9. Sonntag nach Trinitatis (29. Juli 2018)

Autor/in: Studienleiterin Pfarrerin Dr. Evelina Volkmann, Stuttgart [Evelina.Volkmann@elk-wue.de ]

Jeremia 1, 4 -10

Liebe Gemeinde!

Ich doch nicht!„Ich habe dich zum Propheten bestimmt!“
„Was, ich soll Prophet werden? Nein! Ich doch nicht“, seufzt Jeremia. „Das ist eine Nummer zu groß für mich. Was willst du ausgerechnet von mir?
Das kann ich nicht.
Ich kann nicht gut genug reden.
Ich bin noch so jung und habe keinerlei Erfahrung.
Man wird mich nicht für voll nehmen.
Wer bin ich denn schon? Ich habe noch keinen Namen. Ich bin unwichtig. Ich bin nur in einem kleinen Dorf aufgewachsen.
Also: Ich bin völlig ungeeignet für diese Aufgabe. Nein, wirklich nicht. Außerdem habe ich Angst. Angst vor den Reaktionen der Menschen. Wenn sie nicht gut finden, was ich sage, was dann? Am Ende tun sie mir Gewalt an. Das würde ich nicht aushalten.
Ich tauge dafür nicht.
Frag jemand anderen. Ich will nicht.“

Berufene lehnen erstmal ab.Jeremia lehnt ab. Gott möchte ihn für eine wichtige Aufgabe haben. Er bringt Argumente dagegen. Er ist zu jung. Und kann daher nicht gut genug reden. Weiß Jeremia von Mose? Gott sagt zu Mose: „Ich sende dich zum Pharao, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.“. Doch Mose will nicht so recht. „Ach, mein Herr“, klagt er, „ich kann nicht gut reden. Denn ich habe eine schwere Sprache und eine schwere Zunge.“
Auch Jona möchte nicht Prophet sein. Statt Ninive den Untergang anzukündigen, flieht er erstmal mit dem Schiff weit weg.
Ähnlich Gideon. Er hört von Gott: „Du sollst Israel erretten aus den Händen der Midianiter.“ Und was antwortet er: Ich doch nicht. Ich stamme aus einer wenig angesehenen Familie. Außerdem bin ich zu Hause der Jüngste.

Es muss wirklich schwer sein, in Gottes Auftrag unterwegs zu sein.
Keiner schreit „hier“.
Keiner drängelt sich vor.
Keiner will.
Keiner wartet darauf, von Gott beauftragt zu werden.
Stattdessen: Zweifel. Skepsis. Verunsicherung.

Kennen Sie das auch?
Haben Sie auch schon mal abgelehnt, als Sie für eine wichtige, jedoch heikle Sache angefragt wurden? Vielleicht wurde jemand gesucht, der den Mut hat, eine unangenehme Frage zu stellen? Oder eine unangenehme Antwort zu geben? Und dann dachten Sie: Ich kann das nicht. Zu jung, zu alt, zu schwach, zu beschäftigt, nicht klug genug?
Oder Sie fühlten sich überfordert?

Klartext reden – da halten sich viele lieber zurück. Und überlassen das gern anderen. Z.B. beim Elternabend in der Schule: Die Schüler haben mit viel Liebe selber eine Klassenfahrt geplant. Sie sind da und stellen das Programm vor. Wer von den Eltern traut sich zu sagen, was manche denken: Sie ist zu teuer. Einige können das nicht bezahlen. Also sollten sich alle für ein günstigeres Ziel entscheiden. Niemand will den schwarzen Peter zugeschoben bekommen. Spricht man aus, was Sache ist, ist man plötzlich verantwortlich für die Misere.

Doch, du!Gott hört Jeremia zu.
„Sage nicht: ‚Ich bin zu jung.‘“
Denn ich will genau dich für die große Aufgabe.
Du bist gemeint. Dich habe ich ausgesucht.
„Du sollst gehen, wohin ich dich sende,
und predigen alles, was ich dir gebiete.
Fürchte dich nicht vor ihnen;
Denn ich bin bei dir und will dich erretten.“

Jeremia, es ist keine leichte Aufgabe. Da hast du recht.
Du sollst ausreißen und einreißen,
zerstören und verderben,
bauen und pflanzen.
Jeremia, du sollst Juda den Niedergang ankündigen: die Zerstörung Jerusalems und des Tempels in Jerusalem. Sag ihnen: Ich bin verärgert über sie. Ich strafe sie. Ich halte Gericht. Sie haben nicht nach mir gefragt. Sie haben nicht nach meinen Geboten gehandelt. Götzen haben sie angebetet. Daher wird der Feind aus dem Norden sie vernichten.
Rufe sie zur Umkehr.
Und auch das gehört zu deinem Auftrag: Am Ende, ja ganz am Ende wird es wieder heil. Sag ihnen das auch. Diese Strafe ist nicht mein letztes Wort. Nach dem Untergang gibt es einen Neuanfang.

