Ostermontag (06. April 2015)

Autor/in: Pfarrer Karl-Adolf Rieker, Herrenberg [Karl-Adolf.Rieker@elkw.de]

Lukas 24, 13 -35

Österliche Wege und BegegnungenViele Ostergeschichten im Neuen Testament handeln von Wegen. Sie handeln von besonderen Wegstrecken, die Menschen gehen.
Auf diesen Wegen begegnet ihnen Christus als der Auferstandene. Sie erkennen ihn zunächst nicht. Er muss sich ihnen zu erkennen geben.
Maria von Magdala zum Beispiel geht am Ostermorgen zum Grab und hält Jesus für den Gärtner (Joh 20,11f.). Die Jünger am See Tiberias erkennen ihn nicht. Es ist jene schöne Stelle im Johannesevangelium, wo es heißt: „Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war“ (Joh 21, 4). Oder der ungläubige Thomas, der erst seine Finger in Jesu Wunden legen muss, um sagen zu können: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20, 28b).
Es ist für all diese Begegnungsgeschichten bezeichnend, dass all den Menschen, denen der Auferstandene begegnet, zuerst einmal ein „Licht“ aufgehen muss, um das Wunderbare der Auferstehung Christi zu erkennen. Das braucht Zeit, das braucht einen Weg. Das braucht einen Erkenntnisprozess.
Die eindrücklichste Geschichte dieser Art ist die Emmausgeschichte, und sie lautet:

„Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus.
Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten.
Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen.
Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.
Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen.
Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist?
Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk;
wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben.
Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist.
Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen,
haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe.
Und einige von uns gingen hin zum Grab und fanden’s so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.
Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben!
Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?
Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.
Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen.
Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.
Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen.
Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen.
Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?
Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren;
die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen.
Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach."

Es gibt drei Bilder des Künstlers Karl Schmidt-Rottluff, die die zentralen Momente dieser Geschichte darstellen. Sie halten sie jetzt gerade in Händen und das zweite Bild ist auch in unserem Gesangbuch abgebildet (S.228).
Diese drei Bilder stellen die Emmausgeschichte in drei Teilen oder drei Momenten dar.
Und diese drei Momente sind so lebensnah und so elementar, dass sie auch heute in unserer modernen Welt vorkommen und uns anrühren. Ich möchte sie Ihnen, anhand der Emmausgeschíchte und aufgrund meiner Erfahrungen als Gemeindepfarrer und Christ in meiner Predigt nun vorstellen.

Bild 1: Die Trauer„Wir hatten zusammen noch so viel vor…“
„Das Leben mit ihm war so gut…wir hofften, dass das so weitergeht.“
So sagen es Trauernde, oft unter Tränen. Und wir können solches Seufzen gut verstehen. Es sind die zerbrochenen Hoffnungen. Es ist die Tatsache des Endes, das der Tod gebracht hat.
Schwer gebeugt unter der Last der Trauer, deprimiert im wahrsten Sinne des Wortes wandern die beiden Emmausjünger dahin. Es ist zwar Ostern und das Wunder der Auferstehung Jesu ist längst geschehen, aber für sie hat das noch keine Bedeutung.
Auch heute noch herrscht an Ostern die Trauer. Und wie! Trotz des alljährlichen päpstlichen Friedenssegens „Urbi et Orbi“ wird auf dieser Welt auch an Ostern geschossen, gemordet und gefoltert.
Die Panzer und Maschinengewehre in der Ukraine, im Sudan und anderen Kriegsregionen stehen wegen Ostern nicht still. Gott sei´s geklagt.
Und auch im privaten oder familiären Bereich sind so manche Wege an Ostern Wege zum Friedhof. Es sind Wege, die vom Leid und von der Trauer gezeichnet sind. Gerade in den Ostertagen, in denen die Natur erwacht und sich allenthalben neues Leben regt, gerade in dieser Zeit haben es trauernde Menschen besonders schwer. Sie empfinden den Verlust und die Trauer um denjenigen „mit dem man noch so viel vor hatte…“ in der Frühlingszeit besonders stark. Was kann man für diese Menschen tun? Man kann am Besten das tun, was der Auferstandene mit seinen zwei Jüngern getan hat. Man kann die Trauenden begleiten.

Bild 2: Die BegleitungJesus begleitet die beiden auf ihrem Trauerweg. Der Weg hier auf unserem zweiten Bild ist haargenau derselbe, und auch die Trauernden sind genau gleich abgebildet. Lediglich die dritte Person ist auf dem Bild dazugekommen. Damit wollte der Künstler vielleicht sagen: Durch die Begleitung ändert sich zunächst gar nichts.
Und das wird ja auch in der Emmausgeschichte deutlich. Jesus redet zu ihnen auf dem langen Weg. Und er redet ziemlich viel. „Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war“ (Lk 4,27). Offensichtlich erreichten Jesu Worte und Auslegung die Jünger nicht. Erst im Nachhinein, als sie ihn erkannt hatten, sagen sie: “Brannte nicht unser Herz, als er mit uns redete…?“
Aus meiner Erfahrung in der Trauerbegleitung weiß ich, dass viele und "große" Worte für trauernde Menschen oft nicht hilfreich sind.
Nicht das Reden ist wichtig, sondern das Dasein. Dass jemand da ist, der mit dem Trauernden die Trauer aushält, der ihn umarmt und einfach da ist, authentisch und echt da ist, das ist wichtig. Und dann kann es passieren, dass Trauernde, oder Sterbende sagen: „Herr Pfarrer, bleiben Sie doch noch ein Weilchen, es tut so gut, wenn einer da ist.“ So, wie wir alle wahrscheinlich als Kinder zu unserer Mutter gesagt haben: „Bleib doch noch ein bisschen…“ als sie damals vom Kinderbett aufstehen, rasch das Licht ausmachen und das Kinderzimmer verlassen wollte. „Bleib doch noch ein bisschen…“
„Bleibe bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneiget“ (Lk 24,29b). Die Jünger spüren, dass es ihnen guttut, wenn Jesus da ist, wenn er dableibt. Sie laden ihn ein.

