Neujahrstag (01. Januar 2015)

Autor/in: Studienleiter Pfarrer Alexander Köhrer, Stuttgart [Alexander.Koehrer@elk-wue.de]

Lukas 4, 16 -21 ; 4, 22-30

Liebe Gemeinde,
das Jahr 2015. Begrüßen wir das neue Jahr. Bei dieser Begrüßung helfen Bilder, die genau für diesen Tag gemacht sind. Wenn wir diese Bilder anschauen, dann ist das wie in einer Ausstellung: Wir gehen von Bild zu Bild, schauen und spüren, was es bei uns auslöst, versuchen zu fassen, was es mit uns zu tun hat, mit unserem Leben.
Da ist das erste Bild. Es ist merkwürdig. Die meisten von uns sind auf diesem Bild zu sehen. Es ist das Bild der letzten Nacht. Auf dem Bild ist ein Fluss zu sehen. Gestern Nacht standen wir noch vor dem Fluss. Wir wussten, da müssen wir nun alle rüber. So sind wir um Mitternacht alle ins Boot gestiegen, haben uns vom alten Ufer abgestoßen und haben uns sogar noch zugeprostet. Das macht man so. Es ist ja gut, wenn wir mit Freude und mit Freunden über den Fluss ins Neue gehen. Keiner von uns hat dabei sagen müssen: Wir müssen nun hinüber. Es war ja klar. Da gibt es keine Frage. Es ist so.
So haben wir also abgelegt. An dieser Stelle hört das Bild auf. Wieder ist es merkwürdig. Es geht direkt ins nächste über. Wieder kommen wir auf diesem Bild vor, sogar alle von uns. Auf dem zweiten Bild sehen wir den Augenblick, wo wir alle am anderen Ufer ankommen. Es ist der Augenblick, wo wir am hiesigen Ufer anlegen, das Boot festbinden. Es ist Morgen, genau die Uhrzeit, wo wir heute aufgestanden sind. Jetzt springen wir alle ans Land. Auf dem Bild sieht man fröhliche Gesichter: „Au ja, ein neues Land.“ Man sieht auch neugierige Blicke: „Was wird es in diesem neuen Jahr geben?“ Dann gibt es auch fragende Münder: „Ja, eben, was wird uns begegnen?“ Da sagt der eine zum anderen: „Jetzt habe doch nicht schon wieder Angst. Sei offen. Du wirst schon sehen, was kommen wird.“ „Aber das ist es ja gerade: Ich weiß es noch nicht.“ Was für ein Ort ist das neue Land? - Es ist keiner, der es weiß. Keiner von uns war vorher dort. Das Land 2015. Keiner war vor uns dort.
Einer sagt: „Nun ja, natürlich ist es so, dass noch keiner von uns dort war. Aber dass alles unbekannt ist und damit neu ist, stimmt auch nicht. Immerhin sind wir ja dabei. Ich meine, wir kennen uns ja schließlich. Damit bringen wir das Alte in das Neue mit. Seht Ihr da vorne z.B. die Berge? Das sind unsere Berge. Wir kennen uns doch. Wie viele von uns sehen in ihrem Leben sehr schnell Berge vor sich. Beschwerliche Berge. Dabei können Berge ja toll sein. Da hat man was zum Steigen, zum Wandern, da geht’s hinauf und am Schluss hat man einen herrlichen Blick. Je nachdem, wie man es sieht.“
„ Was heißt da, je nachdem wie man es sieht. Als ob es eine Frage der Sicht wäre. Dieser Berg da vorne zum Beispiel, das ist mein Berg. Ich wäre froh, es gäbe ihn nicht. Ich könnte auf ihn verzichten. Manchmal geschieht es, da ist er weg. Und dann kommt er sofort wieder. Unheimlich schnell. Dann weiß ich, ich komme an ihm wieder nicht vorbei. Aber diesen Berg kennt Ihr ja auch alle. Es ist der Berg der Sorgen.“
Jetzt beginnt jeder von seinem Berg zu reden. „Das neue Jahr wird doch wieder so sein, wie das alte. Ich werde mich bald wieder erdrückt fühlen von diesem großen Berg an Aufgaben im Geschäft und in meinem Leben. Ich komme schon lange nicht mehr hinterher, geschweige denn, dass ich ihn abbauen könnte.“
„Und ich habe den Berg der Angst. Es wird immer schlimmer. Immer öfters muss ich denken, ich könnte meine Liebsten verlieren, irgendjemand könnte etwas zustoßen.“
„Und ich kenne den Berg der Vergangenheit. Immer wieder holen mich die gleichen Bilder ein, die gleichen Gedanken, immer dieses verdammte Gleiche, was ich nicht mehr rückgängig machen kann.“
„Ja genau, und bei mir ist dieses Gleiche immer das Unfertige in meinem Leben und das, was mir nicht gelungen ist. Ich bin immer unfertig.“
In diesem Augenblick verändert sich das Bild. Plötzlich wird das Land weit, wird zu einer weißen Fläche. Die Berge rücken an den Bildrand ebenso die Flüsse. Es muss eine Winterfläche sein, denn es ist kalt. Eine herrliche frische Kälte. Es ist immer noch die Morgenstimmung. Es ist still, mucksmäuschenstill. Die Stille einer Schneefläche. Jeder hält den Atem an. Plötzlich wird die Fläche in ein wunderbares Licht getaucht. Rosa. Es ist das Rosa der Morgenfrühe. Immer noch kein Wort. Zudem ist kein einziger Tritt auf dieser Schneefläche zu sehen. Alles unberührt. Und es geschieht, wie unsichtbar und doch spürbar sich etwas über der Fläche bewegt:

