7. Sonntag nach Trinitatis (19. Juli 2026)
Pfarrer i.R. Dr. Gerhard Schäberle-Koenigs, Bad Teinach-Zavelstein [gerhard.schaeberle-koenigs@web.de]
Hebräer 13,1–3
IntentionViele kennen Ermüdung im Glauben. Was hilft dagegen? Ein frühchristlicher Lehrer gibt drei elementare Hinweise, die auch heute inspirierend wirken: geschwisterliche Liebe erfinderisch praktizieren, Fremden ein Unterkommen anbieten und an Gefangene denken und für sie beten.
Liebe Gemeinde,
ein Lehrer der frühen Kirche, dessen Namen wir nicht kennen, stand vor der Frage: Worauf sollen die Menschen, die an Jesus Christus glauben, besonders achten?
Viel ist ihm eingefallen. Aber – sagte er sich: wenn ich ihnen eine lange Liste mache mit allem, was ein Christ tun soll, dann wissen sie erst nicht, was wirklich wichtig ist. Ich lege ihnen nur drei Dinge ans Herz. Das können sie sich leicht merken.
Hören Sie, was er im Hebräerbrief (13,1–3) dann aufgeschrieben hat:
„Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.“
Warum gerade diese drei Ermahnungen:
Bleibt fest in der Liebe untereinander. Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Denkt an die Gefangenen? Da würde doch uns, wenn wir miteinander nachdenken, noch viel mehr einfallen.
Sie waren ihres Lebens nicht mehr sicherAls dieser Lehrer seinen Brief verfasste und an alle Gemeinden im römischen Reich schickte, waren die Christengemeinden noch sehr jung. Es war vielleicht gerade mal 30 Jahre her, dass Jesus gekreuzigt wurde und er nach drei Tagen von den Toten auferstand und von seinen Jüngern gesehen wurde.
Die Begeisterung über dieses unglaubliche Wunder hatte sich rasend schnell rund ums Mittelmeer ausgebreitet. Doch jetzt hatte diese Begeisterung schon merklich nachgelassen. Zu unruhig waren die Zeiten. Hass und Misstrauen schlugen den Christen entgegen. Einer der Kaiser damals, Nero hieß er, stachelte dazu auf, gegen Christen vorzugehen. Sie wurden missbraucht zur Volksbelustigung. Sie waren ihres Lebens nicht mehr sicher. Da war es kein Wunder, dass viele lieber wieder Abstand hielten zu dieser neuen Lehre oder jedenfalls nicht mehr so eifrig mitmachten. Sie kamen nicht mehr so zuverlässig in die Gottesdienste.
Jener frühe Lehrer der Kirche wusste davon. Und er fragte sich eben: Was ist jetzt besonders wichtig bei uns Christen?
Bleibt fest in der Liebe untereinander. Haltet Kontakt.Bleibt fest in der Liebe untereinander. Das heißt ja zuerst: Haltet Kontakt zueinander. Helft einander, fragt nach, wie’s geht. Besucht einander. Nehmt wahr, wenn jemand bekümmert ist. Macht einander immer wieder eine kleine Freude. Und wenn ihr erfahrt, dass in einem Haus wirkliche Not herrscht und die Kinder nicht mehr genug zu essen haben, dann tragt was in dieses Haus. Gebt ab von dem, was ihr habt.
Letztlich wird euch nichts fehlen. Und kommt weiter in die Versammlungen. Von der allersten Christengemeinde in Jerusalem wird berichtet:
„Sie waren ein Herz und eine Seele.“ Das ist schön gesagt, aber die Begeisterung für diese Gemeinschaft hatte mancherorts nachgelassen. In unruhigen, in krisenhaften Zeiten wird man vorsichtiger, mit wem zusammen man gesehen werden will. Es könnte ja ein Gerede entstehen: „Die da gehört auch zu denen.“ Und schon kann’s gefährlich werden oder zumindest Nachteile mit sich bringen. Die geschwisterliche Liebe erkaltet.
Darum ist dies das Erste und Wichtigste: Haltet Kontakt, redet miteinander. Geht euch nicht aus dem Weg.
Vergesst die Gastfreundschaft nichtUnd weiter: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht.“ Wem sagt er das? Die meisten Menschen finden es doch schön, Gäste zu haben, Menschen, die man gern hat, zu sich einzuladen, einen Kuchen zu backen, gemütlich zusammenzusitzen.
Jener Lehrer der Kirche sagt es aber zu Menschen, die nicht mehr so gern ihre Tür aufmachen. Vor allem nicht für Fremde.
Es gibt Länder, in denen wird die Gastfreundschaft ganz hoch geachtet. Man muss nur nach Italien reisen, besonders in den Süden. Da kann es einem passieren, dass man spontan eingeladen wird, etwas zu trinken oder zu essen und noch viel mehr. Das ist wunderschön und man kann noch Jahre später davon erzählen.
Doch in der Zeit, als jener Lehrer der Kirche darüber nachdachte, was im Leben einer Christengemeinde besonders wichtig ist, da ging es nicht nur um schöne Urlaubserlebnisse. Wirkliche Gastfreundschaft war überlebenswichtig. Denn so viele Menschen waren unterwegs, weil sie ihre Heimatstadt haben verlassen müssen. Sie waren angefeindet worden, sie wurden in Geschäften nicht mehr bedient, Schlimmes wurde ihnen angedroht. Letztlich packten sie ihre nötigsten Sachen und verschwanden. Aber sie brauchten ein Unterkommen. Und ihre erste Anlaufstelle in einer fremden Stadt waren die Glaubensgeschwister.
