4. Sonntag vor der Passionszeit (10. Februar 2019)

Autor/in: Pfarrer Dr. Gerhard Schäberle-Koenigs, Bad Teinach-Zavelstein [Gerhard.Schaeberle-Koenigs@elkw.de]

Markus 4, 35 -41

4,35 Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns ans andre Ufer fahren. 36 Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. 37 Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. 38 Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? 39 Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille. 40 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? 41 Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind!

IntentionIn Zeiten der Seelenruhe und Stille kann Gottvertrauen wachsen – auch in schwierigen Situationen.

Liebe Gemeinde,
es sollte eine ganz normale Bootsfahrt sein. Die Jünger waren geübte Fischersleute am See Genezareth. „Lasst uns hinüberfahren“, hatte Jesus ihnen gesagt. Und sie machten das Boot fertig und legten ab. Da war nichts Aufregendes. Es muss ein schönes Erlebnis gewesen sein am Abend auf dem See und in der schnell hereinbrechenden Nacht. Vielleicht sahen sie ein paar Lichter in den Orten am Ufer oder die Lichter der Boote, die mit unterwegs waren. Friedlich zog alles dahin.
Friedlich schläft auch Jesus im Boot. Seine Jünger halten Wache und steuern das Boot. Wenn eine Brise kommt, setzen sie ein Segel. Wenn kein Lüftchen weht, rudern sie. Es plätschert so dahin, dieser Abend und der Anfang der Nacht.
Es plätschert so dahin, das Leben. Manche von Ihnen kennen das wahrscheinlich auch. Die Tage füllen sich mit den immer gleichen Gewohnheiten. Schon das Frühstück ist jeden Morgen das gleiche. Beim Mittagessen gibt’s ein wenig Abwechslung, aber auch nur wochenweise. Auch der Urlaub wird zur Routine. Und jedes Jahr regt man sich wieder auf über die vielen Staus und die Baustellen auf der Autobahn, obwohl das völlig normal ist.

… bis ein Unwetter aufziehtSo plätschert das Leben dahin, wenn es sich mal eingespielt hat. Sogar die Höhepunkte des Jahres – Geburtstage, Weihnachten – werden routiniert gemeistert. Bis ein Unwetter aufzieht aus heiterem Himmel. So manches Leben wird innerhalb weniger Sekunden total verändert. Auf einmal steht einem das Wasser bis zum Hals. Auf einmal gibt’s kein Frühstück zu zweit mehr. Auf einmal kann einer nicht mehr auf den eigenen Beinen stehen. Querschnittsgelähmt nach einem Sturz. Dabei ging bisher doch immer alles gut.
Auf einmal wird alles durcheinandergewirbelt. Nichts ist mehr normal. Welch ein Schrecken. Es war doch bisher immer so friedlich. Warum musste das passieren? Warum gerade mir?
Viele haben so etwas schon am eigenen Leib erfahren. Ich weiß von Menschen, denen Schreckliches passiert ist. Viele wissen, wie sich das anfühlt. Viele kennen auch die Angst, die damit einhergeht. Oft ist es mehr als Angst. Panische Angst.
Die Freunde von Jesus waren auch in Panik. Wie verrückt ruderten sie und schöpften Wasser aus dem Boot und manövrierten hin und her. Jesus war ganz ruhig und gelassen. Er schlief einfach weiter in aller Seelenruhe. Das konnten die Jünger kaum aushalten.

SeelenruheMenschen in panischer Angst können kaum ertragen, wenn andere nicht so reagieren wie sie selbst. Sie können kaum ertragen, dass da einer ruhig bleibt. Sie können nicht unterscheiden: Ist es dem egal, was mir passiert? Oder ist er vielleicht höchst konzentriert darauf, was jetzt zu tun ist, und scheint deshalb so ruhig? Die Jünger reißen Jesus aus dem Schlaf und halten ihm vor: „Kümmert’s dich nicht, dass wir untergehen?“ Alle ihre Vorwürfe lagen in diesen Worten. Und ihre Gesichter, ihre Gebärden, ihr Tonfall, alles war voller Vorwurf. Vielleicht hat es sich noch derber angehört, was sie damals sagten. In der Panik können Menschen ihre Worte meistens nicht mehr mit Bedacht wählen. Da ist einfach nur noch Angst. Lebensangst. Todesangst.
Dabei ist es so wichtig, geradezu überlebenswichtig, dass in kritischen Situationen auch Menschen da sind, die die Ruhe bewahren können. Vor einigen Monaten brach in einem ICE-Waggon während der Fahrt ein Feuer aus. Schrecklich muss das gewesen sein für die mehreren Hundert Menschen in dem fahrenden Zug. Es war dann in der Zeitung zu lesen, dass einer besonders aufgefallen ist in dem ganzen Durcheinander. Ein Polizist. Als der Zug durch Notbremsung zum Halten gekommen war, da hat er die Ruhe bewahrt. Er hat dafür gesorgt, dass die Menschen nicht panisch aus dem Zug sprangen und sich vielleicht verletzt hätten oder gar auf dem Gegengleis in Gefahr gekommen wären. Er hat die Evakuierung des Zuges so angeleitet, dass dabei kein Mensch zu Schaden gekommen ist. Alle, die es erlebt haben, waren voll des Lobes für ihn. Und vor allem dafür, dass er die Ruhe bewahrt hat, womit er auch den anderen geholfen hat, nicht in Panik zu verfallen. Bestimmt war er selbst innerlich in höchster Anspannung, da er wusste, was alles passieren kann in so einer Situation.
Auch Jesus in jener Nacht auf dem stürmischen See bleibt ruhig. Er ist nicht ärgerlich, dass sie ihn aus dem Schlaf gerissen haben. Kein Widerwort kommt von ihm. Er erhebt sich. Er bedroht den Wind und spricht zum Meer: „Schweig und verstumme!“ Und es entstand eine große Stille.

