21. Sonntag nach Trinitatis (25. Oktober 2015)

Autorin / Autor: Pfarrer Klaus Pantle, Stuttgart [klaus.pantle@t-online.de ]

Matthäus 5, 38-48

Von Menschen und GötternNeun Trappistenmönche leben in idyllisch anmutender Abgeschiedenheit im Kloster Tibhirine im algerischen Atlas-Gebirge. Ihr Alltag verläuft im strukturierten Gleichmaß zwischen Studium und Gebet, Arbeit und gemeinsamen Mahlzeiten. Einer behandelt als Arzt die Kranken des nahe gelegenen Dorfes. Ein anderer hilft Analphabeten beim Erledigen ihrer Korrespondenz. Gemeinsam nehmen sie teil an Feiern in der muslimischen Nachbarschaft. „Vergib uns und erbarm dich unser“, betet der Imam bei einem Beschneidungsfest, und die Mönche beten mit. Trappisten missionieren nicht.

Als auf einer nahegelegenen Baustelle dreizehn kroatische Bauarbeiter ermordet werden, ist klar, dass im Bürgerkrieg zwischen Dschihadisten und der Militärregierung nun auch die französischen Mönche in Gefahr sind. Aber sie weigern sich, das Land zu verlassen und lehnen militärischen Schutz für das Kloster ab.

Eines Nachts dringen Dschihadisten ins Kloster ein und zwingen den Arzt, einen Verletzten zu behandeln. Wenig später wird deren Truppe von der Armee aufgerieben. Ihr Anführer wird an einen Jeep gebunden zu Tode geschleift. Die Armee zwingt den Abt, den Toten zu identifizieren. Als der am Leichnam ein Gebet spricht, bedroht ihn der Kommandant.

Beide, Militärs wie Dschihadisten, gebärden sich als tyrannische „Götter“. Sie verlangen nach Blut und Opfern. Wie verhält man sich gegenüber solchen „Göttern“ der Gewalt? Soll man fliehen oder widerstehen? Die Dorfbewohner wollen, dass sie bleiben. Der Film „Von Menschen und Göttern“, der einen realen Fall aufgreift, zeigt, wie die Mönche das Neue Testament und unseren Predigttext zum Interpretament ihrer Ängste und Hoffnungen machen.
„Als Kind wollte ich Missionar werden. Für meinen Glauben sterben, das sollte mir doch nicht den Schlaf rauben! Sterben, jetzt, hier? Hat das wirklich einen Sinn? Ich glaub, ich werd’ verrückt“, sagt einer der Brüder zum Abt. „Es ist wahr. Hier auszuharren ist ebenso verrückt, wie Mönch zu werden. Aber vergiss nicht: Dein Leben hast du ja schon gegeben. Du hast es getan, um Christus zu folgen. Mit der Entscheidung, alles hinter dir zu lassen, dein Leben, deine Familie, dein Land, die Frau, die Kinder, die du hättest haben können.“ – „Ich weiß nicht, ob das noch wahr ist. Ich bete, aber ich kann nichts mehr hören. Und in mir fehlt das Verständnis. Zum Märtyrer werden wofür? Für Gott? Um Helden zu sein? Als Beweis unserer Überlegenheit?“ – „Nein, nein, nein! Märtyrer wird man für die Liebe! Für die Treue! Aber kommt der Tod und nimmt er uns mit, dann wider unseren Willen, weil wir bis zum Ende, bis zum Ende, einen Ausweg suchen. Unsere Aufgabe hier ist, allen brüderlich zu begegnen. Und vergiss nicht, die Liebe hoffet alles, die Liebe erträgt alles.“

Die Kraft, die sie brauchen, um dem Bösen zu widerstehen, ziehen die Brüder aus der Bibel und aus ihrer spirituellen Lebensform. Ihr demütiger, nach innen gekehrter Dank an den Schöpfer für die Schönheit der Welt und für seine Liebe wendet sich im selben Atemzug nach außen als Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden. Denn Gott ist die Wahrheit. Er sagt: Alle Menschen sind Gotteskinder.

