22. Sonntag nach Trinitatis (23. Oktober 2016)

Autorin / Autor:
Pfarrerin Gertraude Kühnle-Hahn, Stuttgart [Gertraude.Kuehnle-Hahn@elk-wue.de]

Philipper 1, 3-11

Liebe Gemeinde,
kennen Sie den Wunsch, neu anzufangen, von vorne zu beginnen und dabei gewiss zu sein, dass das Alte wirklich der Vergangenheit angehört und das Neue verheißungsvoll vor einem liegt? Bei manchen unter uns wird dieser Wunsch nur noch ein sehnsuchtsvoller Gedanke sein, der hin und wieder aufblitzt, an dessen Verwirklichung Sie aber nicht mehr recht glauben können.
Ich erinnere mich, dass in meiner Kindheit Neuanfänge eine große Bedeutung hatten. Wenn ich in der Schulzeit immer wieder ein neues Schulheft begann, hatte ich oft den Vorsatz, in dem neuen Heft schön und sorgfältig zu schreiben, keine Fehler zu machen. Aber spätestens auf Seite 5 gab es einen Tintenfleck oder ein Eselsohr, und dann war es vorbei mit dem Glanz, und schließlich kam es auf die Schrift nicht mehr so sehr an.
Auch als Erwachsene kennen wir es, dass wir den Antritt einer neuen Aufgabe oder einer neuen Stelle als wirklichen Neuanfang betrachten oder den Umzug in eine andere Wohnung, eine neue Umgebung. Wir treffen Menschen, die uns noch nicht kennen, die wir noch nicht kennen. So etwas ist immer wieder die Chance, aus den eingefahrenen Gleisen früherer Beziehungen herauszukommen.
Von manchen Menschen weiß ich, dass sie auch das Erwachen nach einer schweren Operation als einen Einschnitt empfunden haben, der weitaus tiefer geht als der Schnitt an ihrem Körper, der das „von nun an“ trennen möchte von allem „bisher“. Doch das „Bisher“ folgt uns auch und holt uns schnell wieder ein.

Vom Zauber des NeuanfangsHermann Hesse sagt zu den Neuanfängen in seinem Gedicht „Stufen“:
„Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“
Das ist wunderschön formuliert. Doch, im Rückblick, wissen wir auch: die Erfahrung des Neubeginns, eine neue Chance zu haben, lässt sich oft nur sehr schwer durchhalten. Hermann Hesses „Zauber“ über dem Neuanfang ist etwas, das man nicht festhalten, über das man nicht verfügen kann. Manchmal hängen wir auch noch zu sehr fest an dem, wie es war, fällt uns der Neuanfang schwer.
„Aller Anfang ist schwer“ sagt schon ein altes lateinisches Sprichwort („Omne principium difficile“). Goethe meinte es anders und formulierte: „Aller Anfang ist leicht, und die letzten Stufen werden am schwersten und seltensten erstiegen.“ Wir sehen in den beiden Sprichworten die Spannung ausgedrückt, die wir auch aus unserem Leben kennen. –

