3. Advent (17. Dezember 2017)

Autorin / Autor: Pfarrerin Esther Kuhn-Luz, Rottweil [pfarramt-west@ev-kirche-rottweil.de]

Römer 15, 4 -13

Liebe Gemeinde,
es ist nicht immer leicht, miteinander auszukommen, gerade wenn man sich so nahe ist.
Von Anfang an gab es in der christlichen Gemeinde eine Diskussion darüber, was denn nun die richtige Art und Weise ist, um seinen christlichen Glauben zu leben. Was man darf, was man nicht darf, welche Lebensweisen zum christlichen Glauben dazu gehören und welche nicht.
Heute diskutieren wir diese Frage im Zusammenhang mit der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und vielen anderen Themen, damals ging es um die Frage, was man als Christ essen darf, was nicht.
Diese Diskussionen ums Essen sind keine Fragen mehr, die uns heute beschäftigen. Aber zu der Zeit, als der Apostel Paulus seinen Brief an die Gemeinde in Rom schrieb, kochten die Konflikte gerade an diesem Streitpunkt hoch: Gibt es reines oder unreines Essen? Die Gemeinde bestand aus Menschen, die vor ihrem Glauben Juden waren. Bei ihnen gehörte das Einhalten der Gebote auch gegenüber dem Essen zu ihrem Glauben dazu. Die anderen waren sogenannte Heiden, also Menschen, die eine ganz andre Religion oft mit mehreren Gottheiten hatten.
Sie waren fasziniert gerade von der Freiheit dieser christlichen Bewegung: Alles ist rein, was du isst. Es geht nicht um Essen und Trinken, da kann jede und jeder machen, was er will. Es geht darum, Gerechtigkeit und Frieden zu leben und sich für die Freude zu öffnen.

Nicht die großen Themen aus dem Auge verlieren beim Streit um das Kleine!Achtet euch in eurer unterschiedlichen Prägung – und denkt nicht, dass der eine in seiner Haltung besser sei als der andere, fordert Paulus auf.
„Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid wie es Christus Jesus entspricht, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.“
Den Blick von den Streitthemen einmal wegnehmen, sich nicht verbeißen in die Auseinandersetzung, sondern den Blick wieder frei bekommen, indem man gemeinsam Gott lobt – darum geht es doch eigentlich!
Ich weiß, ich kenne das auch, da streitet man um einen gewissen Punkt im Kirchengemeinderat, und am Schluss spricht dann die KGR-Vorsitzende ein Gebet, man singt noch ein Abendlied. Ist damit der inhaltliche Streit vorbei, sind die verschiedenen Positionen damit geringer geworden? Ist das nur die „fromme Soße“, die über so manche Konflikte gegossen wird?
Ich denke, es ist sehr wichtig, sich immer wieder klar zu machen, von wem wir kommen und auf wen wir unsere Hoffnung setzen und woher wir unsere Kraft und unser Vertrauen bekommen, wo wir verwurzelt sind. Um dann weiter in die inhaltliche Auseinandersetzung zu gehen – mit der inneren Einstellung: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.
Sich gegenseitig anzunehmen hat ja die Voraussetzung, sich gegenseitig zugewandt zu sein, sich anzusehen, sich wahrzunehmen und sich nicht den Rücken zuzuwenden, sich nicht abzugrenzen.
Paulus erinnert an den gemeinsamen Glauben an Gott, der uns verbindet bei aller unterschiedlicher Prägung, die wir heute und die die Christen damals durch ihre unterschiedlichen Biografien hatten. Und Paulus ist es wichtig, noch genauer zu sagen, wie uns dieser Gott entgegenkommt: der Gott der Geduld und des Trostes.
Gott ist geduldig mit uns und will uns trösten.
Ach, das tut einfach allen gut, diese Verheißung.
Damals und heute. Bei allen Unterschieden, die ja auch bleiben.

