5. Sonntag nach Trinitatis (01. Juli 2018)

Autorin / Autor: Pfarrerin Dorothee Eisrich, Schorndorf [ Pfarramt.Schorndorf.Stadtkirche_West@elkw.de]

1. Mose 12, 1-4

Liebe Gemeinde,
diese Schlüsselstelle aus der Bibel soll uns heute helfen, für einen Moment aus unserem Leben herauszutreten. Wieder wahrzunehmen, wer wir eigentlich sind. Was Glauben heißt. Und mit welcher Haltung wir in die neue Woche gehen können.

Von Abraham glauben lernenLeben nicht als vor uns „Hinwurstelnde“. Immer weiter so. Sondern als Menschen, die von Gott angesprochen sind. Abraham! Brich auf aus dem Umfeld, auch wenn es dir so vertraut ist. Deine Heimat. Deine Verwandtschaft. Dein Elternhaus. Brich auf in ein Land, das ich dir zeigen will.
Mitten im Alltag einen Ruf hören. Die Vision von einem anderen Leben. Wahrnehmen: Dieser Ruf meint mich. Und dann nicht nur staunen, sondern tatsächlich sich aufmachen, um dieses Land der Verheißung zu suchen. Verbunden mit der Verheißung, auf diesem Weg gesegnet zu sein. Auch wenn es Durststrecken geben wird. Das ist es, was die hebräische Bibel „Glauben“ nennt. Jesus hat daran angeknüpft, sein Stammbaum reicht genau bis zu Abraham (oder Abram) zurück. Paulus greift es auf und lehrt uns, wie Abram (oder Abraham) zu glauben. An einen Gott, der die Toten lebendig macht und was nicht ist ins Leben ruft. Und wir?

AufbrechenIn meiner Jugendzeit gehörte diese Geschichte zu meinen Lieblingsgeschichten. Aufbrechen, das Elternhaus hinter sich lassen, überhaupt alles hinter sich lassen, was uns so festzurrt – solche Worte können einem aus der Seele sprechen.
Für andere hören sich solche Worte eher unbequem an. Eigentlich könnte doch alles auch so bleiben, wie es ist. Auch das kann ja schön sein: sesshaft werden. Eine Heimat haben. Bleiben können. Es sich gemütlich machen. Sich einrichten. Und manchmal auch Heimatlieder singen. Warum denn eigentlich nicht?
Aber Heimathäuser – das wissen wir alle – strahlen ja nicht nur Wärme aus. Sie können auch Mief verbreiten. Stickig sein. Ihre Bewohner klein halten. Immer mehr Menschen heute werden das Gefühl nicht los: Da stimmt etwas nicht an unserer Art zu leben. Leben wir wirklich so, wie Gott es gedacht hat: freie Menschen, die einbringen, was ihnen wichtig ist, verbunden miteinander, einander die Lasten tragend? Oder ist es nicht viel eher ein Leben voller Ungleichheit, für viele voller Einsamkeit, oft auf Kosten der Natur, und wenn wir ehrlich sind, auch auf Kosten anderer Menschen, die in den armen Ländern unserer Welt leben? Eigentlich wollen wir das alles ja nicht, wollen nicht zuhause sein in einer Welt, wo es solche Ungleichheiten gibt. Aber was können wir schon tun?
Brich auf, sagt eine Stimme zu Abram, als er eigentlich schon hochbetagt ist. Such dieses Leben. Es ist nicht zu spät. Geh in das Land, das ich dir zeigen werde.

Abraham – ein Mensch wie du und ichRembrandt hat diese Szene in einem sehr berührenden Bild festgehalten. In unserem Gesangbuch ist es auf der Seite 1106 abgedruckt. Es lohnt sich, dieses Bild aufzuschlagen und in aller Ruhe anzuschauen.
In wenigen Strichen ist Abraham gezeichnet. Ein ganz normaler Mensch. Keine jugendliche Pioniergestalt. Ein Mensch wie du und ich, zu dem ein Engel spricht, ein Mensch, eine Stimme. Und Abraham horcht auf. Hebt überrascht-staunend den Blick. Fast ein wenig ungläubig, was ihm da gerade passiert.

Wo stehen heute Aufbrüche an?Aus welchen Gedankengebäuden wird er wohl herausgerissen? Aus welchen Vorstellungen vom Leben, von Gott, sollen wir aufbrechen? Welche Aufbrüche bräuchte unsere Kirche, unsere Gemeinde, dass hier wieder Orte der Gottesbegegnung sind, voll Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit? Welcher Aufbruch steht bei uns persönlich an?
„Lass mich an dich glauben, wie Abraham es tat“ – heißt ein Lied aus meinen Kindertagen. Wie leicht geschieht es, dass wir solche biblische Figuren verkindlichen, monumentalisieren, entschärfen. Jenseits aller frommer Parolen: Was bedeutet diese biblische Figur des Abraham für uns? Für unseren erwachsenen Glauben? Wofür steht sie? Wozu verpflichtet sie uns?

