8. Sonntag nach Trinitatis (26. Juli 2015)

Autorin / Autor: Pfarrer Christoph Hoffmann-Richter, Stuttgart [Christoph.Hoffmann-Richter@elkw.de]

Matthäus 5, 13-16

Liebe Gemeinde,

ein Lehrer sagte es im Religionsunterreicht seiner Klasse, die die Bergpredigt nicht kannte: „Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt.“ Sie wurden still und waren erstaunt und wollten es nicht recht glauben. Und wollten wissen, warum er das sagt.

– Jesus scheint sich keine Gedanken darüber zu machen, dass seine Zuhörer womöglich kurz zusammenzucken oder gar erschrecken. Er sagt ihnen: Ihr seid es.

Die ZuhörerDie ihm zuhören, sind keine Heiligen, nicht besonders weise Menschen und keine, die sich moralisch besonders ausgezeichnet hätten. Oder doch, wenn Sie so wollen: Sie sind doch Heilige. Ihre Heiligkeit besteht darin, dass sie dabei sind und der Bergpredigt Jesu zuhören.

Wenn man genauer nachforscht, zu wem Jesus das sagt, finden sich dazu Hinweise unmittelbar vor Beginn der Bergpredigt und an ihrem Ende: Es folgte ihm eine große Menge aus Galiläa, aus den Zehn Städten, aus Jerusalem, aus Judäa und von jenseits des Jordan. Zu ihnen allen spricht er vom Berg, soweit sie ihn hören können.

Am nächsten sind ihm die Jünger, sie sind ganz nah an ihn herangetreten. Jesus spricht also zu seinen Jüngern. Er spricht aber auch zu vielen Leuten, die auch noch da sind und zuhören. Wir erfahren nur, woher, aber nicht, wer sie sind. Irgendetwas lässt sie da sein und zuhören. Sie sind vielleicht nur neugierig. Oder sie suchen bei Jesus etwas, was ihnen fehlt, Menschen, die spirituell auf der Suche sind, die trauern, Menschen, die auf Gerechtigkeit warten – darauf deuten die Seligpreisungen. „Ihr seid das Salz der Erde“, sagt Jesus allen, die seine Rede hören.

Sie sind das Salz der Erde!Liebe Gemeinde, Sie sind das Salz der Erde! Auch wenn Sie sich verwundert die Augen reiben und im selben Augenblick den Widerspruch in sich spüren. Na ja, ich weiß nicht. So toll bin ich vielleicht doch nicht. Und die Dinge sind vielleicht doch ein bisschen differenzierter, oder?

– Es ist aber anders. Jesus lehrt in Vollmacht. Er hält nicht nur eine ästhetisch schöne Predigt, rhetorisch gut gemacht, so gut, dass die Dichter bei ihm lernen oder ein Nietzsche ihn nachahmt. Jesus ist ganz bei der Sache. Und wenn er spricht, dann bewegt sich etwas. Es ist wirksam, was er sagt.

Wichtig sind ihm die Menschen und die Erde. Dass Kranke gesund werden, Schwermütige leicht, Benachteiligte Gerechtigkeit bekommen und Isolierte in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Das Reich Gottes ist ihm wichtig. Mit dem rechnet er. Das fängt an, hier und da, unübersehbar. Es gibt viel Widerstand dagegen. Die Gewalt ist noch in der Welt. Und die Arroganz und das Vorteilsdenken.

Ihr seid das Salz der Erde. Ihr rechnet fest mit Gottes Gegenwart in eurem Leben und in dieser Welt. Damit, dass sie anbricht, einen Tag um den andern. Ihr erwartet gewiss Gerechtigkeit und stellt euch in euren Überlegungen und in eurem Verhalten ganz darauf ein. Ihr stoßt auf Widerstände, ja, sicher. Ihr müsst auch klug sein wie die Schlangen und doch ohne Falsch wie die Tauben. Ihr werdet Enttäuschungen erleben. Euer Hunger nach Gerechtigkeit ist noch nicht gestillt.

