9. Sonntag nach Trinitatis (02. August 2015)

Autorin / Autor: Propst i.R. Karl-Heinz Ronecker, Kirchzartenoff

Matthäus 25, 14 -30

Liebe Gemeinde,

»Wer da hat, dem wird gegeben.«
Diesen Satz kennen wir. Den haben sich viele gemerkt, – auch solche, die nicht wissen, woher er eigentlich stammt. Die Reichen und Glücklichen hören ihn mit Lächeln, die Armen aber mit Bitterkeit.
Jesu Erzählung hat überhaupt stark ins öffentliche Bewusstsein hineingewirkt. Wenn wir heute das Talent eines Künstlers rühmen, wenn Lehrer von einem talentierten Schüler sprechen, dann benutzen sie Worte aus unserem Predigttext. Der ist also bis zur Stunde einflussreich.
Nur, was hat das alles mit dem Evangelium zu tun?

Dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden,
dass den Guten Lob zukommt und den Bösen auch noch die letzte Chance genommen wird, das kennen wir zur Genüge.
Aber wir erfahren es doch gerade in einer Welt, die den Willen Christi nicht ernst nimmt.
Wie kann dann ein solcher Satz ausgerechnet aus Jesu Mund kommen? –
»Wer da hat, dem wird gegeben werden. Wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. «

Diese Frage hat offensichtlich schon diejenigen geplagt, denen wir die Überlieferung der Worte und Geschichten Jesu verdanken. Es ist interessant zu beobachten, dass unser Gleichnis auf verschiedene Weise weitererzählt wurde.
Matthäus berichtet anders als Lukas – und auch in den überlieferten Bruchstücken des sogenannten Hebräerevangeliums ist es zu finden.
Es ist zum Staunen: Schon die ersten Christen haben die Worte Jesu sehr vielfältig verstanden.
Da gab es Irrtümer, und es gab Auseinandersetzungen. Es gab aber auch neue Einsichten, vor allem die: Man darf um das Verstehen der Worte Jesu streiten. Und:
Wir müssen dabei nicht immer Recht haben.
Und:
Wir müssen nicht immer in allem eine Meinung haben.

Streit um Jesu Worte im GottesdienstVielleicht verstehen wir etwas davon, worum es in unserem Gleichnis geht, wenn wir uns in Gedanken zu einer Gruppe der ersten Christen gesellen.
Die treffen sich etliche Zeit nach Jesu Auferstehung irgendwo in der Nähe von Jerusalem zum Gottesdienst.
Mit besonderer Freude werden die Jünger Andreas und Levi begrüßt. Die beiden kommen selten.
Andere aus dem Kreis der Zwölf sind häufiger zu Gast. Man bittet deshalb Andreas, aus seinen Erinnerungen an Jesus zu berichten.

Er erzählt – dieses und jenes.
Doch plötzlich wird er unterbrochen:
»So etwas kann Jesus niemals gesagt haben«, ruft ein junger Mann, »vor Gott sind alle Menschen gleich. Damit wir das nicht vergessen, darum hat Jesus bestimmt erzählt, dass jeder der Verwalter die gleiche Summe erhielt.«
»Gottes Gaben sind aber verschieden«, wirft ein anderer ein, »die Unterschiede unter den Menschen zeigen, wie groß und reich der Schöpfer ist.«
»Das mag ja sein«, hält der junge Mann hartnäckig dagegen, »aber seine Liebe gilt allen gleich. Darum ist der Satz völlig unmöglich: Wer da hat, dem wird gegeben. So reden die Reichen, die Halsabschneider. Zu einem Christen passt das nicht.«

Etliche der Anwesenden murmeln beifällig.

Wer im Geringsten treu ist…Setzt eure Gaben ein!Einige der Bessergekleideten sehen jedoch sehr beunruhigt auf die Apostel, als ob sie erwarteten, dass diese endlich ein klärendes Wort sagen.
Da sind noch die Jesusjünger Bartholomäus und Jakobus.
Bartholomäus sagt: »Ich gebe zu, dass ich diese Geschichte nie wirklich begriffen habe.«
»Ich kenne sie auch ein wenig anders«, wirft Jakobus ein. »Bist du wirklich sicher, Andreas, dass du sie richtig erzählt hast?
Meiner Ansicht nach hat der dritte Verwalter sein Geld in ein Tuch eingeschlagen und nicht vergraben. Gerade dafür wurde er ja getadelt.«

»Ist das denn ein so großer Unterschied?«, fragt ein junges Mädchen.
»Von den Rechtsproblemen des Alltags«, fährt ihr einer über den Mund, »verstehst du eben nichts.« Dann spricht er wie auswendig gelernt:
»Wenn einer ein ihm anvertrautes Gut an einem geheimen Ort vergräbt, und es wird ihm dennoch gestohlen, muss er keinen Schadenersatz leisten. Wenn er es jedoch nur in ein Tuch einschlägt und im Hause lässt, hat er für den Verlust einzustehen.«
Jakobus lächelt ihn an.
»Das hast du gut gelernt. Du siehst, es geht um Zuverlässigkeit und Sorgfalt.«
Ein bärtiger Alter murmelt: »Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu, und wer im Geringsten untreu ist, der ist auch im Großen untreu«,