Mit all diesen Botschaften lasse ich dich nicht allein. Ich helfe dir. Wenn du nicht gut reden kannst, ist das nicht schlimm. Ich gebe dir doch die Worte ein, die du sagen sollst. Ich bin immer bei dir. Wenn sie dir übel kommen, die Einwohner von Juda, die Könige Judas, die Fürsten und Priester, dann verlass dich auf mich. Ich werde dir aus allem heraushelfen.
Denn schon lange, schon ganz lange habe ich einen Plan für dich. Wie für jeden Menschen. Noch bevor es dich gab, wusste ich schon: Jeremia, du wirst einmal mein Prophet. Schon bevor du zur Welt gekommen bist, habe ich mir das für dich und für dein Leben überlegt. Ich kenne dich gut. Du bist doch mein Geschöpf. Deine Wurzeln liegen in mir. Ich liebe dich sehr.

Von dieser Liebe singt ein Weihnachtslied:
Da ich noch nicht geboren war,
da bist du mir geboren
und hast mich dir zu eigen gar,
Eh ich dich kannt, erkoren.
Eh ich durch deine Hand gemacht,
da hast du schon bei dir bedacht,
wie du mein wolltest werden. (EG 37,2)

Gott verlangt keine Vorleistungen.Gott beruft Menschen wie Jeremia. Doch Jeremia meint: Ich bin dafür nicht gut genug. Ich kann zu wenig. Als müsste er etwas Besonderes leisten, um geeignet zu sein. Doch das stimmt nicht.
Ich erlebe Gott da als sehr phantasievoll und kreativ. Er hat Ideen, wie er den zweifelnden Menschen helfen kann. Dem Mose mit der schweren Zunge gibt er Aaron an die Seite, seinen Bruder. Der wird ihn beim Reden unterstützen
Gideon verlangt von Gott sogar ein Zeichen. Gott soll ihm damit bestätigen: Ich habe dich ausgesucht. Ich bin wirklich bei dir. Gideon erhält das erbetene Zeichen. Er bringt Gott eine Opfergabe: ein Ziegenböcklein und ungesäuerte Brote. Beides legt er auf einen Felsen. Vor seinen Augen geschieht es, dass ein göttliches Feuer beides verzehrt. Jetzt weiß Gideon: Gott ist mit mir.
Auch den Jeremia lässt Gott wissen: Du musst deinen Auftrag doch gar nicht aus eigener Kraft bewältigen. Die Botschaften, die du sagen sollst, die erhältst du alle von mir. Du musst hier nichts leisten. So wie du bist, so will ich dich. Ich bin die Quelle, die für dich strömt. In mir bist du fest verwurzelt.

Auch Jeremia erhält ein Zeichen, sogar ungefragt. Gott streckt seine Hand aus und berührt Jeremias Mund. „Siehe ich lege meine Worte in deinen Mund.“ Der Künstler Marc Chagall hat dazu ein Bild geschaffen: Über Jeremia schwebt ein Engel Gottes. Dieser Engel strahlt auf seiner Brust wie eine Sonne. Durch die Sonnenstrahlen hindurch greift die Hand des Engels nach Jeremia. Die Fingerspitzen der Engelshand berühren die Lippen des Propheten. Dieser hat seinen Mund dabei leicht geöffnet:
(http://de.wahooart.com/Art.nsf/O/8XYGT7/$File/Marc-Chagall-Jeremiah-received-Gift-of-the-prophecy-Jeremiah-I-4-10-.JPG - Abruf: 29.6.2018)
So spürt Jeremia Gottes Hand. Er wehrt sich nicht. Er lässt es geschehen. Sein Widerstand geht zurück. Er spürt: Gott rührt mich an. Gott ist bei mir. So kann ich Gottes Auftrag erfüllen. Er wird mir dabei helfen. Ob ich selber mich für jung und unerfahren halte, spielt keine Rolle. Ja, ich werde mich Gott zur Verfügung stellen.

Und Sie? Gab es in Ihrem Leben auch schon solch einen Moment? Einen Moment, in dem Ihnen klar wurde: Auch wenn ich nicht weiß, wie ich diese Herausforderung bewältigen soll: Gott ist bei mir. Er stützt mich. Ich muss das nicht aus eigener Kraft hinbekommen.
Vielleicht hat Ihnen die tägliche Losung hierbei den Weg gewiesen? Vielleicht ein anderes Bibelwort?
Vielleicht hat Gott auch Ihnen einen Engel geschickt?

Die Berufung aushaltenÜber Jeremia ist gesagt worden:
„Jeremia ist somit jene Gestalt, die die wohl schwierigste Phase der Geschichte Jerusalems und Judas, ihren Untergang, erlitten, begleitet und gedeutet hat.“
Etwa 40 Jahre lang predigt Jeremia in Gottes Auftrag: „Ihr werdet vernichtet werden.“
Jeremia leidet viel. Was er zu verkündigen hat, geht ihm selber unter die Haut. Er ist oft verzweifelt und will seinen Auftrag wieder loswerden. Mehrmals schwebt er in Lebensgefahr. Er ist einsam.
„Weh mir, meine Mutter, dass du mich geboren hast. Jedermann hadert gegen mich“, klagt er.
„HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Ich bin darüber zu Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich“, beschwert sich Jeremia bei Gott.

