7. Sonntag nach Trinitatis (19. Juli 2015)

Autor/in: Pfarrerin Magdalene Simpfendörfer-Autenrieth, Weinstadt [mautenrieth@grossheppacher-schwesternschaft.de]

Johannes 6, 1 -15

Liebe Gemeinde,
was müsste das für einer sein, den Sie spontan zum König machen würden?
Müsste er ein Künstler sein oder ein Philosoph? Müsste er eine weise Vaterfigur oder ein guter Politiker sein? Muss ein König Ihrer Meinung nach gar ein mutiger Krieger sein oder einfach nur ein höflicher Mensch?
Die Leute am Ufer des See Tiberias haben gleich zwei gute Gründe ausgemacht, um Jesus auf den Königsthron zu heben: Der kann Wunder vollbringen, und der schafft uns Brot, scheinbar grenzenlos.

Das kommt uns doch recht bekannt vor: Regierungen werden heute ja auch in erster Linie am wirtschaftlichen Erfolg gemessen. Sie dürfen am Ruder bleiben, solange sie Arbeitsplätze schaffen, Menschen ins Brot setzen und sicheren Wohlstand garantieren. Dazu müssten sie allerdings unter den gegenwärtigen Bedingungen am besten auch noch Wunder vollbringen können. Ich kann Spitzenpolitiker verstehen, wenn sie irgendwann dem Erwartungsdruck vieler tausend Menschen ausweichen, sich in ruhigere Gefilde absetzen oder eine überschaubare Tätigkeit suchen. Viele tun das ja auch.

In unserer Geschichte weicht Jesus der begeisterten Menge aus. Dabei war das Ansinnen der Leute doch auch ein großer Vertrauensbeweis gewesen. Er hätte so viel Gutes tun können, wenn man ihm die Macht im Land übertragen hätte: Hätte Hunger und Mangel bekämpfen können, hätte Menschen satt und gesund machen können. Vermutlich wäre er als israelischer König auch weitaus weniger umstritten gewesen.

Aber Jesus geht weg und die Menschen bleiben zurück. Sie können vermutlich gar nicht verstehen, warum ihr großartiger Vorstoß bei Jesus nicht ankommt. Selbst seine engsten Freunde verstehen ihn lange nicht und rechneten ja noch bis wenige Tage vor seinem Tod in Jerusalem damit, dass Jesus doch noch den Thron besteigt und König wird; dass er sich outet als Messias und Befreier.

Sieht Jesus denn nicht, was unsere Welt braucht? Wo uns doch gerade diese Geschichte seine Fürsorglichkeit in so rührenden Details schildert: Er nimmt den Hunger der Leute wahr und organisiert Abhilfe. Er will, dass sie es sich behaglich machen im grünen Gras. Er selber teilt ihnen Brote und Fische aus wie ein freundlicher Festwirt.

Aber gerade da, als die Menschen ganz aus dem Häuschen sind vor Dankbarkeit und Begeisterung, geht Jesus weg. Indirekt sagt er damit: Das ist es nicht, worauf es ankommt. Dafür braucht ihr mich nicht zu eurem König zu machen. Später wird er es auch in Worte fassen: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“

Wir sind nicht nur BrotmenschenGibt es denn etwas Wichtigeres, als den Hunger zu stillen und der Welt Brot zu geben? Brot genug, damit keine Kinder mehr sterben und sich keiner mehr auf gefährliche Fluchtwege begeben muss?

Jesus kannte durchaus die Versuchung, die Brotfrage zu lösen. Eine Legende erzählt von einer Prüfung, die Jesus dem Teufel gegenüber zu bestehen hat. „Du bist doch Gottes Sohn“, provoziert ihn der Teufel. „Komm, mach aus diesen Steinen Brot!“ Ja, der Teufel weiß wohl: Wer Brot und Wohlstand schaffen kann, kann mit den Menschen machen, was er will. Es hatte Jesus, der selbst hungrig war, gewiss Kraft gekostet, da zu widerstehen. Doch er gibt dem Teufel zur Antwort: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das Gott zu ihm spricht.“

Jesus weiß, dass es in uns nicht nur den Hunger nach Brot gibt. Wir brauchen auch noch andere Nahrung, damit ein tiefer in uns liegender Hunger gestillt werden kann. Wir sind nicht nur Leib, sondern auch Herz und Seele, Geist und Verstand. Und auch die brauchen Nahrung und Beachtung.
So wichtig wie die Frage „Was soll ich essen?“ ist für uns doch die Frage „Bin ich erwünscht, erwartet und geliebt?“
So wichtig wie „Womit soll ich mich kleiden?“ ist doch die Frage „Für welche Aufgabe bin ich in meinem Leben bestimmt?“
Und wichtiger noch als die Frage „Wohin in den Urlaub?“ ist doch die: „Wo finde ich Heimat und letzte Geborgenheit?“

