9. Sonntag nach Trinitatis (02. August 2026)
Jeremia 1,4–10
IntentionAm Beispiel der Berufungserzählung des Propheten Jeremia will die Predigt Mut machen, Verantwortung zu übernehmen und auf Gottes Begleitung und Fürsorge zu vertrauen.
Liebe Gemeinde,
kennen Sie die Erfahrung, dass Sie in sich spüren, was richtig wäre: was zu sagen oder zu tun wäre; und dennoch zögern Sie? Solche Erfahrungen finden sich bereits in der Bibel. Ich erzähle Ihnen von einem Menschen, dem es so erging.
Ein Leben im Widerstreit mit und im Vertrauen auf Gottes BerufungEr hat in den politisch turbulenten Jahren Ende des 7., Anfang des 6. vorchristlichen Jahrhunderts gelebt. Damals geriet der südisraelische Reststaat Juda unter den Einfluss der aufblühen-den Großmacht Babylonien. Jahre, in denen alles zerbrach, was bis dahin in Israel verlässlich und beständig schien: die Herrscherdynastie von König David, die Existenz des Staates Juda und vor allem der Jerusalemer Tempel als Zentrum der Verehrung des israelischen Gottes. Die Rede ist vom Propheten Jeremia. Ihm war es aufgetragen, die Katastrophe der Unterwerfung unter eine fremde Großmacht als Gericht Gottes zu deuten, als Folge der religiösen, sozialen und politischen Missstände in Israel. Besondere Vorwürfe erhob Jeremia gegen das Regierungsgebaren der letzten jüdischen Könige und gegen den verantwortungslosen Nationalismus der Mächtigen im Lande. Er geißelte aber auch eine falsche Frömmigkeit, die mit den Lippen wohl das rechte Bekenntnis formulierte, sich im Alltag aber nicht um Armut, Korruption und Unrecht im Land kümmerte.
Jeremia hatte aber nicht nur unbequeme Worte auszurichten. Er zeigte immer wieder auch Wege der Umkehr und des Neuanfangs auf. Er verkündigte einen Gott, der seinem Volk auch im Gericht und in äußerer Not treu bleibt. Unter seiner Botschaft musste er als Prophet selber lei-den, denn er bekam am eigenen Leib den Widerstand der Herrschenden und von Teilen der Bevölkerung zu spüren. Er musste Spott und Verfolgung, Misshandlung und Haft ertragen. Schriften mit seinen Worten wurden vor seinen Augen verbrannt. Manchmal konnte und wollte er schlicht nicht mehr. So sehr Jeremia aber unter seinem Auftrag litt, so sehr er auch mit seinem Gott im Widerstand war, so wenig hat er diesen Gott aufgegeben. Denn es war der Gott Israels. Er hielt Jeremia die Treue, hat ihn gestärkt und geführt.
So sind die Worte des Propheten und sein Lebenszeugnis nicht untergegangen, sondern haben Früchte getragen. Seine innere Zerrissenheit und Menschlichkeit, sein Festhalten an Gott und sein Mut gegenüber den Mächtigen haben seiner Botschaft Tiefe und Glaubwürdigkeit verliehen. Jeremias Worte wurden aufgeschrieben und weitergegeben. In den dunklen Jahren nach der Verbannung ins babylonische Exil hat sein Zeugnis mit den Grundstein gelegt für eine neue Identität als Volk Gottes und für ein neues Vertrauen in die Gegenwart Gottes.
Wie begann diese besondere Geschichte? Wir hören als Predigttext Jeremia 1,4–10:
„Und des HERRN Wort geschah zu mir: ‚Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.‘ Ich aber sprach: ‚Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.‘ Der HERR sprach aber zu mir: ‚Sage nicht: Ich bin zu jung, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten‘, spricht der HERR. Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: ‚Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.‘“
In dieser so genannten „Berufungsgeschichte“ des Jeremia werden drei Zusagen, drei Verheißungen gemacht und eine Absage erteilt. Die Zusagen kommen von Gott und gelten Jeremia. Die Absage hingegen erteilt Jeremia – an die Adresse Gottes. Sehen wir uns diese spannungs-reiche Szene einmal genauer an.
Gottes erste Zusage an Jeremia: „Ich erkannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete“Bevor Gott Jeremia in seinen Dienst stellt, macht er ihm eine unverbrüchliche und bedingungslose Zusage. Mit Worten, die eine Nähe zum 139. Psalm zeigen: Gott sagt sie Jeremia denkbar eng und innig zu. Gott hat Jeremia geschaffen und kennt ihn. Wenn Gottes Zusage am Anfang der Berufung Jeremias zum Propheten steht, dann soll der sich um seine Identität, um seine Gottesbeziehung, um den Sinn und das Ziel seines Lebens, keine Sorgen mehr machen. Er kann darauf vertrauen, dass er zu diesem Gott gehört; dass er bereits Ja zu ihm gesagt hat. Jeremias Würde und Selbstwert hängen daher nicht an seinen Leistungen und Erfolgen. Auch nicht an möglichem Versagen oder an Niederlagen. Denn Gottes Zusagen – die sollen ihn tragen. Auf die soll sich Jeremia auch in der größten Bedrängnis verlassen.
