23. Sonntag nach Trinitatis (30. Oktober 2016)

Autorin / Autor: Prälat i. R. Paul Dieterich, Weilheim a. d. Teck [Paul.Dieterich@t-online.de]

Philipper 3, 17-22

Bürgerrecht im Himmel und Bürgerrecht hier und jetzt

Dreimal Nein!Wenn ich das so höre oder lese, dann regen sich in mir Aggressionen. Gleich drei Dinge an dem, was hier Paulus denen in Philippi – und doch auch für uns – schreibt, provozieren mich.

Das Erste: Das klingt, als würde da einer vor uns stehen, der schlichtweg sagt: Seht mich an, ich bin doch euer Vorbild, lebt wie ich. Solche Leute kennen wir. Menschen, die ihre Mitmenschen in gute und in böse Menschen einteilen, die sich selbstverständlich zu den guten zählen und die uns laut oder leise zumuten: Seid wie ich und der Fan-Club um mich, dann seid ihr auf der richtigen Seite. Ich kann zu dieser überheblichen Art nur Nein sagen.

Das Zweite: Das klingt mir so jenseitssüchtig, dass ich da nur protestieren kann. „Unser Bürgerrecht ist im Himmel.“ So einfach ist das. Beim Wort „Bürgerrecht“ sehe ich vor mir die Leute, die in Bürgerrechtsbewegungen ihre Haut zu Markte getragen haben. In Südafrika die Leute um Mandela, in Amerika die Farbigen um Martin Luther King. In der DDR die Leute um Christian Führer, um Friedrich Schorlemmer und andere. Sie haben viel riskiert für andere, die unterdrückt und missachtet wurden. Sie haben sich eingesetzt für das Bürgerrecht hier auf dieser Erde und ganz konkret in ihrem Land. Sie haben viel gewagt für das Bürgerrecht in ihrem Staat. War das nichts? „Unser Bürgerrecht ist im Himmel“, das klingt mir so nach der Melodie „Welt ade, ich bin dein müde, ich will nach dem Himmel zu.“ Nein mir ist das zu einfach.

Und das Dritte: Von „unserem nichtigen Leib“ wird hier gesprochen. Mag sein, dass manche Leute um ihren Körper einen Kult treiben, der nicht gut ist. Auch der Sexkult, den manche Illustrierte pflegt, grenzt oft an das Lächerliche. Aber ist unser Leib wirklich „nichtig“? Zahllose Ärztinnen und Ärzte setzen sich dafür ein, dass Leiber von Menschen am Leben bleiben, Pflegerinnen und Pfleger, soll ich ihnen sagen: Was ihr tut, das ist doch alles sinnlos, lasst es, irgendwann stirbt der Leib ja doch, besser früher als später? Oder Mütter, die ihre Kinder versorgen. Oder Millionen Menschen, die als Bäcker, Metzger, Hersteller von Lebensmitteln dafür arbeiten, dass wir etwas Gutes zu essen bekommen, ist das Nichts? Sind wir Christen Leibverächter? Soll der Samariter den unter die Räuber Gefallenen liegen lassen, soll er sich sagen: Es ist ja nur der Leib, der da blutet. Lass ihn bluten?

Wenn ich das alles bedenke, kann ich nur dreimal Nein sagen.

Was sagt Paulus wirklich?Umso wichtiger ist es, dass wir fragen, wer uns das sagt und was er wirklich sagt.
Paulus gehört gerade nicht zu denen, die denken oder gar sagen: „Seht mich an.“ Gerade noch hat er geschrieben: „Nicht dass ich’s schon ergriffen habe oder vollkommen sei, ich jage ihm aber nach.“ Nichts an sich findet er gut und „zur Nachahmung empfohlen“. Im Gegenteil, im Römerbrief gibt er Bekenntnisse von sich, die einen geradezu irritieren: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich… Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen?“ Ein Mensch, der sich so sieht, der sagt nicht: Seht mich an, nehmt mich als Vorbild, werdet wie ich!

Vielmehr: Alles, was ihr an euch und an mir seht und was alles andere als erbaulich ist, all das können wir in den besten Händen wissen. Er wird es heilen, der Heiland, er hat die Kraft, er wird das alles in Ordnung bringen.

Wenn wir uns selbst und andere Menschen so sehen, dann werden wir frei von dem Hang, ständig uns selbst und andere zu beurteilen, uns einzutüten in Gute oder Böse, Leute, für die man noch hoffen kann und andere, für die jede Hoffnung umsonst ist. Dann sehen wir andere und auch uns selbst voll Hoffnung, allem, was uns niederdrückt, zum Trotz. Nicht weil wir so gut sind, sondern weil der uns entgegenkommt, der uns fragwürdige Typen verwandeln wird, dass wir zu ihm in seiner Herrlichkeit passen werden.

