8. Sonntag nach Trinitatis (17. Juli 2016)

Autor/in: Kirchenrat Dr. Frank Zeeb, Stuttgart [referat1.1@elk-wue.de]

Epheser 5, 8 -14

Leben ist Einsam-Sein?„Wahrlich, keiner ist weise, // der nicht das Dunkel kennt, // das unentrinnbar und leise, ihn von den anderen trennt. // Seltsam, im Nebel zu wandern //“. So beschreibt Hermann Hesse den Lebensweg eines Menschen, der früher viele Freunde hatte, um den es aber stiller, ruhiger und einsamer geworden ist. Und er fährt resignierend fort: „Leben ist einsam-sein // Kein Mensch kennt den anderen // und jeder ist allein.“

Leben als Kinder des Lichts!Der Predigttext setzt dem einen anderen Entwurf entgegen: „Lebt als Kinder des Lichts.“ Der Apostelschüler knüpft eine ganze Reihe von Forderungen an die Lebensführung der Kinder des Lichtes. Er setzt sie scharf gegen die Finsternis ab. Seid wach, deckt diese Finsternis auf. So sollen Christen leben. Und man fragt sich unwillkürlich: Müssen Christenmenschen nicht zwangsläufig scheitern, wenn sie nach diesen Worten handeln wollen? Es ist doch – nüchtern betrachtet – so, dass die Finsternis übermächtig ist.

Wie schwer das ist, wach sein, offen für das Licht, kann man an einem ganz konkreten, banalen Beispiel zeigen. Morgens aufzustehen, freudig den neuen Tag zu begrüßen, fällt vielen Menschen nicht leicht. Dann kommt man nicht aus dem Bett und kann nicht munter und fröhlich ans Werk gehen. Jetzt, in der hellsten Zeit des Jahres, mag es noch angehen. Aber wie wird es im November sein, wenn es trübe ist, den ganzen Tag nicht hell werden mag und die Sonne sich hinter Wolken und Nebeln verbirgt? Ich denke an die Menschen, die unter Depressionen leiden und/oder unter Burn-Out. Sie können nicht als Kinder des Lichtes leben und haben nicht die Kraft, der Finsternis etwas entgegenzusetzen und gar ihre Werke aufzudecken. „Wach auf, der du schläfst“, ihnen kann diese Aufforderung nicht als Evangelium erscheinen, sie muss ihnen vielmehr eine Drohung sein, die wie Blei auf ihrem Leben haftet.

Taufe heißt Machtwechsel: aus dem Zwang in die FreiheitDeshalb ist wichtig, dass der Apostelschüler diese Aufforderungen nicht als ethisches Programm schreibt, als Forderungskatalog, den es eins zu eins abzuarbeiten gilt. Der gesamte Zusammenhang des Epheserbriefs ist die Tauftheologie – und das heißt für die damalige Zeit: Im Hintergrund steht die ganz persönliche Lebenswende der Getauften. Vor ihrer Taufe waren sie Teil der Welt mit ihren Zusammenhängen und bestimmt von den Sachzwängen und den gesellschaftlichen Anforderungen ihrer Lebenswelt.

In der Taufe aber geschieht ein Machtwechsel. Durch sein Bekenntnis zu Jesus Christus und dem dreieinigen Gott wird der Täufling einem neuem Herrschaftsbereich zugeordnet. Vorher war er Teil der Finsternis mit allen ihren Folgen. Jetzt aber ist er nicht mehr ein Knecht dieser dunklen Mächte und Zusammenhänge, sondern ein freier Mensch. Frei in der Freiheit, zu der Christus die Seinen befreit. Flapsig ausgedrückt: Durch die Taufe macht Gott aus dem lichtscheuen Gelichter, das wir Menschen nun einmal von Natur aus sind, Kinder des Lichtes. Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge. Die Herrschaft des Lichtes über einen Menschen ist also nicht nur eine immense Anforderung, sondern vor allem eine noch viel größere Verheißung. Durch deine Taufe bist du Teil des Lichtes und seiner Herrschaft Du kannst aufrecht durchs Leben gehen. Nichts kann dich scheiden von der Liebe Gottes, in Christus Jesus, unserem Herrn. Das ist eine unverbrüchliche Zusage, die fortan das Leben der Getauften bestimmt.

Die Früchte des Lichtes leben – Güte, Gerechtigkeit und WahrheitWenn das aber alles stimmt, dann muss diese Freiheit auch gelebt werden. Gerade in einer Welt, die noch unerlöst ist, weil die Wiederkunft des Herrn noch aussteht. Ein getaufter Mensch ist ein Kind des Lichtes, weil er zu Christus gehört. Die Früchte des Lichtes sind ihm schon zugefallen: Bei den Kindern des Lichtes, den Getauften, sind lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Um es mit einem Beispiel aus der Arbeitswelt zu sagen: Zur Mitarbeiterführung gehört es, den Mitarbeitenden etwas zuzutrauen. Die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind effektiver und leistungsbereiter, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Tun wichtig ist für den Betrieb, für das Team. Eine gute Führungskraft wird daher dafür sorgen, dass immer wieder deutlich wird, wie wichtig das Engagement der Kolleginnen und Kollegen ist.
Aber ganz entscheidend ist es, dass das nicht nur leere Floskeln sind, dass der Einzelne sich nicht nur wichtig fühlt, sondern dass er weiß: Ich bin wirklich wichtig. Meine Arbeit trägt zum großen Ganzen bei.

