6. Sonntag nach Trinitatis (12. Juli 2026)
5. Mose 7, 6-12
IntentionDer 6. Sonntag nach Trinitatis ist der Tauferinnerung gewidmet. Der Predigttext aber ist zu Israel gesprochen. Ist es zulässig, Gottes Zusagen an Jakob/Israel ohne weiteres auf uns Christ:innen zu beziehen? In unserem Text steckt der Keim einer Antwort im Begriff der Erwählung.
Der Taufbefehl weitet die Erwählung auf „alle Völker“ aus. Als Ziel sollen Israel und Kirche in ihrem jeweils eigenen Bund sichtbar werden, mit der Verpflichtung zum Hören auf Gottes Weisung und vor allem in der Liebe zu ihm.
Liebe Gemeinde,
heute geht es um das „erwählte Volk“. Das erwählte Volk – klingt das nicht verdächtig nach Präsident Trumps Motto „America first“? Mit dem er die Entwicklungshilfe dramatisch kürzt, durch Zölle den Welthandel verstört, den Klimawandel abtut und Europa samt der Ukraine im Ungewissen zappeln lässt? Geht es beim „erwählten Volk“ um Überheblichkeit, rücksichtsloses Machtstreben und egoistischen Nationalismus? Wie brutal der werden kann, das zeigt sich, wenn man innerhalb des Volkes Menschen anderer Religion und Herkunft ausgrenzt und ihre „Remigration“ fordert. Vielleicht reden wir doch besser nicht von Erwählung?
Sollen sich die Völker nicht lieber im geregelten Wettkampf miteinander messen, wie gerade bei der Fußball-WM, und so ermitteln, welches „das Erste“ ist? Wenigstens im Fußball und wenigstens für vier Jahre. Leistung statt Machtgehabe – das klingt doch schon mal besser. Kann aber immer noch der Überheblichkeit und dem Nationalismus Vorschub leisten.
Heute kommen wir trotzdem um den Begriff der Erwählung nicht herum. In unserem Predigttext geht es um das „erwählte Volk“ Israel. Wenn wir genau hinhören, geht’s da aber um etwas ganz anderes als um Nationalismus, um Leistung oder Machtgehabe. So lesen wir im 5. Buch Mose, Kapitel 7, in den Versen 6 bis 12:
„Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.
Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.“
Was also versteht die Bibel, was versteht Gott unter Erwählung? Zuerst und vor allem: Gott ist es, der erwählt. Und zwar aus Liebe. Aus freien Stücken sozusagen. Er hat sich festgelegt, als er nämlich Abraham, Isaak und Jakob geschworen hatte, sich um ihre Nachkommen zu kümmern. Und das hat er ja auch getan. Er hat die „Kinder Israel“ aus der Sklaverei in Ägypten befreit, um sie in das versprochene eigene Land zu bringen. Jetzt sind sie in der Wüste, noch nicht im Land angekommen. Aber sie sind nicht mehr Sklaven. Sie können frei reden. Und tun das oft so, dass sie gegen Mose murren und sich bei Gott über die karge Kost und den mühsamen Weg beschweren. Sie sind also kein „braves Volk“, noch nicht mal ein großes oder starkes Volk verglichen mit den Völkern, die ihnen den Weg ins eigene Land versperren. Und trotzdem sind genau diese Menschen Gottes erwähltes Volk. Aus Liebe. Und aus Treue zu seinen Versprechungen.
Gott sagt: ihr seid mir ein „heiliges“ Volk. Das meint – wir ahnen es schon – überhaupt nicht, dass Israel besonders tugendhaft, gar makellos und fromm wäre. Sie sind nicht an sich heilig oder durch das, was sie leben. Aber für Gott und vor Gott sind sie heilig, für ihn sind sie besonders. Er will es so.
Darauf kann Israel sich nichts einbilden, es ist kein Grund für irgendeine Überheblichkeit anderen Völkern gegenüber. Gottes Erwählung ist kein „nationales Privileg“. Gott bezeichnet das Verhältnis zu seinem Volk als „Bund“. Und zu einem Bund gehören Partner, die sich einander verpflichten. Die Bundesverpflichtung für Israel besteht darin, dass sie auf die Erwählung antworten, und zwar auf genau dieselbe Weise, wie Gott sie erwählt hat. Nämlich zuerst durch Liebe. Sie sollen sich Gott zuneigen und sich ihm anvertrauen. Sie sollen die Beziehung mit ihm pflegen und nicht nach anderen Göttern schielen. Sie sollen auf ihn hören und natürlich auch tun, was Gott will. Gott soll für sie so heilig, so besonderes und so wichtig sein, wie sie es für Gott sind. Der Bund mit Gott ist für Israel eine Gabe und zugleich eine Aufgabe. Sie sollen Gott die Treue halten, wie er es ihnen gegenüber tut. Und da ist Gott wirklich großzügig. Gott vergilt denen, die ihm die Treue halten, mit seiner Barmherzigkeit und seinem Segen bis in die tausendste Generation. Denen, die ihm die Treue nicht halten, vergilt er dagegen nur „ins Angesicht“. Er entzieht seine Gnade also nur denen, die sich verfehlt haben, nicht auch noch ihren Nachkommen. Also kein nationaler Ahnenstolz, sondern die Verpflichtung, jeden Moment im Angesicht Gottes zu leben und sich stets neu zu entscheiden, nach seiner Weisung zu handeln.
