4. Advent (24. Dezember 2023)

Autorin / Autor:
Pfarrerin Ulrike Nuding, Herrenberg [Ulrike.Nuding@elkw.de]

Jesaja 62,1-4

IntentionGott wird kommen. Noch ist es nicht so weit. Die Spannung zwischen Verheißung und Realität macht den Advent aus. Die Predigt will Vorfreude auf Weihnachten wecken und zugleich aufzeigen, dass wir auch an Weihnachten und nach Weihnachten Adventsmenschen (1) bleiben.
Ich habe für den Predigttext die Übersetzung der Basisbibel gewählt, weil durch den Druck in Gedichtform die Poesie des Textes deutlich wird. Außerdem sind die Begriffe rund um die Bilder Liebesbeziehung, Ehe, Hochzeit so übersetzt sind, dass sie für Menschen heute verständlicher werden.

Es ist noch nicht soweitLiebe Gemeinde, es ist noch nicht so weit. Gott hat sein Kommen angesagt, aber da ist er noch nicht. Noch müssen wir warten. Ein langer Atem ist gefragt und ein unbeirrbarer Glaube, dass Gott seine Verheißungen wahr machen wird. So leben wir im Advent, erwartungsvoll, oft sehr ungeduldig und doch voller Hoffnung.
Unser Bibelabschnitt richtet sich an Menschen in Jerusalem, die auch damit leben müssen, dass es noch nicht so weit ist. Sie haben dort vor 2500 Jahren gelebt. Ihre Eltern und Großeltern waren nach der Zerstörung Jerusalems und des Tempels 587 v.Chr. ins Exil nach Babylon verschleppt. Nun waren sie mit ihren Kindern wieder heimgekehrt nach Jerusalem, das immer noch in Trümmern lag. Die Aufbauarbeiten gingen schleppend voran. Von der strahlenden Gottesstadt auf dem Berg Zion und drum herum war nichts mehr zu sehen. Es machte sich Resignation breit.
In diese Situation hinein spricht der Prophet Jesaja (Jes 62, 1-5):

„Wenn es um Zion geht, kann ich nicht schweigen.
Wenn es um Jerusalem geht, kann ich nicht still sein.
Ich rufe, bis du im Glanz der Gerechtigkeit erstrahlst
und Rettung aufleuchtet wie eine Fackel.
Dann sehen die Völker deine Gerechtigkeit
und alle Könige deine herrliche Pracht.
Man ruft dich mit einem neuen Namen,
den der Herr selbst für dich bestimmt.
Du wirst eine prächtige Krone sein,
ein königlicher Stirnreif,
den der Herr in seiner Hand hält.
Dann sagt man nicht mehr ‚die Verlassene‘ zu dir
und zu deinem Land ‚die Vereinsamte‘.
Nein, man nennt dich ‚Gottes Liebste‘
und dein Land ‚Verheiratete‘.
Denn der Herr wendet dir seine Liebe zu,
und dein Land ist mit ihm verheiratet.
Wie ein junger Mann ein Mädchen heiratet,
so heiratet dich der Gott, der dich wieder aufbaut.
Wie der Bräutigam Freude an seiner Braut hat,
so freut sich dein Gott an dir.“

Farbenfrohes HoffnungsbildEs ist zwar noch nicht so weit, aber es gibt keinen Grund zur Resignation. Denn es gibt keinen Zweifel: Jerusalem wird als Gottesstadt im Glanz erstrahlen und seine Herrlichkeit wird die Völker anziehen. Gott wird wie ein Liebender vorgestellt, der Gefallen hat an seiner Geliebten, der Stadt Jerusalem, die er heiraten wird. Die Vorfreude auf die Hochzeit ist groß auf beiden Seiten. Diese Liebe schmückt die Stadt, sodass Jerusalem als Gottesstadt einmal aufleuchten und in alle Welt hinein in ihrer ganzen Herrlichkeit zu sehen sein wird.
Ob dieses Hoffnungsbild den Menschen Kraft gegeben hat, weiterzumachen? Auszuhalten, dass es noch nicht soweit ist? Und trotz alledem die Hoffnung nicht aufzugeben, dass alles einmal anders werden wird?
Jerusalem Sehnsuchtsort und irdische Stadt
Jerusalem, liebe Gemeinde, ist nicht nur ein Sehnsuchtsort, der in der Bibel vorkommt und für Juden und Christen eine besondere Bedeutung hat. Jerusalem ist immer auch die irdische Stadt im judäischen Bergland, in der heute ca. 1 Million Menschen leben; eine Stadt, die für Juden, Muslime und Christen ein heiliger Ort ist. Schmerzlich müssen wir feststellen: Auch heute – über 2000 Jahre später – ist diese Stadt (noch) keine Gottesstadt, die in alle Welt ausstrahlt.
Jerusalem liegt heute in einem Land, in dem Israelis und Palästinenser leben. Beide machen ihren Anspruch auf dasselbe Land geltend. Deshalb gibt es seit der Gründung des Staates Israel vor 75 Jahren dort immer wieder Krieg. Der Nahostkonflikt ist so komplex, dass es einfach keine Lösung zu geben scheint. Auch die zahlreichen Kriege haben zu keiner Lösung geführt. Derzeit gibt es fast täglich Bombenalarm in Jerusalem. Das Aufsuchen des nächsten Bunkers gehört zum Alltag, seit Israel und die Hamas in Gaza diesen grausamen Krieg führen.
Ich kann unseren Bibelabschnitt nicht hören, ohne an die heutige Stadt Jerusalem zu denken: an die Menschen dort, die sich nach Frieden sehnen; die davon träumen, dass ihre Stadt eine Stadt werden könnte, in der die Religionen friedlich beieinander wohnen, eine Stadt, in der Frieden herrscht und die Frieden ausstrahlt in die ganze Welt.
Dieses Hoffnungsbild lebt auch bei uns weiter, wenn auch etwas anders. So ist bei uns Christen nicht das irdische Jerusalem der Sehnsuchtsort schlechthin, aber dafür ist das himmlische Jerusalem ein Bild für das Reich Gottes.

