Pfingstmontag (25. Mai 2015)

Autorin / Autor: Pfarrer Dr. Gerhard Schäberle-Koenigs, Bad Teinach-Zavelstein [Gerhard.Schaeberle-Koenigs@elkw.de]

Matthäus 16, 13-19

Schlüsselübergabe

Liebe Gemeinde,
die Schlüssel des Himmelreichs! Wer kann sich schon vorstellen, wie die aussehen. Schlüssel des Himmelreichs. Die sind sicher größer als ein Zimmerschlüssel. Sie sind mehr als der Hausschlüssel zum eigenen Haus, auch mehr als der Hausschlüssel, den einem die Nachbarn anvertraut haben für die Zeit ihres Urlaubs. Schlüssel des Himmelreichs sind mehr als alle Schlüssel zusammen an unserem Schlüsselbund. Die Schlüssel des Himmelreichs öffnen Tür und Tor zu einer anderen Welt.
Wenn es schon eine große Verantwortung ist, die Schlüssel vom Haus der Nachbarn anvertraut zu bekommen, wie groß muss dann erst die Verantwortung für den sein, der die Schlüssel des Himmelreichs bekommt!

Den Schlüssel verlegtFrau Leinemann wischt sich den Schweiß von der Stirn. Sie ist ganz aufgewühlt. Einige Haarsträhnen hängen ihr ins Gesicht. Ihre Hände zittern. Die Knie auch. Schon seit einer Stunde sucht sie den Schlüssel. Alles in ihrer kleinen Wohnung hat sie umgedreht. Auch die Taschen ihrer Schürzen. Die Handtasche hat sie auf dem Tisch ausgeleert. Die Einkaufstasche untersucht. So viele Verstecke gibt’s gar nicht in ihrer Wohnung.
Es ist Samstagvormittag. Sie muss in die Kirche. In ihre Kirche. Morgen ist Gottesdienst. Wie immer am letzten Sonntag im Monat, alle vier Wochen. An den andern Sonntagen gehen sie in die Nachbarkirche. Aber wo ist der Schlüssel?
Erschöpft sinkt sie auf ihre Küchenbank. Die Bilder von vor zehn Jahren tauchen wieder vor ihr auf. Damals, als sie das Mesneramt für ihre kleine Dorfkirche übernommen hat. Sie weiß noch, wie sie vor dem Altar stand. Fast alle Dorfbewohner waren da. Sie hatten die Bänke gut gefüllt. Sie sieht sie alle noch vor sich. Und dann hat ihr der Pfarrer den großen Schlüssel übergeben. Schwer wog er in der Hand. Zwanzig Zentimeter lang. Ganz glatt poliert war er. Von den Händen all ihrer Vorgänger. Und sie hat sich genau gemerkt, was er gesagt hat: „Frau Leinemann, wir übergeben Ihnen den Schlüssel dieser Kirche. Ob Menschen in die Kirche reinkönnen, das liegt von nun an Ihnen. Es gibt keinen anderen Schlüssel.“
Und jetzt ist er verschwunden. Sie ist verzweifelt. „Ich bin dem nicht gewachsen. Ich kann das nicht, auf den Kirchenschlüssel aufpassen. Auf den Einzigen. Das ist zu viel für mich. Das geht über meine Fähigkeiten. Ich bin doch nur ein Mensch“, murmelt sie vor sich hin.

Über sich hinauswachsenAn Pfingsten, am allerersten Pfingstfest, da ist die Gemeinde der Jünger Jesu weit über sich hinausgewachsen. Ihr gelang mehr als was Menschen möglich ist. Das fing mit der Sprache an. Sie redeten aramäisch, die Sprache der Leute vom Land. Und Menschen aus aller Herren Länder verstanden sie, wie wenn es ihre eigene Sprache wäre. Wenn menschliche Worte die Grenzen der Sprache einfach überspringen, in die sie normalerweise eingesperrt sind, dann das ist eine Frucht des Heiligen Geistes.
Die Gemeinde der Jünger Jesu ist noch mehr über sich hinausgewachsen. Unzählig viele Menschen wurden ihr neu hinzugefügt. Auch dies ist eine Frucht des heiligen Geistes. Er hat sie erfüllt und erfasst, als sie alle in einem Haus versammelt waren.
Wenn wir Pfingsten feiern, denken wir sehnsüchtig an so ein Über-sich-Hinauswachsen und wünschen uns insgeheim, es möge doch auch bei uns mal geschehen, dass der Geist uns beflügelt und unserer Gemeinde Kräfte zuwachsen, von denen wir noch gar keine Ahnung haben. Oder etwas bescheidener: dass wir wenigstens mal nicht hinter unseren Möglichkeiten zurückbleiben.

