4. Sonntag nach Trinitatis (28. Juni 2015)

Autorin / Autor: Pfarrerin Gertraude Kühnle-Hahn, Stuttgart [Gertraude.Kuehnle-Hahn@elk-wue.de]

Lukas 6, 36-38; 6, 41-42

Liebe Gemeinde,
die Barmherzigkeit Gottes steht am Anfang dieser Worte Jesu, steht am Anfang von Gedanken, die das Verhalten von uns Menschen genau in den Blick nehmen.
„Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Gott ist barmherzigDas ist uns zuerst einmal zugesagt, dass Gott barmherzig ist. Nun ist man vielleicht versucht zu sagen, das weiß ich doch, das ist doch klar. Natürlich ist Gott barmherzig.
Aber die wesentliche Frage ist, ob sich dieses Wissen in unserem Kopf angesiedelt hat oder ob es sich in uns ausbreiten darf, einsickern darf in jede Faser unseres Seins: Gott ist barmherzig. Er urteilt nicht gnadenlos. Er wacht nicht wie ein gestrenger Vater über uns, wie wir es vielleicht selbst in unserer Kindheit erlebt haben. Er ist nicht einer, der nur Ausschau nach unseren Fehlern hält, um sie mit Härte zu bestrafen.
Diese Vorstellung von Gott hat sich in vielen Menschenherzen eingenistet. „Warum straft mich Gott mit dieser Krankheit? Womit habe ich das verdient?“ Oder: „Jetzt habe ich wieder eine draufbekommen.“ Das ist unser Empfinden, das sind unsere Vorstellungen von Gott, die uns so fragen und reden lassen.
Ein ganz anderes Bild begegnet uns im hebräischen Wort für „Barmherzigkeit“. Es ist von dem Wort „rechem“ abgeleitet, und das bedeutet „Mutterschoß“. Es beschreibt zugleich einen Ort und ein Verhalten: das Erbarmen, die Zuwendung Gottes, in die ich mich legen kann, die mich umschließt wie ein Mutterschoß.
Das ist ein wunderbares Bild.
Vielleicht denken Sie aufs erste: Ich bin doch erwachsen. Ich bin eigenständig. Ich brauche doch keinen Mutterschoß mehr.
Vielleicht graben Sie aber dann in sich ein wenig tiefer und spüren: Auch erwachsene Menschen haben Sehnsucht nach einem bergenden Ort. Besonders in Zeiten, in denen das Leben erschüttert wird, meldet sich diese Sehnsucht. Im alltäglichen, betriebsamen Leben unterdrücken wir sie eher.
Wohin kann ich mich wenden mit dem Auf und Ab in mir, mit den Ängsten, die hochkommen, mit meiner schwankenden Hoffnung?
„Euer Vater ist barmherzig“, sagt Jesus.
Gerade da, wo ihr unbarmherzig mit euch und mit anderen umgeht, da wo ihr denkt, ich müsste es doch alleine schaffen, da wo ihr innerlich ganz hart seid mit euch selbst und mit anderen, da scheint die Wärme dieses Satzes hin: Euer Vater im Himmel ist barmherzig.
Das ist so, und das nimmt euch auch niemand weg.
Lasst es zu! Lasst es gelten!
Das ist das Erste, was uns in diesen Bibelworten gesagt wird.
Und das Zweite: Die Barmherzigkeit Gottes wirkt im Alltäglichen, im Kleinen, in unserer Welt. Sie ist nicht nur etwas für Sonntagsreden. Sie scheint durch in dem, wie wir uns verhalten.