Dann wird er lauter: »Habt ihr denn nicht begriffen? Jesus sagt: Ich komme. Ihr werdet Rechenschaft ablegen müssen vor mir. Denkt doch nicht, das dauert noch lange. Nützt die Zeit. Setzt eure Gaben ein. Arbeitet für den Herrn!«
»Amen«, antworten einige. Diese Deutung leuchtet ihnen ein.

Was dem Zöllner Levi/Matthäus wichtig istEinige Zeit ist es ganz still. Dann fängt Levi an zu sprechen.
Zu dem alten Bärtigen sagt er: »Danke für das, was du eben gesagt hast. In den letzten Monaten ist mir immer wieder durch den Kopf gegangen, wie tief und reich Jesu Wort ist. Es spricht uns zu verschiedenen Zeiten und auf unterschiedliche Weise an. Darum können wir immer Neues in ihm entdecken. Mich beeindruckt, wenn du sagst:
„Nützt die Zeit. Setzt eure Gaben ein!“
Aber mich lehrt die Geschichte des Meisters etwas ganz anderes.«

»Was denn?«, wollen einige wissen.
Levi sagt:
»Ihr wisst ja, wer ich bin: Ich war ein Zöllner, ein Sünder. Jesus aber hat mich gerufen. Er aß mit mir und mit meinesgleichen.
Viele seiner Rabbinerkollegen waren sehr wütend. >Der verdient deine Güte nicht<, schimpften sie, und zeigten mit Fingern auf mich. >Er hält sich nicht ans Gesetz. Er ist verdammt.<
Ihr werdet euch erinnern, dass sich Jesus oft und viel mit ihnen auseinandergesetzt hat. Zu den Antworten, welche er gab, gehört auch diese Geschichte von den anvertrauten Zentnern, die Andreas vorhin erzählt hat.
Es ist gut, wenn sie uns heute zur Wachsamkeit mahnt und zur Treue.

Ich finde es jedoch gar nicht schön, wenn in dem, was sie das Hebräerevangelium nennen, erzählt wird, der erste Knecht habe das Gut seines Herrn vermehrt, der andere es eingegraben, der dritte aber mit Dirnen und Flötenspielerinnen verprasst. Der Erste wird gelobt. Dem Zweiten geschieht nichts. Der Dritte aber kommt ins Gefängnis.
Das ist nicht nur unrichtig. Es geht völlig an Jesu Botschaft vorbei. Bei ihm werden eben nicht einfach die Bösen bestraft und die Guten belohnt. Was wäre denn sonst aus mir geworden?«

»Was wäre mit uns allen?«, antworteten viele.

Nun wendet sich Levi dem jungen Mann zu:
»Dein Protest ist zu verstehen. Aber bitte vergiss nicht: die Geschichte, die Andreas erzählte, hat mir und meinesgleichen sehr geholfen.«
»Ich erinnere mich«, strahlt Levi – und es ist, als würde er im nächsten Augenblick aufspringen und anfangen zu tanzen. »Ich erinnere mich, als der Sohn aus der Fremde zurückkam, zerrissen, verdorben, mit leerem Beutel und leerem Herzen, verfluchte ihn sein Vater nicht. Er wies ihn nicht einmal ab. »Ich habe gesündigt«, bekannte der Sohn, und der Vater vergab ihm: »Dieser, mein Sohn, war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und wurde gefunden.«
»Das gilt«, rief Levi.
Und wieder antworten einige: »Ja, Amen. Gelobt sei der Ewige.«

Tüchtig – oder nutzlos? Die Geschichte redet unterschiedlichLevi sieht die anderen an.
»Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, wo ihr in Jesu Geschichte vorkommt?
Wenn wir uns nur alle in den tüchtigen Knechten wiedererkennen könnten! Dann würde uns gesagt: >Arbeitet mit euren Gaben, denn wem viel gegeben wurde, von dem wird man viel fordern.<«
»Aber was ist, wenn ihr, so wie ich, dem nutzlosen Knecht gleicht?«