Wie heimlicher Weise
Ein Engelein leise
Mit rosigen Füßen
Die Erde betritt.
(Eduard Mörike, Zum neuen Jahr, 1.1.1833, Ochsenwang)

Die weite Fläche des neuen Jahres. Noch warten alle. Erst später beginnen wir uns wieder zu bewegen, machen uns auf den Weg. Der unberührte Schnee bekommt nun Fußabdrücke, es wird geredet, der Zauber des Unberührten ist vorbei. Und die ersten gehen wieder auf die Berge zu oder zu anderen Flüssen. Alles geht zwar noch langsam, und es geschieht doch schnell, dass alles ins Gewöhnliche wieder übergeht. Man möchte Halt rufen. Aber die ersten gehen schon wieder auf ihren Berg zu, manche wählen den Weg zu ihren Flüssen.
Aber eines bleibt: Was sonst noch kommt, weiß niemand. Keiner war vor uns dort.

So will ich nun auch in dieses neue Jahr gehenSo will ich nun auch in dieses neue Jahr gehen. Aber ich will nicht alleine gehen. Ich wünsche mir etwas, was mich begleitet. Ich wünsche mir für dieses Jahr ein Wort. Ein Wort, das mich begleitet, besser noch, das mich trägt.
Es muss freilich ein Wort sein, das über meine Welt hinausgeht. Was nützt mir ein Wort, das nicht mehr ist als meine Welt? Nicht mehr als ich selbst? Und zugleich muss es ein Wort sein, dass mit meinen Bergen und Flüssen zu tun hat.
Aber wie soll das gehen? Wie kann es ein Wort geben, das mit meiner Welt zu tun hat und zugleich über es hinausgeht?
Dieses Wort gibt es. Es ist das Wort Gottes. Das Wort Gottes ist dabei immer das, was von seiner Welt kündet. Diese Welt Gottes ist hier und geht doch über unsere Welt hinaus.
Und genau von dieser Welt spricht Jesus. Mehr noch. Mit ihm selbst wird diese Welt sichtbar, heute sichtbar mit dem Wort des Predigttextes:
„Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen.“
Das ist die Welt Gottes. Heute wird sie wieder offenbar. Diese Welt ist einfach da und umfängt mich. Ich sehe sie, auch wenn sie unsichtbar ist. Mein Glaube sieht sie. Mein Glaube weiß: Sie ist da.