Einmal sitzen sie beim Abendgebet in der Kapelle. Über ihnen steht ein Armeehubschrauber in der Luft und terrorisiert sie mit drohendem Lärm. Mit angstvollen Gesichtern singen sie mit einem Hymnus dagegen an, bis der Hubschrauber abdreht.

Bei ihrem letzten gemeinsamen Abendmahl leeren sie zwei Flaschen Wein, während aus dem Kassettenrecorder Musik erklingt. Die Kamera fährt über die Gesichter und zeigt ihre Angst und Todesahnung, ihre Seligkeit und ihre Tränen. Kurz vor dem Osterfest im Jahre 1996 werden sieben von ihnen entführt. Von wem, ist bis heute unklar. Ihre Leichen werden später enthauptet aufgefunden. Vor dem Ende sagt der Abt: „Sollte ich in diesem Krieg sterben, dann hoffe ich, meinem Mörder im Himmel wieder zu begegnen, denn dieser weiß nicht, was er tut. Amen. Inschallah.“

Jesus wählt das ParadoxDas Lebensbeispiel der Mönche von Tibhirine verstört. Denn es zeigt Glaubende, die die großartige wie unlebbare Wahrheit unserer Religion leben. Der Glaube daran verlangt etwas, das aller menschlichen Rationalität, das allen menschlichen Instinkten und Erfahrungen widerspricht: Die Liebe zum Feind und die Überwindung des Bösen durch Gewaltlosigkeit. Als Filmbetrachter fragt man sich andauernd: Könnte ich dem Bösen auch so radikal gewaltlos widerstehen und mein Leben einsetzen, in der Gewissheit, dass der Tod nicht das letzte Wort behalten wird?

Dieses Beispiel verstört wie Jesu Worte aus der Bergpredigt, die uns heute als Predigttext zugemutet sind. Falls man diese Worte so hört, wie sie gesagt sind. Ihre Auslegungsgeschichte seit Jesu Tod zeugt vom permanenten Versuch, ihrer Radikalität die Spitze zu brechen. Aber, ich fürchte, sie sind genau so gemeint, wie sie gesagt sind. Sie korrespondieren exakt mit Jesu aktiver Hingabe in den Tod am Kreuz und dem Verständnis dass in diesem Geschehen Heil liegt. Für die Ungläubigen ist das eine „Torheit“, für die Glaubenden aber steckt darin „Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1. Korinther 1,24f.).

Auffällig ist, dass in Jesu Worten eine Motivierung zum Gewaltverzicht fehlt. Es gibt keinen heimlichen Hintergedanken, dass durch Feindesliebe der Feind zum Freund werden kann. Sollte so etwas geschehen, so ist das Jesus sicher recht. Aber er macht sich keinerlei Illusionen. Es geht ihm grundsätzlich darum, dem Bösen in seiner ganzen Bösartigkeit keinen Widerstand zu leisten.

Im Kontext der Erzählung des Matthäusevangeliums wenden sich diese Worte direkt an die frühchristlichen Gemeinden. Leiden, Zwangsarbeit, Verfolgungen, Geißelungen und Märtyrertode waren für sie alltägliche Erfahrungen. Man hat Jesu Aufruf, dem Bösen keinen Widerstand zu leisten und den Feind zu lieben, eine „Kontrastforderung“ (Ulrich Luz) genannt, die die übliche Spirale Gewalt-Gegengewalt durchbricht und gewohnte menschliche und gesellschaftliche Mechanismen unterbricht. Nicht Widerstand ist gefordert, auch nicht stille Ergebung, sondern ein dritter Weg: aktiver Gewaltverzicht. Hinhalten auch der anderen Backe. Feindesliebe.