Das alles, das Ja Gottes, gilt auch für uns. Jede und jeder von uns ist ein von Gott erwählter Mensch: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir“ (Jesaja 43,1). Allerdings sind die Erwählten nicht dazu erwählt, sich über andere zu erheben oder sie zu beherrschen. Sie sind vielmehr erwählt, berufen und beauftragt, dieser Welt und ihren Menschen Gottes Liebe und Versöhnung zu bezeugen.
Die Absage Jeremias: „Ach Herr, ich tauge nicht zu predigen, denn ich bin zu jung“Nach der umfassenden Zusage Gottes an Jeremia mit dem Auftrag, Gott als Prophet zu dienen, kommt die nicht minder klare Absage Jeremias: „Ich tauge nicht zu predigen, denn ich bin zu jung.“ Wie geht Gott damit um? Wir hören kein Wort des Tadels, keine Verstimmung oder Kritik. Offensichtlich darf ein Mensch geradeheraus zu Gott sprechen. Wir wissen nicht, was Jeremia bewog, das Argument seiner Jugend, seiner möglichen Unreife, ins Feld zu führen. Vermutlich ahnte er, wie schwer es ihm fallen würde, die Missstände in der Gesellschaft, in seiner Nachbarschaft, in seiner Religion zu benennen. Welche Probleme er sich einhandelt, wenn er offen und klar die Sichtweise Gottes ins Spiel bringt oder gegen die Lauten und Gewalttätigen protestiert. Darauf geht Gott nicht ein. Vielmehr hält er an Jeremia fest. Aber auch an seinem Auftrag an ihn: Ich „bestellte dich zum Propheten für die Völker“.
Gottes zweite Zusage: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir und will dich erretten“Der Absage Jeremias antwortet Gott nun mit einem unumstößlichen Treuversprechen: „Ich bin mit dir und will dich erretten.“ Diese Zusage der Verbundenheit und des Beistands gibt Gott dann, wenn er Menschen in seinen Dienst ruft. Auch Jesus hat das getan, als er seinen Jüngern und seiner Gemeinde versprach: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Oder: „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“
Jeremia erzählt in seinem Buch, dass er auch in der größten Resignation und Anfechtung immer wieder von Gott her neue Kraft bekommen und seine Treue erlebt hat. Freilich nicht im Voraus, als ein immer zur Verfügung stehender Proviant; sondern meist erst in den Situationen, in denen er Kraft und Halt brauchte.
Viele von uns kennen solche Lebenssituationen, in denen man vor seinen Aufgaben aufgrund von Befürchtungen am liebsten davongelaufen wäre – und sie dann doch bewältigte. Gott hilft uns, diese Angst zu überwinden und seiner Kraft und Hilfe etwas zuzutrauen.
Die dritte Zusage Gottes: „Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund“Die Berufung zum Propheten macht Jeremia zu einem Boten des Wortes Gottes. Doch um das zu können, muss er sich zuvor berühren lassen. Von Gott und seinem Willen. Muss sich selbst berühren lassen von Gottes guten Geboten und Segnungen. Muss sich berühren lassen von der Geschichte der Befreiung eines Sklavenvolkes in die von Gott gewährte Freiheit. Muss sich berühren lassen von der Not, in die Menschen geraten, die verstrickt sind in Hass und Neid.
Als ganzer Mensch muss Jeremia sich berühren lassen: „Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: ‚Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.‘“
Darin liegt eine große Entlastung: Was Jeremia zu sagen hat, soll nicht allein seine Sorge sein. Gott rüstet ihn für seine Aufgabe zu. Eindrücklich belegt das Jeremiabuch die Wirkung Jeremias: Er sollte ja Unrecht und Missachtung des Willens Gottes „ausreißen und einreißen, zerstören und verderben“; aber auch „bauen und pflanzen“ und so zum Fortbestand des Gottesvolkes nach dem Exil beitragen. Seine Spuren sind noch in der Verkündigung Jesu wahrnehmbar. Sie wirken weiter bis heute.
Sagen oder tun, was richtig istLiebe Gemeinde, bestimmt kennen Sie die Erfahrung, dass Sie in sich spüren, was richtig wäre: was zu sagen oder zu tun wäre – und dass Sie dennoch zögern. Das Beispiel Jeremias lehrt uns Mut und Zuversicht: dass wir unsere Befürchtung überwinden und sagen oder tun, was um Gottes und der Menschen willen zu sagen oder zu tun ist. Es muss gar nicht prophetisch sein; es genügt, wenn es der Situation entspricht und von unserem Glauben, unseren inneren Überzeugungen, getragen ist. Amen.
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