Bei Glaubensgeschwistern konnten sie davon ausgehen, dass diesen bekannt war, wie wichtig Jesus die Gastfreundschaft gerade Fremden gegenüber ist. In seinem allerletzten Gleichnis stellte er dar, was ganz am Ende sein wird: das letzte Gericht. Und der Richter wird zu denen, die Gastfreundschaft gelebt haben, sagen: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters. Ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.“ Und: „Was ihr getan habt einem dieser meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan“.
Jesus redet da von sich.
Was aber wird geschehen, wenn Gastfreundschaft unter Christen vergessen wird?
Die Christengemeinde verarmt. Wer will dann noch zu ihr gehören? Nicht einmal mehr Christus selbst.
Darum: Vergesst die Gastfreundschaft nicht.
Dem nachzukommen, ist vielleicht das Schwerste auch in unserer Zeit.
Denkt an die Gefangenen und an die MisshandeltenDoch jener Lehrer hat noch ein Drittes. Denkt an die Gefangenen und an die Misshandelten.
Aus aller Welt lesen und hören wir, wie Menschen unschuldig in Gefängnissen eingesperrt werden. Gewissenlose Machthaber unterjochen die Menschen. In manchen Staaten wird zum Schein ein Gerichtsverfahren inszeniert mit erfundenen Anschuldigungen. Der Ausgang ist von vornherein festgelegt. Und solche Gewaltherrscher haben immer genug willige Helfer, die die Beschuldigten quälen und misshandeln. Auch wegen ihres Glaubens werden in vielen Ländern Menschen eingesperrt.
Wer im Gefängnis ist, hat oft keinerlei Kontakt mit seinen Angehörigen. Er oder sie ist einsam und täglich der Willkür der Aufseher ausgeliefert. Niemand draußen weiß, wie es den Insassen geht. Es ist eine furchtbare Situation. Die Mahnung im Hebräerbrief ist zurückhaltend formuliert: Denkt an die Gefangenen! Und dennoch ist es für Menschen, die im Gefängnis sind, lebenswichtig, dass sie wissen: Es gibt Menschen, die an mich denken. Ich bin nicht vergessen.
Ein leuchtendes Beispiel dafür, was solches Denken an die Gefangenen bewirkt, hat die Bekennende Kirche unter der Gewaltherrschaft der Nazis gegeben. Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter gerieten immer wieder ins Visier der Geheimpolizei. Eine ganze Reihe von ihnen kam ins Gefängnis oder in ein Konzentrationslager. Auch viele katholische Priester waren eingesperrt. Da entschieden sich die Christen, im Gottesdienst öffentlich der Gefangenen zu gedenken. Im Fürbittgebet wurden die Namen derjenigen genannt, die wegen ihres Glaubens verfolgt wurden. Die Kirchenleitung verteilte vor jedem Sonntag die Liste. Allein die Namen zu nennen, war etwas ganz Großes. Und manchmal dauerte die Verlesung der Namen sehr lang, wenn nicht nur an zwei oder drei erinnert wurde, sondern wenn 70 Namen vorgelesen werden mussten, weil gerade wieder eine Verhaftungswelle über die Kirche und ihre Mitarbeiter gekommen war. Regelmäßige Gottesdienstbesucher nahmen auch wahr, wenn ein Name vielleicht schon monatelang jeden Sonntag genannt wurde und die Gefangenschaft für diesen Menschen immer noch andauerte.
Eine Gemeinde ragte bei dieser Form des Fürbittgebets besonders heraus. Es war die Bekennende Gemeinde in Berlin-Dahlem. Seit 1938 war ihr Pfarrer Martin Niemöller im Konzentrationslager. Und da entschlossen sich die Gemeindeglieder, von nun an jeden Abend zur Fürbitte zusammenzukommen, bis ihr Pfarrer wieder freigelassen wird. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass das 7 Jahre dauern wird. Aber sie haben es durchgehalten.
Sie haben natürlich nicht nur für ihren Pfarrer gebetet, sondern für alle, die auf der Fürbittliste der Kirche standen.
Das hatte ganz unerwartete Folgen. Zum einen wurden manche Beter neugierig. Wer ist das, für den wir seit Monaten beten? Hat er Familie, hat er Kinder, die versorgt werden müssen? Sie fanden es heraus, auch die Adresse der Familie, und sie packten Pakete mit Lebensmitteln. Wenn so ein Paket in einer Familie ankam, dann war’s wie Weihnachten und Geburtstag zusammen.
Und für die Gefangenen selbst war es ein großer Trost, jeden Abend zu wissen: Jetzt beten sie für mich. Das gab ihnen Mut und Stärke in ihrer hilflosen Lage. Es half ihnen, durchzuhalten.
Die Wirkung dieser Fürbittgottesdienste blieb auch den staatlichen Stellen nicht verborgen. Die Gestapo verbot sie. Und jedem Pfarrer, der weiterhin die Fürbittlisten verlas, wurde Gefängnis angedroht. Die Menschen in Dahlem fanden einen Ausweg. Sie hatten handgeschriebene Zettel dabei mit den Namen der Verhafteten und reichten sie durch die Reihen.
Christus selbst kehrt bei den Seinen einMit seinen drei ausgewählten Bitten an die Christen hat jener Lehrer den Christengemeinden ein großes Geschenk gemacht. Er ist überzeugt davon, dass dies hilft gegen Ermüdung im Glauben, die Gemeinde am Leben hält und dass Christus gerne in einer solchen Gemeinde einkehrt, in der die geschwisterliche Liebe erfinderisch praktiziert wird, Fremde ein Unterkommen finden und an die Gefangenen gedacht und für sie gebetet wird. Amen.
Lied nach der Predigt
Damit aus Fremden Freunde werden: EG (Württemberg) 657,1–6
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