6. Sonntag nach Trinitatis (16. Juli 2023)

Autorin / Autor:
Dekanin i.R. Anne-Kathrin Kruse, Berlin [kruse.anne-kathrin@gmx.net]

Jesaja 43,1-7

IntentionEine unmittelbare, kontextlose Inanspruchnahme des Textes im Rahmen des christlichen Taufsonntags wird der Heiligkeit des Textes nicht gerecht und droht, den lebensrettenden, gemeinschaftsstiftenden Charakter der Taufe auszublenden. Die Predigt greift die brisante Situation auf, in die hinein Gott spricht und die das lebensrettende Wort Gottes erst plausibel macht. Mit der Erinnerung an die Erwählung Israels einerseits und der Christen andererseits weist sie darauf hin, was es heißt, getauft zu sein: dass Gott uns einen Auftrag gibt und uns zutraut, in der Welt zum Guten zu wirken.

Jesaja 43,1–7
"Und nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob,
und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!
Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein,
und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen.
Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen,
und die Flamme wird dich nicht versengen.
Denn ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland.
Ich gebe Ägypten für dich als Lösegeld, Kusch und Seba an deiner statt.
Weil du teuer bist in meinen Augen und herrlich und weil ich dich liebhabe,
gebe ich Menschen an deiner statt und Völker für dein Leben.
So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.
Ich will vom Osten deine Kinder bringen
und dich vom Westen her sammeln,
ich will sagen zum Norden: Gib her!,
und zum Süden: Halte nicht zurück!
Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter
vom Ende der Erde, alle, die mit meinem Namen genannt sind,
die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe."

Gott, schenke uns ein Herz für dein Wort
und ein Wort für unser Herz. Amen.

Namen sind alles andere als „Schall und Rauch“Endlich ist die lang ersehnte Kleine geboren.
Nach dem Namen gefragt, geben die stolzen Eltern bekannt:
„Marisol“ soll sie heißen.
Ein spanischer Name, übersetzt etwa „geliebtes Sonnenkind“.
Die Familie ist angetan von diesem seltenen Namen.
Nur der frischgebackene Großvater poltert:
„Marisol – das klingt ja wie ein Insektenschutzmittel!
Das könnt Ihr Eurem Kind nicht antun!“
Die Eltern sind enttäuscht, gekränkt von dieser harten Reaktion.
Am Ende aber folgen sie dem Rat.
„Sara“ heißt die Kleine nun, „Fürstin“, nach der Erzmutter Israels.
Gemeinsam mit dem Erzvater Abraham
von Gott berufen, gesegnet, sollte sie zum Segen für alle Welt werden.

Von wegen „Namen sind Schall und Rauch“.
Mit dem Namen verbinden sich Träume.
Bilder von einer guten Zukunft.
Der Name, von anderen ausgewählt, wird zum Teil meiner Person.
Wo jeder nur noch nach meiner Nummer fragt,
nach meiner PIN oder ID, ist es,
als würde ich selbst Stück für Stück ausgelöscht.
Unser Name macht unsere Identität aus.
Ein Mensch wird beim Namen gerufen –
mal liebevoll, mal streng, mal zärtlich, mal sachlich –
und bei diesem Namen bleibt es.
Er kann nicht einfach ausgestrichen und ersetzt werden.
Du, Sara. Du, Christian.
In ihrem Namen ist jede von uns unverwechselbar
und höchstpersönlich präsent.

Auch Gott hat einen NamenAuch Gott gibt sich uns Menschen mit seinem Namen zu erkennen.
Aber kein Mensch weiß, wie man ihn richtig ausspricht.
Und bevor man ihn falsch ausspricht,
soll man ihn lieber gar nicht aussprechen.
Wir können über ihn nicht verfügen.
Das macht Gottes Freiheit aus.
Heilig, erhaben, souverän, wie er ist.
Übrigens – auch im Islam ist der Name Gottes überaus wichtig.
Ja, man kennt im Islam 99 Namen Gottes,
und alle beschreiben eine besondere Eigenschaft Gottes.
Der 100. Name Gottes ist aber dem Menschen unzugänglich.
Nun, was denken Sie:
Warum schiebt das Kamel so arrogant seine Unterlippe vor?
Die Antwort: Es kennt den 100. Namen Gottes!
Immerhin wissen wir, was Gottes Name bedeutet,
nämlich: „‚Ich bin für dich da!‘“
Wohin du auch gehst,
was immer dir passiert,
auch wenn du von mir nichts wissen willst –
ich bin immer für dich da!“