Was hat das aber nun mit uns zu tun? Wir gehören ja nicht zu Gottes erwähltem Volk. Obwohl wir uns heute besonders daran erinnern, dass Gott uns die Taufe geschenkt hat. Und bei der Taufe hören wir den Taufsegen aus Jesaja 43, der für heute Wochenspruch ist: „So spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ Freilich lassen wir beim Taufsegen die direkten Anreden an Israel und Jakob weg. Erschleichen wir uns dadurch etwa einen Segen, der gar nicht uns versprochen ist, sondern Anderen, nämlich Israel und Jakob?
In unserem Predigttext finden wir den Kern einer Antwort auf diese Frage. Da heißt es nämlich: „So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist.“ Es gibt also nur einen Gott. Den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Der hat Himmel und Erde geschaffen, so bekennt es Gottes Volk Israel, und so bekennen wir es. Dieser Gott hat auch die Menschen geschaffen, alle Völker auf der ganzen Welt. Und Gott behält seitdem die ganze Menschheit im Blick. Und es wäre gut, so glaubt Israel zurecht, wenn sich alle Völker an die Weisungen Gottes halten. So hat der Prophet Jesaja im Auftrag Gottes vorausgesagt, dass eines Tages alle Völker zum Tempel Gottes ziehen werden, um dort die Weisung Gottes zu hören. Und Jesus macht in seinen Abschiedsworten, die wir vorhin als Lesung hörten, damit Ernst. Allerdings umgekehrt – nicht die Völker kommen zu Israel, sondern seine Nachfolger sollen zu den Völkern gehen. Weil ihm alles und alle gehören, im Himmel und auf der ganzen Erde. Jesus sagt: „Gehet hin und lehret alle Völker. Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Der menschgewordene Gott will mit Menschen aus allen Völkern einen Bund schließen wie mit Israel.
Jesus kennzeichnet hier den Bund Gottes mit Israel als „Israel first“. Das ist präzise und ausschließlich im zeitlichen Sinn gemeint. Zuerst hat Gott mit Israel seinen Bund geschlossen. Aber wir aus den anderen Völkern sollen auch erfahren, dass es nur einen Gott gibt. Und dass die Barmherzigkeit dieses Gottes bis an die Enden der Erde reicht. In der Taufe verspricht dieser einzige Gott, uns: Ich habe auch dich erwählt. Ich habe auch dich beim Namen gerufen. Auch du gehörst zu mir.
Es geht dabei um keine Art von Verdienst oder Leistung von unserer Seite. Er will es so. Aus reiner Treue und Zuneigung zu uns, seinen Geschöpfen. Und wir können - und wir sollen antworten auf Gottes Bundesangebot. Wie sagt Jesus im Taufbefehl: „Lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ Das gilt nun auch uns, das Halten des Gebotenen. Gott die Treue halten, wie er uns die Treue hält. Heilig und besonders für ihn sein, wie er für uns heilig und besonders ist. Und – das gehört auch zur Erwählung durch Gott: die Kleinen achten, die nichts hermachen, die keine eigene Stimme haben oder die zu klagen haben, denen Unrecht geschieht, die unter Gewalt leiden, die vom Leben gebeutelt werden. So halten wir die Weisungen Gottes, indem wir uns von seiner Barmherzigkeit inspirieren lassen.
Und zuletzt wollen wir uns besinnen auf das, was wirklich und eigentlich „first“ kommt, an erster, oberster Stelle. Jesus hat Sinn und Ziel aller Weisungen Gottes so zusammengefasst: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt 22, 37ff).
(Je nach Situation kann die Gemeinde eingeladen werden, dieses Katechismusstück noch einmal gemeinsam zu sprechen.)
Jesus hat dieses alles umfassende „Dreifachgebot der Liebe“ übrigens nicht frei formuliert, sondern aus Zitaten aus den Mose-Büchern zusammengefügt. Juden und Christen leben von der Erwählung des einen Gottes. Ihre Verbindung zu Gott entspringt der Liebe Gottes – und führt zur Liebe Gottes hin. Amen.
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