken, der sich jenseits von allen Vorurteilen einließ auf die Menschen, wie sie waren, der sie nicht vorab sortierte, hat genau in dieser Begegnung etwas Zentrales entdeckt. Es wird nicht nur ein bittender Mensch erhört und ein kranker Junge wieder gesund. Die christlichen Gemeinden haben sich diese Geschichte von Generation zu Generation weitererzählt, weil sie spürten, dass hier etwas geschehen ist, was für sie wegweisend ist. Dass hier ein Geist lebendig ist, der im Grund bis heute unserer Zeit voraus ist.

Die Not führt zusammenWas den Hauptmann und Jesus überhaupt zusammenbringt, ist nicht das Interesse an religiösen Fragen, sondern die blanke Not. Die Not eines Vaters, der (nach dem Johannesevangelium) einen kranken Sohn hat, der zu Hause vor Schmerzen stöhnt, der gelähmt ist und nicht gehen kann. Wie auch wir noch einmal ganz anders beten und glauben und hoffen, wenn jemand von unserer Familie in Not gerät, wenn das Leben von einem unserer Liebsten bedroht ist.
Glaube ist ja von seinem Wesen her nichts Theoretisches, was wer über Gott denkt. Nicht nur etwas für religiös Interessierte. Kein Katalog von Dingen, die man eben glauben muss. Überhaupt nichts Abgehobenes. Sondern ganz konkret die Frage: das, was du dir zurechtgelegt hast: Hilft dir denn das? Hilft es dir, mit dem Leben klar zu kommen? Hilft es dir zu sterben? Bewährt es sich, wenn Herausforderungen dazu kommen, wenn es darum geht, für andere da zu sein?

Jesus als HoffnungsträgerDer Hauptmann hat offensichtlich von Jesus gehört. Da ist etwas angebrochen, was ihn beeindruckt hat, was herausragend war. Zeitgenossen haben es immer wieder so zusammengefasst, wenn sie beschreiben wollten, was das Besondere war: Blinde sehen, Lahme gehen. Tote werden wieder lebendig. Und den Armen wird die frohe Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes verkündet. Eine Hoffnungsgemeinschaft zog durch das Land.
So wendet der fremde Hauptmann sich in seiner Situation an Jesus. Schenkt ihm sein ganzes Vertrauen. Sein Beruf prägt ganz offensichtlich seine Art zu denken. Wie das ja bei vielen Berufen der Fall ist: dass Lehrer auch in normalen Beziehungen gerne beurteilen, Ingenieure auch in anderen Lebensbereichen gerne sehr technisch-mechanisch denken. Sein Denkmuster war: wer über dir steht, dem ist bedingungslos zu vertrauen. Ganz entwaffnend, ohne jeden Zweifel, fast wie ein Kind, bringt er Jesus dieses Vertrauen entgegen. Ein Vertrauen, das Jesus bis dahin unter all den Gläubigen in ganz Israel noch nicht gefunden hat.

Glauben lernen von einem Fremden?Doch wenn man ernst nimmt, dass dieser Hauptmann gar nicht zu der Religionsgemeinschaft dazugehörte, wird man stutzig. Hieße das dann heute: Glauben lernen auch von Menschen mit einer anderen Religion? Von einem, dessen politische Einstellung uns ärgert? Von einem, der in manchen Lebensbereichen uns wahrhaft kein Vorbild sein kann? Es ist schon eine Zumutung, was diese Hauptmanngeschichte beinhaltet und was wir uns heute bewusst machen sollen.
Das heißt ja: Wir Christen, wir, die wir versuchen, in der Nachfolge Jesu zu leben, sind nicht automatisch diejenigen, die den „richtigen“ Glauben haben. Wir verstehen uns zwar manchmal so. Und wenn wir Verantwortung in der Kirche übernommen haben, gehört es ja auch zu unseren Aufgaben: zu lehren, zu prüfen, zu bewahren, weiterzugeben. Doch manchmal tun wir das mit einem Eifer, als ob wir mit dem christlichen Glauben auch gleich Gott mit zu verwalten haben.
Heute hören wir, dass die Maßstäbe in Gottes Reich noch einmal anders sind, als wir sie uns zurechtgelegt haben. Dass nicht nur wir Glaubenden darauf hoffen, einen Platz am Tisch des Herrn zu haben. Sondern dass Jesus auch den Armen, den Barmherzigen, ja sogar jemandem wie dem Hauptmann einen Platz an Gottes Tisch zuweist. Menschen, die nicht unser Glaubensbekenntnis mitsprechen, sondern einfach Gott vertrauen und seinen Willen tun.

