3. Sonntag nach Epiphanias (25. Januar 2026)

Autorin / Autor:
Prälatin Gabriele Arnold, Stuttgart [praelatur.stuttgart@elk-wue.de]

Apostelgeschichte 10,21–35

Liebe Gemeinde,
manche Predigttexte müssen einfach erzählt werden, damit man sie versteht. So ist das auch mit unserem: Er ist eine faszinierende Geschichte. In eine Geschichte verkleidet werden wir Zeugen einer absoluten theologischen Revolution am Beginn der Geschichte des Christentums. Aber ich will Sie nicht mit zu langen Vorreden langweilen, sondern schauen wir erstmal direkt in die Geschichte.

Kornelius und Petrus
In Caesarea, der römischen Hauptstadt im besetzten Israel, lebt ein römischer Hauptmann mit dem Namen Kornelius. Von dem wird gesagt, dass er fromm und gottesfürchtig sei, das heißt, er hatte sein Herz schon dem Gott Israels zugewandt und sich von den römischen Staatsgöttern verabschiedet. Kornelius unterstützte die jüdische Gemeinde in Caesarea mit nicht unerheblichen Zuwendungen. Eines Tages hat er eine Erscheinung, eine Vision um die neunte Stunde heißt es, also am Nachmittag, just um die Todesstunde Jesu (das ist bestimmt kein literarischer Zufall): Er sieht einen Engel Gottes, und der sagt ihm, er Kornelius solle Petrus den Menschenfischer, den Apostel, den Gemeindeleiter in Jerusalem, den Freund Jesu holen, der sei nämlich zu Gast in Joppe ganz in der Nähe. Kornelius tat, was der Engel ihm befohlen hatte, und schickte seine Knechte und einen – ausdrücklich gesagt – frommen Soldaten nach Joppe.
Petrus indes ist am nächsten Tag ebenfalls auf dem Dach, um die sechste Stunde also, um die Mittagszeit. Jeder normale Mensch hat, wenn er morgens früh aufsteht wie so ein Fischer, um die Mittagszeit Hunger. Er betet trotzdem, aber sein hungriger Magen spielt ihm einen Streich, seine Gedanken sind vom Essen besessen, und da hat auch er eine Erscheinung. Er sieht ein Tuch vollgefüllt mit Tieren. Kriechende Tiere, Vögel, Vierbeiner, alles unreine Tiere, also Tiere, die für ihn als frommen Juden verboten sind. Und die Stimme sagt zu ihm „Schlachte und iss“. Drei Mal spricht die Stimme, und als Petrus sich weigert, sagt die Stimme: „Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht unrein.“ Petrus erwacht aus seiner Vision und, wie es so schön heißt, ist ratlos. Wie sympathisch – auch Kirchengründer und Super-Apostel sind ratlos, und er denkt nach, was das wohl bedeutet.
Dann klopft es, und die Boten von Kornelius sind da. Er hört sie nach ihm fragen, er hört die Stimmen und geht nach unten und sagt „Ja, ich bin’s, den ihr sucht.“ Schon das eine Muttat. Stellen Sie sich vor, die Besatzer sind im Land und klopfen an der Tür, und einer, nach dem gefragt wird, geht freiwillig runter und sagt: „Ich bin’s, den ihr sucht.“ Petrus wusste ja nicht, warum er gesucht wurde – es hätte ja auch eine Anklage sein können. Dann geht die Geschichte weiter, und hier setzt unser Predigttext ein, den ich ihnen jetzt gerne vorlese (Apostelgeschichte 10,21–35):

