5. Sonntag nach Trinitatis (26. Juni 2016)

Autorin / Autor: Pfarrer i.R. Dr. Eberhard Grötzinger, Stuttgart-Weilimdorf [e.groetzinger@vodafone.de]

1. Korinther 1, 18-25

Einleitung: Vom Wert menschlicher Bildung und WeisheitBildung ist ein hohes Gut. Unsere Kinder sollen zunächst eine solide Schulbildung und anschließend eine qualifizierte Berufsausbildung erhalten. Zu Bildung gehört Wissen, gehören Fertigkeiten im Umgang mit Werkzeugen und Geräten. Zu Bildung gehört aber auch Weisheit, d.h. Einsichten, die erst im Laufe des Lebens vor allem durch die Verarbeitung leidvoller Erfahrungen entstehen. Egal, ob es sich um Wissenschaftler oder Philosophen, Gurus oder Lebensberater handelt, Menschen, die sich vor anderen durch besondere Weisheit auszeichnen, werden zu allen Zeiten und in allen Kulturen hoch verehrt. So finden wir auch in der Bibel eine große Wertschätzung menschlicher Weisheit. Sie fand ihren Niederschlag in umfangreichen Sammlungen von Weisheitssprüchen, die sich allesamt aus der biblischen Grundeinsicht ergeben: „Gottesfurcht ist der Weisheit Anfang“ (Psalm 111,10).
In hartem Gegensatz zu der gängigen Wertschätzung relativiert der Apostel Paulus die Bedeutung menschlicher Weisheit, indem er sie dem Evangelium als einer Ausdrucksform göttlicher Weisheit gegenüberstellt. Er tut dies in seinem ersten Brief an die Gemeinde zu Korinth. Dort lesen wir im 1. Kapitel, die Verse 18 bis 25:

„Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft. Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): ‚Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.‘
Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?
Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.
Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.“

Ein Blick auf die historische SituationMan wird die Aussagen des Apostels nur verstehen können, wenn man den Zusammenhang beachtet, in dem sie ursprünglich geschrieben wurden. Paulus hatte die Gemeinde zu Korinth einst selbst gegründet. Nun hörte er aus der Ferne, die Gemeindeglieder seien unter sich heillos zerstritten. Der Streit ging um einzelne Fragen des christlichen Glaubens. Die einen beriefen sich auf Aussagen des Paulus, die anderen auf die Auslegung des Apollos, die dritten auf die Autorität des Petrus und die vierten auf Worte, die von Christus selbst überliefert wurden. Dabei war die Frage der richtigen Auslegung offenbar zu einer Machtfrage geworden: Welche Richtung sollte in der Gemeinde tonangebend sein? Wer sollte im Streit um Fragen des Gemeindelebens oder der persönlichen Lebensführung das letzte Wort haben? Vielleicht auch: Welche Gruppe darf welches einflussreiche Amt besetzen? Kurz: Wer hat das Sagen? Und wer muss sich der Meinung der Anderen beugen?
Nun verbietet sich ja unter Christen von vornherein ein Gerangel um Einfluss und Macht. Daher mussten für jede Gruppierung anerkannte Autoritäten herhalten, entweder Paulus, der Gemeindegründer, oder Apollos, der dessen Arbeit fortsetzte, oder Petrus, der Leiter der Jerusalemer Urgemeinde, oder Christus selbst. Die Frage ist freilich, ob unter dem Deckmantel eines hehren Streites um die Wahrheit nicht in Wahrheit ein Streit um die Macht ausgetragen wurde, der eher auf psychologisch deutbare Ursachen als auf religiöse Differenzen zurückging.
Das jedenfalls war die Meinung des Paulus. Daher schreibt er seiner Gemeinde wenig später ins Stammbuch: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich (nur) ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.“ Die Liebe hat gefehlt. Und ohne die Liebe zum Nächsten nützt alle Erkenntnis und alle Weisheit nichts, ja sie kann sogar schaden oder zum Schaden aller Beteiligten zu eigenen Zwecken missbraucht werden. Ohne die Liebe steht auch ein frommes Reden von Gott und seinem Willen in Gefahr, nur der eigenen Eitelkeit und dem eigenen Geltungsbedürfnis zu dienen.
Für diese Erkenntnis bemüht nun Paulus selbst eine Autorität, nämlich das Kreuz Jesu. Es steht quer zu allem Machtstreben, quer auch zu religiöser Rechthaberei. Christus hat in der Auseinandersetzung mit seinen Gegnern auf die Anwendung von Gewalt verzichtet. Aber gerade so hat er gezeigt, wie Gott in Wahrheit ist. So hat er selbst noch seine Henker überzeugt. Das Wort vom Kreuz, an dem sich der Glaube der Christen jeglicher Couleur orientiert, steht quer zum üblichen Ränkespiel um Einfluss und Macht. Der Glaube weiß um die Liebe, die von Gott kommt. Daher wird es immer die Aufgabe derer sein, die dem Wort vom Kreuz vertrauen, diese Liebe mit Wort und Tat in die gewaltsamen Auseinandersetzungen der jeweiligen Zeit hineinzutragen.