Da wird Andreas, der die Geschichte erzählt hat, energisch. Er sagt zu Levi:
»Vergiss bitte nicht, was du selbst gesagt hast. Weißt du denn nicht mehr, wie zornig die Pharisäer waren, als ihnen Jesus gerade diese Geschichte erzählt hat?
Sie haben begriffen, worum es hier geht, nicht alle, aber viele von ihnen.
Die haben die Frage wohl gehört: >Was habt ihr eigentlich aus Gott gemacht? Einen engen Buchhalter? Einen harten Tyrannen?<
Wenn er dies aber tatsächlich wäre, dann müsste der, der nach eurer eigenen Logik bestraft wird, ihr selber sein.
Denn ihr vergrabt Gottes Liebe. Ihr vergrabt auch eure eigenen Möglichkeiten. Und ihr tut dies aus jener seltsamen Mischung von Hochmut, Misstrauen und Angst, die ja auch den letzten der Knechte kennzeichnet.«

Da jubelt Levi: »Du hast recht! Ja, der, dessen Name gelobt sei, ist anders. Er ist kein Rechner, sondern ein Retter. Er ist kein Haustyrann, sondern ein Hausvater.«

»Wenn das wahr wäre«, sagt einer, der bisher geschwiegen hat, »wenn das wahr wäre, dann ginge es in der Geschichte gar nicht um den Gewinn, den die Knechte erwirtschaften. Es ginge um das Vertrauen, aus dem sie handeln.«

Er schweigt lange. Dann fügt er zögernd hinzu: »Und ich – ich brauchte nicht immer ängstlich zu fragen, ob ich genüge. Ich müsste mich auch nicht mehr von Zweifeln zerfressen lassen.«
»Du weißt es jetzt“, sagt Levi. „Es ist wahr. Hab du mehr Mut. Der Hochgelobte traut uns viel Gutes zu«“

Vertrauen – auch du bist beschenkt!Soweit der Gottesdienst in der Nähe von Jerusalem.
Ob Levi auch zu uns sagen würde: Habt mehr Mut?! Und mehr Vertrauen!

Ich denke, Levi/Matthäus hat es bereits getan. Dadurch, dass er uns diese Geschichte erzählt und dadurch, dass er sie so überliefert hat.
Anders als Lukas: dem geht es um Treue und Sorgfalt. – Und noch einmal anders als das Hebräerevangelium, bei dem nur derjenige bestraft wird, der das anvertraute Gut verludert.
Bei Matthäus geht es vor allem anderen um das Vertrauen. Das fehlt dem Letzten der Knechte. Dabei hat sein Herr auch ihm eine Menge anvertraut. Ein Talent: ein Zentner Silber entsprach dem Arbeitslohn von mehr als zwanzig Jahren! Wenn das nichts ist!
Der dritte Knecht lässt sich aber eher von seinem engen kleinen Herzen und dem Gift des Misstrauens bestimmen. So kann er Gottes Geschenk nicht annehmen.
Darum muss er auch nicht zusätzlich in die Finsternis verstoßen werden. Er befindet sich längst darin: In der Nacht der Angst oder der Verbitterung, in der er gar nicht mehr sehen kann, was auch ihm an Freundlichkeit entgegenkommt

Gott schenkt uns viel, sagt das Evangelium. Wer dennoch im Misstrauen verharrt, schadet sich selbst. Misstrauen macht arm. –
Wer aber anfängt aus dem Vertrauen zu leben, wird erfahren, wie ihn dies verwandelt. – Er bekommt die Freiheit, in den Spuren Jesu zu gehen. Er bekommt die Freiheit, mit dem Anvertrauten etwas zu tun.
Darum lautet der Kern unserer Geschichte nicht: Entfalte deine Gabe bei Strafe des Gerichts.
Es heißt vielmehr: Auch du bist von Gott beschenkt, fürchte dich nicht. Fürchte dich nicht, zu tun und zu lassen, was du kannst. Amen.


Zu Matthäus 25, 14-30
Karl-Heinz Ronecker war ab 1991 Propst der deutschen Gemeinde in Jerusalem. 1998 erschienen im radius-Verlag unter dem Titel „Friede sei in deinen Mauern“ Jerusalemer Predigten. Darin findet sich auch eine Predigt zu Matthäus 25, 14-30 (Seiten 114-119).
Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten (Luther übersetzt Zentner) wird nicht nur von Matthäus, sondern auch Lukas 19, 12-27 und in einem Bruchstück des Hebräer-Evangeliums überliefert. Offensichtlich sehr unterschiedlich und mit verschiedener Absicht. Ronecker schreibt: „Für mich gehört es zu den Wundern des Heiligen Geistes, dass er uns die Vielfalt zeigt, in der Jesu Worte schon von den Jüngern verstanden wurden. Da gab es Irrtümer, und es gab Auseinandersetzungen. Es gab aber auch neue Einsichten, vor allem die, dass wir nicht immer recht haben müssen, um zur Gemeinde zu gehören“ (Seite 115).
So nimmt die Predigtvorlage uns hinein in einen Gottesdienst früher Christen in Jerusalem – in dem ganz unterschiedliche Erkenntnisse und Meinungen laut werden. Am Ende steht als Kernsatz: Auch du bist von Gott beschenkt, fürchte dich nicht.

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