8. Sonntag nach Trinitatis (06. August 2017)

Autorin / Autor:
Professor Dr. Michael Gese, Ludwigsburg [m.gese@eh-ludwigsburg.de ]

Jesaja 2, 1-5

Liebe Gemeinde!
Der heutige 6. August erinnert an den Abwurf der Atombombe über Hiroshima. Dieser Tag ist ein Mahnmal im Jahreslauf, die Schrecken des Krieges nicht zu vergessen und nicht nachzulassen, sich um Verständigung und Frieden zu bemühen.
Terror, Gewalt und Krieg bedrohen in der derzeitigen weltpolitischen Situation den Weltfrieden. Wie wertvoll ist dagegen die Vision vom umfassenden Frieden, die der Prophet Jesaja vor Augen malt:

„Dies ist das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, schaute über Juda und Jerusalem.
Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen,
und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des Herrn, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem.
Und er wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn!“

Schwerter zu Pflugscharen„Schwerter zu Pflugscharen“ – ich erinnere mich noch gut an die Aufnäher, die in der Friedensbewegung der 80-er Jahre verbreitet waren: In schwarzen Lettern umrahmte der Spruch eine Figur, die mit ganzer Kraft ein Schwert in einen Pflug umschmiedet. Hier im Westen konnte man unbesorgt mit dem Slogan für Abrüstung und Frieden eintreten. Ganz anders in der damaligen DDR, wo der Aufnäher als „Wehrkraftzersetzung“ verboten war. Manches Loch im Ärmel zeugte von der Auseinandersetzung und dem Mut junger Menschen, das Bibelwort auf ihre Jacken zu nähen.

„Schwerter zu Pflugscharen“ – auch mich prägte das Bibelwort in meiner Jugend. Ich hörte in ihm den Aufruf, für Frieden und Abrüstung einzutreten. Dieses Wort war für mich ein wichtiges Motiv für die Kriegsdienstverweigerung, und es begleitete mich bei meinem Zivildienst. Auch im persönlichen Umfeld wollte ich zu Deeskalation und Versöhnung beitragen.

Doch irgendwann begriff ich, dass dieses Wort mehr ist als nur der Aufruf zu Friedfertigkeit und Abrüstung. „Frieden schaffen ohne Waffen“, das ist zwar ein schönes Ideal. Aber es gelingt nicht, wenn es nur eine Aufforderung bleibt, die Menschen erfüllen sollen. Es wäre zu einfach zu meinen, mit ein bisschen guten Willen lassen sich Konflikte schon lösen und dann wird alles wieder gut. So bemerkte ich, dass auch in der Vision des Jesaja das Motiv „Schwerter zu Pflugscharen“ nur ein Teil ist, der in einen größeren Zusammenhang gehört, und dass erst in diesem Zusammenhang Frieden wirklich möglich ist.

Keine UtopieJesaja war kein weltfremder Träumer, kein Utopist. Er hatte die Realität sehr deutlich vor Augen. Jesaja lebte in einer Zeit, in der die Menschen unter Kriegswirren litten. Die Assyrer drohten das Land einzunehmen. Sie waren berüchtigt für ihre Brutalität und Härte. Die Gebiete, die sie eroberten, waren anschließend völlig verwüstet. Jesaja schreibt davon: „Euer Land ist verwüstet, eure Städte sind mit Feuer verbrannt; Fremde verzehren eure Äcker vor euren Augen; alles ist verwüstet […] Übrig geblieben ist allein die Tochter Zion wie ein Häuslein im Weinberg, wie eine Nachthütte im Gurkenfeld“ (Jes 1,7.8).

Eine trostlose Situation! Aber gerade da hinein weiß der Prophet Neues zu sagen. „Es wird sein in der letzten Zeit“, so beginnt Jesaja. Und was geschieht dann? Da malt er ein herrliches Bild: Der Zion, der Tempelberg in Jerusalem, beginnt zu wachsen. Er erhebt sich und überragt alle Berge. Auf seinem Gipfel steht das Haus Gottes und bildet den Mittelpunkt der Erde. Das Volk Gottes ist nicht mehr allein dem kriegerischen Ansturm der Völker ausgesetzt. Nein, die Völker kommen jetzt friedlich herbei, ziehen den Berg hinauf wie zu einem Gottesdienst. Die Weisung Gottes wird ausgehen von Zion. Es ist die Tora mit ihren Geboten. Sie wird eine Hilfe sein zum Leben. Sie wird die Menschen lehren und Frieden schenken den Völkern. Da werden die Völker anfangen, ihre Schwerter umzuschmieden. Mit dem Pflug werden sie das Land bebauen und mit dem Winzermesser die Weinstöcke beschneiden.

