3. Sonntag nach Trinitatis (21. Juni 2015)

Autorin / Autor: Dekan i.R. Dr. Jochen Tolk, Weingarten [Jochen.Tolk@t-online.de]

Lukas 15, 1 -7

Wir sind mit Jesus einig. Handeln wir auch danach?Wir kennen dieses Gleichnis vom verlorenen Schaf und sind uns wohl alle darin einig: Man darf die Verlorenen, die Sünder, die Außenseiter nicht abschreiben und ausschließen, wie es die Pharisäer und Schriftgelehrten tun. Man muss auf sie zugehen, sie annehmen, ihnen helfen. Wir sind doch alle nur Menschen mit Fehlern und Schwächen, auch die, die sich selbst für die Anständigen, die Gesetzestreuen, die Guten halten. Sie sollen nicht so selbstgerecht sein, sie haben kein Recht, über andere zu richten! Das ist Konsens in unserer Gesellschaft.

Man kann auch sagen: Das ist die menschenfreundliche Theorie. Die tägliche Praxis sieht anders aus. In Wirklichkeit erliegen wir ständig der Versuchung, über andere zu richten, die nicht so sind, wie sie unserer Ansicht nach sein müssten. Der allgemeine Werteverfall, das Sinken der Moral wird beklagt, und vielleicht herrscht gerade deshalb in unserer Gesellschaft oft ein rigoroser Moralismus. Jeder wird fertiggemacht, von dem ein moralisch fragwürdiges Verhalten öffentlich bekannt wird. Der wird vorverurteilt, auch wenn noch gar nichts erwiesen ist. Moral wird zur Waffe im politischen Kampf: Moralische Verfehlungen gibt es natürlich immer nur bei den andern. Wir tun so etwas nicht. Wir sind die Guten.

Pharisäer und Schriftgelehrte und die VerlorenenNun hören wir diese Geschichte, die Jesus den Pharisäern und Zöllnern erzählt, weil sie sich darüber erregen, dass er mit Zöllnern und Sündern verkehrt, mit ihnen sogar isst und trinkt. Mit Leuten, die ohne Gott leben und deren Leben moralisch höchst fragwürdig ist. Nein, mit solchen Leuten wollen die nichts zu tun haben, die mit ganzem Ernst Gott suchen und sich mit heiligem Eifer darum bemühen, ihr ganzes Leben nach dem Willen Gottes zu führen. Gottlose, Gesetzlose - wenn Jesus mit solchen Leuten verkehrt, als wäre er deren Freund, dann macht er sich selbst verdächtig.

Jesus bestätigt unsere Vorurteile nichtWir sind gewohnt, die Pharisäer und Schriftgelehrten als Heuchler zu betrachten, die ihre Frömmigkeit zur Schau stellen, aber unfromm leben. Die im Grunde wegen ihrer Selbstzufriedenheit und Selbstgerechtigkeit viel schlimmer sind als die Sünder, die sie verachten. „Pharisäer“ ist bei uns ein Schimpfwort. Der „Schriftgelehrte“ gilt als einer, der sich ständig mit toten Buchstaben und formalen Gesetzen beschäftigt, vom Geist der biblischen Worte aber gar nicht berührt wird. Von wahrer Gottes- und Menschenliebe weiß er nichts. Damals nicht und heute nicht.

Merkwürdig: Wir hören in dieser Geschichte kein Wort der Kritik an den Pharisäern und Schriftgelehrten. Jesus klagt sie nicht an, er nennt sie nicht Heuchler, er stellt nicht infrage, dass sie von ganzem Herzen glauben und mit ganzem Eifer ein Leben nach dem Wort Gottes führen wollen. Sie haben sich nicht verirrt, sie sind nicht auf Abwege geraten und verlorengegangen. Am Ende der Geschichte nennt er sie sogar „Gerechte“, die in enger Beziehung zu Gott leben und seinen Willen tun. Er verurteilt diese Menschen nicht, wie wir es gerne tun, sondern er achtet sie und will sie dafür gewinnen, dass auch sie sich freuen können, wenn ein verlorener Mensch gefunden, für ein Leben mit Gott gewonnen und in die Gemeinschaft zurückgebracht wird.

Jesus weckt unser Mitgefühl mit den VerlorenenWie kann man Pharisäer und Schriftgelehrte dafür gewinnen? Jesus macht es ihnen und uns leicht, mit den Verlorenen mitzufühlen. Er erzählt eine Geschichte, die unser Mitleid weckt.
Am Abend führt der Hirte seine Schafe von den Weidegründen zurück in den Pferch. Er zählt sie und stellt fest: Eines fehlt. Es hat sich von der Herde getrennt und ist in den Hügeln verloren gegangen auf der Suche nach frischem Gras. Jetzt ist es allein dort draußen, bedroht von wilden Tieren, die nachts nach Beute suchen. Liegt wahrscheinlich zitternd vor Angst in einem Versteck, so ganz allein und verlassen. Er kann es nicht einfach seinem Schicksal überlassen, das bringt er nicht übers Herz. Es ist nur eins von hundert, aber es ist seins. Er überlässt die neunundneunzig Schafe sich selbst und geht auf die Suche nach dem einen, das verloren ist. Jeder Hirte würde das tun. Er sucht und ruft in die anbrechende Dunkelheit und Kälte hinein, bis er endlich das verlorene gefunden hat. Welch‘ ein Glück, welch‘ eine Freude! Er legt es sich auf die Schulter und trägt es heim zu der Herde, in der es geborgen ist unter seinem Schutz. Wer sollte sich da nicht mit ihm freuen?