Wir brauchen das Wort, das unserer Seele Nahrung gibtIn der Urzeit der Menschheit, in der das tägliche Überleben angesagt war, hat sich tief in unsere Gene eingeprägt, dass es vor allem darauf ankommt, Brotmensch zu sein und Kraft zu haben. Möglichst viel essen ist gut, wer weiß, wann es wieder etwas gibt. Das war die Losung der Urmenschen-Horden. Diese urzeitliche Prägung beeinflusst unser Verhalten bis heute, und die Werbung versteht es auch, diesen tief sitzenden Instinkt gut auszunutzen.

Doch vielleicht geht es Ihnen auch so in diesen Sommerwochen, wenn sich überall Feste und Feiern häufen, bei denen Essen und Trinken eine große Rolle spielen, dass Sie hinterher denken: Was wären Essen und Trinken gewesen ohne die kleinen und großen Reden, ohne die Gedichte und Lieder, ohne die freundlichen Gespräche und Begegnungen im festlichen Gewand. Wir sind eben nicht nur Brotmenschen.

Schmerzlicher erfahren wir das, wenn wir am gedeckten Tisch und vor vollen Tellern sitzen leer und ohne Freude, oder stumm und zerstritten. Wenn das Entscheidende fehlt, damit Brot und Wein, Fisch und Fleisch, Obst und Gemüse mich glücklich machen können. Es fehlt eine Richtung für meine Gedanken, ein Ziel für mein Herz. Ein Sinn in meinem Tag. Oder es fehlt das versöhnliche Wort, die Befreiung aus dem Gefängnis, in das ich mich selber gesperrt habe.

Jesus hat die Seite des Lebens im Blick, die nicht Essen und Trinken, Kleidung und Wohnung ist. Deshalb will er nicht Brotkönig werden. Wir kennen die Predigt nicht, die Jesus am See Tiberias gehalten hat. Aber viele seiner Worte sind im Evangelium festgehalten. Er stellt für unser sehnsüchtiges Herz die Verbindung zum Himmel her: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen.“

Dort kann unsere Sehnsucht an ihr Ziel kommen; bei Gott sind wir aufgehoben. In seinen Gaben und Worten verheißt uns Jesus, dass wir zugleich mit ihnen Gottes heiligen Geist in uns aufnehmen. Es schenkt sich uns darin göttliche Weisheit für unser Denken und Tun: „Selig sind die Barmherzigen!“ Und: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“

In seinem Wort schenkt sich uns auch die Gottesgewissheit Jesu, die in uns den Glauben stärken will: „Ich und der Vater sind eins.“ Und: „Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Es sind Worte, die uns beflügeln wollen, in die Zukunft zu gehen: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?“ „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“
Um uns mit dieser Botschaft zu nähren und zu versorgen, dafür ist Jesus in unsere Welt gekommen.

Es braucht Zeichen, die das Wort ins körperliche Erleben bringenFragt sich zuletzt nur eines: Wenn es Jesus mehr um die geistige und göttliche Seite in unserem Dasein ging, warum hat er dann mit Brot und mit Fischen geholfen?

Ganz einfach: Weil es Zeichen braucht. Ein Zeichen nennt auch das Evangelium die wunderbare Speisung und das Sattwerden am See Tiberias.
Von der Liebe und Großzügigkeit Gottes zu erzählen, ist eine Sache. Doch Jesus kennt eben den ganzen Menschen, der in seinem urtümlichen Bedürfnis auch ganz körperlich spüren muss, dass Liebe durch den Magen geht! Das haben wir mit allen uns verwandten Lebewesen gemeinsam: Leere Worte wollen wir nicht hören. Wir leben vom Wort und vom Brot.

Alle gute Mission muss sich auch so verstehen, dass sie zum Wort der frohen Botschaft auch die Hilfe für Leib und Leben gibt. Etwas davon klingt an, wenn wir das Heilige Abendmahl, oder, wie Katholiken sagen, die Heilige Eucharistie, miteinander feiern. Auch Gottes Liebe geht durch den Magen.

Christliches Leben hat die Erfüllung aller Bedürfnisse zum Ziel. Es hat den Geist, die Seele und den Körper gleichermaßen im Blick. Jeder Teil hat gleiches Recht. Und keiner soll aus dem Blick geraten – um Gottes Willen. Amen.


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