Ostersonntag (05. April 2015)

Autorin / Autor: Schuldekan Dr. Andreas Löw, Ludwigsburg [schuldek.ludwigsburg@elkw.de]

Markus 16, 1-8

Das festliche Orgelpräludium, liebe Gemeinde, gibt den Ton dieses Festgottesdienstes vor. Wir haben seinen Klang aufgenommen, haben ihm unsere Stimme geliehen, als wir gemeinsam das Osterevangelium sangen: "Gelobt sei Gott im höchsten Thron." Und mit dem althergebrachten Ostergruß: "Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!" und dem Loblied der Hanna wurde dieses Osterevangelium bestätigt und bekräftigt, bezeugt und bewahrheitet. Der Tod ist besiegt. Das Leben hat den Sieg errungen. Gott sei Lob und Preis. Halleluja!

Beim Evangelisten Markus, dessen Worte wir in diesem Jahr zu hören haben, klingt das Osterevangelium folgendermaßen:

„Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich."

„Zittern und Entsetzen“Wie klingt dieser Bibelabschnitt in ihren Ohren?
„Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen“ – heißt es am Ende dieses Bibelabschnitts, und ich merke, wenn ich diese Worte in mir nachklingen lasse, wie nahe sie mir in diesem Jahr sind. Geboren in einer vom Frieden geprägten Epoche, aufgewachsen in der Überzeugung, dass alle politischen und religiösen Konflikte mit Gesprächen und im Dialog zu lösen sind, haben mich die Nachrichten und Bilder, die ich in den letzten Monaten und Wochen in den Medien aufgenommen habe, tief erschüttert.

Die menschen- und kulturverachtende Brutalität der IS-Terroristen, der barbarische Terroranschlag in Paris auf die Redaktion von Charlie Hebdo, der mehr und mehr in einen kalten Krieg abklingende militärische Konflikt im Osten in der Ostukraine – Zittern und Entsetzten“ liegen mir und wohl vielen von uns in diesem Jahr näher als der ausgelassene Jubel über den Sieg des Lebens, als das den Tod verspottende Osterlachen.

Der All-Tag nach dem SabbatDie drei Frauen begeben sich am Tag nach dem Sabbat, am Tag nach dem von Gott geschenkten Ruhetag, ohne wirklich erneuerte Lebenskraft in den Alltag. Die drei Frauen sind auch nach dem Aufgang der Sonne, also nach der Auferstehung Christi von den Toten, noch voller Sorge. Wer wird ihnen den Stein von dem Grab wegwälzen? Diese drei Frauen sind mir in diesem Jahr besonders nahe.

Wie oft erlebe ich zur Zeit, dass auch am Sonntag meine Seele gefesselt bleibt in den Sorgen des Alltags? An dem mir von Gott geschenkten Sonntag, an dem ich eingeladen bin, an seiner Ruhe nach der vollbrachten Schöpfungstat teilzuhaben, bleibt meine Seele und mein Geist ohne Ruhe. Wie oft fahre ich am Montagmorgen zur Arbeit, erlebe den Sonnenaufgang und erkenne nicht die sich in der Natur widerspiegelnde Spur der Auferstehung Christi, spüre nichts von der Kraft der Auferstehung, die all meine Befürchtungen und Sorgen in ein neues Licht tauchen will?

Die Auferweckung Jesu Christi von den Toten, die sich ohne jegliches menschliche Zutun, ohne jegliche menschliche Augenzeugenschaft ereignet, sie ist mir in diesem Jahr ganz und gar entzogen. Gottes in der Nacht wirkende schöpferische Macht, sie erreicht, so erlebe ich es in diesem Jahr in besonderer Weise, oft nicht mein Denken und Fühlen, mein Gemüt und meine Seele.

Wie die Frauen denke ich nur an den Stein vor dem Grab, an die Hindernisse und Probleme, die meine Kraft überfordern. Die Sorge um die fehlenden Auszubildenden im der Kranken-, Alten- und Familienpflege, der immer größer werdende Mangel an Pflegefachkräften, die immer stärker werdende finanzielle Belastung der Pflegebedürftigen und ihrer Angehöriger, die Frage nach der Weiterentwicklung unserer Diakonieschwesternschaft – ich frage mich oft mit Lothar Zenetti:

„Wer wird mir den Stein wegwälzen
von dem Grab meiner Hoffnung
den Stein von meinem Herzen
diesen schweren Stein?“ ( EG, S.253).

Ja, es geht mir oft wie den Frauen, dass ich sogar noch dann Gottes Felsen versetzende Kraft nicht wahrnehme, wenn der Stein vom Grab meiner Hoffnung weggewälzt, ein schwerer Stein vom Herzen gefallen ist. Ich erkenne Gottes neue Lebenswege schaffendes Wirken nicht, auch wenn uns in der Schwesternschaft wieder einmal ein größerer Schritt gelungen ist. Ja, nicht einmal wenn ein Engel es verkündigt, wenn er darauf hinweist, dass Jesus nicht vom Tod festgehalten werden konnte, sondern vorausgegangen ist, vor mir hergeht in den Alltag, um mir dort zu begegnen, ja, nicht einmal dann siegt einfach der Glaube über den Unglauben, bricht sich der Osterjubel Bahn.