SchlüsselverantwortungWer den Schlüssel hat, der hat auch die Verantwortung. Ist sie nicht zu groß für Menschen, wenn sie die Schlüssel des Himmelreichs überreicht bekommen?
Jesus übergibt sie einem sehr menschlichen Wesen, dem Petrus, und mit ihm auch allen andern, die dazugehören zur Jüngergemeinschaft. Ist das klug? Können die damit umgehen? Wissen die, was für eine Verantwortung sie haben? Jesus sagt’s ihnen, sagt’s dem Petrus: „Alles, was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“
Das ist die Verantwortung. Man hat das immer mal wieder so verstanden, dass die Kirche darüber entscheiden könne, wer Zugang hat zur Gnade Gottes, oder einfacher gesagt, wer in den Himmel kommt. Aber da war der Wunsch nach Macht über die Seelen der Menschen stärker als das genaue Hinhören auf Jesu Worte. Er sagt ja nicht: „Ihr könnt entscheiden, wer würdig ist, in das Reich Gottes zu kommen.“
Ich höre in seinen Worten bei der Schlüsselübergabe eher: An euch liegt’s, ob jemand Zugang findet zum Reich der Himmel. Denn wenn ihr ihm nicht helft, diesen Zugang zu finden, oder ihn ihm gar verwehrt, dann gibt’s niemand sonst, der ihm aufschließen könnte. Ihr habt’s in der Hand. Und es ist eure Verantwortung, aufzumachen, nicht zu verwehren. Zugang zu schaffen. Nicht abzuschließen.
Jesus erzählt seinen Jüngern ja viel von der Welt, zu der diese Schlüssel passen, die Schlüssel des Himmelreichs. Er malt es ihnen lebhaft vor Augen: „Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte.“ Oder: „Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker.“ Oder: „Das Himmelreich gleicht einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte.“ „Das Himmelreich ist mitten unter euch“, sagt er.
Menschen können einander das Leben zur Hölle machen. Menschen können einander aber auch die Tür zum Himmelreich öffnen. Es ist ja mitten unter uns. Darum geht es Jesus bei der Schlüsselübergabe. Wer sich mit Worten zu ihm bekennt – wie Petrus -, der bekommt die Schlüssel in die Hand gedrückt: Die Türen, die du öffnest, die sind offen. Die Türen, die du verschlossen lässt, die bleiben verschlossen.
So groß ist die Verantwortung derjenigen, die Jesus als ihren Herrn bekennen und ihr Leben an ihm ausrichten wollen. So groß ist die Verantwortung der christlichen Gemeinde. Wenn sie sie wahrnimmt und recht gebraucht, dann wird sie über sich hinauswachsen. Wenn sie aber die Schlüssel des Himmelreichs verlegt und nicht wieder findet, dann bleibt sie unter sich, hinter verschlossenen Türen wie die verängstigten Jünger nach Karfreitag.

Lösen, nicht festnagelnIn jedem Dorf, in fast jeder Verwandtschaft, auch in vielen christlichen Gemeinden gibt es alte Geschichten, die untergründig ihr Unwesen treiben. Man trägt einander etwas nach, über Jahre hinweg. Man geht einander aus dem Weg. Redet nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Man kommt nicht darüber hinweg, was der oder jene einem mal gesagt, getan oder unterlassen hat. Solche alten, verhärteten Zerwürfnisse ragen oft auch bis in den innersten Kreis einer Gemeinde hinein.
Die Schlüssel des Himmelreichs sind uns übergeben, um zu lösen, nicht um immer wieder neu einander festzunageln auf alte Fehler und Verfehlungen. Die Schlüssel sind uns übergeben, um Türen zu öffnen.

Auf der SucheMenschen suchen Gott. Viele.
Menschen sehnen sich danach, frei zu werden von alten Lasten.
Menschen suchen Halt für ihre unruhigen Seelen.
Menschen suchen Halt, wenn ihr Leben aus den Fugen geraten ist.
Menschen suchen Wärme, wenn ihnen die Heimat verloren gegangen ist.
Menschen wollen akzeptiert werden, auch mit ihren Schwächen.
Menschen suchen Gott.

Damit sie bei ihrer Suche und für ihre Sehnsucht offene Türen finden, hat Christus seiner Gemeinde die Schlüssel des Himmelreichs anvertraut.
Falls wir sie verlegt haben und nicht mehr wissen, wo sie sind, dann ist Pfingsten ein guter Anlass, sie mit Eifer zu suchen.

GefundenFrau Leinemann ist an jenem Samstagmorgen dann doch noch in ihre Kirche gegangen. Der große Schlüssel lag einfach in der falschen Schublade ihrer Kommode. Bei den Brillen.
Sie hat die Kirchentür aufgeschlossen. Sie hat die Kirche schön gemacht. Sie hat die Spinnweben weggefegt. Sie hat dem Altar eine neue Decke gegeben. Sie hat Blütenzweige darauf gestellt. Und während sie arbeitete und alles herrichtete, hat sie die Tür weit offen gelassen. Einladend. Erstaunlich viele Menschen schauten rein. Wanderer. Fahrradfahrer. Auch Etliche aus dem Dorf, die sie sonntags fast nie sah. Wie zufällig kamen sie vorbei.
An diesem Tag ließ sie die Kirche offen bis Sonnenuntergang. Erst dann schloss sie ab, mit dem großen Schlüssel. Und hängte ihn zu Hause ans Schlüsselbrett. Damit sie nicht wieder suchen muss.
Amen.

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