Bild 3: Die AuferstehungUnd dann, nach langer Begleitung und nach herzlicher Einladung geschieht es. Sie erkennen ihn. Sie erkennen ihn an einem ganz sinnlichen, ganz einfachen aber eindrücklichen Zeichen. Sie erkennen ihn am Brotbrechen. So wie er zigmal das Dankgebet gesprochen und das Brot für sie gebrochen hatte, so erkennen sie ihn wieder.
Es waren und es sind immer die leiblichen und die sinnlichen Eindrücke, die uns die Auferstehung erleben lassen, die uns Jesus, als den gegenwärtigen Auferstandenen erkennen lassen. Bei Maria von Magdala war es seine Stimme, bei Thomas waren es seine Wunden, bei den Jüngern am See Tiberias waren es die Fische. Bei den Emmausjüngern war es die Mahlgemeinschaft mit Jesus. Was könnte es bei uns heute sein? Wo nehmen wir die Kraft der Auferstehung wahr, in uns, in unserem Leben, in unserer Gemeinde?
Oder anders gefragt: Wo sind die Voraussetzungen dafür? Wo gibt es unter uns Beistand und echte Begleitung in Leid und Trauer? Wann habe ich das schon einmal erlebt, dass mir die Nähe eines Mitchristen gut getan hat, dass ich ihn oder sie eingeladen habe und es uns leichter wurde und wir gespürt haben, dass er da ist, wo „zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind“.
Sich darüber Gedanken zu machen und sich vielleicht auch in einem Gespräch auszutauschen lohnt sich.
Für mich persönlich ist es ein ganz starkes Zeichen und ein schönes Gefühl, wenn wir, so wie es bei uns in der Herrenberger Stiftskirche üblich ist, beim Abendmahl im Kreis um den Altar stehen und uns die Hände reichen. Da empfinde ich Jesu Gegenwart unter uns. Da ist Auferstehungsgemeinschaft.
Da kann man nach dem Gottesdienst gestärkt aufstehen und nach Hause gehen.
Die Jünger jedenfalls haben genau das gemacht. Sie sind tatsächlich auferstanden.
„Und sie standen auf zu derselben Stunde…“ (Lk 24,33).
Aus deprimierten, hoffnungslosen Gestalten wurden frohe Botschafter der Auferstehung. Es war ihnen ein Licht aufgegangen. Sie haben die Auferstehung am eigenen Leib erlebt. Dieser Verwandlung lag ein Weg zu Grunde. Da brauchte es Zeit, da brauchte es Begegnung, da brauchte es den richtigen Moment.
Und genauso ist es bis heute geblieben.
Auferstehung kann nicht erzwungen werden. Sie muss sich ereignen.
Sie ereignet sich ohne unser Zutun, in der Weggemeinschaft mit anderen, in der Leidens- und Glaubensgemeinschaft mit Menschen, die einem nahe sind.
Und wenn es dann soweit ist, dann ist auf einmal alles klar, und wir stehen auf, heraus aus der Bedrückung, heraus aus Trauer und Angst.
Solche „Auferstehungserfahrungen“ mitten im Alltag sind nicht häufig und sie sind auch nicht spektakulär.
Sie sind eher zart und zerbrechlich und sehr persönlich.
Aber, liebe Gemeinde, ich denke es gab sie und es gibt sie,
in meinem und in Ihrem Leben:
Wenn etwas geschieht, das mein Herz mit Liebe und Glück erfüllt, die Geburt eines Kindes zum Beispiel. Oder wenn ich erfahre, dass ich von einem Freund wirklich begleitet, getröstet und aufgerichtet werde. Oder wenn mir in einem schönen Augenblick tatsächlich die Augen aufgehen und ich die Kostbarkeit des Lebens und die Schönheit der Schöpfung erkenne.
Um mich herum ist dann alles wie immer, und doch fühle ich mich wunderbar geborgen in einer Art größerer Ordnung.
Und ich bin bewahrt wie in einem Haus aus Licht – mitten im Tag, mitten in meinem Leben.

Die Dichterin Marie Luise Kaschnitz hat das wunderschön formuliert:

Auferstehung

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns,
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Amen.

Das Gedicht von Marie Luise Kaschnitz ist ihrem Band "Gedichte" entnommen, Bibliothek Suhrkamp 436, Frankfurt 1986, S.15.


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