Jesu Motivation für diese Kontrastforderung liegt begründet in der Liebe Gottes zu allen Menschen. Gott lässt über Gute und Böse regnen und die Sonne aufgehen. Wenn Gott, der Vater, zu dem Jesus betet, alle Menschen liebt, dann sind auch meine Feinde Gottes geliebte Kinder. Die Ankunft des Reiches Gottes zeigt sich als grenzenlose Liebe Gottes zu allen Menschen. Diese geschenkte Liebe ermöglicht es den Beschenkten, selbst grenzenlos zu lieben. Und so ist die Frage nicht, ob die Forderung nach Widerstandsverzicht und Feindesliebe taktisch gemeint oder psychisch realistisch ist, sondern, ob die in ihr vorausgesetzte Erfahrung von Gnade so tragfähig ist, dass die Glaubenden zu solcher Liebe frei werden. Kein Zufall ist, dass Jesus dabei eine Verbindung herstellt zum Gebet: „Betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder werdet eures Vaters im Himmel.“

Von der Macht des Gebets und des GesangsKonfrontiert mit den vielen Gewalttätigkeiten, die in dieser Welt geschehen, kann man in Bestürzung geraten und sich hilflos fühlen. Angesichts dieser fällt es schwer, pauschal dazu aufzurufen, dem Bösen nicht zu widerstehen. Ein Handeln wie das der Mönche von Tibhirine in der strikten Nachfolge Jesu kann man von keinem anderen verlangen. Es wäre zynisch und unchristlich, Menschen aus Syrien oder Roma aus Ungarn, die vor widerwärtiger Gewalt nach Deutschland geflohen sind, dazu aufzurufen, ihre Feinde, denen sie gerade entronnen sind, zu lieben. Ich kann das nur für mich selbst entscheiden: Ich protestiere mit meinem Gewaltverzicht und mit meiner Feindesliebe gegen die herrschende und mich beherrschende Gewalt. Ich durchbreche wenigstens zeichenhaft die Spirale Hass-Gegenhass, Gewalt-Gegengewalt, und wenn es sein muss, dadurch, indem ich mich opfere. Oder indem ich auch nur Gewaltopfern die Hand reiche.

Eine konsequente Jesusnachfolge, solch ein „vollkommen sein wie der Vater im Himmel“, ist nur wenigen gegeben. Umso wichtiger ist es, dass es solche Menschen wie die Mönche von Tibhirine gab und gibt, die durch ihre verstörende Radikalität ein Zeichen setzen für Gottes Willen und für die Weite seiner Liebe. So verstanden kann dieser Predigttext mit seinen radikalen Forderungen zu einem Kompass werden für Glaubende, die diese Vollkommenheit zwar nie erreichen werden, aber sie als Ziel nicht aus den Augen verlieren.

Ich muss mir nicht von bösartigen Gegenübern deren Denken, Fühlen und Handeln aufzwingen lassen. Ich muss mich von ihnen nicht in meinem Verhalten bestimmen lassen, vor allem nicht in den vielen kleinen Konflikten des Alltags.
Glaubende orientieren sich an Jesu Reden und Handeln und am Vorbild derer, die ihm konsequent nachgefolgt sind.

Wer in Verantwortung für andere doch Gewalt gegen Gewalttätige einsetzt in dieser unvollkommenen und von Gewalt durchzogenen Welt, tut das im Wissen, dass dieses Handeln vielleicht jetzt so notwendig, aber doch nicht der christlichen Weisheit letzter Schluss ist.

Letztlich sind uns unvollkommenen Glaubenden in dieser unvollkommenen Welt Gewaltverzicht und Feindesliebe als Prozess aufgegeben – als Aufgabe zur Einübung, als Leitmotiv für unser Denken und Handeln auf unserem Lebensweg, auf dem es für uns darum geht, zu werden, was wir sind: Gotteskinder.

Aus dem Gebet ziehen Glaubende Kraft und Mut, in der Nachfolge Jesu zu leben. In der Fürbitte bringen sie ihre Sorgen und Ratlosigkeit, ihre Mutlosigkeit und Verzweiflung, ihre Gewalterfahrungen wie auch ihre eigenen Gewaltfantasien und Gewalttätigkeiten vor Gott. In ihren Liedern besingen sie öffentlich die unvorstellbare Liebe Gottes als einen Kontrapunkt zum Cantus firmus der Gewalt, der unsere Welt beherrscht.

Hinweis zum Film: Von Menschen und Göttern (Regie: Xavier Beauvais), Frankreich 2010

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