Sexagesimae (08. Februar 2015)

Autor/in: Prälatin Gabriele Wulz, Ulm [praelatur.ulm@elk-wue.de]

Lukas 8, 4 -8 ; 8, 5-19

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
Amen.

Das Gleichnis vom Sämann macht MutDas Gleichnis vom Sämann, liebe Gemeinde, das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld, ist Trost und Ermutigung für Gemeinden und Christenmenschen. Nicht erst heute.
Wie aus ganz wenig viel werden kann, davon erzählt das Gleichnis Jesu. Wenn Same auf gutes Land fällt, dann geschieht das Wunder. Der Same, der erstirbt, bringt viel Frucht. Mehr als geglaubt. Viel mehr als gehofft.
Wir hören dieses Gleichnis Jesu als Predigttext für den Sonntag Sexagesimae.
Aus dem 8. Kapitel des Lukasevangeliums lese ich die Verse 4-8:
„Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus den Städten zu ihm eilten, redete er in einem Gleichnis:
Es ging ein Sämann aus, zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf.
Und einiges fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte.
Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s.
Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!“

Das Evangelium bringt Menschen in BewegungEine große Menge ist beieinander. Aus den Städten eilen sie herbei.
Männer und Frauen. Vernünftige und Verrückte. Wohlsituierte und arme Schlucker. Eine bunte, eine große Schar.
Der Evangelist Lukas lässt uns teilhaben an der Bewegung, die Jesus von Nazareth ausgelöst hat. So als wolle er sagen: Auch ihr seid eingeladen. Schließt euch an. Kommt mit!
In dieser großen Schar hat`s auch für euch Platz. Mischt euch einfach unter die Leute. Keine Sorge, ihr fallt nicht auf. Und hört. Hört auf das, was Jesus euch zu sagen hat:
Das Gleichnis vom Sämann, das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld.

Wachstum ist machbar?Wachsen gehört zum Leben. Klar. Aber wie sieht Wachstum aus? Ist es ein immer mehr? Ein immer größer? Diejenigen, die im Raum der Kirche ein „Wachsen gegen den Trend“ erhofft und gefordert haben, sind inzwischen sehr viel leiser geworden.
Trotzdem, niemand hätte etwas dagegen, wenn im Gottesdienst ein paar mehr wären. Wir hätten nichts dagegen, wenn alle Generationen – von den ganz Alten bis zu den ganz Jungen – und vor allem die mittlere Generation – sich im Gottesdienst versammelte.
Und wenn im Evangelium von großen Volksmassen die Rede ist, dann fühlen wir uns noch kleiner, noch bescheidener, noch unscheinbarer.
Dabei lässt das Gleichnis Jesu eine ganz andere Erfahrung durchscheinen: die Erfahrung des Sämanns, der Samen aussät.

Der Sämann sätIch kenne mich zwar in landwirtschaftlichen Angelegenheiten nicht besonders gut aus, aber mir scheint: Das ist Alltag.
Und zum Alltag – jenseits von Eden – gehört, dass vieles von dem, was gesät wird, nicht aufgeht und keine Frucht bringt. Zum Alltag gehört der Rückschlag, die Missernte, das Scheitern. Zum Alltag gehören das Unglück und die Angst, dass es nicht reicht, dass es zu knapp, zu eng wird.

Dornen und Disteln, Vögel und Fels machen ein Aufgehen oder ein Wachsen der Saat unmöglich. Und wir wissen: Im Grunde sind das nur Platzhalter für all das, was Leben gefährdet und Leben bedroht.
Aber auch das gehört zum Alltag:
Dass der Same aufgeht, weil er auf fruchtbares, gutes Land fällt, und dass er reiche Ernte bringt. Ein Übermaß an Frucht.

Ein Samenkorn und 100-facher Ertrag. Das ist unglaublich. Reiner Überfluss. Fülle, an der wir uns freuen sollen.
Auf die Fülle sollen wir schauen – und nicht auf die Vögel und Disteln, nicht auf die ausgetretenen Wege und auf den felsigen Untergrund.

Und noch etwas sollen wir wahrnehmen:
Den Sämann, nämlich. Und sein Verhalten.
Den scheint es überhaupt nicht zu beunruhigen, dass so vieles danebengeht. An Prozessoptimierungen ist er nicht interessiert. Den Ressourceneinsatz berechnet er nicht exakt. Er nimmt auch keine Bodenproben vor. Stellt keine Vogelscheuchen auf. Nicht einmal eine ordentliche Vermessung seines Ackers will er hinkriegen.
Der Sämann sät. Ganz einfach. Und egal wohin. Verschwenderisch bin ins Letzte. Offensichtlich getragen von der Gewissheit, dass am Ende hundertfältige Frucht steht, die allen Verlust vergessen lässt.

Wer Ohren hat zu hörenUnd am Ende sagt Jesus:Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Mit diesem Weckruf weist uns Jesus darauf hin, dass es nicht nur um den Alltag geht, nicht nur um die Landwirtschaft, sondern darum, zu verstehen...
Es kommt also – wie so oft im Leben – darauf an zu deuten, zu interpretieren.

Vielfach wurde dieses Gleichnis gedeutet. Zug um Zug wurde es interpretiert. Schon im Neuen Testament selbst. Als Unterweisung für die Männer und Frauen, die Jesus nachgefolgt sind.

In einer Deutung ist Gott der Sämann, und der Same ist sein Wort, das er in die Welt – verschwenderisch – schickt und dem doch nicht überall Gehör geschenkt wird.
Gott will uns Menschen als freies Gegenüber und keine von ihm gelenkten Marionetten.

