Septuagesimae (01. Februar 2015)

Autorin / Autor: Pfarrerin Claudia Kook, Nürtingen [claudia.kook@elkw.de]

Matthäus 20, 1-16

Liebe Gemeinde!

Drei Szenen:
Mark Steinbacher lehnt sich entspannt zurück. Er sitzt an seinem Pool, das Cocktailglas in der Hand. Die Sonne scheint durch das lichte Laub. „Das habe ich mir jetzt verdient“, sagt er zu seiner Frau. Der Geschäftsabschluss hat funktioniert, er hat den Vertrag in der Tasche. „Der war echt ein harter Brocken. Aber den habe ich geschafft.“ „Du hast deinen Konkurrenten ziemlich rücksichtslos ausgestochen“, sagt seine Frau betont sachlich. „Ja und? Der hat es doch verdient. Wenn der so naiv ist. Selber schuld.“ „Wirklich?“ fragt sie nur.

Der Lehrer teilt die Klassenarbeit aus. „Ihr wart wieder mal miserabel“, sagt er. „Ihr habt nichts gelernt. Drei Sechser, vier Fünfer, und der Rest im unteren Mittelbereich. Aber ihr seid selbst schuld. Ihr habt es so verdient.“

In einer anderen Zeit in einem anderen Land: David steht schon seit den frühen Morgenstunden da. Und wartet. Wie so viele. Wenn es Arbeit gibt, dann hier. Inzwischen stehen auf dem Marktplatz nicht mehr ganz so viele herum wie noch zu Tagesanbruch. Manche haben schon was, Arbeit für einen Tag. Immerhin. Die hatten Glück, denkt David. Oder sie konnten sich besser durchsetzen, denkt er verbittert. Ich bin einfach zu vorsichtig. Seine Frau hatte ihm vorhin hier auf dem Marktplatz vor allen anderen eine Szene gemacht: „Du kriegst nie was auf die Reihe! Wovon sollen wir leben? Von deinem guten Willen?“ Die anderen haben zur Seite geschaut und gegrinst. „Der hat’s doch nicht anders verdient“, hat einer abfällig gesagt.

Jeder kriegt, was er verdient. Das ist Gerechtigkeit.
Hören Sie, was uns im Matthäusevangelium darüber erzählt wird:

(Verlesen des Predigttextes Matthäus 20, 1-16:)

„Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen.
Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.
Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen
und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.
Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.
Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?
Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.
Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten.
Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.
Als aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen.
Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn
und sprachen: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben.
Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?
Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir.
Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?
So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“

Das ist ungerecht! Gar keine Frage. Die einen schuften den ganzen Tag in der Sonne, die anderen gerade mal eine Stunde und bekommen doch alle einen Silbergroschen. Wo soll das hinführen?
Und gleich die nächste Frage: Warum provoziert der Hausherr derart? Er hätte doch den ersten ihren Lohn geben können, und die wären gegangen und hätten gar nicht mitbekommen, dass die anderen das Gleiche bekommen. Aber nein, er fordert den Widerspruch ja geradezu heraus. Und wenn er doch so viel hat, warum gibt er den ersten nicht noch einen Extrabonus? Das hätten sie doch verdient, oder? Wie man es dreht und wendet, es ist schwer zu verstehen und ziemlich weltfremd dazu.

Jeder kriegt, was er braucht?Jeder kriegt, was er verdient. So gehört es sich.
Aber könnte es nicht auch ganz anders sein? Jeder kriegt, was er braucht? Was wäre das für eine Gerechtigkeit?

Jesus hat immer wieder solch irritierende Geschichten erzählt. Geschichten mitten aus dem Leben, so wie die Leute es damals kannten. Er hat nichts beschönigt. Das war Alltag:

Hausherren, die sich ihre Erntehelfer zusammensuchten. Die auch später im Verlauf des Tages noch mal kamen, um sich einen Teil des Lohnes sparen zu können. Arbeitssuchende, die auf dem Marktplatz auf Gelegenheitsjobs warteten. Manche zählten zu den Glücklichen. Sie konnten einen Silbergroschen, also einen Tageslohn mit nach Hause bringen. Dann war dieser eine Tag gerettet. Was am nächsten sein würde, war damit immer noch ungeklärt.

Andere waren weniger glücklich, konnten sich nicht durchsetzen, waren zögerlicher, die gingen hungrig in die Nacht. Jesus wählt keine schöngefärbten Situationen, keine heile Welt mit der rosaroten Kirchenbrille. Er erzählt von der Armut, den Nöten, den täglichen Mühen. Er spricht den Menschen aus dem Herzen.

Aber dann wird diese alltägliche Welt ganz anders. Überraschend fremd. Irritierend. Da werden mit einem Male Möglichkeiten sichtbar, die alles durcheinander bringen. Es wird deutlich: Nichts muss so bleiben wie es ist. Menschen sind nicht festgelegt. Strukturen können aufgebrochen werden und Alltagsgesetze ändern sich. Die Macht der Liebe schafft sich ihren Raum. Das Reich Gottes verändert, wächst, ist mitten unter uns. Alles ist möglich, wenn ich der Liebe traue.

Was wäre, wenn jeder bekommt, was er braucht? Würde das die Ordnung völlig durcheinander bringen? Oder wäre es nicht doch möglich? So wie hier: Jeder bekommt für diesen einen Tag das, was er zum Leben braucht. Schade, dass unter den Arbeitern gleich der Neid ausbricht. Sofort ist das Konkurrenzdenken da: „Die Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und doch hast du sie uns gleichgestellt!“ Nun ja, so sind die Menschen nun mal. Eine schöne Geschichte, mag mancher sagen. Vielleicht trifft es auf Gott auch zu. Aber unter den Menschen ist ein solches Ansinnen eben doch nur weltfremd.

