9. Sonntag nach Trinitatis (24. Juli 2016)

Autor/in: Pfarrerin Angelika Volkmann, Tübingen [Angelika.Volkmann@elkw.de]

Philipper 3, 7 -14

Liebe Gemeinde,
von Søren Kierkegaard stammt der Ausspruch, der auch in unserem Gesangbuch steht
(S. 474): „Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber leben muss man es vorwärts.“ Beim Vorwärtsleben kommt es zu Turbulenzen, Krisen, heftiger Polemik und Streit – rückwirkend sieht man manches in einem anderen Licht.
Von einem radikalen Umschwung erfahren wir im heutigen Predigttext. Von keiner Person des Neuen Testamentes wissen wir mehr als über Paulus – auch persönliche und biographische Einzelheiten. Bei niemandem sonst war die Hinwendung zu Jesus Christus, dem Messias, dem Gesalbten, so krisenhaft und so radikal wie bei ihm. Paulus war der, der die Messiasgläubigen verfolgt hat. Paulus wurde zum maßgebenden Theologen der ersten Generation der jungen Kirche, nicht wegzudenken aus ihrer Geschichte. Es ist einleuchtend, dass ein namhafter jüdischer Gelehrter genau der Richtige ist, um die junge Gemeinschaft theologisch zu leiten. Er hat Entscheidendes geleistet für die theologische Selbstfindung der ersten Gemeinden, für ihre Identität als der Teil Israels, der sich mit den Menschen aus den Völkern verbunden hat. Wir verdanken ihm sehr viel.
Der heutige Predigttext ist ein Zeugnis für das „Vorwärtsleben“ und das „Rückwärtsverstehen“: eine polemische Äußerung von Paulus inmitten eines heftigen Streites.
„Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde; dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird. Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.“

Paulus wurde heftig angegriffenLiebe Gemeinde, diese leidenschaftlichen Worte sagt Paulus nicht in einer ruhigen Situation im Lehrhaus, sondern inmitten eines heftigen Streits. Es steht viel auf dem Spiel.
Wovon grenzt er sich ab? Was ist es, was er jetzt als Schaden, als Dreck bezeichnet?
Es ist die Position, die er früher vertreten hat. Es war ja so, dass das Evangelium von Jesus als dem Gesalbten in den Synagogen Kleinasiens verkündigt wurde. Dort gab es nicht nur Juden, die zum Glauben an Jesus als den Messias kamen, sondern auch Sympathisanten des Judentums, Menschen aus den Völkern, die das Judentum aufgrund seines Monotheismus und aufgrund seiner menschenfreundlichen Ethik attraktiv fanden, die sich zur Synagoge hielten, aber aus vielen praktischen Gründen davon absahen, im vollen Sinne Juden zu werden.

Diese Menschen wurden von der Botschaft von Jesus Christus erreicht! Sie ließen sich taufen. So bildete sich innerhalb der Synagoge eine Untergruppe derer, die an Jesus als Messias glaubten. Dazu gehörten Juden und Heiden in gleichberechtigter Weise. In dieser neuen Gemeinschaft war es selbstverständlich, Gott und den Nächsten zu lieben, was nach pharisäischer Auffassung dem Kern der Tora entsprach. In dieser neuen Gemeinschaft fühlten sich Juden davon befreit, sich an diejenigen Gebote der Tora zu halten, die sie vor allem als Juden erkennbar machten, z.B. die Speisegebote und die Beschneidung. Fröhlich sagten sie: „Hier gibt es nicht jüdisch und griechisch, hier gibt es nicht versklavt oder frei, hier gibt es nicht männlich und weiblich, denn wir sind alle eins in Jesus, dem Gesalbten“ (Galater 3,28). Das führte natürlich zu Konflikten innerhalb der Synagoge, denn damit stand die jüdische Identität auf dem Spiel.

