6. Sonntag nach Trinitatis (08. Juli 2018)

Autor/in: Schuldekan Dr. Andreas Hinz, Ditzingen/Leonberg [Andreas.Hinz@elkw.de]

Apostelgeschichte 8, 26 -39

Liebe Gemeinde,

Bildung ist Begegnung.Reisen bildet. Das sagt sich ein Minister aus Äthiopien und macht sich auf eine Bildungsreise. In der Fremde entdecken, was wesentlich ist für das Leben.
Sich be-fremden, um das Eigene besser zu erkennen, das motiviert ihn und so bricht er auf. Ein weiter Weg liegt vor ihm.
Jahrhunderte zuvor schon hatte sich einmal eine hochgestellte Persönlichkeit nach Jerusalem aufgemacht, um Weisheit zu lernen. Davon erzählt das Alte Testament (1.Könige 10). Den klugen König Salomo wollte die Königin von Saba kennen lernen, denn Bildung ist Begegnung.

Und nun, viele Jahrhunderte später bricht ein hoher äthiopischer Beamter auf. Ein Finanzminister, dem es um die eigene Bildung zu tun ist – ja, das gab es damals in biblischen Zeiten: Politiker, die die Bildung wertschätzten und statt zu sparen um jeden Preis, viel Aufwand für die Bildung trieben.

Bildung kostet Mühe und braucht Zeit.Gottesfürchtige, so nannte man damals die Bewunderer des Judentums.
Menschen, die beeindruckt sind von der gelehrten Schriftreligion der Juden.
Sie zieht es zu den Quellen des Nachdenkens über Gott und die Welt.
Ein solcher Gottesfürchtiger ist der Held dieser Bildungsreise, von der die Apostelgeschichte erzählt.

Es wird eine lange Reise – Bildung braucht Zeit. Der Kämmerer nimmt sie sich.
Ob es sich lohnen wird, wer weiß das vorher?
Ob er tiefe Einsichten gewinnen wird, ob sich Bildungserfahrungen ereignen werden, das lässt sich nicht planen. Es bedarf der Gelegenheit, des glückenden Augenblicks und der rechten menschlichen Begegnung.

Von so einer Begegnung erzählt der Evangelist Lukas. Vom Glück, das Bildung für einen Menschen bedeuten kann. Auf einmal erscheint alles in einem ganz neuen Licht: das Leben, der Alltag, die Welt.

Wir hören das Klappern der Hufe. Eine Kutsche fährt auf staubiger Wüstenpiste gen Süden. Jerusalem liegt zurück. Ein dunkelhäutiger Mensch sitzt auf dem Kutschbock.
Er ist auf der Rückreise in seinen Alltag. Höchst wichtige Geschäfte warten auf ihn, schließlich ist er der Finanzminister der äthiopischen Königin Kandake. Es wird noch Tage, Wochen dauern bis er zuhause ist.
Hat sich die Anstrengung gelohnt? Hat sich's gerechnet? – schwäbisch gesprochen.

Immerhin, der bildungshungrige Minister hat eine wertvolle Schriftrolle ergattert.
Die war nicht billig. Bildung ist eben nicht billig zu haben. Er hat Glück: Er hat Geld und Zeit. Er kann es sich leisten. Da hat er es besser als viele Menschen damals und heute. Zeit für Bildung ohne direkte Nutzenrechnung.

Welch eindrucksvolle, weise Frau muss die Königin Kandake gewesen sein. Sie lässt ihrem Finanzminister Zeit für Bildung – viel Zeit. Dabei ist nicht zu erwarten, dass seine Bildungsreise dem Utilitätsideal, der gesellschaftlichen Nützlichkeit, dient, wie es oft von der Bildung verlangt wird. Nein, sein Bildungsweg ist zweckfrei und dient nur ihm selbst, dem Menschen.
Nun sitzt er in seiner Kutsche. Das Pferd trottet voran und er vertieft sich in seine Schriftrolle. Bildung, so meinte man damals – in längst vergangenen, internetlosen Zeiten – hat es mit Büchern zu tun.

Schon viele hundert Jahre alt sind die Worte, die er im Buch des Propheten Jesaja liest. Noch ist es eine historische Lektüre für ihn. Worte des Propheten für Menschen seiner Zeit, als die Israeliten im babylonischen Exil ausharren mussten: Ihr könnt zuversichtlich sein, denn Gott bleibt euch auch in den dunklen Tagen gewogen und führt euch in eine gute Zukunft. Der Gottesknecht wird der Bürge für Gottes Treue sein.

Verstehen und GlaubenFür ihn als Mann des Geldes und der Zahlen lässt sich daraus kein Gewinn ziehen. Und für sein eigenes Leben?
Verstehst du auch, was du liest? So hört er eine Stimme sagen. Und damit fängt der eigentliche Bildungsprozess an. Mit der Fraglichkeit der Welt beginnt die Bildung. Fragen ist der Ursprung des Denkens und auch der Theologie.

Verstehst du auch, was du liest?
Der Finanzminister kann lesen. Er versteht die hebräischen Schriftzeichen. Er ist ein kluger Mann. Und doch wird ihm schlagartig bewusst: Bildung und Wissen sind nicht das Gleiche. Lese- und Sprachkompetenz sind grundlegend, aber sie sind noch nicht gleich Bildung. Damit sich die Horizonte verschmelzen, bedarf es mehr.
Verstehen heißt, Sinn entdecken: im biblischen Text, in der Welt, im eigenen Leben.

Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet?, so antwortet er dem überraschenden Begleiter, der sich ihm beigesellt hat und ein Stück Wegs mit ihm geht. Auf einmal ist Philippus bei ihm, erkennt seine Aufgabe und ebenso unvermittelt, wie er aufgetaucht ist, wird er später auch wieder verschwinden. So wie gute Lehrer Menschen begleiten, auf Augenhöhe ihren Schülern begegnen, dazu ermutigen, vom eigenen Verstand Gebrauch zu machen und zum Verstehen befähigen, um ihre Zöglinge dann auch wieder ihre Straße ziehen zu lassen, als selbstbewusste, mündige und fröhliche Menschen.

Doch davor liegt die Zeit des Fragens und der gemeinsamen Suche nach Antworten oder besseren Fragen. Eine Begegnung zumindest zweier Menschen, die miteinander einen Weg gehen, das ist der Ursprung der Pädagogik. Es ist auch die Ursituation der Glaubensweitergabe.

Bildung ist anstrengend und die Bibel verstehen, ist bisweilen mühselig. Was hat er wohl gemeint, der Prophet, als er auf der Schriftrolle festhalten ließ:
»Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.« (Jesaja 53,7-8)

Ein sperriger, fremder Text, der einem das Verstehen nicht leicht macht. Theologie ist anspruchsvoll. Bildung heißt Ent-fremdung. Durch das Andere entdecken wir das Eigene. Durch die Begegnung mit dem Fremden verstehen wir das Eigene.
Erst in der Fremde verstehen wir die Heimat.
Erst in Gott, dem ganz Anderen, entdecken wir den Menschen in seinem Wesen und seiner Bestimmung.

Philippus hilft bei dieser anstrengenden Begegnung mit den schwierigen Gedankengängen des Propheten. Wie eine Hebamme hilft er dem neugierigen Minister, seine Augen von den vordergründigen Schatten zum Wesentlichen umzuwenden. Er muss sich von den Fesseln seiner eingeschränkten Weltsicht lösen, damit sich seine Erkenntnis aufklärt und er verstehen kann. Und so entdecken sie gemeinsam im Dialog über die Worte des Propheten Gott, wie er sich in Jesus Christus zeigt.

Glauben bildet.Bildung hat Folgen, existentielle Konsequenzen, das wird dem Finanzminister schlagartig klar.
„Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse?“
Mitten in der Ödnis lebendiges Wasser. Ein Wunder, wie nach unendlich vielen gleichförmigen Unterrichtsstunden ein Aha-Erlebnis der Schüler, begeisternd wie eine Wasserstelle mitten in der staubigen Wüste, wenn einer etwas verstanden hat.
Hier ist es nicht nur eine befriedigende neue Erkenntnis. Für den Kämmerer bedeutet es ein ganz neues Verstehen seines eigenen Lebens.
Glauben bildet.

Sich taufen lassen, das heißt, ich habe verstanden: Mein Leben kommt nicht aus meiner Hand. Ich verdanke mich nicht meinem eigenen Tun und auch nicht der Anerkennung der anderen. Ich bin gewollt und anerkannt, so wie ich bin. Dafür bürgt Gott.
Taufe, das ist das Sakrament der Menschenwürde, die Gott uns Menschen zuspricht.
Welch glücklicher Moment, wenn ein Mensch sich dessen bewusst wird.

Er zog seine Straße fröhlichEr wird es wieder vergessen, der Finanzminister, im Trubel des Alltags, wenn wieder die Zahlen und das Geld seinen Kopf in Beschlag nehmen. Wenn es heißt, sich wieder voll und ganz seinen beruflichen Aufgaben zu stellen, auf Effektivität und Nützlichkeit zu achten. Oder wenn die Herausforderungen als Vater und Ehemann ihn davon abbringen, inne zu halten: eine kranke Mutter, ein pubertierender Sohn, kleine und große Alltagssorgen … Woher die Zeit nehmen?
Dann wird alles, was er da mithilfe der Schriftrolle entdeckt, und alles, was im Gespräch mit Philippus seine Bedeutung gewonnen hat, wieder verschüttet sein.
Dann wird sich dies und das über das Leben wie Mehltau legen. Und das Hamsterrad des Alltäglichen wird sich immer schneller und sinnloser drehen.

Und dennoch stehen nun die Chancen gut, dass sich seine Glaubenserkenntnis immer wieder Bahn bricht und er sich erinnert:
Mein Leben ist eine Gabe Gottes. Ich bin getauft. In Jesus Christus zeigt sich das menschliche Antlitz Gottes. Ihm kann ich mein Dasein anvertrauen. Erfüllt mit dem Geist Gottes kann ich mein Leben zuversichtlich gestalten.

Und dann wird sich zeigen, dass diese Bildung, Glauben und Verstehen, dem Leben Sinn erschließen. Und immer dann wird er in seinem Handeln bewusst darauf achten, dass alle, die ihm als mächtigem Minister und als Mitmensch anvertraut sind, geliebte Geschöpfe Gottes sind. Und er wird alles daransetzen, ihre Gott gegebene Würde zu achten. Und so wird christliche Bildung dann letztlich doch sehr nützlich für eine humane Gesellschaft.

Philippus, der Lehrer, verschwindet wie er gekommen ist, ohne Aufhebens um sich selbst, unvermittelt. „Der Kämmerer aber zieht seine Straße fröhlich.“
Was kann es Schöneres geben. Amen.

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