Aber wie kann es dann Ostern werden?Wie kann der Stein von meinem Herzen genommen werden, meine Hoffnung, die ich begraben habe, auferstehen? Wie kann die Freude des Evangeliums mein Herz, meine Seele und mein gesamtes Leben erfüllen? Wie kann die Befreiung von der Sünde, von der Traurigkeit, von der inneren Leere und von der Vereinsamung in meinem Alltag für mich selbst und meine Mitmenschen erlebbar und spürbar werden?

Das „Ende“ des EvangeliumsDie neutestamentlichen Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass der Evangelist Markus in der ursprünglichen Fassung seines Evangeliums diese Fragen nicht beantwortet hat. Er ließ sein Evangelium mit dem Satz enden: Und die Frauen „sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich“. Aber wie hat dann die Botschaft von der Auferstehung die anderen Jünger erreicht? Wie hat die Osterbotschaft ihr Herz erreicht und wie sich in der Welt ausgebreitet? Wie wurden aus den feigen Jüngern, die von der Hinrichtungsstätte geflohen waren, die glaubensstarken Apostel der urchristlichen Gemeinde?

Schon kurze Zeit nach der Veröffentlichung des Markusevangeliums wollte die christliche Gemeinde diesen offenen Schluss, diese offenen Fragen nicht mehr akzeptieren. Sie ertrug wohl nicht mehr die Spannung, dass Gottes österliches Wirken, sein den Tod besiegendes Handeln nicht letztlich doch eindeutig zum Ziel führt, Glauben wirkt und die Kirche begründet. Deshalb fügten sie dem ursprünglichen Ende des Markusevangeliums die folgenden Verse hinzu:

"Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria von Magdala, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte. Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten. Und als diese hörten, dass er lebe und sei ihr erschienen, glaubten sie es nicht. Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie über Land gingen. Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht. Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen. Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: ln meinem Namen werden sie böse Geister austreiben, in neuen Zungen reden, Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird's ihnen nicht schaden; auf Kranke werden sie die Hände legen, so wird's besser mit ihnen werden. Nachdem der Herr Jesus mit ihnen geredet hatte, wurde er aufgehoben gen Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes. Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen" (Mk16,9-20).

Ich bin dankbar für die Entdeckung, dass das Markusevangelium ursprünglich mit den Worten endete: Die Frauen „sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich“. Denn in diesen Worten finde ich mich mit all meinen Fragen und Zweifeln, mit all meiner Hoffnungslosigkeit und all meinem Unglauben verstanden.

Aber ich bin auch dankbar, dass die Gemeinde später das Evangelium noch ergänzt hat durch eine Zusammenfassung der Berichte über die Erscheinung des Auferstandenen in den anderen Evangelien. Denn es ruft mir die Erfahrung von Generationen und Generationen von Christen in Erinnerung, die erlebt haben, wie der Auferstandene selbst den hartnäckigsten Zweifel überwunden, den Unglauben besiegt hat.
Der Auferstandene nimmt – und sei es durch die von anderen erzählte und gelebte Tradition – den Evangelisten Markus und auch mich hinein in die Geschichte seiner Kirche. Er schenkt mir so Freude und lässt mich – trotz und gegen alle Zweifel – heute an diesem Festtag singen: "Er ist erstanden. Halleluja! Freut euch und singet, Halleluja! Denn unser Heiland hat triumphiert, all seine Feind gefangen er führt. Lasst uns lobsingen vor unserem Gott, der uns erlöst hat vom ewigen Tod. Sünd ist vergeben, Halleluja! Jesus bringt Leben, Halleluja!"

Weg zur Predigt: Die Mehrheitsmeinung der Exegeten ist, dass das Markusevangelium mit 16,8 geendet hat. Dieser Schluss des Markusevangeliums wurde schon sehr früh als schwierig und unbefriedigend empfunden. Deshalb kam es im 2. Jahrhundert zu dem kürzeren und dem längeren späteren Markusschluss (s. Handschriftenapparat). Auch manche Theologin, mancher Theologe bzw. manches Gemeindeglied mag diesen Schluss und eine nur ihn auslegende Predigt am Osterfest unbefriedigend finden. Die vorliegende Predigt ist mein Versuch, den ursprünglichen Schluss ernst zu nehmen und gleichzeitig auch die Entscheidung der frühen Kirche mit in meine Predigt mit einzubeziehen.
Die Predigt werde ich am Ostersonntag in der Mutterhauskirche der Evangelischen Diakonieschwesternschaft Herrenberg-Korntal in Herrenberg halten. Ca. 1/3 der Mitfeiernden sind Schwestern und Brüder der Schwesternschaft, 2/3 sind der Schwesternschaft verbundene Personen aus Herrenberg und Umgebung bzw. Mitglieder der Parochie, der die Mutterhauskirche zugeordnet ist.


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