In einem Gedicht heißt es über Jeremia:
„Jeremia sein heißt:
Unbarmherzig und früh gefordert zu werden. Heißt: auszuharren, Heißt: dazubleiben…“
Nach 40 Jahren Untergangspredigt wird das Land von Feinden eingenommen. Teile der Bevölkerung werden nach Babylonien verschleppt. Jerusalem fällt. Stadt und Tempel werden zerstört.

In Gott verwurzelt seinWie kommt Jeremia mit dem allen zurecht? Was hilft ihm?
Vielleicht erinnert sich Jeremia in den schweren Momenten daran: Ich bin schon immer ein Kind Gottes. Schon bevor es mich gab, hat Gott an mich gedacht. Meine Wurzeln liegen in Gott – wie bei einem standfesten Baum. Gott macht mich stark. Das hilft,
- Anfeindungen nicht persönlich zu nehmen.
- sich im schweren Auftrag mit Gott verbunden zu wissen.
- mutig zu sein.
- Selbstzweifel zu überwinden.
So hören wir auch hoffnungsvolle Worte von Jeremia:
„Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“
„Dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost.“

Kennen Sie das auch?
Sie haben es gewagt, klare Worte zu finden. Sie waren mutig und haben Unrecht beim Namen genannt. Und plötzlich sind alle gegen Sie.
Dann erinnern Sie sich daran: In Gott wurzeln. Standfest sein wie ein Baum. Das hilft. Wie Jeremia die unliebsamen Seiten an Gottes Aufträgen aushalten. Das gute Ende nicht aus den Augen verlieren.

Jörg Zink hat dies sehr klar in Worte gefasst:
Ich scheue mich nicht, den Kürzeren zu ziehen. Das ist der Weg zur Gerechtigkeit.
Ich lasse mir etwas entgehen. Das ist der Weg zur Rettung der Erde.
Ich verzichte darauf, immer siegen zu wollen. Das ist der Weg zum Frieden.
Ich sorge nicht immer nur für mich selbst. Das ist der Weg zum Glück.
Ich warte nicht immerfort auf einen Lohn. Das ist der Weg zur Erfüllung.
(http://www.tdh-online.de/archiv_1996_bis_2007/artikel/285.php – Abruf: 24.02.2018)

Das geht, weil wir in Gott wurzeln.
Mit Jeremia sagen wir:
„Dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost.“
Amen

AnmerkungenZu Jeremia 1, 4-10
Der Prophet Jeremia wirkte am Ende des 7. und am Anfang des 6. Jahrhunderts v. Chr., in der Zeit des Niedergangs des Reiches Juda. Er stammt aus dem Dorf Anatot, nicht weit von Jerusalem gelegen. Seine Berufung wird ins Jahr 627 v.Chr. datiert. Als Endpunkt seines Wirkens gilt das Jahr 587/586 v.Chr., das Jahr der Tempelzerstörung durch die Babylonier. Sein Auftrag besteht darin, seinem Volk als Konsequenz seiner Verfehlungen das Gericht Gottes zu verkünden. Er soll sein Volk anklagen, verwarnen und zur Umkehr rufen. „Jeremia ist somit jene Gestalt, die die wohl schwierigste Phase der Geschichte Jerusalems und Judas, ihren Untergang, erlitten, begleitet und gedeutet hat.“ (Georg Fischer, Jeremia 1-25, Freiburg i. Br. 2005, 129).

Mit der Abfolge Auftrag – Einwand – Zusicherung – Zeichen folgt Jeremias Berufung einem auch sonst in der Bibel bekannten Schema.
V 4-5: Jeremia erhält den göttlichen Auftrag, Prophet für die Völker zu werden. Später reiht Paulus sich in die Tradition Jeremias ein (Gal 1,15).
V 6-7: Jeremias erschrockener Einwand lautet: Ich tauge nicht zu predigen, denn ich bin zu jung. Ähnliche Abwehr begegnet auch bei der Berufung Moses (Ex 3f), Gideons (Ri 6) oder Jonas (Jon 1). Gott weist die falsche Selbsteinschätzung Jeremias zurück. Er hat Jeremia erwählt, wie er ist. Er selber wird ihm beim Reden (Luther: „predigen“) die Worte in den Mund legen.
V 8: Nun folgt die lebenswichtige Zusicherung Gottes: „Ich bin bei dir.“ Gott wird ihn erretten. Dies ist ein Hinweis auf Jeremias konfliktreiche Aufgabe.
V 9: Gott stärkt Jeremia nun durch ein Zeichen: Er rührt Jeremias‘ Mund an. Ziel der Predigt ist es, Jeremias Weg ins anspruchsvolle, fordernde und nicht selbst angestrebte Prophetenamt darzustellen.

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