Den Ruf hörenEine erste Erkenntnis für mich: Die Kraft des Aufbruchs kommt nicht aus uns selbst. Ganz am Anfang stand der Ruf: Abram! Das heißt doch: Etwas erreicht mich, berührt mich, durchschlägt meinen Panzer, mit dem ich mich oft in meinem Alltag umgebe. Wie oft spricht mich diese Stimme an, spricht mich irgendetwas an, berührt mich – und ich höre es nicht, weil es untergeht in all den vielen anderen Stimmen, die uns umgeben. Oder sofort verdrängt wird von dem nächsten, weil das Leben oft so schnell weitergeht. Wie kostbar wäre es, wirklich präsent zu sein, wahrzunehmen, dass hier etwas zu mir spricht. Diesen Ruf zu hören und, wie der Soziologe Hartmut Rosa sagt: in Resonanz zu leben.

AntwortenDenn das ist das Zweite, was uns diese biblische Geschichte lehren will: Dieser Ruf wartet auf meine Antwort. Wenn wir lebendig sind, geschieht dieses Wechselspiel von Rufen und Antworten, in dem sich so viel ereignet. Es liegt an mir, ob ich hinhöre – und dann aber gleich wieder zurückkehre in meinen Alltag. Oder ob ich dieser Stimme Raum in mir gebe. Antworte. Aufbreche. Tatsächlich Abschied nehme von Träumen. Vom Paradies. Von Gewissheiten, die zwar wahr sind, aber heute nicht mehr zum Leben helfen. Aufbrechen – lernen wir von Abraham – ist eine Glaubenshaltung. Einen Schritt wagen. Sich nicht im Vergangenen einrichten, gründen. Sondern nach vorne schauen auf das, was jetzt noch aussteht. Sich gründen in diesem Ruf zum Leben.
„Steh auf, nimm dein Bett und geh!“ hat Jesus gesagt. „Komm und folge mir nach!“ „Umsonst habt ihr‘s empfangen, umsonst gebt es auch.“ Auf der Suche bleiben nach dem Land, das Gott uns zeigen will. Wo niemand verloren ist. Nicht aufgeben, auch wenn wir so viele frustrierende Erfahrungen machen. Sondern uns vielleicht dann wieder rufen und locken lassen für den nächsten Schritt. Ich glaube, wir müssen tatsächlich jeden Tag neu unser Leben und unsere Freiheit erobern. Zu vielen Fragen und Herausforderungen, die uns heute bedrängen, gibt es keine einfachen Antworten. Aber wir wollen uns nicht gewöhnen. Wir wollen uns nicht daran gewöhnen, Menschen abzuschreiben, sondern mit Liebe und Fantasie nach Wegen suchen, wie alle leben können. Wir wollen uns nicht einlullen lassen, sondern hungrig und durstig bleiben nach Gerechtigkeit. Und dabei Gott vertrauen, der gesagt hat. Ich will dich segnen, und du sollt ein Segen sein für diese bedrohte Welt.

Die beiden Söhne AbrahamsDas führt uns zum dritten Punkt: Wenn in Abraham alle Geschlechter gesegnet sind, dann gilt dieser Segen nicht nur für seinen Sohn Isaak und seine Nachfahren. Wir dürfen nicht länger vergessen, was wir lange Jahre leider vergessen oder verdrängt haben: Abraham hat noch einen zweiten Sohn. Ismael. Die Erzählung in der Bibel macht überdeutlich: Gott will, dass er lebt. Das heißt: Wir haben Geschwister. Auch Religionsgeschwister. Ob wir sie mögen oder nicht. Wenn Abraham unser gemeinsamer Vater ist, der das Wohl aller im Blick hatte, dem das Wohl aller seiner Nachfahren verheißen war, sollten auch wir einen Schritt weitergehen: von der Angst voreinander zum gegenseitigen Wahrnehmen. Vom Gegeneinander und Ohneeinander zum Miteinander. Denn keine Religion ist eine Insel. Wir sind verschieden, ja, aber über Abraham miteinander verbunden.

Unterwegs mit Gott rechnenWas aufbrechen heute für uns sein kann, habe ich auf beeindruckende Weise bei Madeleine Delbrel entdeckt, eine französische „Mystikerin der Straße“, wie sie genannt wird. Als Sozialarbeiterin lebte und arbeitete sie in einer Vorstadt von Paris und schrieb folgenden Ratschlag auf: „Geht hinaus in euren Tag ohne vorgefasste Ideen, ohne Erwartung von Müdigkeit, ohne Plan von Gott, ohne Bescheidwissen über ihn, ohne Enthusiasmus, ohne Bibliothek – geht so auf die Begegnung mit ihm zu. Brecht auf ohne Landkarte – und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist und nicht erst am Ziel. Versucht nicht, ihn nach Originalrezepten zu finden, sondern lasst euch von ihm finden in der Armut eines banales Lebens, hier in unserer Stadt. Es geht nicht darum, dass wir uns irgendwohin davon machen, das Herz beschwert von der Not der anderen. Wir müssen vielmehr bei ihnen bleiben, mit Gott zwischen ihnen und uns.“ (1)
So wünsche ich uns, dass wir uns nicht zu früh niederlassen. Dass wir das wandernde Gottesvolk bleiben. Gemeinsam mit den Christen auf der ganzen Welt. Gesegnet von Gott. Dem Weg Jesu nachfolgend. Von Gottes Geist geleitet.
Amen.

Anmerkung
1 Madeleine Delbrél, Gott einen Ort sichern. Texte-Gedichte-Gebete. Herausgegeben von Annette Schleinzer. Topos-Taschenbücher, Kevelaer 2018.


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