Trost in ohnmächtiger VerzweiflungGott ist für uns da??
Die Dörfer in Flammen, die Felder verwüstet,
Jerusalem in Trümmern, die Mauern des Tempels geschleift,
die Gräber der Toten dem Erdboden gleichgemacht.
Traumatisiert von blanker Gewalt,
verschleppt in Massendeportationen,
eingesperrt, nach Nummern sortiert, verachtet, beschämt.
Gott ist für uns da??
Die Frage bohrt sich in das Leben, in den Alltag,
in die dunklen Träume.
An den Flüssen Babylons hocken sie,
zur Sklavenarbeit verdammt, und weinen.
Alles, was ihnen einmal Heimat war – zerstört, verloren.
Ohne Aussicht auf Zukunft.
Gott selbst ist zur Fratze geworden,
den Gewalttätern zum Verwechseln ähnlich.
Diesen Abgrund der Verzweiflung – manche unter uns werden ihn kennen –
in diesen Abgrund hinein spricht Gott „Fürchte dich nicht!“

Ich bin nicht gemeint„Und nun spricht der HERR,
der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel:
Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“
Die Worte klingen so persönlich, sie sprechen mich direkt an,
öffnen mir das Herz –
aber ich bin nicht gemeint.
Eine andere Beziehung steht da im Hintergrund.
Ein ganzes Volk wird beim Namen gerufen.
Der Name ist vom Stammvater Jakob,
der nach seinem Kampf mit Gott
„Israel“, „der mit Gott gekämpft hat“, genannt wird.
Gott spricht zu seinem geliebten und erwählten Volk.

Es ist, als säße ich neben einem Liebespaar
und hörte ihn seiner Geliebten ins Ohr flüstern:
„Weil du teuer bist in meinen Augen und herrlich
und weil ich dich liebhabe…“
Etwas deplatziert komme ich mir da vor.
Und vielleicht auch etwas eifersüchtig.
Was hat Israel, was ich nicht habe?
Und warum gerade Israel – und nicht irgendein anderes Volk?
Ist das gerecht?
Die Antwort Gottes an Israel:
„Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt,
weil ihr größer wäret als alle Völker –
denn du bist das kleinste unter allen Völkern –,
sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte,
den er euren Vätern geschworen hat.
Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand
und hat dich erlöst von der Knechtschaft,
aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.“ (5. Mose 7,7–8)
Weil Gott eine Schwäche hat für die Kleinen,
die Opfer, die Unterdrückten,
weil er immer wieder die ins Zentrum stellt,
die an den Rand gedrängt werden, die Armen und Fremden,
darum wählt er nicht das größte und mächtigste Volk.
Um die Welt zu verwandeln, verbindet er sich mit dem kleinsten von allen.