Die Streitfrage: Müssen die zum Glauben an den Gott Israels hinzugekommenen Menschen aus den Völkern die Tora halten?Genau das war der Grund gewesen, warum Paulus früher gegen diese Gruppen „geeifert hatte“, warum er sie – mit Rückendeckung durch die höchsten Autoritäten – heftig verfolgt hatte. Er hatte großen Schaden für die Synagogengemeinden befürchtet, wenn diese Gebote aufgegeben werden, und hatte gegenüber dieser Praxis null Toleranz – bis zu seinem Damaskuserlebnis. Da erblindete er zunächst, und dann wurden ihm die Augen ganz neu geöffnet, auch die Augen des Herzens. Er erkennt nun, wie vor ihm die anderen Apostel, Christus, den Messias.

Die messianische Zeit, von der die Propheten gesprochen haben, ist angebrochen! Die Völker werden zum Zion kommen und den Gott Israels anbeten. Er erkennt, dass Christus der Weg Gottes zu den Völkern ist. Die Menschen aus den Völkern können im Glauben an Jesus, den Gesalbten, Zugang zum Gott Israels, zu Gnade und Heil finden – sie müssen dazu nicht Juden werden.
Das ist eine ungeheuerliche Erkenntnis für Paulus, eine dramatische Horizonterweiterung, die er erst einmal verkraften muss, die er dann Schritt für Schritt theologisch durchdenkt und durchdringt.

Bis heute sind wir dabei, diesen vielschichtigen Prozess immer mehr zu erfassen.
Paulus wird selber zu einem „Anhänger des neuen Weges“ (Apostelgeschichte 9,2). Natürlich bleibt er bis an sein Lebensende Jude, christusgläubiger Jude. Die Selbstbezeichnung „Christ“ gibt es noch nicht, und Paulus hat sich selber auch nie so bezeichnet.

Paulus wird in die Enge getrieben mit den Argumenten, die er früher vertreten hatDoch wird er aus der Gemeinde in Philippi mit der Position konfrontiert, die er selber abgelegt hat. Er wird mit guten Argumenten in die Enge getrieben. Da sagen Juden – und Paulus versteht sie sehr gut, dachte er doch früher genauso – da sagen Juden, dass die gottesfürchtigen Heiden, die jetzt an Jesus als den Messias glauben, ins Judentum integriert werden müssen, sich beschneiden lassen müssen! Nein, schleudert Paulus diesen Menschen entgegen, und bezeichnet sie abfällig als „Hunde“, diese Beschneidung wäre eine Zerschneidung! Ich weiß, dass ich das früher auch gedacht habe, aber es war ein Irrtum! In der Gemeinschaft, die der Glaube an Jesus, den Gesalbten, begründet, da brauchen wir das nicht.

Paulus ist hier aus dem Grund so heftig, ja geradezu abfällig, weil er den Menschen aus den Völkern vermitteln will: Ihr müsst nicht jüdisch werden, um zu Gott zu gehören.
Liebe Gemeinde, wir können ihm dankbar sein. Hätte er sich damals nicht durchsetzen können, hätten wir heute nicht die Kirche in der uns vertrauten Gestalt. Paulus sagt: Im Glauben an Christus ist eine neue Form von Gemeinschaft zwischen Juden und gottesfürchtigen Nichtjuden möglich. Das ist der neue Weg.

Der neue WegWir dürfen diese Äußerung von Paulus nicht so lesen, als ob Paulus die jüdische Frömmigkeit an sich so negativ ansieht oder gegen sie polemisiert. Er redet nicht gegen den jüdischen Glauben und das Halten der Gebote; er redet leidenschaftlich dafür, dass die christusgläubigen Heiden nicht jüdisch werden müssen. Das ist ein großer Unterschied! Die Völker kommen zum Zion, – so wie es die Propheten Israels für die messianische Zeit prophezeit haben.