„Da stieg Petrus hinab zu den Männern und sprach: Siehe, ich bin’s, den ihr sucht; aus welchem Grund seid ihr hier? Sie aber sprachen: Der Hauptmann Kornelius, ein gerechter und gottesfürchtiger Mann mit gutem Ruf bei dem ganzen Volk der Juden, hat einen Befehl empfangen von einem heiligen Engel, dass er dich sollte holen lassen in sein Haus und hören, was du zu sagen hast. Da rief er sie herein und beherbergte sie.
Am nächsten Tag machte er sich auf und zog mit ihnen, und einige Brüder aus Joppe gingen mit ihm. Und am folgenden Tag kam er nach Cäsarea. Kornelius aber wartete auf sie und hatte seine Verwandten und nächsten Freunde zusammengerufen. Und als Petrus hereinkam, ging ihm Kornelius entgegen und fiel ihm zu Füßen und betete ihn an. Petrus aber richtete ihn auf und sprach: Steh auf, auch ich bin ein Mensch. Und während er mit ihm redete, ging er hinein und fand viele, die zusammengekommen waren. Und er sprach zu ihnen: Ihr wisst, dass es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Fremden umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen gemein oder unrein nennen soll. Darum habe ich mich nicht geweigert zu kommen, als ich geholt wurde. So frage ich euch nun, warum ihr mich habt holen lassen.
Kornelius sprach: Vor vier Tagen um diese Zeit betete ich um die neunte Stunde in meinem Hause. Und siehe, da stand ein Mann vor mir in einem leuchtenden Gewand und sprach: Kornelius, dein Gebet ist erhört und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott. So sende nun nach Joppe und lass herrufen Simon mit dem Beinamen Petrus, der zu Gast ist im Hause des Gerbers Simon am Meer. Da sandte ich sofort zu dir; und du hast recht getan, dass du gekommen bist. Nun sind wir alle hier vor Gott zugegen, um alles zu hören, was dir vom Herrn befohlen ist.
Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm.“

Christwerden trotz verschiedener Herkunft?
„Nun erfahre ich in Wahrheit; dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm“, so redet Petrus, und was er da spricht, ist nun wirklich die von mir zu Beginn angekündigte Revolution. Bei den ersten Christen war es nämlich durchaus umstritten, wie man denn Christ werden könne. Klar war, wer Jude war, Jüdin war, konnte an Jesus glauben und sich taufen lassen. Aber was war mit den Nichtjüdinnen und Nichtjuden, den Griechen, den Römern, all denen, wo auch immer sie herkamen? Konnten sie einfach Christinnen und Christen werden? Es ging bei dieser Frage um viel mehr als um die Frage von Ethnien oder Religionen oder Konfessionen. Wer konnte gleichberechtigt Christ bzw. Christin sein? Paulus war in dieser Frage klar, Petrus nicht.

Klarheit bei Paulus
Paulus schreibt in seinem Brief an die Galater: Wenn wir auf Christus getauft sind, wenn wir ihn angezogen haben, dann fallen alle, auch wirklich alle fundamentalen Unterschiede zwischen uns weg. Dann ist da weder Jude noch Grieche, weder Freier noch Sklave, weder Mann noch Frau. Die Radikalität des Satzes, dass da weder Jude noch Grieche, weder Freier noch Sklave, weder Mann noch Frau ist, können wir heute nicht einmal mehr erahnen. In der Antike, zur Zeit von Petrus und Paulus, waren das kategoriale Unterschiede. Männer und Frauen waren nicht gleichermaßen Mensch. Männer und Frauen waren nicht gleich, im Gegenteil die Männer waren die Vorsteher des Hauses, und die Frauen waren ihnen untergeben. Denn nur die Männer waren Menschen im Vollsinn, die Frauen jedoch nur in sehr abgeleiteter Weise. Es war ein kategorialer Unterschied, ob jemand frei geboren war und über eigenes Geld verfügen konnte und über sein Leben bestimmen oder ob jemand ein Sklave oder eine Sklavin war, die nicht einmal über ihren Körper bestimmen konnte, keine Familie gründen, keinen Besitz haben durfte und natürlich niemals an politischen Entscheidungen mitwirken konnte. Sklaven gehörten wirklich jemand anderem, so wie vielleicht ein Staubsaugerroboter uns heute gehört. Und aus jüdischer Sicht war es ein fundamentaler Unterschied, ob man Jude war oder Nichtjude, denn aus jüdischer Sicht hatten nur die Juden Anteil an Gott, an seiner Verheißung, dass Gott bei uns ist alle Tage. Deshalb mussten sich die Juden ja auch so fernhalten von den nichtjüdischen Menschen – oder jedenfalls die meisten von ihnen. Immer gab es natürlich auch damals schon Freigeister und Grenzüberschreiterinnen. Aber das waren wenige Ausnahmen. Doch Paulus schrieb: In Christus zählt das alles nicht mehr! Ihr seid gleich! Ihr gehört dazu und zusammen! Paulus selbst macht zum Beispiel auch keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. In seinen Gemeinden hatten Frauen das Recht zu predigen, sie wurden als Gemeindevorsteherinnen und Apostelinnen gegrüßt und geehrt.

