4. Sonntag nach Trinitatis (09. Juli 2017)

Autorin / Autor: Schuldekan Dr. Andreas Löw, Ludwigsburg [schuldek.ludwigsburg@elkw.de]

1. Mose 50, 15-21

Liebe Gemeinde!
Das Ende der Josefsgeschichte kann ich nicht hören, ohne tief berührt zu werden. Gewiss kann ich die Erzählung auf vielerlei Weisen theologisch analysieren. Aber Josef und seine Brüder erleben mehr als erklärt werden kann. Deshalb möchte ich in meiner Auslegung diesen erzählten Erlebnissen nachspüren. Ich möchte fragen, ob es Spuren von dem, was hier aufleuchtet, auch in meinem Leben gibt. Vier Erfahrungen sind mir bei meinem Nachdenken vor allem wichtig geworden:

Die erste Erfahrung: das Happy EndDas Happy End in der Josefsgeschichte war nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Denn dem Träumer und Angeber Josef hatten seine Brüder einen bitteren Lebensweg bereitet. Sie hatten ihn an Sklavenhändler verkauft. Sie waren verantwortlich für die Jahre, die Josef als Sklave und im Gefängnis verbracht hatte. All das wäre Grund genug, es den Brüdern heimzuzahlen, jetzt, wo Josef mächtig, wo der Vater gestorben war.

Aber die Josefsgeschichte endet nicht im Familienkrach, im Familienkrieg, sondern mit einer Versöhnungsszene und einem Happy End. Manchmal erscheint mir dieser glückliche Ausgang der Erzählung fast ein wenig zu schön, ja fast ein wenig kitschig. Aber ich frage mich dann auch: Gibt es nicht in der Bibel und im Leben bereits genügend Geschichten, die ein böses Ende haben? Denken Sie nur an die Brudergeschichte von Kain und Abel. Könnte hinter dem Hadern mit dem glücklichen Ausgang der Josefsgeschichte nicht auch die eigene Unfähigkeit stehen, aus dem Bösen und der Klage darüber herauszufinden, weil wir es uns längst abgewöhnt haben, im Bösen nach dem Guten zu suchen? Verbieten wir es uns nicht geradewegs, im Sinnlosen nach einem Sinn Ausschau zu halten?

Der Erzähler der Josefsgeschichte überlässt das letzte Wort nicht dem Unheil und der Sinnlosigkeit. Er protestiert gegen die Spirale von Neid, Hass und Gewalt. Er rechnet mit den stets überraschenden Möglichkeiten Gottes, der sich auch vom Bösen nicht vorschreiben lässt, wie die Geschichte Josefs und auch unsere Lebensgeschichte auszugehen hat. Kennen wir diese Hoffnung auch für unser Leben, für unsere Welt? Erinnern wir uns an einen Familienkonflikt, der ein glückliches Ende fand? Es tut gut, sich immer wieder auch an glückende Momente des Lebens zu erinnern. Auch das können Zeiten und Orte sein, in denen Gott uns überraschend nahe kommt.

Die zweite Erfahrung: der biblische RealismusSagen im Schwäbischen Brüder übereinander: „Wir kommen gut miteinander aus!“, dann kann als Gegenfrage schon einmal kommen: „Habt ihr auch schon miteinander geteilt?“ „Wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen“ formuliert der Psalmist (133,1). Und bei der Bezeichnung „Bruder“ wird biblisch immer eine besondere Nähe, Treue, Liebe und Verlässlichkeit mitgedacht. Freilich schwingen in der Bibel bei dem Wort „Bruder“ auch immer gegenteilige Erfahrungen mit, nämlich die Rivalität zwischen Brüdern, der Verrat, die Feindschaft oder sogar der Hass. In den Erzählungen von Kain und Abel, von Esau und Jakob oder von Josef und seinen Brüdern werden uns diese negativen Erfahrungen auf eindrückliche Weise vor Augen geführt. Dass es zwischen Geschwistern häufig beim Erben und oft auch schon viel früher nicht nur liebevoll und fürsorglich zugeht, das ist der Bibel also wohl vertraut.

Gibt es diese Erfahrungen auch in unserem Leben? Erinnern wir uns an verletzende Erfahrungen in unserer Familie, die immer wieder in uns aufsteigen, die die Gegenwart und Zukunft verdunkeln?