Die große StilleDie große Stille. Was für ein Moment! Es ist, als ob die Zeit stehen bleibt und die Elemente den Atem anhalten. Auch die in Angst und Panik wagen nicht mehr zu atmen in dieser großen Stille. Sie sind sich noch nicht sicher: Sind wir noch einmal davongekommen? Oder hat das Unglück wirklich zugeschlagen? Oder kommt sogar noch mehr? Die Jünger im Boot brauchen diesen Moment, um wieder zu sich zu kommen. Ja, sie sind gerade noch davongekommen. Gott sei Dank! Und Jesus fragt sie in die Stille hinein nach ihrem Glauben: „Habt ihr noch keinen Glauben?“

Jesus macht das Gottvertrauen großWenn wir jetzt zusammentragen würden, wie oft jeder und jede von uns gerade noch einmal davongekommen ist, dann würde eine ganz große Sammlung zusammenkommen: Einmal am Steuer kurz eingenickt – und gerade noch rechtzeitig wieder aufgewacht. Einmal im Wattenmeer zu weit hinausgeschwommen – und mit letzter Kraft gerade wieder das Ufer erreicht. Eine Nacht lang in einer Berghütte bei orkanartigem Sturm verbracht – und dann doch noch zwei Stunden ruhig geschlafen. Einmal nach einer Operation tagelang dem Tode nahe – und dann doch wieder Lebenskraft bekommen. Einmal alles verloren – Arbeit, Familie, Zuhause, Gesundheit – und dann doch wieder dank unerwarteter Hilfe festen Tritt gefunden.
Viele Menschen werden fester in ihrem Glauben, wenn sie Schicksalsschläge überstanden haben. Oder wenn das Schlimmste eben doch nicht eingetreten ist. Auch wenn ich denke, ich sei ganz allein und von allen verlassen und schutzlos dem Bösen ausgeliefert, ist da doch Einer, der mich nicht allein lässt. Gott sei Dank! Wenn mich die Stürme packen, wenn mich das Leben beutelt und ich keinen Boden mehr unter den Füssen spüre, dann vertraue ich doch darauf, dass da Einer ist, der letztlich mein Leben in seiner Hand hält. Ich kann Stürme und tosenden Wellenschlag in meinem Leben nicht gänzlich verhindern. Sie brechen manchmal in das Leben ein, ohne dass ich etwas dafür kann. Und manchmal ziehen sie sich wieder zurück, ohne dass ich etwas unternommen habe. In jener Nacht auf dem See, die so ruhig und friedlich begann und sich dann zu einem Schrecken entwickelte, hat Jesus die Nähe Gottes spürbar gemacht. Was auch immer dir geschehen mag, Schlimmes oder Gutes, immer ist da ein Grund, auf dem du Halt findest. Gott hat ihn schon am Anfang der Welt gelegt. Und Jesus hat ihn in jener Nacht auf dem See sichtbar gemacht: Wind und Wellen gehorchten ihm. Und er hat ihn, so muss man fast sagen, hörbar gemacht. In der großen Stille. Gott ist nicht im Sturm. Gott ist nicht im Tosen des Meeres. Und auch nicht im Gewitter und nicht in der Angst. Wenn jemand ihn sucht, dann darf er ihn nicht dort suchen, wo das Geschrei am lautesten ist, seien es Freudenschreie oder Unheilsankündigungen. Gott erfüllt mit seiner Gegenwart die Momente der Stille. Darauf macht Jesus seine Jünger und mit ihnen auch Sie und mich aufmerksam. Immer wieder in den Tagen seines irdischen Lebens, mit seinen Worten, mit seinen Taten, ja sogar mit seinem Schlafen inmitten des tosenden Meeres hat er diesen Glauben verkörpert: Gott hält uns in seiner Hand. Darum: Seid getrost! Amen.

Lied nach der Predigt:
Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt EG Wü 611, 1 – 3

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