Sehnsucht nach Veränderung – nicht nur im AdventEs ist noch nicht so weit, liebe Gemeinde, damals nicht in Jerusalem vor 2500 Jahren und auch heute nicht. Auch wir sehnen uns nach Gerechtigkeit und Frieden. Wir sehnen uns danach, dass Menschen im Kleinen und im Großen so zusammenleben, dass alle zu ihrem Recht kommen. Wir sehnen uns nach einer Gesellschaft, in der jede Person hat, was sie braucht und in der Menschen einander achten. Wir sehnen uns nach einer Gesellschaft, die Frieden schafft und verantwortlich mit Gottes Schöpfung umgeht.
Wir sehnen uns nach dem Kommen Gottes. Danach, dass er alles neu machen wird und mit seinem Kommen unser Sehnen nach Gerechtigkeit und Frieden Erfüllung findet. Die Adventszeit hält diese Sehnsucht besonders wach. „Seht, die gute Zeit ist nah, Gott kommt auf die Erde, kommt und ist für alle da, kommt, dass Frieden werde“ (EG 18,1).
Noch ist es nicht soweit, liebe Gemeinde. Jetzt ist der 4. Advent. Bis Weihnachten beginnt, sind es noch ein paar Stunden. Wir brauchen noch etwas Geduld, aber freuen dürfen wir uns jetzt schon.

Spannung zwischen „Es ist schon jetzt soweit“ und „Es ist noch nicht soweit“An Weihnachten feiern wir Gottes Kommen in unsere Welt, die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem, der mit seinem Glanz die ganze Welt in eine neues Licht stellt. Wir feiern Weihnachten, obwohl wir wissen, dass nach dem Fest nichts grundsätzlich anders sein wird in unserer Welt – in Jerusalem nicht und auch nicht dort, wo wir wohnen. Weihnachten macht uns diese Spannung wieder deutlich bewusst. Wir erinnern uns zwar an das Kommen Gottes in unsere Welt und daran, dass mit der Menschwerdung Jesu das Reich Gottes mitten unter uns begonnen hat. Gleichzeitig wissen wir, dass das Reich Gottes noch nicht vollendet ist. Und so warten wir Christenmenschen auf die Wiederkunft Christi. Wir leben das ganze Jahr adventlich und warten darauf, dass Christus sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit aufrichten wird – in Jerusalem und bei uns.
Warum feiern wir dann überhaupt Weihnachten? Wenn unsere Welt heute so aussieht, wie sie ist, mit all ihrem Unfrieden und ihrer Ungerechtigkeit? Dann hat wohl das Kommen Gottes in unserer Welt damals im Stall von Bethlehem damals nicht so viel gebracht. Warum halten wir überhaupt an der Verheißung Jesu fest, dass er wiederkommen und alle neu machen wird? Wir müssten doch langsam kapiert haben, dass es sinnlos ist, auf unseren Gott zu warten – so wie es uns die Spötter auf vielfältige Weise zu verstehen geben, wenn sie lakonisch feststellen: „Es ist wohl immer noch nicht soweit.“
Wir feiern Weihnachten, liebe Gemeinde, weil Gottes Kommen in unsere Welt Spuren hinterlassen und unsere Welt verändert hat. Und wir halten an der Verheißung seiner Wiederkunft fest, weil diese Hoffnung und diese Sehnsucht unsere Gegenwart verändert: Immer wieder ereignet sich Friede und Gerechtigkeit – oft nur klein und unscheinbar. Aber es geschieht und tut denen gut, die es betrifft.

Spuren des Frieden – schon jetzt in JerusalemSo gibt es auch Spuren des Friedens in Israel und Palästina. Sumaya Farhat-Naser, eine palästinensische Christin, die in Birseit, in den besetzten Gebieten, lebt, ist eine solche Friedensbotin. Sie weiß, dass ein friedliches Zusammenleben von Israelis und Palästinensern die einzige Lösung des komplexen Nahostkonflikts ist. Sie persönlich hat schon so viel erlitten unter der Besatzung Israels. Und doch macht sie Friedensarbeit mit jüdischen, christlichen und muslimischen Frauen, mit Israelinnen und Palästinenserinnen. Sie gibt die Hoffnung nicht auf, auch wenn die Lage oft hoffnungslos erscheint. Die Sehnsucht nach politischer Veränderung und die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben lassen sie die verfahrene Situation in einem andere Licht sehen und geben ihr Kraft, Gott etwas zuzutrauen und weiterzukämpfen für den Frieden.

Christen sind und bleiben AdventsmenschenLiebe Gemeinde, auch wenn wir Weihnachten feiern, bleiben wir Adventsmenschen, Menschen, die das ganze Jahr adventlich leben und Gottes Kommen in unsere Welt erwarten. Adventsmenschen sehen die Welt in einem anderen Licht. Adventsmenschen folgen einer Verheißung und erzählen anderen davon. Adventsmenschen sind gewiss, dass es einmal soweit sein wird und Gerechtigkeit und Friede einziehen werden in unsere Welt. Diese Gewissheit gibt uns Kraft, weiter adventlich unterwegs zu sein und für Gerechtigkeit und Frieden in unserer Welt zu kämpfen – bis er kommt. Amen.

Anmerkung
1 Das Wort Adventsmenschen verdanke ich Susanne Niemeyer.

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