In den Dornen und Disteln kann man dann die Sorgen entdecken. Den Reichtum, der zur Last wird und den Schlaf raubt. Und die ewige Angst, zu kurz zu kommen, weil andere anderes haben. Aber auch die Zerstreuung, die vielfältigen Surrogate, mit denen wir meinen, wir würden unser Leben gewinnen und es doch nur immer mehr verlieren.
In den Vögeln hat man den Versucher gesehen, den Verwirrer der Herzen, den Verdreher, der für Unfrieden sorgt und dafür, dass Worte missverstanden werden und missverständlich werden – zu Giftpfeilen, die Feindschaft säen und Hass und Unfrieden...
Im felsigen Untergrund kann man die Anfechtungen des Glaubens entdecken, die Zweifel, die trostlose Erwartungslosigkeit und Hoffnungslosigkeit der Menschen, die nicht mehr glauben können und nicht mehr glauben wollen, dass das Wort vom Reich Gottes die Macht hat, etwas zu ändern...
Und das gute Land – das sind die Menschen, die Gottes Wort hören und bewahren und es auch tun.

„Vierfach ist das Ackerfeld, Mensch, wie ist dein Herz bestellt?“ Der Ruf, die Frage des Nachtwächters, hat lange Zeit daran erinnert, dass es nicht darauf ankommt, andere Menschen in dieses „vierfache Ackerfeld“ einzusortieren und mit den entsprechenden Etiketten zu versehen, sondern in diesen vierfachen Zuständen das eigene Leben zu entdecken.
Das eigene Leben – mit seinen Chancen, seinen Abgründen, seinen Gestimmtheiten, die doch jeden Tag wieder ein bisschen anders sind.

Und darauf käme es – nach dieser Deutung – an: An und in diesem Gleichnis zu erkennen: Das ist mein Leben – verwirrt zuweilen, angefochten und voller Zweifel. Manchmal von Angst und Sorge besessen. Kurzatmig, erstickt. Und dann doch wieder frei und voller Freude. Voller Hoffnung und Tatkraft, die weiß, was richtig ist und was dem Leben dient.
Das, liebe Gemeinde, ist eine mögliche Deutung.

Man kann es aber auch noch einmal ganz anders verstehen.
So nämlich, dass Jesus selbst das Wort ist.
Das fleischgewordene Wort Gottes, das gesät wird und Widerspruch erfährt, das zertreten und zerstoßen wird, vernichtet und ausgelöscht wird, von Konventionen erstickt, von Anpassung erdrückt, von Hierarchien und Institutionen eingepasst in das Schema dieser Welt und das dennoch nicht totgemacht werden kann, sondern Frucht bringt.
„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein und bringt keine Frucht. Wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht“ (Joh 12, 24).

So gehört, so verstanden ist, dieses Gleichnis dann nichts anderes als die Botschaft, dass das Wort Gottes gegen uns Recht behält. Gott sei Dank.

Oder – und das wäre eine dritte Möglichkeit der Deutung: Der Same steht für das Reich Gottes selbst. Und das sprosst auf und wächst heran. Allen Widrigkeiten zum Trotz und erhält die Welt und uns Menschen, die wir sonst verzweifeln müssten. Freilich: Das Reich Gottes ist nicht die herrschende Wirklichkeit, ist nicht Normalität. Sondern ist immer auch Gegenwort. Gegenwirklichkeit.

Ein Gleichnis und seine DeutungenDrei Deutungen eines Gleichnisses – und wahrscheinlich gibt es noch mehr.
Je nach dem, wie wir schauen, woher wir kommen.
Je nach dem, was uns gerade beschäftigt.
Je nach dem, auf wen wir blicken:
Auf den Sämann, auf den Samen, auf das Ackerfeld. Auf uns. Auf das Wort Gottes. Auf Jesus. Oder auf das Reich Gottes, das er verkündet hat.

Vielleicht kommt Ihnen das ein bisschen seltsam vor.
Drei Deutungen für ein Gleichnis.
Geht das überhaupt?
Jesus sagt: Ja, das geht. Denn genau deshalb erzähle ich Gleichnisse, damit ihr zu fragen beginnt, damit ihr anfangt zu suchen, zu reden, zu denken, eure Gaben benützt, euren Verstand einschaltet.
Deshalb erzähle ich Gleichnisse, damit ihr euch wundert, die Augen aufmacht und die scheinbaren Selbstverständlichkeiten in einem neuen, in einem anderen Licht seht.
Deshalb erzähle ich Gleichnisse – weil das Wort Gottes ein lebendiges Wort ist, das in euch wirken will, das euch nicht als pure Richtigkeit, als allgemeine Moral oder als verstaubte Weisheit erreicht, sondern das zu euch spricht:
Und zwar HEUTE zu euch spricht. „Heute, wenn wir seine Stimme hören und unser Herz nicht verschließen“ (Hebr 3, 15).

Jesus erzählt Gleichnisse, weil er darauf vertraut, dass das Wort Gottes nicht leer zurückkommt. Denn das Wort Gottes wirkt und schafft und bringt Menschen dazu, sich selbst neu zu sehen. Gottes Wort ist ein sperriges, ein fremdes Wort. Keine Frage. Aber es fällt in Menschen hinein. Schlägt Wurzeln und bringt sie dazu, Dinge zu tun, die weit über sie hinausreichen und zum Hinweis werden auf das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit.
Und deshalb haben alle Gleichnisse mit Gott zu tun und mit uns Menschenkindern. Deshalb haben sie mit Jesus zu tun und dem Reich Gottes. Und deshalb sind sie Wort des lebendigen Gottes, das mit uns etwas im Sinn hat, das mit uns etwas vorhat. Denn auf gutem Land kann Unglaubliches geschehen. Da gibt es Frucht.
Hundertfältige Frucht, die bleibt in Ewigkeit.
Amen.

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