Können Heiden auf direktem Weg Christen werden?
Petrus war noch nicht so weit. Er war in den kategorialen Denkmustern verhaftet. Es war nicht so wie bei uns heute evangelisch oder katholisch oder christlich und muslimisch, sondern es waren fremde Welten. Und nun steht also Petrus vor der Frage hopp oder top. Mit den Nichtjuden oder ohne sie. Und natürlich auch vor der Frage, wie er sich im Streit um diese Frage positioniert. Wechselt er auf die Seite von Paulus oder bleibt er ein Hardliner der reinen Lehre. Und da hinein kommt nun diese Geschichte, in der Gott selbst eingreift. Die Vision des Petrus könnte drastischer nicht sein. Ich stelle mir das ja ehrlich gesagt ein bisschen eklig vor, so ein riesiges Tuch, wo allerlei Tiere drin sind und vor allem Tiere, die Petrus nicht essen darf und vor denen er deshalb auch eine große Scheu hat. Und dann wird er aufgefordert zu schlachten und zu essen. Ich finde, diese Vision gleicht eher einem Albtraum. Aber als dann die fremden Männer vor der Tür stehen und ihn mitnehmen und er im Haus des Kornelius ist, begreift er, was ihm diese Vision, dieser Traum, sagen will. Ich denke mal, dazu hat es viel Heiligen Geist gebraucht, dass er das begreifen konnte und dass er dann solch einen Satz sagt, „dass Gott die Person nicht ansieht“, sondern in jedem Volk, ist ihm der oder die angenehm, die „ihn fürchtet und Recht tut“.

Ökumenische Weite
Diese Geschichte von Petrus auf dem Dach und dem Treffen von Kornelius und Petrus in Joppe begründet die Erfolgsgeschichte des Christentums. Denn wenn sich das Christentum nicht geöffnet hätte für Nichtjüdinnen und Nichtjuden, dann wäre es eine jüdische Splittergruppe geblieben, die wahrscheinlich über kurz oder lang eingegangen wäre. Diese Geschichte ist bis heute für uns zentral, denn in ihr ist die DNA des Christentums enthalten. Es gibt keine Unterschiede vor Gott, weder zwischen Männern und Frauen noch zwischen Menschen verschiedener Religionen oder zwischen Menschen mit verschiedenen Frömmigkeitsstilen. Und genau das macht das Christentum zu so einer ökumenischen, weltweiten Religion. Wir sind Schwestern und Brüder, egal welche Hautfarbe wir haben, egal woran wir glauben, egal was unser sozialer Status ist. Ganz gewiss aber gibt es Grenzen, Trennlinien, die wir auch scharf benennen müssen. Wer Christin oder Christ ist, muss beispielsweise einstehen für Frieden und Gerechtigkeit, für die Bewahrung der Schöpfung, für gleiche Rechte für alle Menschen und für Rechte für Geflüchtete. Wer rassistische, judenfeindliche oder völkische Ideen pflegt, hat sich von Grundlagen des Christentums entfernt. Das müssen wir, meine ich, heute in aller Deutlichkeit immer wieder sagen. Christentum ist universell.

Universale Menschlichkeit Gottes bekennen – und im Alltag leben
Die Liebe Gottes gilt allen Menschen. Das ist die zentrale Erkenntnis, die Petrus damals im Haus des Kornelius in Joppe geschenkt bekam. Diese Erkenntnis ist für uns bis heute eine Herausforderung. Denn es ist ganz schön einfach zu sagen: Gottes Liebe gilt allen, aber eine andere Sache ist es, sich dann auch so zu verhalten. Es ist einfach zu sagen: Gottes Liebe gilt allen, eine andere Sache ist es, ein Gemeindehaus für eine Gemeinde anderer Sprache oder Nation zu öffnen. Es ist einfach zu sagen: Gottes Liebe gilt allen, und eine andere Sache ist es, dem Obdachlosen auf der Straße auf Augenhöhe zu begegnen. Aber Petrus macht mir Mut. Er lässt sich auf das Neue ein. Unser Gott ist nun mal ein Neu-Macher. So wie es in der Jahres Losung des immer noch neuen Jahres heißt. „Siehe, ich mache alles neu.“ Amen.

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