Reminiscere / 2. Sonntag der Passionszeit (01. März 2015)

Autorin / Autor: Pfarrer Johannes Schleuning, Weinstadt-Schnait [Pfarramt.Schnait@elkw.de]

Markus 12, 1 -12

Das ist keine Heile-Welt-Geschichte. Kein Stoff, aus dem die Träume sind. Was Jesus da erzählt, hört sich an wie eine Szene in Chicago bei Nacht oder in Frankfurt oder in Stuttgart?
Da geht es um Erbanteile, um Besitzansprüche, um Körperverletzung, ja sogar um Mord und Totschlag. So etwas erwarten wir eher sonntags um 20.15 Uhr als heute Morgen um 10.00 Uhr.
Lassen Sie uns diese äußerst konfliktreiche Geschichte aus dem zweiten Evangelium näher anschauen und versuchen zu begreifen, was Jesus damit sagen will:
Da pflanzt einer einen Weinberg, zäunt ihn sorgfältig ein, gräbt eine Kelter, baut einen Turm – und tut dann, als alles fertig ist und auf den Betriebsbeginn wartet, etwas höchst Ungewöhnliches: Er überlässt seinen neu angelegten Weinberg anderen und geht sogar außer Landes. Er übergibt seine neu gegründete Firma in fremde Hände, er verpachtet sie und geht selber ins Ausland. Man fragt sich, ob das gut geht. Ob das überhaupt funktionieren kann.
Es funktioniert natürlich nicht. Im Gegenteil, es geht total schief. Als es an der Zeit ist, schickt der Weinbergbesitzer einen Knecht, um seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs zu holen. „Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn, und schickten ihn mit leeren Händen fort.“ Der nächste Bote des Besitzers wird auf den Kopf geschlagen und verbal fertig gemacht. Der dritte schließlich wird von den Pächtern getötet.
Fast scheint es, der Besitzer hätte es auf einen Konflikt angelegt oder mindestens es darauf ankommen lassen:

Er kannte doch seine Pächter …Er ging so weit fort, dass sie vollkommen selbstständig arbeiten und wirtschaften mussten – und konnten.
Und er kommt niemals selbst, er sendet einen Angestellten nach dem anderen, obwohl er sieht, was dabei herauskommt.
Darin zeichnet Jesus ein Bild von Gott und Menschen: Der Herr der Welt gibt uns diese Erde zu treuen Händen. Es ist alles da, was man zum Leben und Wirtschaften braucht: Feuer, Wasser, Luft und Erde, Brot und Arbeit für alle. Und wir, die Menschen, sind ausgestattet mit so viel Verstand, Weisheit, Phantasie und Körperkraft, dass wir pflanzen, bauen, hegen und schließlich ernten können. Es wäre genug da für alle – und wir könnten Gott das zurückerstatten, was ihm zusteht: seinen Anteil an der Ernte, unseren Dank, unseren Glauben, unseren Zehnten von allem, was da ist.
Warum kommt es trotzdem zum Konflikt? Oder, andersherum gefragt: Warum lässt es Gott zum Äußersten kommen, warum hat er nicht alles ganz anders geregelt? Warum musste die Geschichte zwischen Gott und Menschen zur Konflikt-Geschichte werden und die zwischen den Menschen untereinander dann erst recht?
Warum nimmt Eva den Apfel? Warum versteckt sich Adam im Garten? Warum erschlägt Kain seinen Bruder Abel? Warum werden die Propheten Gottes ausgelacht, verhöhnt, verjagt?
Das ist ja keine alte Geschichte, sondern darin stecken unsere heutigen Fragen auch: Warum ist die Welt, wie sie ist? Warum lässt Gott Leid und Kriege zu? Warum werden die Warner und Mahner immer erst gehört, wenn es schon zu spät ist? Und warum wird das bei der Erwärmung des Weltklimas, beim Kampf gegen Boko Haram in Nigeria wieder so sein? Warum geben wir Gott nicht, was Gottes ist, und bleiben dafür das, wozu Gott uns bestimmt hat, nämlich menschliche Menschen, seine Geschöpfe, seine Bilder?
Natürlich kann eine Sonntagspredigt nicht auf all diese existentiellen Fragen Antwort geben. Aber das Gleichnis im 12. Kapitel des Markusevangeliums weist uns in die richtige Richtung, um uns selber und unser Problem wenigstens zu verstehen:
Der Herr des Weinbergs will keine Tagelöhner ohne Rechte und ohne eigene Verantwortung. Er will erwachsene Pächter, die ihre Rolle finden und ihre Aufgaben erkennen und tun. Wir sind aber auch nicht Besitzer, der Weinberg gehört uns nicht, auch wenn uns der Herr die Erde eine Zeitlang überlässt.
Erwachsen zu werden als Pächter im Weinberg Gottes ist ein konfliktreicher und schwieriger Weg. Man kann scheitern, ohne dass Gott eingreift. Aber man hat auch gewaltige und verlockende Möglichkeiten, aus dem anvertrauten Weinberg Gottes etwas zu machen.
Allerdings: Der Herr fordert etwas vom Ertrag des Weinbergs. Er gibt nicht nur, er will auch etwas von uns. Diese Forderung wird klar benannt. Etwas abgeben, das müssen die Pächter. Und sei es nur, damit sie daran erinnert werden: Besitzer sind wir nicht.
Genau daran entzündet sich der Konflikt. Nicht etwa, dass die Pächter den Weinberg verkommen lassen oder dieser keine Früchte bringt. Das nicht. Aber ihre Pächter-Rolle, die wollen sie nicht akzeptieren. Sie wollen entweder ganz brave Tagelöhner sein, denen alles gesagt wird, was zu tun ist – oder selber Besitzer. So schwierig ist es mit der Freiheit, die Gott uns lässt.