Josefs Brüder bitten, nachdem sie den Versöhnungswillen des verstorbenen Vaters angesprochen haben, ausdrücklich um Vergebung ihrer Schuld und benennen sie als „Missetat“. Ein härteres Wort für Schuld kennt die hebräische Bibel nicht. Eine angemessene zeitgemäße Übersetzung wäre „Verbrechen“. Von der Akrobatik, mit der man heutzutage Fehlleistungen verbirgt und den kritischen Fragen der Opfer ausweicht, findet sich in der Josefsgeschichte nichts. Dieses Vorgehen, die Schuld ohne Verschönerung zu benennen, führt zur Vergebung. Dieser Umgang mit der Schuld führt zur Eröffnung eines neuen Anfangs und einer gemeinsamen guten Zukunft.
Damit komme ich zur:

Dritten Erfahrung: Vergebung und Neuanfang sind möglichDass das so ist, ist alles andere als selbstverständlich. Wessen Vertrauen schon einmal missbraucht wurde, wer als Opfer lebenslang unter den Folgen der an ihm verübten Verbrechen leidet, der weiß, dass Vergebung nicht einfach zu gewähren ist, dass sie sich nicht ohne Tränen, ohne tiefe Erschütterungen ereignet. Und wer sich selbst schon einmal in Schuld verstrickt hat, der weiß, dass Vergebung nicht ohne Angst und Mut zu erlangen ist. Da reicht nicht die flüchtig Entschuldigung, die zum guten Ton gehört.

In der Josefsgeschichte ist zweierlei auffallend: Zunächst, dass die Brüder Josefs die Bearbeitung ihrer Schuld nicht im spezifisch religiösen Bereich des Kults suchen, sondern im Gespräch mit dem Opfer. Dann erbitten die Brüder Vergebung nicht nur mit dem Hinweis auf ihre familiären Bande, sondern sie begründen ihre Vergebungsbitte damit, dass auch sie „Diener des Gottes deines Vaters“ (17) sind. Auf der Grundlage des verbindenden Glaubens erwarten sie Josefs Vergebung.

Wie gehen wir damit um, wenn wir an anderen Menschen schuldig werden? Welche Rolle spielt unser Glaube für uns? „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ beten wir im Vaterunser. Sind wir zur täglichen Versöhnung bereit? Trachten wir danach, uns von Gott zur Versöhnung befähigen zu lassen?

Die vierte Erfahrung: Gott führt uns im LebenAls der Tod des Vaters alle Ängste der Brüder noch einmal an die Oberfläche bringt, als sie sich ihm als Knechte anbieten, da sagt Josef: „Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.“

Rückblickend auf seinen Lebensweg erkennt Josef, wie sich auch das ihm widerfahrene Böse in ein zunächst nicht zu erkennendes, dann aber zu Tage tretendes Handeln Gottes einordnen lässt. Die böse Tat der Brüder, der bittere Weg in der Sklaverei und im Gefängnis – das alles ist und bleibt wahr. Es bleibt wahr, dass die Brüder damals an ihm gesündigt haben. Aber all dieses verwerfliche menschliche Handeln muss durch Gottes Denken und Lenken der Rettung unzähliger Menschen dienen. Gott plädierte mitten in aller menschlichen Schuld nicht für das Böse, sondern für das Gute, nicht für den Tod, sondern für das Leben, nicht für Vergeltung, sondern für Vergebung, nicht für Hunger, sondern für die Sättigung aller. Daher endet die Josefsgeschichte auch nicht im Himmel, sondern sehr handfest auf der Erde: „So fürchtet euch nun nicht“, sagt Josef zu seinen Brüdern. „Ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.“

Wagen wir noch zu denken, dass in unserer Welt voller Irrungen und Wirrungen, voller sich verschärfender Konflikte und Terror Gottes Weisheit Wege zum Guten lenkt? Diese Aussage wird ganz sicher nicht zu allen Zeiten und aus allen Perspektiven möglich sein. Es ist fundamental, dass Josef, das Opfer, diese Sätze denkt und ausspricht und nicht die Täter. Aber die Josefsgeschichte bietet Anlass, immer wieder zu fragen, ob Gott nicht auch für uns aus so manchem Schlimmen auf merkwürdige Weise Gutes reifen ließ, so dass auch wir mit Blick auf unser Leben sagen können: „Der oder die gedachte, Böses zu tun, Gott aber hat es zum Guten gewendet.“

Liebe Gemeinde! In der Josefsgeschichte werden Grunderfahrungen und Hoffnungen unseres Glaubens und Lebens erkennbar. Die Hoffnung, dass auch mein Lebensweg durch alles Schwere und Schöne hindurch von Gott gelenkt wird und dass auch mein Leben für andere sinnvoll ist. Die Erfahrung, dass Schuld und Sünde zur Welt und auch zu meinem Leben dazugehören und dass sie Verletzungen hervorbringen. Die Hoffnung, dass mir selbst von meinen Mitmenschen und von Gott immer wieder Vergebung zuteil wird und dass ich selbst immer wieder in der Lage bin, anderen zu vergeben. Amen.

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