Ich wage kaum, dran zu denken. „Eia, wärn wir da“, denke ich, wenn ich mich und meinesgleichen ansehe. Und doch: Er kommt uns entgegen. Das Ende unseres Lebens wird nicht „eines langen Tages Reise in die Nacht“ sein, sondern eine Reise ins Licht.

Je fester wir damit rechnen, desto freier und freudiger werden wir mit uns selbst umgehen und mit den Menschen, die uns über den Weg laufen, Wer sich und seine Mitmenschen so sieht, der ist jetzt schon voller Hoffnung.

Der „nichtige“ Leib wird „verklärt“, und wir sehen ihn jetzt schon in diesem Glanz.Eines Tages wollte ich einer jungen Schwester, die voll Hingabe alte, gebrechliche Leute pflegte, etwas Gutes sagen. Voll Mitleid sagte ich: „Es wird Ihnen, einer Frau, die jung und hübsch ist, schwer fallen, ständig diese kranken Leute da vor sich zu sehen und an ihren Leibern zu hantieren.“ Da sah sie mich belustigt an. „Ich pflege gern Menschen“, sagte sie. „Mir geht es dabei gut. Besser, als wenn ich kalte Maschinen vor mir hätte.“ Ich wusste von ihr: Diese oft so gebrechlichen Menschen sieht sie, wie sie sein werden. Der Leib eines Menschen ist für sie etwas Besonderes. Mein Mitleid war völlig fehl am Platz.

Wenn wir uns und unsere Leiber im Glanz kommender Vollendung sehen, dann tun wir einander mit Lust und Liebe Gutes. Auch uns selbst. Und vielen anderen. Wer immer es sei. Wir wissen: Wir sind miteinander unterwegs zu dem, der unseren „nichtigen“ Leib verwandeln, „verklären“ wird.

Was bedeutet mir mein „Bürgerrecht im Himmel“ in den Konflikten jetzt und hier?Und dann setzen wir uns auch nach Kräften dafür ein, dass unsere Mitmenschen zu ihrem Recht kommen. Hier auf dieser Erde. In unserem Dorf, in unserer Stadt. Dass sie hier Wurzeln schlagen und mit allen Rechten und Pflichten leben können. Sie sollen nicht Bürger zweiter oder dritter Klasse bleiben, egal aus welchem Milieu sie kommen, aus welchem Land, egal welche Hautfarbe sie haben und wie gut oder schlecht sie Deutsch können. Sie sollen bei uns Bürgerinnen und Bürger sein, die mitreden können, die eine Stimme haben.

Wir setzen uns dann überhaupt für die ein, die bei uns unter die Räder kommen und „nichts zu sagen haben“, weil man sie nicht hört oder weil sie für sich nicht reden können. Sie alle sind geliebte Kinder Gottes, für die Jesus nicht weniger als sein Leben eingesetzt hat.

Und was bedeutet dann unser „Bürgerrecht im Himmel“? Mein „Bürgerrecht im Himmel“ verstehe ich so: Ich will hier in den Jahren, die Gott mir gibt, das tun, was „im Himmel“, d.h. in der Nähe Gottes, als gut gilt. Ich will hier tun, was dort „gilt“.

Ob es meine Mitmenschen hier und jetzt verstehen und gut finden, das ist eine andere Frage. Heute Nein, morgen Ja. Ich muss ihnen Zeit lassen. Und auch wenn sie den Kopf schütteln, ich will tun, was Gottes Wille ist und was er uns in Jesus verkörpert hat. Sein Wille geschehe, nicht der Wille derer, die mich gern dazu bringen würden, dass ich nach ihrer Pfeife tanze, dass ich nach ihrem Geschmack denke, rede, lebe und tue, was sie gut finden. Mein „Bürgerrecht“ ist im Himmel. Dort wird bestimmt, was ich hier tue und wie ich mich hier verhalte.

Andere werden das spüren. Sie werden es so oder so deuten, werden es „fremd“, vielleicht sogar „arrogant“ finden. Aber es wäre jammerschade, wenn ich mich „angleichen“ und mein „Bürgerrecht im Himmel“ verleugnen würde.

Es könnte gut sein, dass ich damit auch denen, die jetzt laut oder leise den Kopf schütteln, etwas Gutes tue. Sie denken ja drüber nach, wenn jemand nicht nach ihrer Pfeife tanzt und sein Leben von einer anderen Melodie geprägt wird. Sie sind ja auch unterwegs. Und was sie heute fremd und ärgerlich finden, kann ihnen morgen aufgehen. Es mag sein, dass ich ihnen damit den besten Dienst tue.

Wichtig ist nur, dass wir unser „Bürgerrecht im Himmel“ weder gering achten noch gar verleugnen. Und dass wir, so gut es uns gelingt und so weit unsere Kräfte reichen, tun, was Gottes Wille ist. Bitten wir Gott, dass er uns diese Freiheit gibt, damit wir wirklich in der Freiheit bestehen können, zu der uns Christus befreit hat. Amen.

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