4. Sonntag nach Epiphanias (29. Januar 2017)

Autorin / Autor: Pfarrer Jochen Maier, Kirchheim/Teck [Jochen.Maier@elkw.de]

Matthäus 14, 22-33

Im SturmLiebe Gemeinde, wir hören heute auf eine Glaubensgeschichte aus dem Matthäusevangelium, die ein besonders eindrückliches Anschauungsbeispiel dafür ist, was mit Glauben gemeint ist, wenn wir als Christen von „Glauben“ sprechen. Die ganze Sache entwickelt sich aus einer bedrohlichen Situation heraus. Die Jünger geraten in einen Sturm.

Auch wir leben gerade in stürmischen Zeiten, in denen die Wellen hochschlagen und in denen unsere gewohnten Sicherheiten erschüttert werden. Wir merken: Frieden und Demokratie sind in Europa und in unserem Land nicht einfach selbstverständlich sichere Errungenschaften. Wir merken: Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist brüchig und spaltendes Schwarz-Weiß-Denken nimmt zu. Wir merken vielleicht auch im persönlichen Leben, dass wir plötzlich an eine Grenze geraten, die uns erschüttert: Ich werde krank. Jemand, der mir nah steht, wird krank. Ich habe Abschied zu nehmen.

Ich bekomme Zweifel. Ich bin unruhig und unzufrieden damit, wie mein Leben gerade aussieht.
Die Jünger geraten in einen Sturm! Und es liegt nahe, dass wir unsere eigene raue See mitbedenken, wenn wir jetzt auf die Geschichte der Jünger sehen.
Ich lese aus Matthäus 14, 22-33:

„Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.
Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!
Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich.
Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“

Wir erkennen Christus nicht von uns ausWir blicken auf die Jünger im Boot, die auf dem See Genezareth in einen Sturm geraten: Das Wasser steht ihnen bis zum Hals! Und Jesus? Er betet auf einem Berg. Er ist woanders. Er hat sie alleine losgeschickt. Jesus schickt die Jünger auf einen eigenen Weg; sie bekommen eine selbstständig auszuführende Aufgabe. Christlicher Glaube ist kein Schutzprogramm zur garantierten Vermeidung der Härten und Herausforderungen dieser Welt! Jede Christin, jeder Christ ist auf einen eigenen Weg in diese Welt gesandt, die eine sehr bedrohliche Welt sein kann.

Wir schauen also auf die Jünger im Sturm. Die Wellen werfen sie hin und her; sie haben Angst unterzugehen. Sie können die Situation nicht mehr kontrollieren. Der Text drückt es so aus: „Der Wind stand ihnen entgegen!“ Und dann sehen sie eine Gestalt auf sich zukommen – und in der Situation der Angst, in der einem die Dinge aus der Hand gleiten, kann man nicht mehr klar sehen. Von sich aus können die Jünger in ihrer Verunsicherung nicht mehr erkennen, was ihnen da begegnet! Sie vermuten in ihrer Angst ein Gespenst.

Darin wird meines Erachtens etwas ganz Grundsätzliches über den Glauben gesagt: Es wird uns geschildert, dass die Jünger in ihrer Angst offensichtlich von sich aus keine Unterscheidungsfähigkeit für Gut oder Böse, Illusion oder Wirklichkeit, Gespenst oder Christus haben. Wir brauchen uns also nicht zu wundern, wenn wir in herausfordernden Situationen unseres Lebens in Angst geraten und nichts von Gott zu sehen meinen. Tatsächlich ist Glauben nach dem Verständnis des Neuen Testaments niemals das Ergebnis unserer eigenen Erkenntnisfähigkeit, sondern immer nur ermöglicht durch Jesus Christus selbst. Kein Mensch kann von sich aus Gott erkennen!

Jesu SelbstbekanntgabeDie Jünger erkennen Jesus nicht von sich aus! Jesus muss sich selbst zu erkennen geben, damit die Jünger nicht bloß ein Gespenst sehen. Und diese Selbstbekanntgabe geschieht, indem er sie anredet. „Ich bin‘s; fürchtet euch nicht!“ Im Kern ist alle Selbstbekundung Jesu immer diese Einladung, Vertrauen zu fassen. Unser „Glauben“, das Vertrauen, das Begreifen der Nähe Gottes auf Seiten des Menschen kann immer gerade nur antworten auf diese Vergewisserung Jesu in unsere Seelenerschütterung hinein: Ich bin da!

Petrus lässt sich durch die Einladung Jesu zum Vertrauen so ermutigen, dass er das eigentlich Unmögliche für möglich hält: Dass auch er auf dem Wasser gehen kann. Hier begegnen wir nun einer feinen, aber sehr wichtigen Weichenstellung in dieser Glaubensgeschichte. Petrus geht jetzt nicht einfach auf eigenen Entschluss los, sondern sagt: „Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme.“ Dann wartet er auf Jesu Antwort. Glaube ist an dieser Stelle noch einmal beschrieben als ein Hören. Es braucht die losschickende Gewissheit, von Jesus erwartet zu werden in allem stürmischen Getöse.