Glückskultur oder NeidkulturIch erinnere mich an eine Szene aus dem Dokumentarfilm „Alphabet“, der vor etwa eineinhalb Jahren im Kino kam. „Angst oder Liebe“ lautet der Untertitel. Da geht es um Bildung und unsere Bildungssysteme. Unser Bildungssystem erzeugt Konkurrenz. Noten sortieren in gute und schlechte Schüler. Das Denken wird in enge Bahnen gelenkt. Die Freude am Lernen und das Miteinander sind Nebensache.
Was mich bewegt und beschäftigt hat in diesem Film, ist die Aussage des Hirnforschers Gerald Hüther (so ähnlich auch nachzulesen in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung). Der sagt, dass dieses Konkurrenzdenken keinesfalls naturgegeben ist. Im Gegenteil. Die ursprünglichere Erfahrung, die sich unser Gehirn formt, ist die der Kooperation, das Miteinander. Das Kind im Bauch der Mutter und später der Säugling erfährt, dass er im Einklang mit der Mutter lebt und sich dabei entwickelt. Das Miteinander ist die Grundlage für die Entfaltung. Das ist die Grunderfahrung, die Menschen machen. In einem Interview sagt Hüther: „Bis ins hohe Alter wollen wir verbunden sein und über uns hinauswachsen.“ Also wäre es doch möglich? „Jeder bekommt, was er braucht“ – nicht nur eine göttliche, sondern auch eine menschliche Gerechtigkeit, die eigentlich der ursprünglichen Prägung unseres Gehirns entspricht? Das ist verlockend.
Leider geht dieses Miteinander zu schnell verloren. Gerald Hüther sagt: „Statt an einer Glückskultur zu arbeiten, entwickeln wir eine Neidkultur.“ Vielleicht ist das der Grund, warum Jesus den Hausherrn so provozierend handeln lässt: Damit der Neid zum Thema wird. Die Glücksforschung bestätigt den Sachverhalt: Wer sich mit anderen vergleicht, kommt in Konkurrenz, wird neidisch, und Neid und verhindert das Glück. Schön, dass wir Christen schon seit 2000 Jahren wissen, was die Forschung erst mühsam herausgefunden hat: Das Sich-Mitfreuen ist der einfache Schlüssel zur Seligkeit. Deswegen erzählt Jesus in vielen Gleichnissen genau davon.

Gerechtigkeit„Jeder bekommt, was er braucht“ – nicht weltfremd, sondern eine menschliche Form der Gerechtigkeit.

Drei Szenen:
Es wird bereits dunkel, als David endlich nach Hause kommt. Die Kinder sind mürrisch. Seine Frau sieht ihn gar nicht an. Aber David nimmt sie trotzdem in den Arm und sagt: „Hier. Einen Silbergroschen. Einen ganzen Tageslohn! Schnell, lauf rüber und kauf Mehl!“ „Aber heute Nachmittag, da standst du doch noch auf dem Marktplatz herum, wie immer…?“ David erzählt das Erlebte. „Einen Silbergroschen. So viel, wie wir heute brauchen. Das rettet uns morgen zwar nicht, aber für heute ist es gut.“

Der Lehrer teilt die Klassenarbeit aus. „Ihr ward wieder mal miserabel“, sagt er, schaut ernst, aber dann lächelt er. „Ich weiß ja, dass ihr’s schwer habt. Dimitrij, bei dir spricht niemand zu Hause deutsch, wer soll dir helfen? Ich habe dir eine Zwei gegeben. Svenja, ist dein Vater nicht gerade ausgezogen? Mit einer Zwei-bis-Drei kannst du deinen Schnitt halten. Alex, hast du zu Hause wieder aushelfen müssen? Die Zwei-plus hilft dir weiter…“

Mark Steinbacher lehnt sich entspannt zurück. Er sitzt an seinem Pool, das Cocktailglas in der Hand. Die Sonne scheint durch das lichte Laub. „Du hast das Geschäft platzen lassen?“ fragt seine Frau ungläubig? „Ja“, sagt er. „Es hätten zu viele Leute dran glauben müssen. Ich konnte das mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Die brauchen doch den Job.“ „Seit wann fragst du danach? Ich dachte: Jeder kriegt, was er verdient, und nicht, was er braucht!“ „Wir brauchen das Geld jedenfalls nicht. Wir haben genug. Und deswegen kann ich damit tun, was ich für richtig halte.“ „Und wenn wir das Haus, den Pool, und all das nicht mehr halten können?“ „Dann lassen wir eben andere hier mit drin wohnen, die’s brauchen können. Dann wird es günstiger.“ „Du bist verrückt!“ sagt seine Frau, aber sie strahlt dabei. Amen.

Hilfreiche Literatur: Luise Schottroff: Die Gleichnisse Jesu, Gütersloh 2005; Interview Gerald Hüther mit der Stuttgarter Zeitung: www.gerald-huether.de/populaer/veroeffentlichungen-von-gerald-huether/zeitschriften/stuttgarter-zeitung-interview-gerald-huether/index.php; Film: Alphabet, Angst oder Liebe. Erwin Wagenhofer 2013.

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