Gott ist treuGott und sein Volk Israel haben eine Geschichte miteinander,
sie können erzählen von Höhen und Tiefen,
von Gefahren und Krisen
und von dem, was geblieben ist durch alles hindurch.
„Liebe ist stark wie der Tod
und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich.
Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn,
so dass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen
und Ströme sie nicht ertränken.“ (Hohes Lied 8,6–7)
So ist die Liebe zwischen Gott und seinem Volk.
Aus Liebe kämpft er wie ein politischer Unterhändler,
damit Israel frei wird und zurückkehren kann in die Heimat.
Gott macht Politik, aus Liebe.
Aber seine Liebe, die Israel erwählt hat, ist kein Privileg.
Jüdinnen und Juden sagen nicht:
Ich bin erwählt, etwas Besseres,
die anderen Völker sind nicht von Gott geliebt und nichts wert.
Erwählt zu werden, bedeutet, einen Auftrag von Gott zu bekommen.
Jüdinnen und Juden haben den Auftrag,
Gottes Willen in seinen Geboten zu erfüllen
und sie den anderen Völkern der Welt bekannt zu machen.
Sie sind von Gott aufgerufen, „Licht für die Völker“ zu sein. (Jesaja 42,6)
Die christliche Kirche hat sich schwergetan
mit dieser Liebe Gottes.
Hat nicht verstanden,
dass Gott in dem Juden Jesus Christus uns bei unserem Namen ruft,
und wir zu ihm gehören dürfen.
Hat dem Judentum die Liebe Gottes abgesprochen,
hat versucht, sich an seine Stelle zu setzen,
hat mitgeholfen, es systematisch auszulöschen.
Aber Gottes Liebe und Treue zum jüdischen Volk
kann niemand auslöschen.
Nur wenn wir das glauben können,
haben wir Christen Hoffnung auch für uns.

Getauft auf Gottes Namen sind wir mitgemeint„Bring her meine Söhne von ferne
und meine Töchter vom Ende der Erde,
alle, die mit meinem Namen genannt sind,
die ich zu meiner Ehre geschaffen
und zubereitet und gemacht habe.“
Die letzten Worte aus dem großen Versprechen Gottes an sein Volk
eröffnen einen weiten Horizont.
Wir sind mitgemeint!
Diese Worte geben mir Hoffnung.
Dass ich durch meine Taufe
hinzukommen darf zu diesem Liebespaar.
Dass wir als Menschen aus allen Völkern
in den Bund Gottes mit seinem Volk mit hineingenommen werden.
In die Gemeinschaft der Kinder Gottes.
Gesammelt aus Ost und West, aus Nord und Süd.
Nicht statt des Judentums, sondern neben und mit Jüdinnen und Juden.
„Gehet hin in alle Welt“, hat Christus seinen Jüngerinnen und Jüngern gesagt.

Der heutige Taufsonntag erinnert uns mit unserer Taufe
an unsere eigene Erwählung:
„Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum,
ein heiliges Volk, ein Volk zum Eigentum,
dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen,
der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht;
die ihr einst nicht sein Volk wart, nun aber Gottes Volk seid,
und einst nicht in Gnaden wart, nun aber in Gnaden seid“.
(1. Petrus 2,9–10)
Wir selbst sind mit unserer Taufe erwählt!
Wie wunderbar!
Aber wie kann ein Mensch nach Gottes Namen benannt werden?
So wie Gott der „Gerechte“ genannt wird,
so sollen wir für Gerechtigkeit und Würde für alle eintreten.
So wie Gott der „Gütige“ genannt wird,
so sollen wir gütig mit unseren Mitmenschen umgehen.
Erwählung erzählt etwas darüber,
wie Gott in dieser leidgeprüften Welt Veränderungen auf den Weg bringt.
Er will die Welt zu einem friedlicheren Ort machen.
Dazu braucht er uns!
Getauft werden heißt: Gott hat mit mir etwas vor.
Und: er traut mir etwas zu!
„Fürchte dich nicht.“
Du kannst das!
Meine Gebote in der Heiligen Schrift seien dir wie sichere Wegweiser.
Von Gott berührt, gemeinsam zum Aufbruch auf Wegen,
die es noch nicht gibt.
Von Vielen mitgenommen unterwegs zu einer Erde,
die wieder Lebensort für alle wird – Menschen, Tiere, Pflanzen.
„Weil du teuer bist in meinen Augen … und weil ich dich liebhabe …“
In Gottes Augen liebenswert.
Von ihm gerufen,
bei meinem Namen.
Amen.

Wichtige Anregungen für diese Predigt sind entnommen aus: Rainer Kessler, Das auserwählte Volk, in: Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus, Projekt DiskursLab der Ev. Akademie zu Berlin (Hg.), Störung hat Vorrang. Christliche Antisemitismuskritik als religionspädagogische Praxis, 2023 Broschuere_Stoerung_hat_Vorrang_final.pdf (narrt.de)

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