Von der Zuversicht des ApostelsWir verhält sich das nun alles mit den Worten, die der Apostel Paulus schreibt? „Ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“ Entscheidend anderes wird uns hier gesagt: nicht wir müssen beginnen oder von neuem beginnen, nein: gesagt wird uns, dass ein anderer angefangen hat. Nicht wir müssen anfangen und uns darum mühen. Auch unser Herz muss nicht zum Abschied oder Neubeginn bereit sein, um an die Worte Hesses anzuschließen. Nein, wir müssen nach diesem Vers überhaupt nichts machen. Wir können uns nur dem anvertrauen, der uns diesen Anfang schenkt. Und er möchte dies jedem schenken, weil jeder ein besonderer Gedanke Gottes ist.
Deshalb kann Paulus schreiben: „Ich bin darin guter Zuversicht.“ Wenn wir bedenken, wann und wie er das schreibt, nämlich aus einem Gefängnis fern der Gemeinde in Philippi, dann ist das umso erstaunlicher. Paulus hätte klagen können, er hätte sich sorgen können um die Gemeinde, die damals noch jung und vielerlei Angriffen ausgesetzt war. Er hätte erinnern können: Das fehlt euch, und dort müsst ihr euch noch bessern.
Aber der Apostel spricht nicht von dem, was fehlt, sondern von dem, was da ist, worauf er vertraut, wofür er dankbar ist. Er spricht von seiner Zuversicht, dass Gott in jedem etwas angefangen hat und dass er das nicht brach liegen oder verkümmern lässt, sondern vollenden wird.
Wie oft, liebe Gemeinde, sind wir von dem bestimmt, was uns fehlt und nicht von dem, was da ist. Da denken wir darüber nach, was wir nicht genug leisten, worin wir zu wenig Erfolg haben oder zu wenig Mut, wo wir keine Geduld haben, kaum Hoffnung. Oder uns fällt auf bei unseren Mitmenschen, Kollegen, Nachbarn, was ihnen fehlt oder was wir gerne bei ihnen anders hätten. Und dann hören wir: „Der in euch angefangen hat das gute Werk…“ Für alle, die an sich und an anderen verzweifeln, enthält dieses Wort etwas sehr Tröstliches. Er „hat in euch angefangen das gute Werk…“ Es ist viel mehr in euch und in anderen als das, was jetzt sichtbar und spürbar ist!
Weil Gott angefangen hat das gute Werk, dürfen wir diesem verborgenen „Mehr“ in uns vertrauen. Wir dürfen uns darauf verlassen, dass es da ist und sich entfalten und wachsen kann – aus dem Verborgenen heraus. Doch wie wächst es? Nicht unbedingt nach der Art eines Baumes, einer Pappel zum Beispiel, die glatt und senkrecht nach oben wächst. Wir machen unsere Erfahrungen mit Seitentrieben und Seitenwegen, mit Stillstand und Rückschritt. Wir finden Krummes und Knorriges, das nicht recht gedeihen kann.
Es wird schon weitergehen, sagen wir häufig, um einander zu trösten und zu ermutigen. Ja, es wird weitergehen, aber manchmal auf eine Weise, die uns Rätsel aufgibt und sie nicht löst. Manchmal auf eine Weise, die uns die Umwege Gottes erfahren lässt, ohne dass wir einen Sinn entdecken können. Die uns zum Ja das Nein gibt, zum Licht das Dunkel.
Doch das Werk, das in uns begonnen wurde, das bleibt bestehen. Wie sonst könnte es Gottes Werk sein, wenn es mit unserer Glaubensstärke stehen und fallen würde? Es ist Gottes Werk, und so müssen wir auch die unbegreiflichen Seitenwege nicht als ein über uns verhängtes Schicksal deuten. Nein, wir sind in seiner Hand, unter seinem Geleit, auch mit all dem Krummen und Knorrigen und mit all dem, was nicht recht gedeihen möchte.
Es ist in unserem Leben manchmal wie bei einem Baum in diesen Herbsttagen. Am Morgen im Nebel liegt alles in düsterem Grau. Wenn aber das Licht der Sonne durchbricht, leuchten seine Farben. Unser Leben darf aufstrahlen im Lichte dessen, der in uns sein Werk begonnen hat. Und wenn dieses Licht über uns aufstrahlt, dann ist es gar kein Problem mehr, das Unfertige zu ertragen. „Der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“

Vom Wachsen unter Gottes VerheißungEr wird es vollenden“ oder wie es in der alten Lutherübersetzung hieß (1912): „Er wird es vollführen.“ Dieses Wort ist uns nicht mehr recht geläufig, aber es sagt uns viel: dass da einer ist, der uns führt. Gott hat nicht irgendwann einen Anfang gesetzt und wird irgendwann ein Ende machen und dazwischen ist ein leerer Raum. Nein: Gott ist gegenwärtig, von Anfang an gegenwärtig über unseren Tagen und unseren Nächten, über unserem Glück und der Sorge unseres Wachsens.
Doch wohin wachsen wir? Gehört nicht zum Wachsen dazu, dass wir abnehmen und älter werden und unsere Kräfte schwinden? Dass wir dem Tod entgegenwachsen? Sicher, das ist so und das ist hart und schwer und oft kaum auszuhalten.
Aber das Ziel der Vollendung – da ist unser Bibelwort ganz eindeutig – das ist nicht der Tod, sondern das ist der Tag Jesu Christi. Das gute Werk, das Gott in uns angefangen hat und das er nicht abbrechen will, auch nicht an dieser großen, für uns unüberwindlichen Todesschwelle, das bedeutet nicht weniger, als dass unser Leben zum ewigen Leben bewahrt wird!
Nicht dass die Zeit auseinanderbröckelt, wird da gesagt, sondern dass sie gehalten wird; nicht dass unser Leben vergänglich ist, wird betont, sondern dass es bewahrt wird.
Auch wenn die Vollendung des guten Werkes für uns oft noch viel weiter weg zu sein scheint als der Anfang, fern und unwirklich. Umso mehr können wir gewiss sein: der, der in uns angefangen hat, das ist derselbe, der auch vollenden wird. Und seine Nähe und Hilfe bleiben in Kraft, jetzt, da Tag und Nacht über uns wechseln, bis an den Tag, auf den keine Nacht mehr folgen wird. Amen.

Hinweis:
Die Predigt, die in einem Krankenhaus-Gottesdienst gehalten wurde, konzentriert sich auf die ersten Verse der Perikope, Philipper 1,3-6.



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