21. Sonntag nach Trinitatis (25. Oktober 2026)

Autorin / Autor:
Rundfunkpfarrerin i. R. Dr. Lucie Panzer, Stuttgart [lucie.panzer@web.de]

Jeremia 29,1.4–7.10–14

IntentionDie Predigt soll zeigen: Wenn das Leben schwierig wird, hilft meckern überhaupt nicht. Gott verspricht eine gute Zukunft. Aber wir müssen Verantwortung übernehmen und anpacken. Dazu will diese Predigt Mut machen. Deshalb ist von Dankbarkeit auch in vermeintlich schwierigen Zeiten die Rede.

PredigtDer Bibelabschnitt, den wir heute bedenken sollen, ist mehr als 2½ Jahrtausende alt. Es sind Ausschnitte aus einem Brief, den der Prophet Jeremia an deportierte Landsleute geschickt hat, nach der totalen Niederlage gegen Babylonien. Das war im Jahr 586 – vor Christus! Aber ich finde: Wenn man diese Zeilen in der Bibel liest, kommt es einem vor, als sei er direkt an uns heute geschrieben. Das wundert mich nicht: Die Menschen sind gleich über die Jahrtau-sende. Was sie bewegt, ist gleich – auch wenn wir heute Auto fahren, KI haben und Satelliten ins All schießen und sie das damals nicht konnten.
Damals hatte Jeremia, der Prophet, im Namen Gottes angeklagt und gemahnt. Die verkehrte Politik hatte er angeklagt, das Paktieren mit den menschenverachtenden Großmächten, die Glaubenslosigkeit seiner Landsleute und die soziale Ungerechtigkeit im Land. Ihr werdet die Konsequenzen eures Verhaltens zu tragen haben, hatte er seinen Landsleuten gedroht. Das Unheil wird über euch kommen als eine Strafe Gottes. Und dann war es gekommen, das Unheil. Die Babylonier hatten Israel überrannt, Jerusalem verwüstet, die Tempelschätze geraubt und die Menschen in die Gefangenschaft verschleppt. Jetzt lebten die Israeliten also meilenweit entfernt in Babylonien, mussten dort Zwangsarbeit leisten. Jeremia hört, dass es ihnen dort nicht gut geht, und er schreibt ihnen einen Brief:
Ich lese aus Jeremia 29:

„Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte:
So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:
Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.
Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.
(Denn so spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Lasst euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager nicht betrügen, und hört nicht auf die Träume, die sie träumen! Denn sie weissagen euch Lüge in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt, spricht der HERR.)
Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.“

Die beklagenswerte Lebenssituation damalsIch denke, man kann sich vorstellen, wie es den Menschen damals ging „By the rivers of Babylon“. Vor 50 Jahren hat die Gruppe Boney M. einen Schlager davon gesungen, wie sie dort saßen und weinten. Hoffnungslosigkeit und Wut, Sehnsucht und Verzweiflung: Menschen gehen mit ihrem Unglück verschieden um. Manche werden wütend gewesen sein auf die Regierung, die sie mit ihrer verfehlten Politik in diese Lage gebracht hatte. Manche waren sicher resigniert: Ihr Gott hatte verloren, im Namen der fremden Götter hatte man sein Haus geplündert und zerstört. Von so einem schwachen Gott war keine Hilfe zu erwarten. Manche hatten Sehnsucht nach dem gelobten Land, in dem alles sein würde wie früher. Sie wollten zurück in die Vergangenheit, in der es doch nie so schön war, wie sie jetzt träumten. Hatte ihr Prophet nicht klipp und klar gesagt, dass sie die Verhältnisse im Land selber ruiniert hatten?
Und allen gemeinsam war: Es wurde gemeckert. Nichts war, wie es sein sollte, es gab tausenderlei Gründe, sich zu beschweren und zu jammern. Und dann gab es noch die falschen Propheten, einen gewissen Hananja zum Beispiel, die redeten, was die Leute hören wollten: „Alles ist möglich!“ verkündeten sie. Wir werden in zwei Jahren zurückkehren und wir wer-den leben, wie wir früher gelebt haben. „Alles wird gut!“ Jeremia schreibt seinen Landsleuten schlicht: Den hat Gott nicht beauftragt und nicht gesandt.

… und heute?Wir heute leben in einem freien Land. Nur ein paar Prozent der Menschheit leben so gut wie wir. Das gilt für den Westen wie für den Osten unseres Landes. Aber viele sind wütend, und es wird gemeckert. Die Bahn kommt zu spät, die PISA-Studie zeigt, dass die Schulen anscheinend nichts taugen, das Benzin wird immer teurer, die Mieten auch, und die Regierung kriegt es nicht in den Griff.
Wenn es wo nicht stimmt, ist es immer dieser Mechanismus: Die Menschen sind wütend und meckern. Politik, PISA-Studie oder Bahn- oder Ehekrise – es ist immer dasselbe. Wut und Gemecker. Und die Psychologen sagen, dass unter der Wut oft noch ganz andere Gefühle stecken. Manchmal der Schmerz, oft die Trauer, dass wir es nicht besser hingekriegt haben. Oder die Scham, die uns fragt: Warum hast du nicht rechtzeitig…? Die Wut deckt das zu und macht es einfacher, die Misere auszuhalten. Wut ist bequem. Man kann daneben stehen und sich beschweren, nölen und jammern und auf die anderen schimpfen. Man fühlt sich so herrlich ohnmächtig. Wir können ja nichts tun. Und wenn die Politik nicht „liefert“, dann wird die Wut immer größer.