„Den Blickwinkel öffnen und weiten. Religionen begegnen sich.“Ich erinnere mich an eine interreligiöse Veranstaltung bei uns in Rottweil. Wir veranstalten seit sieben Jahren immer im Herbst die „Rottweiler Reihe Religionen“. Jedes Jahr steht ein Thema an, das aus der Perspektive der jüdischen, christlichen und muslimischen Perspektive gesehen wird.
Dieses Jahr hieß das Thema: „Den Blickwinkel öffnen und weiten. Religionen begegnen sich.“
Es war eine Kooperationsveranstaltung der evangelischen und katholischen Gemeinde, der DITIB-Gemeinde und der jüdischen Gemeinde – genauer der Israelitischen Kultusgemeinde Rottweil-Villingen-Schwenningen. Neben den Besuchen und Gesprächen in der Moschee und in der Synagoge ging es am letzten Abend um das Thema. „Drei Religionen an einem Tisch. Bedeutung und Deutung des Essens in den Religionen.“
In unseren spannenden Vorgesprächen mit dem Rabbiner, dem Vorsitzenden der muslimischen Gemeinde, der Pfarrerin und dem katholischen Verantwortlichen für Erwachsenenbildung wurde schnell deutlich, wo die Unterschiede sind. Aber alle fanden diese Idee auch wunderbar. Denn in diesen Zeiten voller Konflikte, in denen die Religionen immer wieder in Zusammenhang mit Gewalt genannt werden und der Missbrauch der Religion für zerstörerisches Handeln auch Vertrauen in die Religion zerstört, ist ein gemeinsames Essen ein ganz wichtiges Friedenszeichen.
Gemeinsam zu essen klingt einfach. Aber – Im Sinne von Paulus – so miteinander umzugehen, dass jeder auch geachtet wird, ist gar nicht so einfach. Jüdische Menschen kochen und essen koscher. Und es war klar, dass sie nicht von dem Porzellan und mit dem Besteck essen können, auf dem vorher Milchiges und Fleischiges lag. Also haben wir für den Abend Einmalgeschirr gekauft, obwohl das ökologisch nicht korrekt ist. In der christlichen Tradition gibt es beim Essen nicht rein oder unrein. Wir dürfen alles essen und trinken… aber so, dass alle genügend haben und mit Respekt anderen gegenüber. „Wer isst, der verachte den nicht, der nicht isst“ (Römer 14,3). Die Muslime trinken keinen Alkohol – aber für sie war es sehr in Ordnung, dass es Wein gab. Denn für uns Christen ist eben Brot und Wein eines der wichtigsten religiösen Lebensmittel. Nach jedem Vortrag, in dem die verschiedenen Speisen erklärt wurden, durfte dann alles probiert werden: gefilte Fisch und Hamantaschen, Datteln und Aruschan, Brot und Trauben und Lebkuchen….
Beim gemeinsamen Essen und Trinken waren nicht mehr die Unterschiede zu spüren, sondern die Gastfreundschaft, das Interesse aneinander und die Freude am Genießen, wie gut das schmeckt.
Am Schluss wurde in jeder Religion ein Gebet gesprochen – und der muslimische Vertreter sagte am Anfang seines Gebets: Wenn ich Allah sage, dann meine ich denen einen Gott, der für uns alle Gott ist.