So macht uns die Taufe zu Mitarbeitern Christi in der Welt, zu wirklich wichtigen Kolleginnen und Kollegen im Reich Gottes. Die Früchte des Lichtes sind uns anvertraut, Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Das gilt, ohne weitere Abstriche...

Und jetzt kommt es darauf an, was wir daraus machen, wie wir mit den Pfunden und Talenten wuchern, die uns gegeben sind. Wir haben der Welt und ihren Düsterkeiten etwas entgegenzusetzen.

Es fügt sich, dass heute, am 17. Juli, der internationale Tag der Gerechtigkeit ist. „Gerechtigkeit“ ist auch eine der Früchte des Lichtes. Der internationale Tag versteht sie politisch. Es geht um die Gerechtigkeit zwischen den Völkern und Nationen. Mir scheint, dass dies durchaus ein Thema ist, zu dem wir Christen etwas beizutragen haben. Die unfruchtbaren Werke der Finsternis werden uns ja jeden Tag in den Nachrichten und im Fernsehen vorgeführt. Krieg und Gewalt sind Ausdruck dessen, dass die Welt noch nicht von Christus regiert wird. Menschenrechtsverletzungen sind gang und gäbe. Plünderung, Totschlag, Vergewaltigung, Versklavung und Vertreibung sind leider in vielen Teilen der Welt an der Tagesordnung. Christinnen und Christen sind vielerorts die Opfer. Sie leiden für ihren Glauben unter dem Fanatismus einer aufgewiegelten Mehrheit. Wie sollen wir, als die, denen Gott fast siebzig Jahre in Frieden und Wohlstand geschenkt hat, damit umgehen?

Da braucht es zunächst einen nüchternen Verstand. Der erste Ratschlag, den der Apostelschüler uns gibt, lautet: Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist. Ich übersetze das für mich so: Es ist in der Politik nicht mit wohlfeilen und schnell einleuchtenden Lösungen getan. Wir sind aufgefordert, eine Friedensethik zu entwickeln, die sich an Schrift und Bekenntnis messen lässt. Dabei kommt es auf besonnene Lösungen an. Christliche Prinzipien des Gewaltverzichtes und der Friedfertigkeit müssen abgewogen werden gegen das Recht des Nächsten auf ein Leben in Freiheit, auf das Überleben überhaupt.

Manchmal gibt es Situationen, in denen Nichthandeln genauso viel Leid und Schuld bedeutet wie Handeln. Dann muss eine Entscheidung fallen. Der Herr hat uns ein Gewissen gegeben. Wir dürfen abwägen. Wir dürfen nach unserem Gewissen handeln. Wir sind aufgefordert, sorgsam zu prüfen, was Gottes Wille sein könnte in einer gegebenen Situation, – und wir dürfen gewiss sein, dass Gott unser Dilemma achtet und seine liebende Hand über uns hält, wenn wir fehlen. Aber wir dürfen uns nicht vor der Entscheidung drücken.

Die Früchte des Lichts leben – und die Werke der Finsternis aufdeckenEin zweiter Rat des Apostelschülers: Deckt die Werke der Finsternis auf und macht euch nicht mit ihnen gemein. Da wir nun einmal von den Konsequenzen eines christlichen Lebens in der Politik sprechen: Zu den Werken der Finsternis gehört es, wenn Menschen ausgegrenzt werden aus Gründen, die in ihrer Person liegen, wenn ihnen Entfaltungsmöglichkeiten genommen werden und sie diffamiert und beschimpft werden, ihnen Teilhabe an der Gesellschaft verweigert wird. Hier gilt es, ein offenes Wort zu sagen.

Dabei wird ein Christenmensch vermeiden, Dinge zu sagen, die als Parteinahme im politischen Sinn ausgelegt werden können, oder gar sich in die Händel der Parteipolitik einmischen. Er wird aber Wort ergreifen für die Benachteiligten und um Gottes Willen das Recht des Nächsten verteidigen. Dabei wird er – auch Gott urteilt ohne Ansehen der Person – darauf achten, dass die Menschenrechte und die Barmherzigkeit allen Kindern Gottes zukommen, ungeachtet ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe oder Religion.
Umgekehrt wird er aber auch Unrecht beim Namen nennen müssen, wenn es von Menschen begangen wird, die in der Minderheit sind. Die Gerechtigkeit und die Wahrhaftigkeit sind nicht teilbar oder so aufzuteilen, dass alle Wahrheit bei den Einwanderern liegt und alle Missgunst bei der Politik, oder wie immer die Verteilung aussehen mag. Darauf können die Kinder des Lichtes keine Rücksicht nehmen, denn sie sind alleine der Wahrheit verpflichtet.

Nun mag man einwenden, das sind alles hohe und hehre Ziele, aber das bringt doch alles nichts. Mag sein. Aber Ungerechtigkeit, Unbarmherzigkeit und Rohheit sind nun einmal Elemente in unserer unerlösten Welt, die die Finsternis als ihren Nährgrund brauchen. Im Licht können sie nicht gedeihen. Deshalb sind die Kinder des Lichtes gerufen, ihnen ihren Boden durch das Wort und die rechte Tat, kurz: durch die Kommunikation des Evangeliums an alles Volk, zu entziehen.

Seltsam, im Nebel zu wandeln. Leben heißt Einsam-Sein. Dagegen die Verheißung: Christen leben aber in der Gemeinschaft als Geschwister der Lichtes. Das Licht, das sich durch die Bleiglasscheiben eines Kirchenfensters bricht, mag nicht heller sein als das Grau des Nebels. Aber es bringt eine andere Farbe in die Welt, die Farbe der Taufgewissheit.

Amen.


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