Jesus will die Pharisäer und Schriftgelehrten gewinnenJesus will mit dieser Geschichte die Pharisäer und Schriftgelehrten für sich gewinnen, für seine Sendung, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Ja, er nimmt die Sünder an, die Gescheiterten, Ausgestoßenen, Verlorenen. Das hat er sich nicht selbst ausgedacht, so will es Gott, der keinen einzigen Menschen verloren gibt, sondern mit einer grenzenlosen Liebe an denen festhält, die die Beziehung zum Ursprung und Ziel ihres Lebens verloren haben. Er kann sich doch gar nicht anders verhalten als der Hirte im Gleichnis. Nein, er muss dem Verlorenen nachgehen, weil es seins ist, weil er es nicht verloren geben kann.
Wie sollte Gott sich nicht freuen über jedes einzelne seiner Geschöpfe, seiner Kinder, das verloren war, aber nun gefunden und heimgebracht wird! „So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.“ Welch‘ eine Freude deshalb im Himmel, wenn die Verlorenen jetzt zu Jesus kommen und seine Botschaft von der Liebe Gottes hören wollen, die auch ihnen gilt! Welch‘ eine Freude, wenn sie die Rückkehr zum liebenden Gott mit Jesus in einem Festmahl feiern! Welch‘ eine Freude, wenn sie umkehren und ihr Leben ändern wie Zachäus, der seinen durch Betrug erworbenen Reichtum an die Betrogenen zurückgibt! Könnt ihr das nicht verstehen?

Buße ist keine trübselige AngelegenheitBuße tun, das ist keine trübselige Sache, wie viele meinen. Jedenfalls nicht für die Verlorenen, die Jesus sucht und findet. Das sehen wir hier. Da geht es nicht darum, dass Menschen in sich gehen und ihr Leben in radikaler Selbstkritik nach Fehlern und Sünden durchforschen und am Ende entsetzt feststellen, wie schwach, ja wie schlecht sie sind. Solche Buße ist nur zum Verzweifeln, denn sie lässt den Zerknirschten allein mit sich selbst und seiner Schuld und Hoffnungslosigkeit.

Doch diese Zöllner und Sünder, die zu Jesus kommen, die werden angenommen, die werden geliebt, die erleben Gemeinschaft. Dass sie Sünder sind, das wissen sie selbst. Dass sie verloren sind, das erleben sie jeden Tag. Und sie kommen aus eigener Kraft nicht heraus aus ihrer Verlorenheit. Das muss ihnen niemand sagen. Aber jetzt bringt ihnen Jesus die Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes zu den Verlorenen, und er lebt diese Botschaft und feiert mit ihnen das Fest der Heimkehr zu Gott. Sie können hinter sich lassen, was dunkel und schlecht war in ihrem Leben, und umkehren, neue Schritte tun, einen neuen Weg gehen im Hören auf Gottes Wort. Das werden sie ganz gewiss tun, mit Freude tun, nachdem ihnen die Augen und das Herz und der Verstand aufgegangen sind für Gottes Liebe und Treue.

Wir kennen das Gefühl, verloren zu seinWerden die Pharisäer und Schriftgelehrten damals und heute sich gewinnen lassen? Werden wir uns gewinnen lassen? Wir haben Mitleid mit dem verlorenen Schaf. Wir kennen ja auch das Gefühl, einsam, ausgeliefert, verloren zu sein. Und oft – das wissen wir – sind nicht die anderen daran schuld, die Verhältnisse oder ein ungerechtes Schicksal. Wir kennen unsere dunklen Seiten, unsere Schwächen, unser Versagen, finden uns manchmal selbst unerträglich. Und wollen doch trotz allem geliebt werden!

Wir kennen den Wunsch, gesucht und gefunden und heimgebracht zu werden in ein Leben vollkommener Gemeinschaft mit Gott und den Menschen. Wir finden es wunderbar, dass der Hirte im Gleichnis alles stehen und liegen lässt, um das eine verlorene Schaf zu suchen. Und wir spüren: Es geht in dieser Geschichte nicht nur um die anderen, sondern auch um uns selbst. Wir möchten das selbst gern erleben, dass wir so wichtig genommen und so geliebt werden.

Kein moralischer Appell, sondern eine Einladung an unsUm Liebe geht es und was Liebe bewirken und verändern kann. Das Gleichnis vom verlorenen Schaf ist kein moralischer Appell, unsere Selbstzufriedenheit und Selbstgerechtigkeit zu überwinden und die andern anzunehmen, die als die Verlorenen gelten. Das wäre nichts Neues, das ist gesellschaftlicher Konsens unter uns, aber eben nur in der Theorie. Der Alltag erzählt ganz andere Geschichten.

Die große Frage ist, ob uns diese Geschichte so zu Herzen geht, dass wir uns unsere eigene Verlorenheit eingestehen, uns suchen und finden lassen und von ganzem Herzen der grenzenlosen Liebe Gottes anvertrauen. Wenn Gott uns so sehr liebt, dann können wir uns selbst auch annehmen mit unseren Grenzen und Fehlern. Und die anderen, unsere Mitmenschen in ihrem Verlorensein. Mitgefühl blüht auf und bewegt uns zum Suchen, zum Reden von der Liebe Gottes zu den Verlorenen, zur Tat der Liebe. Und wir werden nicht fragen, ob sich das lohnt. Wir werden uns nicht entmutigen lassen, wenn man uns vorhält, das sei doch nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Und wenn schon. Jeder einzelne Mensch hat einen unendlichen Wert.

Amen.


Weg zur Predigt
Im 15. Kapitel des Lukasevangeliums werden drei Gleichnisse vom Verlorenen erzählt. Es geht in allen um dasselbe Thema, doch jedes dieser Gleichnisse hat seine eigene, charakteristische Zielrichtung und Botschaft. Die Predigt beschränkt sich bewusst auf die Verse 1 bis 7.


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