Wir sind noch alle auf dem Weg. Es gibt noch so manche ungeplanten Seiten- und Umwege und Sackgassen. Aber es hat schon angefangen. Ihr erlebt Ablehnung und Feindseligkeit, aber die Gerechtigkeit ist in der Welt. Jesus von Nazareth starb einen gewaltsamen Tod am Kreuz. Aber am dritten Tag ist er auferstanden von den Toten. Die Gegenwart des Geistes Gottes in der Welt ist der Keim ihrer Auferstehung. Es werden noch Tode gestorben. Aber aufs Leben hin. Es wird regiert, wie Christoph Blumhardt einmal gesagt hat.

Es ist ausgesät. Die Saat geht auf und wächst. Der Keim ist in der Welt. Ein wenig Salz reicht schon, dass die Speise schmeckt; niemand will mehr ohne Salz essen. Hat einer ein Licht und muss im Finstern durch ein unbekanntes Haus, wird er es zur Hand nehmen und nicht ohne das Licht losstolpern.

Das Widersinnige geschiehtUnd doch geschieht das, unbegreiflicherweise: Wenn das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Man setzt auch nicht ein Licht unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter, damit es Licht gibt. Jesus betreibt keine Schönfärberei. Er sieht die Dinge voll großer Erwartung und gleichzeitig in aller Nüchternheit.

Salz salzt. Ausleger haben immer wieder gerätselt, wie es denn zugehen soll, dass Salz nicht mehr salzt. „Wenn nun das Salz ‚dumm‘ wird“, hat Martin Luther übersetzt, „womit soll man dann salzen?“ Damit scheint er im Bild des Salzes schon an die Menschen zu denken, die so dumm sind, das Widersinnige zu tun. Vielleicht meint er es so: Wenn Salz nicht ausgestreut wird, sondern auf einem Haufen bleibt, dann salzt es nicht mehr.

Mir ist die große Pyramide aus Salz eingefallen, die zum Kirchentag 1999 auf dem Stuttgarter Schlossplatz aufgeschüttet wurde. Das Salz wurde in kleinen Päckchen im Verlauf des Kirchentags an Teilnehmer verkauft. Ein Rest aber wurde vor den Eingang des Oberkirchenrats gebracht, nur noch eine kleine Pyramide. Ich erinnere mich gut daran, weil ich kurze Zeit später für mehrere Jahre dort gearbeitet habe. Und weil die kleine Pyramide gemischte Gefühle in mir weckte. Zum einen erinnerte sie an den Kirchentag und sein Motto: Ihr seid das Salz der Erde. Zum andern aber lag das Salz dort ungenutzt auf einem Haufen. Es war über die Jahre Wind und Wetter ausgesetzt und sank immer weiter in sich zusammen bis nichts mehr übrig war.

Könnten wir Christenmenschen nicht in ganz anderer Weise wirksam sein, wenn wir uns mehr um andere kümmern und weniger mit uns selbst beschäftigen würden? Erlauben Sie mir dafür ein anderes Bild; ich kann es nur auf Schwäbisch wiedergeben: „Mit de Pfarrer isch’s wia midem Mischt. Verdoilt mr en uff em Aggr, geits an reachten Denger, on d’Frucht wachst g‘scheit. Loht mr se uff em Haufe, stenkts granatemäßig.“ Womöglich ist das mit den Jüngern Jesu nicht viel anders.

Ein Licht ist dazu da zu leuchten, sonst zündet man es gar nicht erst an oder löscht es wieder. Könnte die Gemeinde Christi nicht ganz anders wirksam sein, ohne Angst vor Selbstverlust, als Licht der Welt? Würde es nicht auch nach innen ganz anders sein, wenn sie sich nach außen orientieren würde, in die Gesellschaft hinein, ohne alle Angst?