Was also tun?Die Politik soll liefern, heißt es. Aber „die Politik“ ist kein Lieferservice! Kann denn die Politik liefern, wenn die Menschen nicht mittun? Und das gilt nicht nur für die Politik. Das gilt auch, wo man sonst so gern meckert. Für Bildung und Schule. Für schwierige Ehen gilt das und sogar bei der Bahn.
Nicht meckern also. Aber was dann? Wartet nicht, bis sie euch gehen lassen, sagt der Prophet. Glaubt nicht, in irgendeiner Zukunft, wenn die Verhältnisse neu geworden sind, fängt das gute Leben von selber an. Seht doch, was ihr jetzt tun könnt: Baut Häuser, kriegt Kinder, pflanzt Gärten. Schon jetzt ist das Leben schön – wenn ihr das Beste daraus macht. Seht eure Möglichkeiten an: jetzt und hier. Vielleicht ist nicht alles möglich. Aber doch viel. Erwartet nicht gleich das Paradies. Ihr gehört zu denen, denen es besser geht als vielen anderen. Nicht das Paradies: Aber ein Garten ist möglich. Allerdings: Ein Garten macht Arbeit. Der wird nicht einfach geliefert. Das Leben hat Licht und Schatten. Das war in der Vergangenheit so. Das ist auch jetzt so. Es ist nicht redlich, etwas anderes zu behaupten. Redet euch nicht gegenseitig ein, dass ihr es nur schwer habt. Wer meckert, sagt der Magdeburger Domprediger Jörg Uhle-Wettler, „wer Dunkelheit propagiert und die Hoffnung verschweigt, ist ein Schweinehund. Wer aber Hoffnung predigt und die Dunkelheiten verschweigt, der ist ein Narr.“
Ich glaube darum geht es, damals zur Zeit des Jeremia und heute: Es ist wirklich nicht alles schrecklich bei uns. Wer das sagt, der macht anderen Angst, macht sie mutlos, und außer-dem ist es zutiefst undankbar. Die Bahn ist unpünktlich, gewiss. Das ist unangenehm. Aber es wird daran gearbeitet. Das ist doch gut! In der Politik wurde viel verschlafen, darüber waren wir aber doch irgendwie froh. Das Leben war nämlich bequem und schien sicher. Jetzt arbeitet man an Reformen. Ist das nicht gut, auch wenn es zunächst unbequem wird? Und Bildung und Schule: Wir wissen seit Jahren, dass zuviel Smartphone-Gebrauch die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Schülerinnen und Schüler verringert. Aber es geschieht nichts. Politiker trauen sich nicht. Und die Eltern sagen: Ja, aber was sollen wir denn machen, wenn die Politik nichts tut? Nur meckern ist destruktiv. Wer jammert, verweigert die Verantwortung. Andere sollen liefern. Ich kann da leider nichts machen. Und wer seine kaputte Ehe beklagt und bejammert: Vielleicht könnten der Mann oder die Frau doch etwas tun? Vielleicht sogar zusammen? Man könnte gemeinsam schauen, was da ist. Gibt es nicht doch Grund zur Dankbarkeit? Wenn es dann sein muss, kann man das gemeinsame Unglück beenden. Aber vorher gibt es eine Menge Möglichkeiten! Als Christen behaupten wir immer, dass wir uns nicht fürchten. Dann sollten wir nicht nur ängstlich und hintenrum meckern, sondern auch mal anpacken und machen.

Das Ende vom LiedWie ging die Geschichte damals zu Ende? Wahrscheinlich haben sie Gärten gepflanzt im fremden Land, Kinder gekriegt und sogar Häuser gebaut. Sonst hätten sie nicht durchgehalten. Und dann gab es knapp 50 Jahre später tatsächlich die Gelegenheit zur Heimkehr. Die Perser hatten die Babylonier besiegt, und der persische König gestattete den überlebenden Israeliten, nach Hause zu gehen. Das war nicht der Triumphzug, von dem sie geträumt hatten. Das war beschwerlich und mühsam. Und als sie zuhause ankamen, war längst nicht alles gut. Das Land und die Stadt lagen in Trümmern. Sie mussten begreifen: Nur wenn wir zusammenhalten, wenn wir uns gegenseitig stützen und helfen, können wir etwas Neues auf-bauen. Sie gaben sich neue Regeln für ihr Zusammenleben. Und im Jahr 515, 70 Jahre nach der Zerstörung, konnte der neue Tempel in Jerusalem eingeweiht werden. Jeremia hatte Recht gehabt, als er ihnen im Namen Gottes geschrieben hat: „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“
Die Zukunft, die dann kam, war längst nicht immer rosig. Aber viele der Nachkommen der Menschen, die weinend in Babylon saßen, verlassen sich auf Gott bis heute. Und wir können es auch. Amen.

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