Religiöse NeuordnungenMich erstaunt immer wieder, mit welcher inneren Freiheit Jesus sich über Konventionen hinwegsetzte. Was er verkündete und lebte, war im Grunde eine religiöse Neuordnung. Eine Neuordnung, die nicht den religiösen Regeln folgte, sondern der bedingungslosen Liebe. Immer wieder kommt es dabei zu Grenzüberschreitungen. Vergebt einander, sagte er, ohne ernst zu nehmen, dass man dazu eigentlich in den Tempel zu einem Priester müsste. Selig nennt er die Friedensstifter: Sie werden Gottes Kinder heißen. Und als einer im Namen Jesu heilt und es sich herausstellt, dass er gar nicht zur Kerntruppe gehörte, konnte Jesus ganz einfach sagen: „Wer mit mir ist, ist nicht gegen mich.“ „Wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist mein Bruder, meine Schwester, meine Mutter.“

Glaube auch außerhalb der KircheWas für eine befreiende Botschaft für alle, die sich nicht wiederfinden in der verwalteten Kirche. Menschen, die einfach für andere da sind, die aber mit manchen Formulierungen der Kirche so ihre Schwierigkeiten haben. Eine Vision schließt sich an: „Viele werden kommen von Osten und von Westen und gemeinsam mit Abraham und Isaak und Jakob am Tisch sitzen.“ Und wie befremdend und geradezu angsterregend für die, die meinen, sie hätten einen Stammplatz in Gottes Reich. „Kinder des Reiches werden hinausgestoßen in die Finsternis?“

Die heilende Dimension des GlaubensDoch worum es in der Geschichte letztlich geht, ist das Heilwerden des Jungen. Heilung nicht als Zaubertrick, als übernatürliche Macht, nur für die, die stark genug glauben. Da geht es nicht um Knochenbrüche, die wieder zusammenspringen. Sondern um die heilende Dimension des Glaubens. Dass Heilendes in Gang kommt. Dass Kranke nicht allein gelassen sind mit ihren Schmerzen. Dass der Glaube Menschen zusammenführt in ihren Lebensbeziehungen. Das bedeutet vielleicht auch nicht immer die Entfernung eines Übels, sondern die Umwandlung in ein gesegnetes Leben. Für all die vielen Kranken heute, die Schmerzen haben, mit körperlichen Gebrechen klarkommen müssen oder mit Erkrankungen der Seele. Für uns, die wir in einer Zeit leben, in der uns vieles krank macht …

Die Botschaft der Geschichte für unsWas können wir also mitnehmen in die neue Woche, in unsere Art zu leben und zu glauben und anderen Menschen zu begegnen? Lernen wir wieder neu zu glauben, zu vertrauen wie dieser Hauptmann. Sind wir bereit, auch von Menschen zu lernen, die uns fremd sind. Maßstab bei allem ist, wer den Willen Gottes tut: die Liebe. Sehen wir nicht weg, geben wir nicht auf, wo jemand bei uns in Not ist. Lassen wir ihn nicht allein. Bringen wir unseren Glauben ein in unser Leben, diesen Glauben, von dem Jesus sagt, dass er Berge versetzten kann, auch wenn er nicht so stark ist wie der des Hauptmanns, sondern eher so klein ist wie ein Senfkorn.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

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