„Wir müssen endlich damit beginnen“, schrieb Hanns Dieter Hüsch in einem seiner Segenssprüche:
„Das Zaghafte und Unterwürfige abzuschütteln
Denn wir sind Kinder Gottes: Gottes Kinder!
Und jeder soll es sehen und ganz erstaunt sein
Dass Gottes Kinder so leicht und fröhlich sein können
Und sagen: Donnerwetter!
Jeder soll es sehen und jeder soll nach Hause laufen
Und sagen: er habe Gottes Kinder gesehen
Und die seien ungebrochen freundlich
Und heiter gewesen
Weil die Zukunft Jesus heiße
Und weil die Liebe alles überwindet
Und Himmel und Erde eins wären
Und Leben und Tod sich vermählen
Und der Mensch ein neuer Mensch werde
Durch Jesus Christus.“

Gott befreit und lockt zur TatGott führt heraus aus großer Bedrängnis in weiten Raum. Gott führt heraus aus Gewalt, aus Ungerechtigkeit und Benachteiligungen. Gott befreit aus Trauer und Unbarmherzigkeit, aus leiblicher und seelischer Bedrängnis. Und er nimmt die Bedrängten mit, er nimmt sie mit ins Weite. Es ist eine Bewegung. Er drängt nicht dazu, aber er öffnet den Raum und lockt hinaus. Nicht nur passiv, sondern auch aktiv dabei zu sein.

Wer aus Bedrängnis befreit wurde, wird gegenüber anderen, die bedrängt werden, nicht gleichgültig bleiben. Er atmet auf und will, dass auch andere aufatmen. Jesus will das aktive Leben, er will die Tat. Neben der Teilhabe auch die aktive Teilnahme an der Bewegung des Geistes Gottes.

„Wer diese meine Rede hört und tut sie“, sagt er am Ende der Bergpredigt, „der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.“ Christus hören ist Befreiung und Freude. Christus hören ist gleichzeitig Verpflichtung und Dienst.

Lasst euer Licht leuchten!Die Stadt, die auf dem Berg ist, kann nicht verborgen bleiben. Sie ist für alle sichtbar. Wer im Heiligen Land war, hat wohl einige solcher Städte gesehen, schon von weitem. Auch im Ländle gibt es solche Städte und Dörfer, Buoch über Winnenden fällt mir dazu ein, oder Bad Wimpfen oder Langenburg. Dabei geht es nicht um das gute Marketing. Die Stadt ist da oben. Wenn sie nicht gerade von Wolken verdeckt ist, was selten, aber doch vorkommen kann, dann sieht man sie einfach.

Sicher kennen Sie auch Menschen, die leuchten, ohne dass sie es darauf anlegen leuchten zu wollen. Sie sind der Mann oder die Frau, die die Rede Jesu hören und tun. Würde man ihnen sagen, sie seien das Licht der Welt, würden sie das weit von sich weisen. So ist die Aufforderung paradox. Es ist wie mit der linken Hand, die nicht weiß, was die rechte tut, und die doch tun muss, was sie tut. Jünger Jesu sind keine Stars, die das Rampenlicht suchen um im Licht zu erstrahlen. Sie leuchten nur, wenn sie gar nicht ans eigene Leuchten denken. Sie leuchten, wenn sie zuhören und tun. Sie sind ganz bei den Menschen und bei der Sache Jesu.

„Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit.“ Natürlich ist es ein Wagnis. Aber was für einen Weg sollte ich gehen, wenn nicht den, der sich zu gehen lohnt? Kann ich mich dabei verlieren? Wer sich selbst verliert, der findet sich, sagt Christus. Natürlich droht Enttäuschung. Natürlich wird es kein Durchmarsch. Aber es ist mein Sinn, der mich gefangen hat – nein, der mich befreit hat.

Liebe Gemeinde, Sie sind das Salz der Erde. Sie sind das Licht der Welt.
Amen.

Die Zeilen von Hanns Dieter Hüsch finden sich in: Michael Blum und Hanns Dieter Hüsch, Das kleine Buch zum Segen, tvd-Verlag Düsseldorf 1998, S. 36.


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