Die Welt Gottes ist daSo ist der Glaube immer beides: Er sieht das eigene Leben und sagt zugleich: Aber das ist nicht alles. Er weiß um alle eigenen Berge und Flüsse und weiß zugleich, dass all das, was zum eigenen Leben gehört, unsichtbar von einer anderen Welt umfangen wird. Wie von einer weichen Hand, die über einen streichelt.
Das ist Glauben – ein doppeltes Wissen. Das Wissen um das eigene Leben und das Wissen, dass dieses eigene Leben umhüllt wird.
Unser heutiger Text macht die Welt Gottes offenbar. Sie ist da. Auch wenn wir sie nicht sehen. Und manchmal sehen wir sie doch. Nämlich immer dann, wenn von dieser Welt Gottes hier schon etwas wirklich wird.
„Zu verkündigen das Evangelium den Armen“: Ja, ich sehe, dass diese Verkündigung in Wort und Tat geschieht. Ich sehe mutige Politiker, die klar sagen: „Wir sind reich und wir können den Flüchtlingen helfen. Was soll diese alte Angst. Weg mit dieser falschen Lähmung. Wir können helfen. Ja wir können.“ Das ist nun der Gottesdienst in der Welt. „Zu verkündigen das Evangelium den Armen“. Und viele engagierte Menschen unserer Gesellschaft arbeiten an dieser Welt Gottes mit. Ja, wir können es. Das sagt das Evangelium, und als Kirche tun wir es.
Wie ist diese Welt Gottes noch? Sie gibt sich nicht damit zufrieden, wenn jemand sagt: Das geht nicht. Geht nicht, gibt’s nicht. Jedenfalls in Gottes Welt. Deshalb steht diese Welt dafür, dass die Gefangenen frei werden, dass die Blinden sehend werden und die Zerschlagenen von ihren Sorgen frei werden.
Ja, es wird so sein. Und das, was sein wird, gilt jetzt schon als göttliche Wirklichkeit.
So will ich dieses Jahr mich von dieser göttlichen Welt umfangen lassen. Ich will mich an dieser Welt orientieren und von diesem Wort mich leiten lassen. Ich will schauen, wo ich in mir gefangen bin und mir zurufen: Du darfst wissen, dass Du immer auch schon zur Welt Gottes gehörst. Da bist Du frei. Jetzt schon. Und ich will alles, was in mir blind ist, von anderen sagen lassen und zugleich wissen: Du gehörst zur Welt Gottes, du wirst sehend. Und ich will alles Zerschlagene in mir stehen lassen und von Gott anschauen lassen. Und Gott sagt: Du bist frei und ledig. Jetzt schon.
In diese Welt gehören nun alle die Berge, von denen wir vorher gehört haben. In diese Welt gehört alles von uns, was wir von uns kennen, unser ganzes inneres Heimatland.

Unsere innere HeimatstadtDa ist besonders interessant, dass Jesus, wie es unser Text sagt, in seine Heimatstadt geht. Die Heimatstadt ist der vertraute Ort, der Ort also, den man immer schon kennt. Und genau das passiert: Als die Menschen von Nazareth ihm zuhören, sagen sie: Das ist doch Josefs Sohn. Den kennen wir doch.
So wird Jesus festgelegt. Im Heimatort wird er auf Altes festgelegt. So kann es auch nicht geschehen, dass man offen ist für Neues. Jetzt passiert aber Neues. Und zwar durch und durch Neues. Jetzt kommt der, der eine neue Welt bringt, die über die normale Welt hinausgeht. Genau das wird im Heimatort Jesu erzählt. Wo man denkt, hier läuft alles, wie immer, hier kennen wir uns aus und wissen, wie die Welt tickt, genau hier wird gesagt: Pass auf, jetzt kommt das Neue.
In Nazareth wird die neue Welt offenbar, die Welt Gottes, die über unsere hinausgeht. Das wird durch Jesus offenbar. Jetzt im Alten, ach so scheinbar unveränderlich Bekannten sagt Jesus: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat.“ Mit ihm kommt die neue Welt und ist da. Das ist immer noch Weihnachten. Gott selbst kommt in unsere Welt, ganz und gar, und eben so, dass er über diese Welt hinausgeht.

Gehen wir so ins neue JahrGehen wir mit diesem Wort in das neue Jahr. In ihm wird es so sein, dass uns natürlich die meisten Dinge sehr bekannt vorkommen werden, eben wie in einem Heimatland, mit allen Bergen und Flüssen, die dazu gehören. Aber genau da will ich offen sein für das Neue, für die Welt Gottes, die über meine Welt hinausgeht. Immer dann wird das Bild unseres Jahres den Farbton des neuen Morgen haben.
Aber eines muss noch gesagt werden: Auch wenn die meisten Dinge im neuen Jahr uns sehr bekannt vorkommen werden, so weiß doch jetzt in diesem Augenblick keiner von uns, was wirklich kommen wird. Es gilt: Das neue Jahr, wo noch keiner von uns war. – Aber Gottes Welt ist da.
… Herr, dir in die Hände
Sei Anfang und Ende,
Sei alles gelegt.
(Eduard Mörike)

Amen.

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