Nehmt einander an zur Ehre Gottes!Im Konflikt zwischen den jüdisch geprägten und heidnisch geprägten Christen damals war es dem Apostel Paulus wichtig, dass beide ihre Wurzeln in Gott haben. „Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind. Die Heiden aber sollen Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht. ‚Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.‘“
Niemand kann sich über den anderen stellen, denn nicht wir haben Gott gewählt, sondern Gott hat uns erwählt.
Paulus geht es darum, über Gott nachzudenken – und von daher dann die Streitpunkte zu betrachten. Das verändert manches. Paulus sucht noch nach einer anderen Beschreibung für Gott. Gott ist der Gott des Trostes und der Geduld, Gott der Verheißung und der Barmherzigkeit – und – das ist ihm besonders wichtig – der Gott der Hoffnung. Und so schließt er diesen Briefabschnitt mit einem wunderbaren Zuspruch, der allen gilt.
„Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit Frieden und Freude im Glauben, auf dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“
Eine Verheißung, die in ihrer Stärke dann wirken kann, wenn ich sie wirklich in mich aufnehme.
Ich soll ganz erfüllt werden mit Frieden und Freude. Die einzige Voraussetzung: mich dafür auch zu öffnen. Mich erfüllen zu lassen – mit jedem Atemzug die Nähe, die Gegenwart, die Liebe Gottes, seinen Frieden und seine Freude einzuatmen, mich von ihm erfüllen zu lassen. Ein mystischer Gedanke, der eine große Kraft hat. Denn wenn Gott mich erfüllt, dann ist da mehr als meine eigenen Forderungen, Wünsche, Zweifel, Neid, Ärger.
Von was bin ich ganz erfüllt? Diese Frage muss man sich schon immer wieder stellen. Was hält mich besetzt? Auch so kann diese Frage an mich selbst lauten. Warum gelingt es mir nicht, mich erfüllen zu lassen?
„Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit Frieden und Freude im Glauben, auf dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“
Also – es geht nicht um Anstrengung so nach dem Motto. Ich muss jetzt noch mehr hoffen, muss hoffnungsvoller werden – noch so eine Aufgabe. Sondern ich darf das in mir wirken lassen, diese Kraft des Heiligen Geistes, die in mir wirkt.
Reicher werden an Hoffnung. Das ist die Sehnsucht von vielen Menschen in einer Zeit, die geprägt ist von Gewalt, Rücksichtslosigkeit und Demütigungen – vor allem auch im Umgang mit der Sprache. Wie Andersdenkende verletzt, beschimpft werden, wo bösartig gelogen wird, um andere schlecht zu machen.

Hoffnung, was heißt das eigentlich?Der deutsche Begriff leitet sich vom mittelniederdeutschen „hopen“ ab, dem hüpfen oder springen vor Erwartung. Eine Haltung, die gut in den Advent passt als eine Zeit der Erwartung, dass der Grund unserer Hoffnung kommt.
Und wir werden in einer Woche an Weihnachten das noch besser verstehen, wenn wir dann singen als Ausdruck unserer Hoffnung: „Fröhlich soll mein Herze springen dieser Zeit, da vor Freud alle Engel singen. Hört, hört, wie mit vollen Chören alle Welt laute ruft: Christus ist geboren.“

„Guter Hoffnung sein“ ist eine Umschreibung von Schwangerschaft bis heute. Und das Hüpfen in dieser guten Hoffnung kennen wir aus der biblischen Geschichte von Johannes dem Täufer, der angeblich im Mutterleib hüpfte, als Elisabeth der schwangeren Maria begegnete.
„Gute Hoffnung, das meint Erwartung auf eine gute Zukunft. Nicht Resignation: ich kann ja doch nichts tun, sondern: es kann gut werden und ich kann etwas dazu beitragen“, so beschrieb es einmal Margot Käßmann in einer Bibelarbeit auf dem Kirchentag 2013 in München.
„Das Lob Gottes ist die Grundmelodie der Hoffnung im Alten Testament. Gottes Treue ist es, die Menschen Hoffnung schenkt. ‚Auf Gott hoffen‘ das heißt, ich vertraue mein Leben, meine Zukunft, meine Möglichkeiten Gott an, wenn ich hoffe und nicht hoffnungslos bin.“
Hoffnung ist eine Lebenshaltung gläubiger Menschen gegen die Resignation und Hoffnungslosigkeit der Welt. Es geht also um ein Verhältnis, das Verhältnis zu Gott, das mein Leben bestimmt. Letzten Endes ist Hoffnung eine Gebetshaltung im Leben, der Grundausdruck der Gottesbeziehung. Und damit eben auch ein Selbstverständnis, wie ich mich in diese Welt und ihre Themen und Konflikte einbringe: so dass es Hoffnung für andere gibt.
„Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit Frieden und Freude im Glauben, auf dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“ Wie gut, dass Paulus das als eine Bitte formuliert für uns alle gemeinsam als Gemeinde und als Kirchen aller Konfessionen. Diese Bitte des Apostel Paulus brauchen wir im Umgang miteinander, wenn wir uns schwer tun, unsere unterschiedlichen Haltungen wert zu schätzen.
„Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit Frieden und Freude im Glauben, auf dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“
So sei es. So lasst uns offen sein für Gottes Geschenk der Hoffnung. Und tatkräftig diese Hoffnungsbeziehung zu Gott umsetzen in unserem Leben, unserer Kirche, unserer Welt.
Amen.


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