Was tut nun der Herr des Weinbergs?Wieder reagiert er nicht auf die eindeutige, von uns vielleicht erhoffte Art und Weise. Anstatt, gewaltlos oder mit Gewalt, dem Konflikt ein Ende zu machen, schickt er einen Boten nach dem anderen. Spätestens beim zweiten hätte er ja wissen müssen, dass das keinen Erfolg hat. Dass die Pächter anfangen, sich als Besitzer zu fühlen und einen Boten nach dem anderen entweder verprügeln und davonjagen oder ihn aus der Welt schaffen.
Kein Ehepartner, kein Arbeitgeber, kein Politiker könnte sich so viel Geduld leisten, oder? Gott wählt diesen Weg. Immer und immer wieder interveniert er durch das Wort seiner Boten. Propheten, Priester, Apostel, die Evangelisten – lauter Boten, die versuchen, die Menschen an ihre Pächter-Rolle im Weinberg Gottes zu erinnern. An ihre Abgabepflicht an den, der ihnen diese Welt und der ihnen das Leben geschenkt hat.

Wie endet diese Konfliktgeschichte?Zunächst endet sie gar nicht. Sie eskaliert. Der Herr des Weinbergs sendet den Pächtern das Liebste und das Kostbarste, was er hat: seinen einen und einzigen Sohn! Aber auch dieser wird kaltblütig und berechnend umgebracht. Selbst davor schrecken die Pächter nicht zurück.
Ein Sieg der Gewalt, wie wir ihn täglich erleben oder davon hören und lesen. Der Stärkere setzt sich durch. Der Schwächere verliert, hier verliert er sogar sein Leben.

Was wird der Herr des Weinbergs tun?Er wird kommen und die Dinge zurechtbringen. Und dieses „zurechtbringen“ wird ebenso hart und klar sein wie das Verhalten der Pächter zuvor: „Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg anderen geben.“ Irgendwann muss Gott das Treiben seiner erwachsenen Söhne und Töchter unterbrechen und ihre Selbstherrlichkeit zum Thema machen. Irgendwann muss er Gericht halten, das heißt: zurechtbringen, was total aus den Fugen geraten ist.
Noch aber ist Zeit. Denn ausgerechnet der Tod seines Sohnes soll das Verhältnis zwischen Gott und Menschen wieder zurechtbringen. „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.“ Dieser Herr lässt sich ganz und gar hineinverwickeln in unsere Geschichte aus Schuld und Versagen.

Er hat immer noch Hoffnung. Er hat immer noch Geduld.Selbst nach der Eskalation der Gewalt gibt es einen neuen Anfang. Das liegt nun nicht mehr in der stringenten Fortsetzung unseres Gleichnisses, sondern das ist „vom Herrn geschehen und ist ein Wunder vor unseren Augen“. Im Tod des Sohnes fängt Gott noch einmal neu mit uns an.
Schlussbemerkung: Die Gegner Jesu haben begriffen, dass er „auf sie hin“ dieses Gleichnis erzählt hat.

Begreifen wir`s auch?Nicht Israel, sondern wir sind heute die Adressaten, die undankbaren Pächter, die Verfolger der Propheten und die, die selbst vom Sohn Gottes nichts Großes mehr erwarten.
Das größte Wunder „vor unseren Augen“ ist für mich, dass Gott uns seinen Weinberg immer noch nicht weggenommen hat, dass wir pflanzen und bauen und hegen und bisweilen auch ernten dürfen in seiner Kirche. Er hat uns diesen wunderbaren, arbeitsintensiven Garten nicht genommen – trotz allem – und seinem Volk Israel schon gar nicht.
Auch Kain darf leben, allein aus Gnade.
Amen.

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