Leider sind die Worte von Paulus falsch verstanden worden, und das hat zu christlichem Hochmut gegenüber dem jüdischen Glauben geführt – bis heute. Dabei ist Paulus nicht wie später Martin Luther verzweifelt an der Frage, einen gnädigen Gott zu finden. Im Gegenteil: sein persönliches Leben war „ohne Tadel“ in Bezug auf das, was die Tora verlangt, so schreibt er wenige Verse vorher. Gottes Weisung in der Tora zu befolgen, diese Gerechtigkeit – in der er vorbildlich war –ist in seinen Augen nicht verwerflich. Doch sie hat jetzt für ihn, weil er in Christus ist, keine Bedeutung mehr. Ihm ist in der Tat weggebrochen, was für ihn oberste Priorität hatte und wofür er mit Vehemenz eingetreten war (Wengst S.133).

Er wird mit seinen eigenen Argumenten von früher in die Enge getrieben. Das verleitet ihn zu heftiger Polemik, zu einer unflätigen Sprache, mit der wir uns heute noch abmühen. Wir wünschen uns an dieser Stelle im Philipperbrief, er hätte das einladender gemacht. Denn er verteidigt die Freiheit. Er spricht von dem großartigen, unfassbaren Geschehen, das von Gott ausgeht: Die Völker werden den Gott Israels anbeten und bei ihm ihr Heil suchen und finden und auf sein Wort hören (Jesaja 2,1-5). Für Paulus ist das dadurch, dass Heiden an Jesus Christus glauben, Wirklichkeit geworden.

Paulus‘ größter Wunsch: Christus erkennen – und die Kraft der AuferstehungDen Wunsch, Christus, den Gesalbten, zu erkennen, beschreibt Paulus geradezu mystisch: „Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.“

Es muss unglaublich gewesen sein für Paulus, dem Auferstandenen zu begegnen. Dass er ihm erscheint! Dass er ihn ruft! Dass der Gekreuzigte lebt! Das war für ihn weit mehr als nur ein persönlicher radikaler Umbruch. Das wurde von Paulus als Umbruch der Zeiten angesehen. Die Auferweckung Jesu Christi von den Toten wurde nicht als Einzeltat Gottes geglaubt, sondern als endzeitliche Neuschöpfung. Alle, die an ihn glauben, werden auferstehen! Wie die Erstlingsfrucht stellvertretend für die ganze Ernte steht, so umfasst die Auferweckung des Messias die Auferweckung aller, die an ihn glauben. So schreibt Paulus im ersten Korintherbrief (1.Korinther 15, 20; siehe auch Wengst S. 97).
Paulus ist ergriffen von den Leiden, die Jesus von Nazareth auf sich genommen hat, um diesen Weg zu gehen, und von der Auferstehung, die Gott bewirkt hat. Dieses messianische Geschehen, an dem die Menschen aus den Völkern Anteil haben können, das möchte er zutiefst erkennen und selber darin aufgehen und davon umfangen sein.

Aus der Kraft der Auferstehung leben – das ist bis in unsere Tage hinein, in denen wir und die ganze Welt so unbarmherzig unter der Macht des Todes leiden, die Hoffnungsquelle, die sich uns durch Israel geöffnet hat, und aus der wir an jedem einzelnen Tag reichlich schöpfen können.
Amen.

Verwendete Literatur: Klaus Wengst, „Freut euch ihr Völker, mit Gottes Volk" – Israel und die Völker als Thema des Paulus – ein Gang durch den Römerbrief, Kohlhammer GmbH Stuttgart 2008, bes. Zweiter Teil: „Eiferer um Gott“ und „Apostel für die Völker“. Paulus im Umbruch der Zeiten, S. 69-100, und Dritter Teil: “Jüdisch leben“ oder „nach Art der Völker leben“? 7. „ … das habe ich um des Gesalbten willen für Verlust gehalten“ (Phil 3,7) S. 123-135.

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