Ein Blick auf die GegenwartSind solche Überlegungen heute noch aktuell? Zumindest kann man feststellen, dass nicht alle menschliche Weisheit, nicht aller Fortschritt in Wissenschaft und Technik, der Menschheit zum Segen gereichte. Denken wir nur an die Spaltung des Atomkerns, eine Entwicklung, deren Gefährlichkeit man erst im Nachhinein erkannte und die man deshalb, wenn möglich, heute klugerweise nicht weiterverfolgen sollte.
Auch ist nicht zu leugnen, dass Krieg und Gewalt durch die Vermehrung von Wissen und Erkenntnis keineswegs eingedämmt wurden, sondern im Gegenteil die Methoden der Gewaltanwendung im Laufe der Zeit nur immer effektiver und brutaler wurden.
Schließlich sehen wir nicht nur in früheren Jahrhunderten, sondern auch in der Gegenwart, wie sehr großartige humanistische Ideale, ja selbst die große Weisheit der Religionen, auf fatale Weise im Kampf der Völker um Einfluss und um die Vorherrschaft über andere Völker missbraucht werden können. Man beruft sich zwar auf die Worte respektabler Autoritäten und verfolgt doch nur die eigenen eigennützigen Ziele.
Unsere durch Wissenschaft und Technik hochentwickelte Welt ist inzwischen so komplex geworden, dass sie in ihrer Undurchschaubarkeit Angst macht. Nicht nur alte, sondern auch viele junge Menschen blicken mit großer Sorge in die Zukunft, weil sie die Befürchtung haben, die Entwicklung werde über kurz oder lang in einem nicht mehr steuerbaren Chaos enden. Viele klammern sich daher an einfache Parolen, die aber in ihrer Konsequenz das Chaos vermutlich nicht verhindern können, sondern im Gegenteil noch verschlimmern werden, weil sie die Ungerechtigkeit, dass die einen auf Kosten der Anderen leben, weiter zementieren.

Der „rettende Ruf“Der heutige 5. Sonntag nach Trinitatis steht in unserer Evangelischen Kirche unter dem Motto „Der rettende Ruf“. Wenn zwei Parteien heillos zerstritten sind, dann kann die Rettung darin bestehen, dass sie einen Mediator einschalten, der für beide Seiten ein offenes Ohr hat und ihnen einen Weg zu einer gütlichen Einigung aufzeigt. Um Krieg und Terror zu verhindern, braucht es eine kluge Politik, die sich um den Ausgleich der Interessen von Völkern und Staaten bemüht. Wenn Menschen aus verschiedenen Kulturen in einem Land friedlich zusammenleben sollen, dann braucht es Menschen, die den Mut haben, die Grenzen der eigenen Kultur, Religion oder Konfession zu überschreiten, und den Fremden die Hand reichen, um sie und ihre Lage zu verstehen.
Der rettende Ruf ist der Ruf des Jesus der Bergpredigt. „Selig sind die Sanftmütigen“, rief er, „denn sie werden die Erde besitzen! Selig sind die Friedenstifter, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden!“ Die Weisheit des Jesus von Nazareth steht quer zu einem Denken, das geleitet wird von einem rücksichtslosen Streben nach dem eigenen Glück, nach eigener Macht und Stärke. Sein Weg ans Kreuz war die Konsequenz aus dieser Haltung. Für viele war und ist sie auch heute eine Torheit. Doch andere erkannten: Darin liegt die Rettung! Das ist die Weisheit Gottes, die man meist nicht wahrhaben will in einer Welt, die von der Angst vor dem Anderen und vom Kampf um den eigenen Vorteil bestimmt wird. Ohne die Einübung in die Haltung, die Jesus vorgelebt hat, wird es keinen Frieden geben! Und ohne die strikte Ausrichtung auf die Bemühung, anderen Menschen damit zu dienen, läuft alles gelehrte Wissen, jeder technische Fortschritt, ja auch alle noch so tiefsinnige Weisheitslehre Gefahr, der Menschheit am Ende mehr zu schaden als zu nützen.
Die Christen in Korinth sahen sich damals in einen unseligen Kampf konkurrierender Gruppen verstrickt. Da mag für sie der Brief des Apostels gewirkt haben wie ein rettender Ruf. Er ist auch heute noch aktuell in den geistigen, politischen und persönlichen Auseinandersetzungen, in denen wir selber stehen. Es ist der Ruf zum Mann am Kreuz, der uns das Geheimnis Gottes erschließt und uns auf einen Weg zu wahrer Weisheit führt.
Amen!

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