Man mag sich verwundert die Augen reiben. Hatte Jesaja nicht gerade eben noch von Zion als der verlassenen Hütte im Gurkenfeld gesprochen? Hatte er nicht erzählt, wie brutal die Assyrer vorgehen, dass das Land verwüstet und die Städte mit Feuer verbrannt sind? Und nun so ein friedliches Bild, bei dem die Menschen den Acker bebauen: Statt Krieg wird die Scholle aufgebrochen und Korn gesät, statt Gewalt werden Weinberge gepflegt. Brot soll den Menschen nähren und Wein sein Herz erfreuen. In Brot und Wein soll der Friede Gottes einkehren in den Herzen der Menschen.

Die Rückseite der Tage„Es wird sein in der letzten Zeit“, so hatte Jesaja begonnen. Wörtlich heißt es: Es wird sein „auf der Rückseite der Tage“ (1). Ein fremdartiges Bild. Haben Sie schon einmal die ‚Rückseite der Tage‘ gesehen? Ich stelle mir vor, wie das ist: Wenn man die Tage nicht mehr nur in der unabänderlichen Reihenfolge von Gestern, Heute und Morgen ansieht, sondern von der Rückseite her. So wie man einen Stoff umdreht, der kunstvoll gewebt ist. Und von hinten her erkennt man, dass das Gewirr der Fäden ein Muster ergibt. Und man versteht, wie es eigentlich gemeint ist, was da gewebt wurde vom Faden der Zeit.

„Es wird sein in der letzten Zeit“, das meint also nicht nur das, was sich am Jüngsten Tag ereignen wird. Sondern es meint zugleich das, was hinter allem ist, was in letzter Tiefe verborgen ist. Das ist die Vision vom Ende der Zeit. Sie wird aber nicht nur ganz am Ende der Zeiten sein, sondern sie kann hier schon immer wieder aufleuchten wie ein kleiner Strahl mitten in der Finsternis dieser Welt-Zeit.

Deshalb ist die Vision des Jesaja keine weltferne Träumerei mehr. Er weiß zu genau, dass wir Menschen von uns aus den Frieden nicht herstellen können. Wir merken das nur zu deutlich, wenn wir auf die vielen Konfliktherde schauen, die gegenwärtig auf diesem Globus brennen. Alle Bemühungen können ins Leere laufen. Gut gemeinte Absichten garantieren keinen Erfolg. Nicht das Umschmieden der Schwerter steht am Anfang, sondern die Weisung, die vom Zion ausgeht. Denn das heißt nichts anderes, als dass die Herzen angerührt werden. Frieden entsteht von innen heraus, weil Gott die Herzen verwandelt. Wo sich das ereignet, da werden Schwerter zu Pflugscharen und Sicheln zu Winzermessern.

FriedensspurenImmer wieder kann das geschehen, dass Menschen „die Rückseite der Tage“ erkennen, sich abkehren von den Gesetzen des Krieges. Beeindruckt haben mich die Berichte über den Friedensprozess in Kolumbien. Nach über 50 Jahren beenden die FARC-Rebellen den Guerilla-Kampf und übergeben ihre Waffen vollständig der UN. In den Friedenscamps in den Bergen von Jolima holen sie ihren Schulabschluss nach. Carlos etwa, der mit 16 Jahren zur Guerilla kam. „Es ist schon hart, die Waffe abzugeben, die immer dein Schutz war“, meint er, „aber jetzt ist die Chance auf Frieden da, und die müssen wir nutzen“. Carlos war Sanitäter bei der FARC, jetzt will er Medizin studieren.

Nasli und ihr Mann erfüllen sich nach 20 Guerilla-Jahren einen lange unterdrückten Wunsch. Nasli ist schwanger: „Nun trage ich kein Gewehr mehr und keine Ausrüstung. Ich sehne mich danach, mein Baby aufzuziehen in einer sich verändernden Gesellschaft“ (2).
Das sind Hoffnungszeichen. Momente, in denen die Friedensvision des Jesaja aufblitzt mitten in unserer Welt. Noch brüchig ist der Friede in Kolumbien. Ein zartes Pflänzchen, das Schutz braucht, damit diese Kämpfer in ein Leben des Friedens zurückkehren können.

Wandeln im Licht des HerrnGott will uns ermutigen, diese Welt von der Rückseite her anzuschauen. Der Blick soll nicht gebannt auf Hass und Vergeltung verharren. Vielmehr sollen wir leben vom Frieden her, der bereits gestiftet ist. „Christus ist unser Friede“ (Eph 2,14) – von dieser Wahrheit her gewinnt die Welt ein neues Gesicht. So kann Friede wachsen mitten in der zerstrittenen Welt. Darum gilt für uns die Ermutigung Jesajas: „Kommt […], lasst uns wandeln im Licht des Herrn“.
Amen.

Anmerkungen:
1 Vgl. J. Jeremias, Theologie des AT, S. 435.
2 Quelle: Friedenscamps für FARC-Rebellen, ZDF 27.06.2017


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