Jesus sagt. „Komm!“ Petrus hört in diesem „Komm!“ Jesu die Aussicht zu unerklärlichem, wunderbarem Getragensein inmitten des Sturms. Er kann auf dem Wasser gehen. Das heißt in der Bildsprache der Bibel, dass der Jünger Anteil hat an der Herrschaft Jesu über Chaos und Tod, denn das Wasser ist in der Bibel das Symbol für das Chaos und für den Tod. Jesus aber ist Herr über die Todesmacht, das wird in diesem Gehen auf dem Wasser ausgedrückt und ist für die Jünger eine vorweggenommene Ostererfahrung. Wir sollen, wie Petrus, darauf vertrauen, dass im Ernstnehmen der Ermutigungen Jesu die Ertüchtigung und auch die Ermächtigung dazu liegt, im Glauben Schritte zu wagen, die uns eigentlich zu groß, zu schwer, zu unmöglich erscheinen.

Sich selbst voraus sein könnenDieses „Komm!“ von Jesus, das er dem Petrus als persönliche Herausforderung zum Vertrauen sagt, erinnert mich an ein Glaubensbekenntnis von Jochen Klepper, in dem er diese Stärkung und Ertüchtigung des Glaubenden einmal so beschreibt: „Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand, ohne Gott ein Tropfen in der Glut. Ohne Gott bin ich ein Gras im Sand und ein Vogel, dessen Schwinge ruht. Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft!“

Gottes Reden zu mir ist eine Berufung, eine Beauftragung, in der ich Anteil bekomme an Gottes größeren, ungeahnten Möglichkeiten. Dass ich berufen bin von Gott, beinhaltet, dass ich mir selbst gewissermaßen ein Stück voraus bin – in dem, was ich tragen und ausfüllen kann im Leben und in dem, was ich anderen sein kann. Gottes Beauftragung ist die Berechtigung, wagemutig von mir selbst zu denken in Bezug auf das, wozu Gottes Kraft mich befähigt: „Komm!“ Das wird bildlich ausgedrückt, indem Petrus nun aus dem Boot steigt, dem eigentlich einzigen noch einigermaßen sicheren Ort, der vor dem Ertrinken schützen könnte! Und damit wird sicher auch ausgedrückt: Im Hören auf Christus muss ich vielleicht auch an bestimmten Stellen die bisher mein Leben markierenden, sicher erscheinenden Grenzen überschreiten, um die Erfahrung zu machen, dass ich ungeahnte Schritte tun kann.

Auf die Blickrichtung kommt es anWarum kann Petrus auf dem Wasser gehen? Weil er auf Christus schaut! Das ergibt sich daraus, dass er nachher auf die Wellen schaut. Und sobald er auf die Wellen schaut, wird er haltlos und versinkt in den bedrohlichen Fluten. Das einmal gefasste Vertrauen schützt Petrus nicht davor, wieder ängstlich nur die eigenen begrenzten Möglichkeiten zu sehen. Unser Glaube ist nie gefeit vor diesem Wechselbad, sich selbst immer wieder schwankend zwischen Furcht und Gewissheit zu erleben. Immer wieder geschieht es, dass wir meinen, unterzugehen in den Bedrängnissen des Lebens; dass wir uns ohnmächtig und alleingelassen fühlen. Das ist einfach so, weil wir immer zaudernde Kleingläubige sind und bleiben – egal, wie lange wir schon Christen sein mögen. Aber am Beispiel des untergehenden Petrus wird uns vor Augen geführt: Glauben ist das Leben mit einer ganz bestimmten Blickrichtung – eben der Blickrichtung auf Christus, der Herr ist über die Wellen und Stürme des Lebens. Auf Jesus schauen heißt: An ihm erkennen, was Gott möglich ist! Jesus als den Herrn über alle Wellen und Stürme im Blick behalten!

Bei Petrus geschieht das, als ihm die Knie weich werden, indem er einfach in Richtung Jesus um Hilfe ruft: „Herr, rette mich!“ Seine Not kommt zum Ausdruck in diesem Hilfeschrei. Mehr kann er nicht sagen in dieser Angst des Versinkens – und mehr braucht er auch nicht zu sagen! Der Hilferuf genügt! Und dann greift er nach der Hand, die Jesus schon ausgestreckt hat. Er kann sich nicht selber halten, aber er wird gehalten.

Liebe Gemeinde, das sollen wir lernen über den Glauben: Die rettende Zuwendung Jesu bleibt, auch wenn wir gerade in unserem Kleinglauben schwanken und zweifeln mögen. Darauf sollen wir uns verlassen! Glauben ist das lebenslange Lernen dieses Vertrauens. Da sind wir nie nur am Anfang und nie am Ende. Da sind wir immer mittendrin mit unserem Hören auf seine Stimme, die nicht müde wird, in uns Vertrauen zu erwecken und immer wieder zu uns sagt: „Komm!“

Amen.

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