Barmherzig sein heißt: nicht richten, nicht verurteilen„Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.“
Das heißt ganz klar: Es kommt auf jeden Einzelnen an. Es genügt nicht zu sagen: Die Politik soll das zuerst mal machen. Oder die Gesellschaft. Oder die da oben.
Wie es zugeht in der Welt, das hängt von tausend kleinen Augenblicken ab – und eben auch von Ihnen und mir.
Ein ganz wesentlicher Beitrag dazu ist der Verzicht.
Der Verzicht zu richten und zu urteilen, zu verurteilen.
Jesus ist ein ausgezeichneter Menschenkenner, wenn er gerade darauf abhebt. Er weiß, wie rasch wir Menschen dabei sind, das Urteil über jemanden zu sprechen. Und der Betreffende ist dann festgelegt: So ist er und nicht anders. Und er hat keine Chance, aus dem Gefängnis dieses Urteils zu kommen.
Warum sind wir so schnell dabei zu richten?
Ich denke, das entspringt nicht unserer Gewissheit, nicht unserer Sicherheit, dass etwas oder jemand so ist, sondern gerade dem Gegenteil. Wenn wir unsicher sind, wenn wir Angst haben, wenn wir in Frage gestellt sind – dann liegt es besonders nahe, auf andere zu zeigen. Und wenn ich einen Menschen richte oder gar verdamme, dann stelle ich ihn in eine Ecke, dann ist er fern von mir, dann kann er mir nichts mehr anhaben.
Dass das Richten und Urteilen wesentlich mit mir selbst zu tun hat, das wird in dem eindrücklichen Bild vom Splitter und vom Balken deutlich. Treffender kann man die Neigung des menschlichen Herzens nicht ausdrücken:
„Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!“
Eine klare Reihenfolge des Erkennens ist benannt: zuerst ich, dann die anderen. Die unterschiedlichen Dimensionen sind auch benannt, die Bilder sprechen für sich: Zuerst bei mir der Balke, dann beim anderen der Splitter. Und wenn ich gleich wieder beim andern bin und feststelle, das ist falsch, der ist falsch, dann ist es dran, dass ich zurückschaue auf mich: Warum stört mich das so? Bekämpfe ich im andern vielleicht etwas, das ich mir nicht erlaube, das mir versagt blieb? Rege ich mich vielleicht deshalb über die heutige Jugend so auf, weil ich eine so schwere hatte? Stört mich vielleicht deshalb der Anblick von behinderten Menschen, weil ich im Grunde riesige Angst habe, das könnte mir auch widerfahren?
Das bedeutet: Wenn ich über andere urteile, wenn ich den Scheinwerfer sozusagen auf sie richte, dann fällt gleichzeitig auf mich ein Schatten, dann werden meine Schattenseiten angesprochen.

Barmherzig sein heißt: sich selbst erkennenDas Bild vom Balken und dem Splitter sagt klar: Wenn ich mich nicht selbst erkenne, nicht bereit bin, mich zu sehen, auch mit den Schattenseiten, dann kann ich auch andere Menschen nicht eigentlich erkennen, dann bleibt mein Wahrnehmen verzerrt. Das gilt für die Menschen, die mir nahe sind, mein Partner, meine Partnerin, meine Kinder, meine Freunde – wie auch für die, die mir ferner sind.
Jesus erspart uns hier nichts mit seinen klaren Worten. Er trifft damit mitten hinein in das, was unter uns Menschen geschieht, in das, was das Zusammenleben unter Menschen schwer macht, damals wie heute. Da gibt es keinen Unterschied, weil es etwas zutiefst Menschliches berührt.
Sich selbst sehen, über sich selbst nachdenken, den Scheinwerfer auf sich selbst richten statt auf andere…
Nicht alles ist angenehm beim Blick auf sich selbst. Die eigenen Schatten zu sehen, das tut auch weh, das löst auch Gefühle der Scham und Schuld aus.

In Gottes Barmherzigkeit haben wir ein überfließendes MaßIch möchte gerade hier an den Anfang des Bibeltextes, an den Anfang meiner Predigt erinnern.
Am Anfang und vor allem anderen steht Gottes Barmherzigkeit. Am Anfang steht der Schoß, in den wir uns bergen können. Nicht um alles zu ver-bergen, sondern um an diesem geborgenen Ort sehen zu können, was ist, wahrnehmen zu können, wie es in mir aussieht. Um Vergebung bitten zu können für das, was Vergebung braucht. Wie schwer fällt uns oft dieser Schritt! Und wie wichtig und lösend ist er!
Jesu Worte sind anspruchsvoll. Es ist nicht getan mit ein wenig „seid nett zueinander“. Jesus erwartet etwas von uns Menschen. Aber er stellt nicht einfach Forderungen auf. Zuerst und vor allem gibt er uns etwas: das Vertrauen in die Barmherzigkeit Gottes. Und er nimmt uns etwas: die angstmachende Vorstellung von einem Gott, der uns richtet und uns verurteilt.
Das ist sein Maß, das er uns mitgibt „in unseren Schoß“, ein Maß, das voll ist, ein Maß, das dann noch gepresst und gerüttelt wird, dass die Hohlräume auch noch gefüllt werden, ein Maß, das überfließt.
Wer ein solches Maß in seinem Schoß hat, der muss nicht kleinlich rechnen, der muss nicht zählen, wie viel bekomme ich, der muss nicht richtend und urteilend auf die anderen schauen, der muss nicht die anderen schlecht machen, um sich selbst gut zu fühlen.
Wer ein solches Maß in seinem Schoß hat, kann überfließen, abgeben aus der Fülle der erfahrenen Barmherzigkeit.
Was für ein Bild! Was für ein Lebensgefühl!
Ich bekomme so viel und kann so viel geben.
Ich habe ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß in meinem Schoß.
Amen.

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